12.8.10 - 3.9.10 : ἀναγνώρισις














Der Architekt schaute auf seinen Balkon. Ein Habicht lag dort, hilflos schaute er ihn an. Er half ihm auf und entdeckte das harzige Blut an seinen Krallen. In einer Ecke lag noch dessen Beute, zusammengekrümmt, ausgetrocknet. Independent bitches: get up on the dance floor! nölte es aus dem Radio in der Küche. Am Abend setzte er die Beute in seinem Komposthaufen bei. Nur weil’s dumm aussah, musste es das nicht unbedingt sein. Die Straße, in der er wohnte, hatte keinen Namen.



Seit seinem zehnten Lebensjahr war er, ein Landschaftsarchitekt namens Jésus Cambremer, auf Wanderschaft gegangen; wie alle Menschen, die künstlerische, wissenschaftliche oder politische Neuerungen im Sinn haben. Am Abend und am Morgen las und schrieb er zu Meditation. Er behauptete: »Ich habe Fähigkeiten, von denen ich heute noch nicht sprechen kann.« Auf dem Zentralplateau von Burkina Faso ging die Sonne unter. Eine Fabrik hatte dort einmal gestanden; nun gab es nur Berge und Bächlein. Um etwas zu essen zu haben, hatte er eine Klapperschlange gefangen. »L’intempérance, mon cher!«, pflegte er zu sagen, »L’intempérance est la reine de toutes les morts.« Ein Einkaufszentrum hatte einmal hier gestanden; nun war dort alles voller Blumen. Die Begeisterung darüber pflegte er jedem Besucher schnell auszureden: »Wenn das das Paradies sein soll, hätte ich lieber einen Rasenmäher.« Gott ist ein Fabrikat.



In der fünften Nacht, die ich bei ihm schlief, war ich schließlich leichter als mein Schlaf geworden. In Gedanken begann ich an drei kleineren Veröffentlichungen zu schreiben; sorgsam memorierte ich die genauen Wortfolgen und Gliederungsideen. Es gab hier einmal weitläufige Parkplätze; jetzt war es eine friedliche Oase. Einst stand hier sogar ein Pizza Hut; nun war alles mit Gänseblümchen übersäht. Schon früh am Morgen, bei einem Glas Zuckerwasser, begann er zu schwadronieren, wie er eine Verbindung aus Chlor und Stickstoff hergestellt hätte; wie er vermeintlich elementare Teilchen zerlegt und neue Metalle gefunden hätte. Sogar Tränen hätte er zerlegt: »Les larmes contiennent un peu de phosphate de chaux, de chlorure de sodium, du mucus et de l’eau.« Ich lauschte der Straße mit einem Ohr; mein Blick schweifte zum Himmel. »L’homme est un matras.« Angeblich trug er mir aus seinen Teilprojektbeschreibungen zum internationalen Fusionsreaktor und zur internationalen Raumstation vor. Später konnte ich heimlich hineinschauen und fand nur eine einzige Zeile: Scheiße 127-129. Ich vermisse die Honky Tonks, die Dairy Queens und Seven Elevens; hier fällt alles auseinander – doch niemand kümmert sich darum. Selig sind die Unvollkommenen: ihnen gehört das Reich der Liebe. Ein Fabrikat ist dieser Gott, sonst nichts. Ganz wirkungslos. Overshoot Day.



Dieser Mann hatte eine Stimme ohne Klang, gutmütige Lippen, keinerlei Ehrgeiz. Etwas Dürftiges und Armseliges. Tiefe Resignation sprach aus seinem Gesicht, die Geduld des Forschers, sein asoziales Verhalten. Alles andere hätte mich auch überrascht. Ich träumte von Kirschkuchen, Schokoladenriegeln und dicken Keksen mit Schokoladenstückchen. Ich sprach zu ihm, in seiner Sprache: »Décomposer n’est pas créer.« Doch Cambremer hing an diesem Gelübde aus Zerlegung und Analyse. Befremdlich. Das Glück mag ja all unsere Kräfte verschlingen, doch das Unglück hatte all seine Tugenden ausgelöscht. Er sprach im Schlaf in der nächsten Nacht:



– Boah!
– Was?
– Ist das schön.
– Hm?
– Ich glaub’, ich hab’ eine Vision…


Mit einem Mal meinte ich Fluoreszenz in seinen Gedanken erkennen zu können. Der internationale Fusionsreaktor, für den er forschte, stand in einem erdbebengefährdeten Gebiet, im Süden Frankreichs, im Ort Cadarache in Bouches-du-Rhône. Wir teilten eine Bewegung, die sich nur aus den Ereignissen der vergangenen Tagen erklären und verstehen lässt. Cambremer sprach: »Wenn wir der vitalen Kontinuität einen Heroismus der Diskontinuität aufzwingen, so enden wir notwendiger Weise beim Terror. Erfüllt das Leben nicht seinen Zweck am besten im Terror?« Dunkel und Stille verstärkten unsere angstvolle Erregung. Wir küssten uns und ahnten unsere Gier. Ein Billigsupermarkt stand einmal hier; nun nichts als ein karges Kornfeld. »Hör doch: Wasser, Luft, Sand allein!«, riet ich ihm. »Lausche allein ihrem Klang aus Hin- und Wegströmen. Du erträgst diesen Strom nicht: etwas Übermächtiges, meinst Du, drückt Dich dann nieder« Er flehte mich an: »Lass’ mich hier nicht zurück! Ich kann mich an dieses Leben nicht gewöhnen.«



