6.1.17 – 1.9.17 : A Memorex to the Krakens






Pour Gisela


(1. September 2017;
10.3.1932 – 30.7.2017)








Am 30. Juli 2017, um 23 Uhr 27, ist Gisela, meine Mutter, gestorben.

Vier Tage zuvor war sie – mit Verdacht auf Dehydration - in das Martin Luther Krankenhaus hier in Berlin, Grunewald, gebracht worden. Noch am Tag zuvor witzelte ich: »Du wolltest doch immer 100 werden!« Darauf sie, ihre unverbrüchlich auftrumpfende Replik: »200!«

Es ging dann aber recht schnell. Tiefensedierung wurde nötig – das sogenannte ›künstliche Koma‹ – die Organe gingen nach und nach in die Knie. Nach vier Tagen versagte der Kreislauf selbst unter mächtigster Medikation.

Mit 85 Jahren, so könnte mancher einwenden, ist das nicht sehr überraschend; doch wer Gisela kannte, sie wenige Wochen oder Tage zuvor noch gesprochen hatte, wird zugeben:

Es kam dennoch unerwartet.



*



Gisela war eine Frau, die ich seit 47 Jahren kannte: meine Mutter. Alles was vor dieser Zeit lag, bleibt mir selbstverständlich Mythos, Legende, Geschichte im doppelten Sinne.

Ich weiss von ihrer Kindheit in Dresden-Neustadt, -Klotzsche, -Weixdorf. Wie sie als kleines Mädchen – so hat sie mir oft erzählt – für andere Kinder Theater an der Teppichstange gespielt hat; wie sie Kuchenränder mit ihrem Schulfreund lieber aß als die teure Sahnetorte, die ihr stolzer Vater für seine einzige, abgöttisch geliebte Tochter besorgen ließ. Die vielen Geschichten der Kriegszeit, der Bombenangriff auf Dresden und das Nachhauserennen durch die ersten Signalbomben; das späte Begreifen des Faschismus in Deutschland, die Verwirrung der politischen Systeme (»Warum darf ich den neuen Lehrer nach Kriegsende nicht mehr mit Hitlergruß begrüßen?«).

Die Flucht dann nach Westdeutschland, das Ankommen im dörflichen Baden-Baden, Pferdefuhrwerke und Jeder kennt Jeden – weg von der Metropole ihres geliebten Dresden. Die Haushälterinnenanstellung dort, kaum volljährig, beim Onkel, der Buchbinder war; das Glück der Anstellung schließlich bei den französischen Streitkräften, als Sekretärin.

Wie sie meinen Vater kennenlernte, ihre 16 Jahre andauernde Affaire mit – wie sie bis zuletzt stets betonte – der einzigen, großen Liebe ihres Lebens: James Russell: der Militärmusiker und erster Violinist der französischen Streitkräfte war in Baden-Baden. Die vielen französischen Freunde, ihr jahrelanges Reisen durch das große Frankreich mit ihrem Liebsten, alle Küsten, alle Regionen, großen Städte; wie er ihr ›Die Welt‹ gewissermaßen gezeigt haben muss, dem geflüchteten Mädchen aus Dresden: von Marseille bis La Rochelle, vom Massif Central bis nach Saint Tropez, vom Münster in Strasbourg bis zu den Folies Bergères in Paris. Das Wohnen (ohne James) im Dachgeschoss dann, in Baden-Baden, mit dem kanadischen Soldatenehepaar und schließlich auch mit meiner Großmutter, ihrer Mutter.

Endlich dann, 1970, ihre eigene Schwangerschaft, das späte, schon nicht mehr erhoffte Glück wie sie sagte, endlich ein Kind zu haben, das der Vater aber dann nicht wollte. Er hatte ja Familie und zwei Kinder in Frankreich.



*



Das alles kenne ich aus Erzählungen, ihren Erzählungen allein: mit Sicherheit so beherzt erinnert, wie jeder von uns Ereignisse von vor etlichen Jahrzehnten erinnert – samt unweigerlicher Stilisierungen, Auslassungen, Ausschmückungen. Wie auch ich hier und jetzt zuspitze, verbinde, neu und anders Bedeutung schaffe mit diesen Worten.

