La Comédie du Capital






Balzac Lese Erzählung



2007 – 2011








von Holger Schulze



























»›C’est l’un des pistons
de l’immense machine
appelée Commerce‹«

Honoré de Balzac, Modeste Mignon, in: ders., La Comédie humaine. Vol.4, Furne Paris 1845, p. 122.














~














Schon im ersten, kleinen Roman – einem Hundertseiter – trifft der herzliche Absolutismus der Monarchie auf den sachlichen Materialismus der neuen Ordnung im Frankreich der Restaurationszeit. Die Revolution hat stattgefunden, Napoleons Kaiserreich, nun herrscht wieder ein König – doch ist klar: dieses Regime kann und wird nicht mehr ewig dauern. Eine kapitalistische Wirtschafts- und Lebensordnung ist zudem eingerichtet und hat das gesamte Leben der Aristokratie wie des sogenannt einfachen Volkes vollkommen verändert: es geht nur noch um Kapitalisierung und Handel.

I.1 – La Maison du chat-qui-pelote, 1830
26. Dezember 2007














Frauen sind in dieser Welt vor allem darauf angewiesen, sich bestens zu verheiraten: der höchste Beruf, um dessen bestmögliche Ausbildung dafür sich ihre Eltern sorgen und bestmögliche Vertragsabschlüsse befördern.

I.2 – Le Bal de Sceaux, 1830
30. Dezember 2007














Frauen sprechen, obwohl eindeutig in Abhängigkeitsverhältnissen verstrickt und gebunden, mit einer eigenen Stimme. Eine von ihnen zeigt sich sogar in jungen und unerfahrenen Jahren, ganz gegen das Klischee, als eine weise und gelehrte Frau. Ihre beste Freundin nennt sie einen Doktor in Unteröcken.

I.3 – Mémoires de deux jeunes mariées, 1842
20. Januar 2008














Geld und…? Kapitalismus und Begehren. Der vierte Roman, wieder ein Romänchen von fünfzig Seiten, ist der erste, in dem eine männliche Figur eindeutig die Hauptperson ist. Und sie gerät unwiderruflich in die Zwänge zwischen kapitalisierender Geltungssucht der Repräsentation einerseits und ihrem maßlosen Begehren imaginierter vollkommener Liebe andererseits. Ozeanismus und Budgetierung.

I.4 – La Bourse, 1830
22. Januar 2008














Es braucht immer eine Zeit, sich auf den ersten Seiten in einen Roman Balzacs hineinzufinden (oder vielleicht liegt’s ja auch an der Übersetzung und exzentrischen Orthographie der Übersetzung in’s Deutsche, diesmal von Friedrich Sieburg): Welcher Erzähler spricht hier? Aus welcher Erzählperspektive werden die Protagonisten betrachtet? Welche der beschriebenen Menschen sind tatsächlich keine Nebenfiguren? In welchem Ort und Millieu spielt die Erzählung? »La plupart des drames sont dans les idées que nous nous formons des choses.« (p. 122)

Zunehmend entrollt sich eine Lust, ein Rausch des Lesens immer noch eines weiteren Romans, die ich zuletzt ganz frisch beim Schauen von TV-Serien als DVD-Seasons erlebt hatte. »Menschen, die im Gehen telefonieren. Menschen, die im Gehen aus 1,5-Liter-Vittel-Flaschen trinken. Menschen, die To-Go-Kaffeebecher mit weißem Plastikdeckel in der Hand halten. Menschen, die im gehen mit leicht gebeugtem Kopf auf ihr Handy schauen, das sie mit ihrer rechten Hand auf Brusthöhe vor sich halten. Menschen, die auf der Straße vor Restaurants, Cafés und Büros herumstehen und rauchen.« Die Wirrheit, Rauschhaftigkeit des Auftragsschreibers, das Stoßartige Zupapierbringen seiner Erzählungen wird hier besonders offensichtlich: Außerordentlich unterschiedliche Erzähllagen, -perspektiven und -töne, ja Erzählerstimmen scheinen sich manchmal von Absatz zu Absatz abzuwechseln.

Zugleich – ob diese Beobachtung wohl etwas mit der vorangegangenen verbindet? – erscheint sowohl dieser Stil als auch die dadurch dargestellte Welt, die Balzac erzählt und die damals ihren Anfang genommen haben, sie beide scheinen gegenwärtig, hundertfünfzig Jahre danach, schon wieder an ihr Ende gekommen zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich durch eine begleitende Lektüre von Georg Simmels Engführung des Kapitalismus mit dem Urbanismus (Die Großstädte und das Geistesleben, 1903): Kommt die moderne Großstadt im XXI. Jahrhundert an ihr Ende?

Nach dem ersten Viertel wird der Roman zunehmend ein Briefroman, zwischen einem zwanzigjährigen Dichterfan und dem älteren Assistenten desselben – in Rolle seines Chefs. Im zweiten Viertel nimmt die Romanze derart Fahrt auf, dass das Schicksal der Titelheldin im dritten Viertel die Leser nur so durch die Seiten peitscht: Sie mutet einer flotten Boulevardkomödie an. Das Ende ist erschreckend positiv für Balzac: Die Liebe findet sich!

I.5 – Modeste Mignon, 1844
13. Februar 2008














Der Roman beginnt mit etwas weitschweifigen und umständlichen Beschreibungen der Einzelheiten im Postkutschenwesen um Paris. Viele Seiten braucht es, bis alle Handlungsträger des Romanes – sowie allerhand Nebenhandlungsträgerinnen und -träger – überausführlich vorgestellt wurden, Kurzvorträge zu Sachthemen eingefügt und die Leserin oder der Leser nach Meinung des Autors wohl endlich reif für die Erzählhandluing zu sein scheint. Die übereilte Entstehung der meisten Romane Balzacs, nicht zuletzt unter den Genrevorgaben des täglichen Abdruckes in einer Zeitung, ist auch hier wieder ablesbar anhand eines außerordentlich ungleichmäßigen und reichlich zerklüfteten Erzählflusses: Tektonik der Bricolage.

