26.7.7 - 26.8.7 : Spaziergang auf dem Mond











Spaziergang auf dem Mond.




















§1

Täuschte ich mich?








Mählichen Schrittes kam ich heraus aus dem Wasser, ging hinauf dann auf’s Land. Aus der Kloschüssel grinste mich ein Lysergsäure-Gesicht heraus an, mit seinem frechen Grinsen. Zeitweise arbeitete ich als Tabledancerin am Lehrstuhl für fröhliche Weichheit und kuschelige Zutraulichkeit, damals. Fragte mich jemand, gab ich ihm zurück: »Gut Musik: ich tanzen – Kein gut Musik: ich nicht tanzen.« Alle Menschen kamen zu mir, so viele Menschen! Alle gingen sie Hand in Hand, Hand in Hand durch ihr gottgefälliges Parkanlagenleben. Eine Angst beschlich mich vor dem leeren Eingabefeld. Täuschte ich mich? Zockersachen runterschmeißen. Mokkamachen, Wändeweißen. Wok anfachen, Laden schmeißen. Übernachten, Zelt einreißen. Freunde lachen, Geld einspeisen. Zeisig macht sich, andre kreisen. Rachendrachen, Nächtens reisen.





Täuschte mich ich? Die Kaltwachsstreifen auf meinem Oberarm brauchten Übung, Ihr Nazi-Nutten! Systematisch ließen wir erst seit etwa einer Woche lang die Luft aus den Reifen von Geländewagen und Luxuslimousinen unserer näheren Umgebung. Es machte Spaß, oder täuschte ich mich? Ich täuschte mich nicht, nein. Schöpfungs- oder Untergangsmythen wiesen jeweils allzudeutlich auf den Wunsch ihrer Verfasser nach einer selbstgefälligen Überhöhung hin – geschichtsvergesssen und ethnienblind. Überhöhung der eigenem Gegenwart und Lebenszeit, von eigener Bedeutung.





Wie ließen sich Intuition und Kalkül wohl in meinem eigenen Schreiben gelingend verbinden? Graf Intuition und das nerdy Kalkül, diese großen, groben Münzen des Denkens, beide meinten für mich zum einen ein Schreiben, das sich als intuitives wie selbstverständlich und anstrengungslos aus meinem Leben und der Bewegung meiner Empfindung und sprachlichen Vorstellungskraft in jedem Moment fortlaufend ergab; zum anderen aber als ein kalkuliertes Schreiben, das vorausschauend bedenkend wohlbedachte Sprach- als Imaginationsfolgen erzeugen sollte und konnte. Beides machte mir Lust. Beides sollte mein Schreiben sein, diese geile Wollmilchsau! Eier legen soll sie. Dachte ich im Studio auf dem Laufband. Täuschte ich mich? Oder lag ich gar richtig?





Nach einem Burger in Landesart ging es mir schon wieder viel besser. Ich lungerte in meinem Bungalow am Strand herum, der Tukan auf unserer Patio gab Laut alle paar Viertelstunden. Die Haltung, die ich am Nachmittag noch bei der Podiumsdiskussion auf der Bühne eingenommen hatte, erinnerte mich selbst nur allzugut an die ganz andere Haltung, die ich wenige Stunden, Minuten später einnehmen durfte, auf unserer Tanzfläche zum Jahrestag der Hochzeit mit ihr. Am restlichen Abend trank ich Forgotten Letter, um die Ecke in der Strandbar. Meine Gattin hatte Morgens die Frühmaschine nehmen müssen; wenn ich mich nicht täuschte. So war es wohl, ja.





Fremd war ich und fühlte mich wohl hier, dennoch − auf wohltuende Art und Weise gespannt. Wie aufgepeitscht war ich letzte Nacht (erzählte mir später meine Frau) hochgeschreckt, hatte losgeschmipft, Türen zu allen Zimmern und Wandschränken hatte ich aufgerissen, wieder zugeschlagen, lautstark und donnernd. Vernebelt, mich nebenhin entschuldigend, betrat ich dann wohl wieder unser zum Verlaufen weitläufiges Schlafzimmer. Erzählte sie mir. War die Zeit der unangenehm besserwisserisch-verschwörungstheoretischen Vorherrschaft der Semiotik und ihrer atavistischen Urahnin, der Hermeneutik, nicht an ein Ende gelangt? Hawaii in Love hieß der posthermeneutische Zustand, zusätzliche Vorstellungen waren anberaumt worden, reconciling dual citizenship in physical and digital worlds. Ich liebe diakritische Zeichen, auf eine bald fast sexuelle Weise. Ja tvoi sluga. Ja tvoi robotnik. Mein Gott, was hab’ ich getan? Ich habe Sachen in meiner Wohnung – Monoblockstühle, Skateboards, Spraydosen oder sogar die Reproduktion eines Osterinselkopfes – auf fangfrische Cheeseburger gestellt, auf einen, zwei, manchmal sogar fast ein Dutzend davon. Ich fühlte mich wie Phöbus: Ich brannte und ich wusch mich! Enjoy yourself because you can’t change anything anyway. Die Wellen brandeten heran wie Züge eines nächtlichen Zur Ruhe Kommens.