Ich durfte erleben, wie sie ihre Liebe und ihre Kraft, ihren ganzen Mut und ihr ganzes Herz einem Menschen widmen konnte - alleinerziehend im katholisch-bigotten, wirklich provinziellen Baden-Baden. Ich erlebte ihre Freude, ihren Genuss, ihre Hingabe und Planungslust beim Einladen und Eingeladenwerden, beim Essengehen und Essenvorbereiten, Tischdecken und Zelebrieren, beim Basteln und Beglücken ihrer kleinen, eigenartigen Familie aus kleinem Sohn und querschnittsgelähmter Mutter; ein Bißchen auch gehörten zu dieser Familie die Kollegen des Büros, in dem sie arbeitete, auch die Menschen, denen das Haus gehörte, in dem wir wohnen durften; ihre vielen langjähren oder nur vorübergehenden Bekanntschaften, die uns unterstützen, halfen, beistanden.

1984 starb meine Großmutter, 1990 zog ich aus. Und mit ihrer Verrentung 1992 erlebte ich eine neue Gisela: ihre Erleichterung, endlich, endlich, endlich einmal nicht nur allein für andere Leben und arbeiten zu müssen. Sie besuchte mich an meinem Studienort, an meinem Arbeitsort, glücklich reiste sie immer wieder hierher nach Berlin ab 1998, endlich wieder eine richtige Großstadt – mit U-Bahn und Rotlichtbezirk, Opern und großen Kaufhäusern, tollen Restaurants, mit Pennern und Hochschulen – wie zuletzt ihr Dresden vor fünfzig Jahren.

Wir gingen essen. Wir tranken zusammen. Dabei blieb sie die stets gut gekleidete, geschminkte, formvollendet dinierende Dame und Chefsekretärin, die sie so lange Zeit ja wirklich war: 40 Jahre lang, wie die Auszeichnung zum Dienstjubiläum 1990 kundtat.

Ich weiß nicht, wie gut ich meine Mutter hierbei wirklich kennenlernen konnte. In den letzten Jahren, den letzten zwei, drei Jahrzehnten war eindeutig mein Leben – wie es nicht selten zwischen Eltern und Kindern geschieht – ihrem immer fremder geworden: meine Interessen, mein Lesen und Hören, Denken und Empfinden; auf dessen Produkte und Reisen, Bücher und Vorträge sie zweifellos maßlos stolz war. War es doch auch ihrer Leistung, ihrem Aufopfern zu verdanken, ihrer Hingabe daran, diesem Sohn die Ausbildung, die Reisen, Aneignung von Wissen, Ästhetik, Rhetorik zu ermöglichen. Die er sich gewünscht hatte.



*



Liebe Gisela, ich danke Dir.

Ich danke Dir wie vielleicht nur ein Kind seiner alleinerziehenden Mutter danken kann.



*



Und ich wünsche Dir, dass Du nun, mit James, meinem Vater, an einem reich und luxuriös gedeckten Tisch sitzt;

Haute Cuisine natürlich, mit vielen Gängen – seis in Paris, in Dresden, hier im Adlon oder mit Blick auf den Zwinger in Dresden oder auch Deine so geliebte Semperoper.

Ich stelle mir vor, wie Ihr beide nun zu zweit so elegant und genußreich, mit einem unbegreiflich nuancenreichen Wein dazu, dinieren könnt – wie Du es stets immer wieder so gerne getan hast.



*



Möge dieses Dinner und diese Liebe zu James niemals enden für Dich.

Prost, liebe Gisela – und: Cin Cin!


























Fuckup


(July 24, 2017;
Aufgeschrieben für Nele Heise)








Es ist kein Geheimnis, dass ich ein passionierter Autor bin. I live through text. Dennoch geschehen Fuckups. Böse Fuckups. Sehr, sehr, sehr böse Fuckups.


Anno 2012, so erinnere ich mich, trug ich u.a. bei einer Konferenz vor, zu der der übliche Sammelband angekündigt war. Später im Jahr erfuhr ich meine erste Tumordiagnose, es folgten OP, Chemotherapie, Reha. All’s fine now, aber schön ist sowas natürlich nicht. Media vita in morte sumus.


Just zwischen OP & Chemotherapie kontaktierten mich recht dringlich die Konferenzveranstalter und Herausgeber: Sie wollten unbedingt, dass ich sie beim Konzeptvermitteln an einen dt. Wissenschaftsverlag unterstützen & ein gutes Wort einlegen solle; was ich sehr gerne tat - Thema & Beiträge der Tagung waren wirklich anregend.


Sie beknieten mich aber auch, dass ich meinen Vortrag als Artikel zum Sammelband beisteuere. Ich musste ablehnen; andere Dinge waren nun wirklich wichtiger. Ich erzählte ihnen meine Krankheitssituation. Die Herausgeber bestanden aber darauf; ich erbat ausdrücklich, dass sie mir wirklich einige Endarbeit abnahmen & intensive Korrigatsunterstützung zusicherten. Die Herausgeber stimmten dem zu.