Die Gespräche der Reisenden einer Postkutsche muten wie verschränkte Mauerschaureden an, deren Zusammenhang schwer zu erkennen ist. Mit zunehmender Lesegewohnheit scheint nun ein Rausch zu entstehen, die nächste Episode der DVD-Box muss heute Nacht noch zuende gekuckt werden!
»›Il n’existe que quatre grandes carrières, pour vous autres jeunes gens : le commerce, l’administration, les professions privilégiées et le service militaire.‹« (p. 507)

»›Les gens sans fortune doivent être parfaits!‹« (p. 548) Am Ende wird der Haupthandlungsträger anderthalb Dekaden später wieder mit der gleichen Postkutsche wie zu Beginn des Romans reisen, invalide und hochdekoriert begegnet er dem Verführer seiner Spätpubertät. Der Kreis schließ sich wohlerzählt.

I.6 – Un début dans la vie, 1844
26. Februar 2008














Auch die siebte Folge beginnt etwas fahrig mit der Suche nach den Haupthandlungsträgern, durchmischt mit Referaten und Mauerschauen: Der Erzbischof von Besançon? Baron de Watteville? Ein Monsieur Savaron? Oder Amedée de Soulas? Clotilde de Rupt? Nach etwa einem Viertel des Romans wird eine Erzählung der Titelfigur eingestreut: L’Ambitieux Par Amour – eine reichlich kitschige, lax runtergeschriebene Adels-Bürgerlichkeits-Schmonzette. Die Kolportage setzt sich fort in den Ränken um Albert Savarus und Rosalie de Watteville herum. Die eingestreuten Briefe mussten wohl schnell gehen. Das Ende hinterlässt die weibliche Hauptfigur verkrüppelt und entstellt, im Stupor – nur fast keine schöne Leich’.

I.7 – Albert Savarus, 1842
6. März 2008














Ein abgerissener Korse erbittet mit Frau und Kind Hilfe bei Napoléon Bonaparte im Oktober 1800. Jahre später verliebt sich dessen Tochter, Ginevra, aus Anlass ihrer Malerklasse in einen wiederum abgreissenen Flüchtling – just einer feindlichen Sippschaft. Erst zur Hälfte des Romänchens, nach 50 Seiten erst, gewinnt dieser Stoff seinen erzählerischen Zug. Die Vendetta will die Heirat verhindern, doch noch ihre Eltern können Einspruch erheben, da seine von ihrem Vater ausgerottet wurden wie auch ihre Brüder vom verstorbenen Vater ihres Angebeteten. Karg und still heiraten beide dennoch, beziehen ihre Wohnung. Trunken vor Liebe erwirtschaften beide, auch ohne familiäre Hilfe, ihre Einkünfte, sie arbeiten nachts, der Roman wird wahnhaft, selbst trunken vor Schicksalshaftigkeit: ein gemeinsames Kind beglückt und erschöpft sie schließlich in noch größerem Maße. Am Ende verkauft der Mann sich an die Armee, findet seine Frau sterbend, das verhungerte Kind in ihren Armen; den rachsüchtigen Eltern, just davor ihrer Tochter zu verzeihen, kann er nur noch ihren Skalp bringen, bevor er selbst zu Tode kommt. Eine beklemmende=auswegslose, bedrückend=materialistische Plotte.

I.8 – La Vendetta, 1830
15. März 2008














Die Vorfreude auf den neunten Roman löst sich ein im Wiederkennen der nun wohl charakteristisch zu nennenden Struktur der Balzac-Romane: Sie beginnen mit einer – nicht selten etwas ermüdend – detaillierten Schilderung eines Tableaus räumlicher Verhältnisse am Erzählort. Trägerinnen der Handlung (seltener Träger) werden wie Wachsfiguren, stumm und ohne Austausch und Lebendigkeit beschrieben. Oft stellt sich dann nach einigen mehr Seiten heraus, dass diese vermeintlichen Trägerinnen nur Nebenfiguren sind, die zugunsten eher nebensächlich eingeführter Personnagen in den Hintergrund treten. Erst am Ende eines solchen Romanes (so auch meine Vermutung hier) werden die nunmehr als Nebenfiguren erscheinenden Ersteingeführten wieder in den Vordergrund treten und ihre Bedeutung sich nochmals verschieben. Balzacs Kunst der Aufmerksamkeitspermutation.

Hier beginnt das Romänchen mit der Schilderung einer Begegnung, einer kleinen amour fou, die in eine ungewöhnliche Ehe mündet; soweit noch keine besonders außerordentliche Erzählung – im Vergleich zu den vorangeganenen. Zur Mitte der Erzählung aber – Mitten im Sterben der Mutter der Ehefrau – wird aber zu einer anderen Geschichte umgeschaltet, die als Vorgeschichte zur ersten einiges aufklären sollte. Auch hier handelt es sich um eine Eheschließung (wie in fast allen bisher gelesenen Romanen) und ihre finanziell-ethisch-juridischen Umstände; doch anders als in der ersten Ehe, die von verzehrender Liebe angetrieben wurde, scheint diese eher von katholischer Lebensführung erstickt zu werden. Es stellt sich heraus, dass der Gatte der ersten Ehe nach sieben Jahren Ehe mit der zweiten, sich und ihn in katholische Maximen einzwängenden Ehe(frau), sich eben in diese Liebesheirat geflüchtet und beiden Ehen nebeneinander geführt hat.

Am Ende wird, wie nicht selten in der Comédie humaine, die Entscheidung zu Gunsten der Liebe gefällt. Und auch hier gilt wie so oft bei Balzac: Am Ende leidet der Gatte, da seine Liebesverbindung schließlich auch zerbrach und die so hingebungsvolle Gattin sich von überaus wankelmütiger Hingabe zeigte. Am Ende fristet er seinen Lebensabend allein. Ganz ohne Gattin. Und ohne Liebe. (Sein Sohn aus erster Ehe entdeckt spät die zweite Liebesheirat in einer Begegnung mit dessen Kind. Der Gatte muss nun auch Strafverfolgung fürchten.)

I.9 – Une double famille, 1830
26. März 2008














Wie so viele Romane Balzacs handelt auch dieser zehnte der Menschlichen Komödie von Ehe- und Verbändelungsverwicklungen mit weitgehend wirtschaftlich-versorgerischer Absicht zu nach-napoleonischer Zeit – hinreichend romantisch-schwärmerisch umleuchtet.