In der dreißigsten Kalenderwoche des achten Jahres dieses Jahrtausends.




















§2

Unterwelt in der
Unterwelt








Wir sind die Unterwelt in der Unterwelt. Wrong. Ich kann den Himmel nicht mehr sehen! Man möchte also fast sagen: Es ist keine Zeit vergangen. Wrong.





Im Teigfenster sah ich ihre Beutelbreite. Keine Zeit war vergangen. Nicht nur das, nein: Der Teig gab die Länge ihres Abschnittes preis. Die Seitenfaltentiefe, die ihr eigen war, wrong. Sowie ihre Seitenfaltentiefe mit Sonderteilen. Ihre Rollenbreite, ihre Klappenhöhe. Ich war flabbergasted! Und keine Zeit war vergangen.





Unsere Hölle hier ist ein gutes Leben. Ich plante, von nun an nur noch kleinere Bomben auf meine Feinde zu werfen sowie ihre Ausbildungslager. Keine Zeit verging. Wrong is. Patrick Wagner ist größer als Franz Josef Wagner. Weil ich friere, musste noch lange nicht Winter sein! Wrong is. Die Unterwelt waltete tief unter mir.





Größer als Richard Wagner, genauso groß wie Jasmin Wagner (fast). Ich schlachtete mir kurzerhand einen Springbock, deutlich größer als Robert Wagner, wrong is. hier, in unserer kleinen, feinen Hölle.





Unendlich viel größer als Ernst Wagner, um Einiges, beträchtlich größer als Herr David Wagner, wrong is, verging die Zeit immer noch um keinen Deut. Wrong is. Die Unterwelt wuchs unter der Hand.





Trotzkismus konnte die Lösung sein! Wrong is right. Abgeschlossene Studien, Firmengründungen, irgendwelche Ferien und neue Projekte. Die Hölle! Die Hölle!! Die Hölle!!! Pöseldorf-Möseldorf, Pöseldorf-Möseldorf. Wrong is right. Sarkozy stellte sich zu Gaddhafi. Versuchsweise ließ er die Zeit vergehen, wrong is right, wrong is right. Die Unterwelt wehrte sich, verwehrte sich. Pöseldorf-Möseldorf, Pöseldorf-Möseldorf.





Wrong is right als die Tochter des Bassisten, Paul Haines, sang: »Die Messer haben nicht den gleichen Rücken wie Du!« Wrong is right, wrong is right, wer Geld verdienen muß, kriegt Angst und verblödet in Pöseldorf-Möseldorf, Pöseldorf-Möseldorf. Wrong is right, mein Menschenbild ergab in seiner Summe null und wrong is right.





Right am 22. Dezember 2012 in Pöseldorf-Möseldorf beginnt der Einmarsch nichtmenschlicher Wesen, Pöseldorf-Möseldorf, right is wrong, und die Zeit hört auf, right is wrong is right in Pöseldorf-Möseldorf: diese Welt verdiente es zerstört zu werden, Pöseldorf-Möseldorf, Pöseldorf-Möseldorf, und vernichtet is right is wrong. Am Ende der, wrong is right is wrong, einunddreißigsten Kalenderwoche, Pöseldorf-Möseldorf, Pöseldorf-Möseldorf, right is wrong, im achten Jahr dieses, Pöseldorf-Möseldorf, Pöseldorf-Möseldorf, wrong is right, Jahrtausends, wrong is right: Wrong is right! In Pöseldorf-Möseldorf.




















§3

Con Jürg, Stanisław,
Günther & Jonathan








Ich war gierig auf diese Welt. Verschiedenheit, Andersheit, Fremdheit. Zum ersten Mal schlief ich ein an diesem Morgen. Ich war eine Kunst-Technologie-Philosophen-Gruppe mit Sitz in Berlin und auf Zeta Draconis. Eine etwas gewöhnliche Mischung protoästhetischer Sozialarbeit für Randgruppen in Pophaltung. Subkulturstudien, Kontext-Hacking und politischem Aktivismus. Zum zweiten Mal schlief ich soeben ein, ganz früh an diesem Morgen. ξέvον, insolitum, étrange, strange. Ausgehungert, verfressen stürmte ich auf Zeichen, Buchstaben, Worte, im Hektozentner jeden Tag sie zu verschlingen. Unsere Aufgabe erfüllten wir im Überall. Vor allem und vor allen Dingen allerdings in kulturarchäologischen Grabungsmaßnahmen tief in die Sesseln und Hosensackerln von Bewusstseins- und Unterhaltugnsindustrien hinein. Wir waren eine kreative Industrie. Das dritte Mal, dass ich einschlief, an diesem Morgen. In der Karibik wuchs ein Matschvulkan. Donnerte tief der Schall in meine Ohrmuscheln hinein. Es gibt uns in dieser (und nahezu jeder anderen) Weise seit gut vierzehn Jahren. Wir fickten zu viert wie ein einziger Weltmeister an diesem Ende der nunmehr zweiunddreißigsten Kalenderwoche, im achten Jahr vom Jahrtausend. Wir hatten die Hoffnung verloren, etwas Hilfreiches oder gar Handlungsleitendes über diese Welt verstehen zu können. Heterogenesis. Dann schliefen wir des vierte Mal ein. An diesem Morgen. Wir sind in einer Lagerhalle, wir sind auf einem Feld. Wir brechen das Gesetz. Keiner versteht, was wir tun, außer uns. Ich schlief zum fünften Mal ein an diesem Morgen. Wir sind die stolzen Besitzer vom Cockring des Vaters von Karl Rove.




