Nun gut. Aus der Reha entlassen, wandte ich mich - neben der nötigen Lehre & der Vorbereitung einer großen internat. Konferenz - nahezu ausschließlich diesem einen Artikel zu. Die Konzentration reichte immer nur eine gewisse Strecke am Tag - und ich setzte sie eben ganz für diesen Text ein. Dann sandte ich ihn den Herausgebern.


Einige Zeit hernach bekam ich ihn mit vielen, sehr sehr vielen Anmerkungen zurück; sowie mit der Ansage: Sie sähen da keine Möglichkeit, diesen Text noch so umzuarbeiten, dass er in ihren Band passen würde. Das täte ihnen zwar sehr leid, aber das ginge nicht; tschüß.


Ich kontaktierte die Herausgeber hierauf - verständlicherweise ziemlich sauer & nicht nur menschlich, auch professionell enttäuscht - mehrere Male. Ich bot Gespräche an; wir könnten eine Lösung finden: Nix. Nada. Ghosting. And ghosters are assholes & cowards - we all know this.


Ich gebe zu: Beide Herausgeber sind für mich nach wie vor ein Paradebeispiel für ignorantes & dezidiert nicht-unterstützendes Verhalten von Fachkollegen, die ihre Verantwortung weder erkennen noch wahrnehmen; und nicht einmal zu ihrem Wort stehen.


Am Ende fand der Artikel schließlich seinen Weg in einen anderen Band, bei einem großen US-Verlag, in dem er zweifelsohne ein vielfach größeres Publikum fand & zudem ein weitaus hochkarätigeres Umfeld. Ein gutes Ende. Ein sehr gutes Ende. Doch einige Jahrelang war da vor allem Wut & Unverständnis über solches extrem antikollegiales, fast feindseliges Verhalten dieser beiden Menschen. Sad.


























Aha, sha-la


(July 21, 2017)








»Can you be slow for a little while?« Hier alles fresh im sodomitischen Freudenhaus. Your electricity is someone else’s grammar. Einst entwarf ich die Matrix, half bei ihrer Einrichtung, betrieb sie eine Weile. »The unknown is anonymous.« Doch wurde mir all dies dann schlußendlich (»It is legion. It never forgives.«) doch arg zu öde. However, this fraction of the 11-dimensional multiverse is, frankly, not entirely unbearable at all times. »Ewasy, ewasy, Madame.« I feel you. (»Ma chère, du har får mail fra Nueva York!«)


























Dem Radieschen


(15. Juli 2017, mit
@leonceundlena, Maja Weber & Rahel Müller)








I


Ich lobe Dich, Radieschen:
Du würzig’, scharfe Frucht!

Als Beilag’ oder Spießchen
Du Deinesgleichen suchst!


Du wohnst still in der Erden,
Bis unsereins Dich pflückt:

Zum Gaumenschmaus kannst’ werden,
Ein Zungenschmeichlerglück!




II


Dein Mantel strahlt Magenta,
Weiß prahlt Dein Innerès

Zu allem - gar Polenta?
Ich Dich, Du Pralle, ess’!


Erröt’ ob Deiner Schärfe
Mundest Du unsereins

Holst Säfte raus aus allem
Bezähmt in Selbstvergessen


























Hoppipolla Hopsassa


(July 10, 2017)








Ich gehe nicht davon aus, dass ich die 2050er Jahre noch bei vollem Bewusstsein erlebe. It is a time without time, sequence or recurrence. Ich folge hier den Ereignissen auf meiner Haut - währenddessen sich auf meiner Haut ganz anderes ebenfalls ereignet. You are partisan of the action loop. Ödnis und Existenz. A time that no longer passes. Auf diese Unterbrechung folgt eine herausfordernde Stille, die keine Fragen beantwortet, sondern schlichtes Aufhören markiert. It is time to relinquish the easy jouissance of impotent acting-out. Time to face the fact that organising marches isn’t the same as political organisation. Neoliberalism didn’t protest to achieve its hegemony; it organised and co-ordinated. Menschen, die Schlange standen, Lagepläne studierten, Menschen, die fotografierten wie Menschen andere Menschen fotografierten. The real becomes the imaginary, then the imaginary becomes the negative real, and the negative real becomes the negative imaginary - in the end the negative imaginary becomes the real. Diese Mehrdeutigkeit betrifft auch die Dauer dieser Ereignisse. A time beyond clock time.


