Doch leidet er unter schwacher Figurenzeichnung. Der Text umfasst Dialoge während nach eines Balles. Raum und Zeit für nötige plastische Darstellung und Memorierung der HandlungsträgerInnen – geschweige denn eine hinreichend merkliche Stilistik ihrer Sprechweisen – all dies nimmt sich Balzac nicht, sondern schleudert uns in den koketten Wirbel der Verwicklungen. Passagenweise bleibt selbst der passionierteste Leser verwirrt, wer hier wohl spräche?

Doch schließlich, zum Höhepunkt des Ringens und Rangelns, treten die Figuren etwas deutlicher hervor und es zeigt sich wieder einmal der balzacsche Sarkasmus: Die brennende Liebe entzündet sich an Hohlheit. Am Ende bleiben Paare beieinander, aufgrund unauflösbarer, fast vertragshafter Verpflichtungen und Verpfändungen, die einander nicht im Geringsten mehr lieben. Allein aus Gründen wirtschaftlicher Rentabilität und öffentlicher Ehre.

I.10 – La Paix du ménage, 1830
3. April 2008














Das elfte Romänchen (knapp 30 Seiten) beginnt mit einer protomodernistischen Vervielfältigung der Weisen, wie über die Titelfigur gesprochen wird: Der Erzähler selbst führt alle perspektivisch verschobenen und verzerrenden ErzählerInnen ein und zeigt sich bemüht, ein vollständiges Bild der Handlungsträgerin zu bieten. Es vergehen zwei Drittel der Erzählung aber, bis diese Person endlich selbst im Mittelpunkt des Erzählens steht und selbst zu Wort kommt. Selbst dies währt jedoch nur wenige Seiten ehe auch sie wiederum vermittelt spricht, in einem Brief, der gelesen wird. Die Unruhe, Fahrigkeit und Sprunghaftigkeit des Balzacschen Stils setzt sich hier wie schon im vorangegangenen Roman deutlich fort. Am Ende wird die Handlungsträgerin von den Männern, die über sie sprechen, sie bewerten und einschätzen, gelobt und darf den Ehehandel vollziehen. Dieses Ritual des Vollzugs eines Ehekontraktes bedeutet in einem Roman der menschlichen Komödie stets das höchste Glück und größte Erfüllung aller Handlungsträger und -innen.

I.11 – Madame Firmiani, 1832
7. April 2008














Noch kürzer ist Roman No.12, der tatsächlich wie der Titel nahelegt eher eine Minimalstudie ist. Kaum mehr wird hier erzählt als die Briefverwechslung in der Schwärmerei des jungen Eugen de Rastignac; und doch wird daraus tatsächlich eine anregende Studie über doppelte und dreifache Kontingenz zwischen Liebhabern, Möchtegern-Geliebten, Gattinnen und arglosen Ehegatten. Berückend

I.12 – Étude de femme, 1831
7. April 2008














Eine Menage à trois – ungeahnt von den meisten Beteiligten, dem Ehepaar, er Pole, sie Französin – entwickelt sich um den polnischen alten Freund eines Gatten, der als Haushofmeister oder Diener für seinen Freund und dessen Gattin lebt und arbeitet. Derart in Liebe zur Frau seines Freundes entbrannt erfindet er eine Nebenliebe zu einer Zirkusartistin, damit die Liebe der Gattin tunlichst nicht erwidert werde; am Ende kann das Gattenpaar die verborgene Liebe ahnen, doch der servile Pole ist verschwunden. Ehrenvolle Entsagung, wie sie auf befremdliche Weise doch öfters in der menschlichen Komödie erzählt wird.

I.13 – La Fausse Maîtresse, 1842
15. April 2008














Zwei keusch erzogene Schwestern geraten an unterschiedliche Gatten nachdem sie die Knute ihrer Mutter verlassen haben. Ihre Brüder, erzogen vom eher liberalen Vater, machen Karriere. Die eine, lebenstüchtigere, gerät als Gräfin Vandenesse in sichere und geordete Verhältnisse; die andere zieht einen Zeitungsmacher, Hasardeur und fragwürdigen Theater=Dichter an, Raoul Nathan, der sich in politisch-ökonomische Ränkespiele verstrickt: Während er glaubt, die Fäden zu ziehen, sich zwischen politischen und auch erotischen Möglichkeiten frei hin- und herbewegen zu können – ist er es doch, der um- und eingesponnen wird in ein Netz aus Abhängigkeiten, drohender Armut und Inhaftierung.

Am Ende rettet Frau du Tuillet, die lebensuntüchtigere Schwester ihren Liebhaber, indem sie wieder andere in Abhängigkeiten hineindredet, nicht zuletzt einen Asylsuchenden, ihren deutschen Musiklehrer, der naiv sich ihr verschreibt. Am Ende retten sie ihre Schwester und deren großzügiger Gatte, sie richten alles wieder gerade. Der Hasardeur und Dichter endet auf einem bescheidenen Pöstchen, ebenso Sklaver der Ökonomie wie alle. Die Liebe, die Sehnsucht: ein enttäuschender Wunschtraum.

I.14 – Une fille d’Ève, 1839
30. Mai 2008














Ein junger Mann nimmt am Tod eines Mitreisenden teil; er benachrichtigt hernach dessen heimliche Geliebte, die halb verzweifelt. Ihr Gatte bleibt stoisch und verfressen, in allen Hinsichten. Die Geliebte aber ist ihm unendlich dankbar und übergibt dem Überbringer der schlechten Nachricht auf heimlichem Wege eine tüchtige Menge Gold. Dieser und seine Liebste wieder umarmen sich am Ende, was wohl der gesamte Sinn dieser Erzählung (wie an ihrem Anfang angedeutet) gewesen zu sein scheint.

I.15 – Le Message, 1833
3. Juni 2008














Ausbiebig wird eingangs ein idyllisches Fleckchen Land und die Kleinstfamilie der alleinerziehenden Frau Willemsen und ihrer beiden Söhne beschrieben; die Idylle kränkelt an der schwachen Erscheinung der Mutter, die zunehmend deutlicher als moribund erkennbar wird. Die Söhne erzieht und stärkt sie, vor allem den Ältesten, als künftig erwachsene. Ihr Tod wird genüßlich erzählt als ein planvolles Übergeben der Verantwortung an den Ältesten: der, soeben noch Kind, nun zum Erwachsenen werden muss. Oder, wie der letzte Satz sagt: zum Vater.