Er erhob sich, eine Bewegung, die ich nachahmte in Unsicherheit und Angst, denn er hatte nun meine Hand wieder losgelassen. Er legte einen Arm um mich und zog mich zu ihm hin, ich fühlte seine Erregung und so ließ ich ihn meinen Körper spüren zum Zeichen, dass ich ihm gehöre. War das das Paradies? Sein Kopf ruhte auf meiner Schulter. Sein Mund presste sich auf meine Brust, seine Haare bedeckten meinen Nacken und Hals. Wer konnte sich daran je gewöhnen. Ich neigte mich ihm zu, legte meinen Arm um ihn. Le vent est le génie du monde kam mir in den Sinn, ein Satz von Valéry, wenn ich ihn richtig erinnere. Die Nacht kam und wir hielten uns immer noch. Wir hörten nur noch uns und die Zikaden.



– Begleitest Du mich? brach er das Schweigen.
– Warum sollten wir uns trennen?
– Wir müssen zusammenbleiben.
– Ich bleibe.
– Ja.



Ein Engel, im Aufsteigen gen Himmel, platonisches Kugelwesen: Wert, nach dem Gesäß zu geifen. Ganz ehrlich: Ich glaub’ es nicht. »How does it make you feel?« fragte es stoisch immer noch aus den Lautsprechern. Menschen kommen und gehen. Am Ende erlischt das Licht. Oder vielleicht nicht, Ihr Arschlöcher? Es gibt kein Wiedersehen.




















*




















Am gläsernen Windschutz unseres Balkons verlor ein Habicht soeben seine Beute. Lädiert lag er da, harziges Blut klebte an den Krallen.



Er brauchte eine Weile, eh’ er sich wieder aufrappeln konnte.














Indie-pendent bitches: get up on the dance floor!














Die Beute, klein zusammengekrümmt, sammelten wir auf und setzten sie bei in einem Beutel voller Windeln, im Müll.














Nur weil’s dumm aussieht
muss es das nicht sein!




















I

Straße ohne Namen














Ich lese und schreibe zur Meditation.














»there was a
factory

now there are
mountains and rivers



we caught a
rattlesnake

now we got
something for dinner







there was a
shopping mall

now it’s all covered
with flowers



if this is
paradise

I wish I had a
lawnmower«














Ein mexikanischer Landschaftsarchitekt mit Namen Jesus.














I got skills

I can’t speak of














J’ai donc commencé la vie errante à laquelle ont été condamnés presque tous les hommes qui roulèrent dans leur tête des innovations d’art, de science ou de politique.














»Die ganze Welt ist voller Kniee.«














Sonnenuntergang auf dem Zentralplateau von Burkina Faso.














L’intempérance, mon cher! est la reine de toutes les morts.




















II

Gott ist ein Fabrikat














In der fünften Nacht war ich schließlich leichter als mein Schlaf geworden.

In Gedanken schrieb ich an drei kleineren Veröffentlichungen; sorgsam memorierte ich die genauen Wortfolgen und Gliederungsideen.














Je crois que ce fut à l’occasion d’un verre d’eau sucrée que nous nous reconnûmes pour adeptes.














»my ears to the street

my eyes to the sky«














L’homme est un matras.














»once there were
parking lots

now it’s a
peaceful oasis



this was a
Pizza Hut

now it’s all covered
with daises«














J’ai combiné le chlore et l’azote, j’ai décomposé plusieurs corps jusqu’ici considérés comme simples, j’ai trouvé de nouveaux métaux. Tiens […], j’ai décomposé les larmes. Les larmes contiennent un peu de phosphate de chaux, de chlorure de sodium, du mucus et de l’eau.














Der internationale Fusionsreaktor, die internationale Raumstation.














»Gott ist ein Fabrikat, das keine Wirkung hat.«














Scheiße 127-129.














Les sentiments les plus naturels sont ceux qu’on avoue avec le plus de répugnance.














»I miss the
Honky Tonks,

Dairy Queens and
Seven Elevens



and as things
fall apart

no one pays
much attention«














Bienheureuses les imparfaites, à elles appartient le royaume de l’amour.



















III

Overshoot Day














Ce visage annonçait une longue résignation; la patience du pêcheur et ses moeurs douces. Cet homme avait une voix sans rudesse, des lèvres bonnes, nulle ambition, je ne sais quoi de grêle, de chétif. Toute autre physionomie nous aurait déplu.














»I dream of
cherry pies

candy bars and
chocolate-chip cookies«














Décomposer n’est pas créer.














Le bonheur engloutit nos forces, comme le malheur éteint nos vertus.














L’Homme-au-voeu.














– Boah!
– Was?
– Ist das schön.
– Hm?
– Ich glaub’, ich hab’ eine Vision…














La phosphorescence de la pensée.