Corpus Geniculatum Laterale


(May 15, 2017)








Any sign of humanity has been swept away. Total darkness is this system’s dream. Every single dystopia will be realized. I can’t go on.



Never ever in my life did I regret what I didn’t do. However, I did regret again and again what I actually did do. Abandon hope (summer is coming). Meine Handlungen waren getrieben von Langeweile und Hoffnungslosigkeit.



Das ist der moderne Fernsehbegriff, mit dem ich mich anfreunden kann. Existence is futile.


























The Stipulations of a Situation


(May 9, 2017)








This doubt and this irritation represent a form of sensible precision. Ein Mann, der seinen weisspolierten Motorradhelm auf der Handinnenfläche balancierte wie eine Hochzeitstorte. Hören, Schreiben, Empfinden.



There will be no miracles here. Jeder Tag ist ein guter Tag zur Selbstentleibung. Turbulences, overlapping cyclones and anticyclones, like on the weather map. Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt.



The intimate fusion of one thing into another, of one flow into another: generalize this to as many kinds of flow as you like. Gedacht, getagträumt, vorgesehen. »Any situation, any bit of practice, implies much more than has ever been said.«


























Vomit Days


(March 28, 2017)








​Morgens gegen 6 Uhr wache ich auf, verlasse gegen 7 das Haus und sitze gegen halb 9 am Schreibtisch. Wann wird das Sprechen über Gefühle ein politischer Akt?


Emancipatory politics must always destroy the appearance of a ›natural order‹, must reveal what is presented as necessary and inevitable to be a mere contingency, just as it must make what was previously deemed to be impossible seem attainable.


Zwischen 3 und 6, je nach Tagesplanung, verlasse ich den Arbeitsort, damit ich frühestens um 7 und spätestens um 9 Uhr abends wieder einschlafen kann. Wenn es Teil einer Praxis der Bewusstseinsbildung ist, durch die die unpersönlichen und intersubjektiven Strukturen sichtbar gemacht werden, welche in der Regel von der Ideologie vernebelt sind.


There is no such thing as ›Volk‹. Aus Langeweile und Erschöpfung schlief ich schließlich ein. Eine rasante Bodyswitch-Komödie.


























A Memorex to the Krakens


(February 6, 2017)








Man sollte nicht zu laut sein.
Nicht selbstgefällig.



The transcendental experience of watching Roger Federer play tennis, David Foster Wallace wrote, was one of ›kinetic beauty‹.


Nicht drängeln.
Keine Symptome von Eile zeigen.





Dieses Bund Blattpetersilie lag friedlich bei meinem türkischen Gemüsehändler und hat damit deutlich mehr Sozialkompetenz als viele Menschen.




Niemanden warten lassen.
Lächeln und Geduld zeigen.



Federer’s balletic precision and mastering of time, on the very edge of what seems possible for a body to achieve, was a form of bodily genius.


Das reicht eigentlich.




What Foster Wallace saw in a Federer Moment, I see in a video of neo-Nazi Richard Spencer getting punched in the face.


A Memorex to the Krakens.


























You & Me & The Road 2 Hell


(January 15, 2017)








A curatorial non-event
Celebrated on an annual basis.


You & me
& the road 2 hell.


14 Milliarden Jahre sind ein Tag.
Dein Subjektil durchbohrt mich.


Go to sleep, little earth.
She now owns a fake.


Im Limbischen System
Ist nie Feierabend.



The roads not taken
Are your reservoir.


This also constitutes a loss.


























In The Year of 2016


(January 6, 2017)








Words Of The Year


William Gibson
The Peripheral


Peter Handke
Die Unschuldigen, ich und
die Unbekannte am Rand der Landstraße


Thomas Meinecke
Selbst


Teresa de la Parra
Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt


Heinz Strunk
Der goldene Handschuh









Recordings Of The Year


A Tribe Called Quest
We Got It from Here… Thank You 4 Your Service


David Bowie
Blackstar


Beyoncé Knowles
Lemonade


Nick Cave & The Bad Seeds
Skeleton Tree


Red Hot Chili Peppers
The Getaway








Theory Of The Year


Jonas Engelmann
Wurzellose Kosmopoliten


Didier Eribon
Retour à Reims


Kenneth Goldsmith
Wasting Time on The Internet


Stefano Harney & Fred Moten
The Undercommons:
Fugitive Planning & Black Study



Hans Ulrich Obrist
Ways of Curating




















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