Die Wechselfälle und Unvorhersehbarkeiten, mit denen Balzac so gerne arbeitete und die so lebensvoll wirken, sie fehlen hier. Zu planvoll ist das Arrangement. Den Leser gelüstet es förmlich nach einem Durchkreuzen der betulich gesetzten Pläne der Sterbenden. – Wir hier Balzac kenntlich als doch allzu planerischer Konzeptautor? Tatsächlich ein Soziologenschriftsteller?

I.16 – La Grenadière, 1832
6. Juni 2008














Der junge Mann Gaston de Nueil kommt in ein Provinzkaff (das eingangs natürlich wieder ausladend beschrieben, proto-soziologisch nach Idealtypen sortiert wird) und arrangiert sich nach einiger Zeit mit den zunächst abgelehnten Gewohnheiten. Er schwärmt, angeregt in einem Whist-Salon, zunehemend für die Vicomtesse de Beauséant, die zurückgezogen in der Bas-Normandie lebt.

Abgewiesen von ihr bleibt er dennoch ahrtnäckig, sie öffnet sich leicht für ihn, seine Unnachgiebigkeit lässt sie abreisen. Er reist hinterher, in fremdem Ausland, bei Genf, finden beide zueinander und bleiben dort 9 Jahre lang. Sie ungeschieden von ihrem Gatten, er als junger Mann.

Als eine jüngere, heiratswillige Schönheit in sein Leben tritt, erkennt die Vicomtesse das Ende dieser langen Affaire. Sie legt ihm ein Ende nahe, er nimmt es an, sie hätte es anders erhofft. Schnell heiratet er die gute Partie, bestärkt durch seine Mutter. Die Vicomtesse vereinsamt.

Ein letzter vergeblicher Annäherungsversuch wird von ihr wiederum zurückgewiesen. Während seine junge, etwas matte Gattin musiziert, tötet er sich. Der Erzähler rechtfertigt diese Tat als einzigen, fast notwendigen Ausweg aus dem unauflöslichen Widerspruch von Begehren und Lebenswirklichkeit.

I.17 – La Femme abandonnée, 1833
13. Juni 2008














Bei einem Diner erzählt der Generalkonsul die Geschichte seiner Jugend. Bei einem hochrangigen Beamten und Politiker namens Graf Octave beginnt er zu lernen; und lernt dort zugleich die Entsagung kennen, mit der dieser arbeitsame, pflichtbewusste Herr nach der überraschenden Trennung von seiner Frau, lebt. Diese Frau umsorgt er finanziell und in Gütern, ohne dass diese das Geringste hiervon ahnen würde. Der Erzähler, genannt Maurice, nähert sich dieser Dame an, als verrückter Blumenliebhaber und Frauenverächter.

Maurice eröffnet ihr die Verbindung, die immer noch zu ihrem Gatten besteht; sie ist verwirrt und bindet sich vordergründig wieder mit diesem, spürt ejdoch auch die Hingabe von Maurice. Am Ende, sie verfällt zunehmend und schützt eine Knochenkrankheit vor, schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie ihr Schicksal ihm darlegt.

Maurice hat sicher geheiratet. Honorine stirbt. Ihr Gatte wandert aus. Die Abendgesellschaft, die diese Erzählung hörte, sinniert und klagt.

I.18 – Honorine, 1843
20. Juni 2008














Es braucht lange, bis der Erzähler eine konkrete erzählerische Situation beschreibt. Nun: die vor ihm liegende Strecke von etwa 480 Seiten braucht auch einen gebührenden Anlauf, eine angemesen groß=gedachte Titelsequenz.

Die junge, unerfahrene Hauptfigur des bretonischen Calyste neigt sich zunächst sehnsuchtsvoll der Autorin Camille Maupin zu, die einer George Sand offensiv angeähnelt wird: zeitgenössisch wohl eine als unfraulich abgewehrte Angstfigur. Die Weisheit dieser Autorin zeigt sich nun darin, dass sie wohl bedacht aus mütterlich-fürsorglicher Liebe auf Abstand zu Calyste geht. Ein weises Handeln, das dialektisch gedacht nun genau die maskuline Liebe dieser Frau vorstellen soll.

Die ausladenden Beschreibungen, Empfindungsreden und Liebeshändeldialoge (auch in Calystes Familie, auch beim Gesellschaftsspiel der Mouche) der ersten 150 Seiten machen klar: Dieses teils undurchdringliche Dickicht der Rede- und Beschreibungsgirlanden wie auch andererseits die Wüste der Szenerie in diesem 19. Band der Comédie humaine waren es, in denen auffällig viele Gesamtlektüre-Ambitionen anderer LeserInnen scheiterten.

Aber: Zur Hälfte des Romanes nimmt er endlich an Fahrt auf, er findet sein Zentrum in den liebessuchenden und -abwehrenden Briefen, die Calyste mit Béatrix de Rochefide tauscht. Natürlich können beide nicht zueinander kommen, der junge, unerfahrene Heißsporn vom Lande und die ausgebuffte, urbane Marquise. Calystes Zerstörung mündet also in die Hochzeit mit einem noch unerfahreneren Mädchen, Sabine, die ob ihrer Ähnichkeit zu Béatrix zunächst gefällt; sehr bald aber nur die Erinnerung an diese betont. Calysten verfällt ihr wiederum.

Zum Ende des Romanes wird er allerdings durch eine kunstreich arrangierte Folge von Intrigen: dem getrennten Mann der Marquise wird seine neue Frau abspenstig gemacht und die Marquise selbst wird über den Umweg eines urbanen Charmeurs wiederum diesem ihrem getrennten Mann, dem Marquis de Rochefide angenähert. Stets nach folgender Maßgabe:
»Soyez marquis et quadragénaire, ou sexagénaire et marchand retiré, six fois millionnaire ou rentier (Voir Un Début dans la Vie), grand seigneur ou bourgeois, la stratégie de la passion, sauf les différences inhérentes aux zones sociales, ne varie pas. Le coeur et la caisse sont toujours en rapports exacts et définis.« (p. 54)

Am Ende wird Calyste wird dazu gebracht, einzusehen, dass Béatrix eine falsche Angebetete gewesen sei und er gesteht seiner Sabine die ewige liebe.