Pour pouvoir bien apprécier l’émotion qui vint nous saisir, il faut donc partager l’état à demi voluptueux dans lequel nous avaient plongés les événements de cette matinée.














Was man sehen muss, ist, dass, man, wenn man der vitalen Kontinuität einen Heroismus der Diskontinuität aufzwingt, notwendig beim Terror endet. Dahinter steht die Frage nach dem Verhältnis von Leben und Terror. Das [20.] Jahrhundert hat sich nicht gescheut zu behaupten, dass das Leben sein positives Geschick (und seinen Zweck) nur durch Terror erfüllt.














Menschen kommen und gehen: es gibt kein Wiedersehen.














Enhardis par la crainte vague qui les agitait, ils se donnèrent, dans l’ombre et le silence, ce premier baiser où les sens et l’âme se réunissent pour causer un plaisir révélateur. Etienne comprit l’amour dans sa double expression, et Gabrielle se sauva de peur d’être entraînée par la volupté, mais à quoi?… Elle n’en savait rien.














»this was a
discount store

now it’s turned into
a cornfield«














Si tu veux livrer ton entendement aux trois immensités qui nous entourent, l’eau, l’air et les sables, en écoutant exclusivement le son répété du flux et du reflux, lui répondis-je, tu n’en supporteras pas le langage, tu croiras y découvrir une pensée qui t’accablera. Hier, au coucher du soleil, j’ai eu cette sensation; elle m’a brisé.














»don’t leave me
stranded here

I can’t get used
to this lifestyle«














Etienne se leva, Gabrielle imita ce mouvement par une crainte vague, car il avait quitté sa main. Etienne prit Gabrielle dans un de ses bras en la serrant contre lui par un mouvement de tendre cohésion; aussi, comprenant son désir, lui fit-elle sentir le poids de son corps assez pour lui donner la certitude qu’elle était à lui, pas assez pour le fatiguer. L’amant posa sa tête trop lourde sur l’épaule de son amie, sa bouche s’appuya sur le sein tumultueux, ses cheveux abondèrent sur le dos blanc et caressèrent le cou de Gabrielle. La jeune fille ingénument amoureuse pencha la tête afin de donner plus de place à Etienne en passant son bras autour de son cou pour se faire un point d’appui. Ils demeurèrent ainsi, sans se dire une parole, jusqu’à ce que la nuit fut venue. Les grillons chantèrent alors dans leurs trous, et les deux amants écoutèrent cette musique comme pour occuper tous leurs sens dans un seul. Certes ils ne pouvaient alors être comparés qu’à un ange qui, les pieds posés sur le monde, attend l’heure de revoler vers le ciel. Ils avaient accompli ce beau rêve du génie mystique de Platon et de tous ceux qui cherchent un sens à l’humanité: ils ne faisaient qu’une seule âme, ils étaient bien cette perle mystérieuse destinée à orner le front de quelque astre inconnu, notre espoir à tous!
– Tu me reconduiras, dit Gabrielle en sortant la première de ce calme délicieux.
– Warum Pourquoi nous quitter? répondit Etienne.
– Nous devrions être toujours ensemble, dit-elle.
– Reste.
– Oui.














Le vent est le génie du monde.














Monster, wer eine Frau ins gesicht schlägt, ist nicht wert, nach ihrem gesäß zu greifen!














How does it make you feel?














Ganz ehrlich: Ich glaub’ es nicht.

Am Ende erlischt das Licht.














Oder vielleicht nicht, ihr arschlöcher?



















Achter Gesang, zweites Stück – 3. September 2010


























鬥爭正在繼續





Es blendete uns
die Mondnacht

Wir machen die
Pläne nur für Nigel:



wir wollen das Beste
nur für ihn!


Lethal motherboard failure.
Einer der zwei Blumenkübel



vor dem Eingang des Altenheimes
wurde umgestoßen und lag

zerbrochen vor dem Eingang.

Ich habe das



Leben gesehen.

»denn wer von seinem Tage

nicht zwei Drittel
für sich hat,



ist ein Sklave,
er sei übrigens

wer er wolle:
Staatsmann, Kaufmann,



Beamter, Gelehrter.«

Ein rückhaltloses

Sich-Bedienen
an Füllwörtern.




Wir probieren Dinge aus

und feiern unser Scheitern.

Die Rolle der Politessen



in der digitalen Gesellschaft:

it’s not about beauty;

it’s about soul.
Das Dokument



kaskadiert.
Knäuelpilze besiedeln aber

nicht nur die Baumwurzeln, sondern
gehen auch mit anderen Pflanzen



folgenreiche Lebensgemeinschaften ein.

Hightech verpflichtet!



Simulierte Lebensformen
bevölkern das Terrain;

sie lassen sich leider
nicht ausschalten.



Echoes
from the otherworld

turn horizons
into endless ever present!




Wir machen die
Pläne nur für Nigel:

er braucht nur
eine helfende Hand.




Was für ein Tag:
Netzneutralität-, Blumenkübel-

und jetzt auch noch
Liquid Feedback-Shitstorms.






Achter Gesang, erstes Stück – 12. August 2010