§4

Overdessed
in Khakis








I formed a band by the name of Overdressed In Khakis. Mein Name: Yvonne Spath. Heute sind Sie ein Raubkopierer, morgen ein Terrorist. I love girls with deep vaginas, I love girls with big fat titties. Mein Säugling will Deine Katze fressen! Ich steh’ auf Mädchen mit tiefen Vaginas, ich steh’ auf Mädchen mit dicken, fetten Titten. Titten raus, Hosen runter: über Nacht nach London! Heute Bist Du ein Raubkopierer, morgen ein Terrorist. Overdressed in Khakis. Yvonne Spath behauptet von sich: Heute sei sie eine Raubkopiererin, morgen schon eine Terroristin. I have got a ten inch penis, use your mouth if you want to clean it. Mein Kleiner will Deine Muschi fressen! Ich habe einen 30 Zentimeter Penis, nutz’ deinen Mund, wenn du ihn säubern willst. Yvonne Spath legte sich zur Ruh’ und träumt’ sie wäre overdressed in Khakis. Eines Tages wäre sie alt genug, um ihren Schwanz in Britneys Arsch zu stecken. Someday I’ll be old enough to stick my dick in Britney’s butt. My baby wants to eat your pussy! Heute bin ich ein Raubkopierer, morgen ein Terrorist. In der dreiunddreißigsten Kalenderwoche, im achten Jahr des Jahrzehnts. I was overdressed in Khakis. Ich pack’ Ihnen den Strudel ein, zum Mitnehmen. In the sweat mountains.




















§5

Shnørpsologÿ








An diesem Sonnenmorgen werde ich doppelt gekrönt.



Besser ein guter Mensch sein, als ein berühmter. Zunehmend erreichten wir den Orwellstaat.



Nichtbücher und Nichtzeitschriften, Nichtbekanntschaften und Nichtmahlzeiten durchzogen unsere Tage.





europäische Inder,







der amerikanische Star-Schnørpsologe





In the sweat mountains.



Wir lehnen es ab, für eine Leistung gewürdigt und anerkannt zu werden. Gleichzeitig sehnen wir uns danach, für Leistungen, die wir nach unseren Maßstäben vollbringen, umfassend und weitgehend gewürdigt zu werden.



Sonntag vor drei Wochen war ich sehr traurig gewesen. Mit Jürg, Stanisław, Günther und auch Jonathan hatte ich geredet, die mir – jeder auf seine Art – vorgerechnet hatten, dass ich – gesetzt den Fall, ich könnte die Aporien des Orwellstaates überhaupt in Richtung auf eine schnørpsologÿsche Erlösung auflösen –, dass ich dann immer noch mindestens vierzig Jahre brauchen würde, um dieses Vorhaben wirksam abzuschließen. Vierzig Jahre! Mehr als ich bislang hier überhaupt gelebt hatte. Im Orwellstaat!!!





Was immer wir erdachten als schlimmste Gewaltphantasie – wenig später geschah es tatsächlich.





Niemals werde ich dieses Problem lösen, mein Projekt abschließen können. Dachten wir. Die Wohnung war sehr still. Als ich nach Hause kam.





Zwölf Jahre später treffe ich auf den Holzplanken ein schwieriges Gespräch. Mit Verwunderung gucke ich den Datenpaketen der Kommunikation dabei zu, wie sie sich friedlich auf dem Weg verformen. Kein Transmission Control Protocol kann da mehr etwas ausrichten. Trotzdem okay, immerhin hat das Routing jetzt mal ein Update. Unsere Motorola-Mobiltelefone umklammernd, die wir gerne haben, gehen wir den Wiesengrund hinunter. Ein, zwei, drei Jägermeister trinken.



Und niemand, mich zu trösten. Nur mein Kissen.





Natürlich suchten wir Menschen, die in der Lage sein sollten, durch eine Begegnung das gegenwärtige Leben in eine begeisternd nächste Zukunft hinein kippen lassen zu können. Angespannt suchen wir, erlösungssüchtig, heilserwartend as hell.







Der Zustimmungsnerv dieses Staates war getroffen.



Ich lebe in einer untergegangenen Welt.



Koksen! Kotzen!! Kommunismus!!!



Als die Excel-Tabelle fertig war, sah ich, dass sich mein Problem gelöst hatte.









Off to Mario, my personal trainer. Ich radelte in den sunset. KW 34, anno 8.




















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