I.19 – Béatrix, 1839
10. August 2008














Gobseck ist sicherlich eines der Meisterwerke Balzacs: sowohl der Roman als auch die Figur. Auf knapp 80 Seiten entsteht (in der Erzählung eines gut befreundeten, jungen Anwaltes für seine Tischdame) das Portrait eines archetypischen Wucherers vulgo: Bankiers und Kreditleihers, das Inbild des Kapitalisten. Ein Mensch, der in vordergründig ärmlicher, sinnenarmer Umgebung seine Tage fristet; kaum Freude und Freunde, keine Frauen, kein vordergründiger Genuß; ein Mensch, der all seine Lebenskraft und seine Lust offenbar aus den Arrangements des Kreditgebens, der Rückzahlungs- und Vertragsmodalitäten gewinnt.

Am Ende gewinnt Gobseck aber durch kluge Arrangements und Klauseln, gemeinsam ausgehandelt mit dem jungen Anwalt, ein durchaus üppiges Anwesen, das er weiter ausbaut und gedeihen lässt; und das nach seinem Tod dann (wie vertraglich versprochen) dem rechtmäßigen Erben der in Unglück geratenen Familie wieder überschrieben wird.

I.20 – Gobseck, 1830
13. August 2008














Diese Geschichte eines Wiederauferstandenen hat mindestens das Format von Gobseck. Ein Oberst, am 8. Februar 1807 gefallen im vierten Koalitions- oder Napoleonischen Krieg, gegen Preußen geführt von Napoleone Buonaparte in der Schlacht in der Nähe der ostpreußischen Kreisstadt Preußisch Eylau (Bagrationowsk im heutigen Russland), zum preußischen Schutze der Stadt Königsberg, kehrt wieder; vom französischen Kaiser Napoléon war er schon höchstoffiziös zwar für tot erklärt worden, die Presse hatte darüber geschrieben. Doch geschützt unter einem Pferdeleib war er noch gerettet worden, wurde von den deutschen Rettern gesundgepflegt und vegetierte von da an dahin, vogelfrei wandernd, irre, immer wieder eingekerkert und verlacht, ohne jede Legitimation, dass er tatsächlich der Colonel Chabert sei, der er behauptete zu sein und der doch höchstoffiziös verstorben und gefallen sei auf dem Felde von Eylau?

Dieser Colonel Chabert sucht nun beim Anwalt Derville (den wir zuvor beim Wucherer Gobseck als jungen Lehrling in den Vertrags- und Handlungsdingen erlebt haben) seine Legitimation wieder zu erhalten: Um von seiner Frau zumindest den ihm zustehenden Anteil seines eigenen Vermögens zu erhalten, das dieser Frau naturgemäß nach seinem mutmaßlichen Tode als Witwenrente zugesprochen worden war. Sie lebte nun mit ihrem neuen Mann, dem Grafen Ferraud und ihren gemeinsamen ersten beiden Kindern und hatte auf einige Briefe des Colonel nicht reagiert, obwohl die Handschrift offensichtlich die seine gewesen. Die Angst um Status- und Vermögensverlust lässt und Menschen im Unglück halten.

Anwalt Derville, dessen Kanzlei und dessen Arbeitsethos (Aktenstudium und Plädoyersentwurf zwischen 1 und 4 Uhr nachts, Kanzleiermine bis Mittags, abends bis spät gesellschaftliche Verpflichtungen) wir gleichfalls kennenlernen, bemühte sich um einen Vergleich, lernte auch die beschämenden, doch durchaus versprechenden Lebensumstände des Colonel kennen und versuchte Gräfin und Colonel zumindest zum einvernehmlichen Ausgleich zusammenzubringen. Die Begegnung eskaliert, beide fliehen auseinander. Am Ende fängt die Gräfin außerhalb von Dervilles Kanzlei ihren wiederauferstandenden Gatten Colonel wieder ein, umschmeichelt ihn, dass seine Milde und Erlösungssucht sich traulich dieser erhofften Öffnung wieder zuneigt. Beide fahren auf’s Land, wo sie ihn weiter umschmeichelt, die Härte seiner Forderungen aufweicht (ich denke an Mario Perniolas Beschreibung der totalitären Ideologie der Kommunikation als Aussagenaufweichung und Zerquirlung jeder Klarheit), bis er vor lauter Edelmut und Wunsch, dass sie doch glücklich lebe, von seiner Suche nach Legitimation Abstand zu nehmen ansinnt.

Glücklicherweise wird er argwöhnisch, empört sich über die Formulierung in einem Abstandsvertrag und belauscht die Pläne seiner Frau mit ihrem Handlanger Delbecq. Colonel Chabert verlässt sie endgültig, enttäuscht und entliebt und hat sie dadurch so sehr in der Pflicht, dass auf eine kleine Note hin sie schließlich widerwillig alle Auslagen des Anwalts Derville begleicht. Dieser begegnet Chabert noch weitere Male, in denen er in dem Wiedergeborenen einen glückseligen Bettler, Irren und Obdachlosen sieht. Enfin, toutes les horreurs que les romanciers croient inventer sont toujours au-dessous de la vérité.

I.23 – Le Colonel Chabert, 1835
17. August 2008














Der genialische Kraftmensch und berühmte Chirurg Desplein – ein ausgesprochener und spöttisch-rationalistischer Atheist – wird von seinem Adepten Horace Bianchon dabei beobachtet, wie er an wiederkehrenden Tagen im Jahr höchst inbrünstig einer von ihm selbst gestifteten Messe beiwohnt.

In der zweiten Hälfte dieses kurzen Stückes von knapp 30 Seiten erzählt Desplein seine entsagungsvolle Studienzeit und wie er darin gerettet wurde von einem kaum wohlhabenderen, aber aufopferungsvollen, höchst christlichen Wasserträger.

Dessen Tod führte Desplein dazu, ihm zu danken mit regelmäßigen Messen zu seinem Ruhme.

I.24 – La Messe de l’athée, 1836
19. August 2008














Julie, ein junges Mädchen hat sich verguckt in den Ordonnanzoffizier d’Aigelmont, der 1813 in Napoléons Armee zur Völkerschlacht bei Leipzig dient. Ihr Vater warnt sie noch während der militärischen Abschiedszeremonie vor dem Unglück, dass dieser Militär ihr als liebloser Gatte bringen würde. Ein harter Schnitt: Wir sehen die Marquise Julie, wie sie wenig später, blasiert, deprimiert, gelangweilt, mit ihrem Gatten Aiglemont nach Tours fährt; ein expartiierter Engländer bewundert sie über Jahre stumm und ohne Bemühung der Kontaktaufnahme. Sie gebiert eine Tochter, Helene, für die sie beabsichtigt, ihren nunmehr Jahrelang dauernden Rückzug, ja ihre depressive Bettlägerigkeit aufzugeben.

Beeindruckend ist die Übersezung von Ericht Noether, die unglaublich klar und durchsichtig die Zusammenhänge von Balzacs Erzählung eindeutscht und vertsändlich macht. Von den bisherigen ÜbersetzerInnen scheint Noether der klarste und intensivste Übersetzer.

Julie wird geheilt von Lord Glenville, der sie schon auf ihrer Hochzeitsfahrt nach Tours entdeckte und seither täglich zweifach am Haus ihrer Gastgeberin in Tours vorbeiritt; der Lord heilte sie, Julie erkannte seine Liebe, erwiderte diese; sie zeigte dies jedoch nicht bevor sie ihm bei einem bergsteig bekannte, er solle abreisen, sie könnten unmöglich zusammenkommen: Sie wolle von nun an Keuschheit halten.

Später im Leben, mit den dreißig Jahren des Titels wird sie noch einmal in Versuchung geführt, sie liebt den Diplomaten und Gesellschafstmenschen Charles de Vandenesse (schon bekannt aus Une fille d’Ève, Roman No. I.14); doch sie versagt sich dieses mögliche Glück, abgesehen von einem zartesten Kusswunsch. Wir sehen sie einige Zeit später, ihr Unglück durchdringt sie und ihre gesamte Familie, ihre Ablehnung Helenes ist zu deren Widerspenstigkeit geworden; das zweite Kind behandelt Julie freundlicher, unversehens wird es bei einem Spaziergang in der Natur getötet, durch Helenes Ungeschicklichkeit oder Geschicktheit.

Wiederum Jahre später sehen wir die Familie am Weihnachtsabend, die Dienerschaft ausgegangen, wie sie von einem gejagten Mörder heimgesucht wird, dieser um Asyl bittet, das ihm konsterniert gestattet wird. Helene begegnet ihm und verschreibt sich ihm. Beide flüchten, Helene bricht mit ihrer Familie (eine arge Räuberpistole das); und wiederum Jahre später trifft ihr Vater seine Tochter und den Räuber wieder als derselbe das Schiff auf dem er reiste als Pirat enterte und ausraubte.

Am Ende leidet Julie am Leben ihrer Tochter Moine, die den Sohn des Diplomaten Vandenesse geehelicht hat; Julie will ihr gut raten für ihre Ehe – und wird doch nur zurückgewiesen. Eine Zurückweisung, die sie in Stupor verfallen lässt. Sie stirbt.

I.21 – La Femme de trente ans, 1834
23. September 2008














Again, dieses XXII. Erzählwerk der menschlichen Komödie startet wieder mit überlangen Schilderungen der Einzelheiten von Wohnlage, Einrichtung und Stadtraum sowie einer exponierenden Ausführung der einzelnen dramatis personae. Ein statischer Eindruck macht sich immer breit auf diesen Seiten, ermüdend: offensichtlich geschrieben in einem flüchtigen, unter Tageszeitungspublikationsdruck entstehenden Fluss, unter leicht entfliehender Aufmerksamkeit des Autors selbst. Darum fesselt er sich selbst an die statischen Beschreibungen von Ort, Zeit und Protagonisten: Um sich selbst bei der Sache zu halten. Der Leser aber spürt dies, merkt die gezwungene Selbstfesselungsanstrengung. Er (ich) möchte lieber mit der Erzählflucht Balzacs davonreiten, darauf -surfen.

Nach über hundert Seiten endlich scheint klar, worauf dieser Roman zusteuert. Während Anfangs noch die Person des Père Goriot selbst als problematischer Protagonist erschien, wird langsam klar, das der Student Eugène de Rastignac (der uns schon zuvor begegnet war, im Roman No. I.2 Le Bal de Sceaux und No. I.14 Une fille d’Ève ehrgeizig darum ringt, ein angemessenes Einkommen zu gewinnen und zugleich eine schöne Frau, die diesem dienlich wäre.

Restignac lässt sich mit verschiedenen Geldgebern, -leihern und Wucherern sowie begehrenswert=wohlhabenden höheren Töchtern jeweils soweit bis zum nahen Rechtsbruch ein (u.a. mit dem vierschrötigen Pensionsmitbewohner Vautrin), dass er schließlich im richtigen Moment entscheiden kann, zu welcher Familie und Mischpoke er sich in aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bekennt und seine Liebe eingesteht: Als Vautrin festgenommen und als Krimineller durch die Pensionsmitbewohner Poiret und Mdme. Michonneau enttarnt wird, schlägt Rastignac sich gleich auf die Gegenseite, zu Tochter und Vater Goriot.

Dessen Hundeliebe zu seinen Töchtern umfasst nun auch Rastignac, ihm wird eine Wohnung und ausreichend Vermögen angeboten, Rastignac verfällt ganz der Tochter, beglückt um diese neue Familie. Doch schnell zeigt sich, dass die beiden reichen Töchter sich einen Dreck um ihren so aufopferungsvollen Vater scheren (der um ihr luxuriöses Wohlergehen willen in immer ärmlicheren Umständen lebt), sobald es ihnen wieder gut geht. Sie stehen ihm nicht einmal mehr in den letzten Todesstunden bei. Rastignac pflegt ihn.

Der alte Vater bäumt sich noch einmal auf, verflucht seine undankbaren Töchter (die später, nach seinem Versterben, sich noch einmal losreißen können, aus Kater, Krankheit und Gattenkonflikten); endlich verstirbt er und hält im Delir die beiden ihn pflegenden Studenten Rastignac und Bianchon für seine Töchter.

Der sich selbst täuschende Vater wird ohne jede Unterstützung seiner Töchter begraben (ihre Gatten fangen die Bitten Rastignacs ab). Rastignac hat seine Lehre über die Dankbarkeit in Paris hinter sich: »We are all useless idiots!«

I.22 – Le Père Goriot, 1835
8. Oktober 2008














Der 25. Roman, meine silberne Hochzeit mit Balzacs Comédie. Er beginnt mit zwei Figuren aus dem Père Goriot, Rastignac und Bianchon. Die den Rest des kleinen Novellchens nicht mehr erscheinen.

Die Geschichte um den für nicht-zurechnungsfähig verleumdeten Marquis d’Espard schleppt sich allerdings leider nur in ermüdend-übrausführlichen Szenerie-Schilderungen und ebenso statischen Mauerschauen von längst geschehenen Ereignissen dahin.

So dass am ende nicht einmal mehr die Suspension des wohlwollend ermittelnden und höchst menschenfreundlich handelnden Strafrichters schockiert.

I.25 – L’Interdiction, 1836
14. Oktober 2008














Eingangs versucht de Marsay seinen adeligen Freund und Junggesellen Paul de Manerville noch davon zu überzeugen, dass die Ehe einem Adeligen nur einen Abstieg und eine Beschneidung der eigenen Lebensmöglichkeiten bedeuten könne. Doch de Manerville entgegnet: Moi, j’aime l’échange constant et doux de la vie, je veux cette bonne existence où vous trouvez toujours une femme près de vous…

In diesem kleinen Roman wird Balzacs Hauptthema – Monetarisierung der Liebe und der Ehe – zu einem vorläufigen Höhepunkt geführt. Denn das Werben von de Manerville um Natalie Evangelista wird erzählerisch umgehend auf die Frage zugespitzt, wer im Zuge der Ehevertragsverhandlungen wen auf welche Weise zu übervorteilen und darüber zu täuschen in der Lage sein kann? Titelheld ist folgerichtig auch eben dieser Contrat de mariage. Eine Anthropologie kapitalistischer Monetarisierung?

Die Verhandlungen selbst werden von den Eheleuten entfremdet, die ahnungslos miteinander tändeln, während der de Manervilles alter Notar Mathias mit Evangelistas jungem Notar Solonet beruflich miteinander ringen. Jede der beiden Seiten meint wechselweis’ triumphieren zu können; doch fünf Jahre nach Eheschließung verlässt Paul de Manerville Frankreich, um in Indien sein Glück und ein Vermögen zu machen. Er will seine allzu angebetete Gattin Natalie nicht ihr gewohntes Luxusleben entziehen. Alles Geld ist durchgebracht.

Der (leider zuspät geöffnete) Brief seines Freundes de Marsay eröffnet ihm: Er wurde von seiner Frau und Schwiegermutter betrogen. Sie halten die Schuldscheine, die ihn knechten und nach Indien vertrieben haben. Seine angebetete Frau vergnügte sich schon lange mit einem Nebenbuhler.

I.26 – Le Contrat de mariage, 1835
21. Oktober 2008














In einem Salon unterhalten sich Aristokraten, ein ehemaliger Minister, Gräfinnen und wohlhabende Herren über die Verluste an Stil und Lebensart in der neuen, postrevolutionären Zeit. Geschichten werden erzählt, die anhand des Leidens einzelner dies verdeutlichen; Figuren der alten Zeit werden erzählt.

I.27a – Autre étude de femme, 1839
23. Oktober 2008














Es wird die kurze, aber beeindruckende Geschichte (die an Edgar Allan Poes wenige Jahre später erschienenen The Fall of the House of Usher gemahnt) von einem flüchtigen, spanischen Gefangenen erzählt, der im nun vollkommen verfallenen Hause der Grande Bretèche unterkam; die Gräfin schützte ihn, ihr Mann kam ihr auf die Schliche, versuchte sie zu einem Bekenntnis und Eingeständnis zu bewegen. Als sie dies nicht tat, lies er den von ihm geahnten geheimen Aufenthaltsort zumauern, er durchschaute die Pläne seiner Frau. Er ließ den flüchtigen hinter der Mauer verenden, immer in Anwesenheit seiner Frau, die ihm auf ein Kruzifix geschworen hatte, dort hielte sich niemand auf.

I.27b – La Grande Bretèche, 1832
24. Oktober 2008














~ ~














Ich beginne die Lektüre des Deuxième livre: Scènes de la vie de province mit Ursule Mirouët. Erst am dritten Tag fasse ich einigermaßen Fuß. Ist Balzac selbst verwirrt, wie er das Provinzeleben narrativ erfassen soll? Fahrig springt er von Person zu Person, will zu viele Einzelheiten zu schnell und zu ausführlich erläutern; als Leser wirble ich einigermaßen verwirrt umher. Erst ab Seite 60 etwa entfaltet sich so etwas wie das Lebensgefühl in der Provinz. Die Namen- und Sippenzuordnungen bleiben einigermaßen undeutlich und sprunghaft: teils sicherlich aus Balzacs Absicht, teils auch aufgrund meinem eigenen, beschränkten Verständnis für Familienzusammenhänge sowie meiner Schwerfälligkeit im Begreifen zu komplexer Figurenkonstellationen: les Minorets, les Massins, les Levraults et les Crémières, les Massin-Crémières, les Levrault-Massins, les Massin-Minorets, les Minoret-Minorets, les Crémière-Levraults, les Levrault-Minoret-Massins, les Massin-Massins, les Crémière-Massins. Der Roman spielt in Nemours, einer Stadt südlich von Paris, im Département Seine-et-Marne in der Region Île-de-France, an einem Fluss namens Loing gelegen.

Nach etwa 70 Seiten ist klar: Erzählgegenstände des Romanes sind vor allem die kleine Tochter Ursule Mirouët, erzogen von Junggesellen verschiedener Profession und Herkunft, sowie der Mesmerismus als Erscheinung und Praxis. Doch selbst nach fast 200 Seiten, wenn die Verwicklungen, Fronten, die Täuschungen und Begehren allmählich sich entfalten und ineinander verknoten, da bleiben die Figuren und ihre Haltungen allzuoft blass und dürftig. – Ich zögere: was hat es zu bedeuten, dass dies der erste Roman ist, den ich von Balazc lese, der in’s Deutsche von Walter Benjamin übertragen wurde? Ob das Übersetzen eher eine Schwäche von ihm gewesen sein könnte?

Immerhin gegen Ende, mit zunehmenden Turbulenzen der Erzählung, nahm auch der Roman an Fahrt auf, es las sich gut und die Erzählung hat wieder einiges gut gemacht.

II.1 – Ursule Mirouët, 1841
9. November 2008














Im Anfang lässt sich der zweite Roman des Provinzszenenbuches ganz süffig an: Die Szenerie wird konzis genug beschrieben; das Personal nur beschränkt skizziert, nach rund 30 Seiten ist der Haupthandlungsstrang – die Verheiratung der Großpatriziertochter Eugénie Grandet – erreicht. Ich bin wieder in der Serie drin! Il tira la plus délicieuse montre plate que Breguet ait faite. Tiens, mais il est onze heures, j’ai été matinal.

Der junge Neffe eines Pariser Bruders ihres Vaters kommt zu Besuch, verwöhnt und dekadent, zunächst die klassische Konfrontation von Stadt- mit Landmaus; doch der Pariser Bruder lag im Sterben, Eugénies Vater (centimefuchsender Winzer und Böttcher) ist nun auch für diesen Neffen verantwortlich, Charles. Vater Grandet, der geizhals unternimmt kluge Anstrengungen durch Umkapitalisierung und Remonetarisierung Renten für alle Beteiligten zu sichern. Charles selbst nimmt die damals typische Indienreise auf sich, um neureich geworden dann wieder in Paris renommieren zu können. In den Tagen und Wochen der neu entdeckten, ländlichen Armut entdeckt Charles allerdings die Schönheiten von Eugénie, beide vergucken sich ineinander und schwören sich vor seiner Abreise ewige Treue und Liebe. Eugénie hält die Rituale, wächst nach Vaters Tod zur neuen, starken Frau heran, verheiratet sogar ihre alte Hausbesorgerin Nanon höchst lukrativ.

Nach der Rückkehr erfährt sie, dass Charles sich strategisch verheiratet; sie selbst bietet dich dem Gerichtspräsidenten Bonfons (Ex-Cruchot) an, unter der Bedingung, nie die Ehe zu vollziehen. Beide heiraten, er stirbt früh, sie fristet ihr Leben. Ein anderer, alter Interessent an Eugénie buhlt nun um sie.

II.2 – Eugénie Grandet, 1833
26. November 2008














Anfangs ist noch unklar, wohin die Schilderungen führen; bald zentriert sich das Erzählen auf die Geschwister Rogron, d.h. Sylvie und ihren Bruder, ihr einsames und doch so strebsames Leben im Städtchen Provins. Endlich kommt Pierrette zu ihnen, die junge, ahnungslose Nichte, die ein leichtes Opfer für den Ehrgeiz der Rogrons wird.

Herzlos wie diese beiden célibataires sind (laut Balzac in Ermangelung eines leidenschaftlichen Erlebens in ihrem Lebenslauf), können sie nur ihre erzieherische Verkäufer- und Abteilungsleitermentalität (beide arbeiteten zuvor in einem Textilgeschäft) auf dieses junge, zerbrechliche Mädchen anwenden. Sie zerbrechen es.

Dessen Liebe zum jungen Schreiner Brigaut, den sie seit ihrer Kindheit kennt, verehrt und dem sie vertraut, dieser unschuldig-innigen Liebe misstrauen und sie missdeuten sie. Sie verfolgen Pierrette, es kommt nahezu zu Gewalttaten zwischen Sylvie und Pierrette, bis deren Großmutter sie abholt. Die besten Ärzte Paris’ untersuchen und pflegen sie, politische Händel durchziehen die Ehe- und Vormundschaftshändel; am Ende sollte Pierrette gar im Tod noch seziert zum Ruhme der Rogrons werden. Der am Ende sich im gossip nach Pierrettes Tode doch noch Bahn bricht. Ein weiteres, schwaches Menschenkind, das Balzac in seinen Büchern brechen und sterben lässt.

II.3 – Les célibataires, 1ère histoire: Pierrette, 1840
3. Dezember 2008














Tours, une des villes les moins littéraires de France ist der Ort, an dem der Autor uns den etwas dümmlich-wehleidigen und hochmütig-strebsamen Abbé Birotteau beobachten lässt. Cet endroit est un désert de pierres, une solitude pleine de physionomie, et qui ne peut être habitée que par des êtres arrivés à une nullité complète ou doués d’une force d’âme prodigieuse.

Wir erleben seinen Einzug in die ersehnte Pensionswohnung nach dem Tod eines Gönners – und wie Birotteau selbst an seinen eigenen Ambitionen scheitert. Das Thema der weltunerfahrenen célibataires wird immer deutlicher. Deutlicher wird leider auch, wie sehr in all den verschiedenen Übersetzungen in’s Deutsche die gewisse Lakonie und Härte Balzacs aufgebläht und -geblasen wird zu teils irrsinnig bedeutungsschwangerem Gesülze. Sprich: Eine neue Übersetzung der gesamten Comédie Humaine tut dringend not!

Am Ende wird alles rechtlich und diplomatisch geregelt; der dümmliche Abbé ist nur Steinchen in einem größeren Spiel. Er fristet sein Leben enttäuscht und frustriert; verbannt.

II.4 – Les célibataires, 2ème histoire: Le Curé de Tours, 1832
7. Dezember 2008














Nach einigen einführenden Schlängelbewegungen der Genealogie und des Millieus gelangen wir zur Erzählung der beiden Brüder Philippe und Joseph: ersterer vordergründig lebenstüchtiger Draufgänger, letzterer weltabgewandter Künstlertypus.

Ich beginne Johannes Willms’ Balzac-Biographie zu lesen. Zwar ist sie recht informativ und sicherlich umsichtig geschrieben; doch liest sie sich ungefähr so anregend und geistvoll wie eine Spiegel-Reportage. Mich gruselt und ich habe Angst.

Die Erzählung nimmt immer wieder umstandsreiche Nebenwege, um Vorgeschichten zum Verständnis der eigentlichen Hauptgeschichte der beiden Brüder einzuflechten, zu der sie dann aber (wenn auch manchmal erst nach 100 Seiten) immer wieder zurückkehrt.

In vielen Enttäuschungen, überraschenden Wendungen und Wiederumwendungen wird deutlich, dass die Affenliebe der Mutter Agathe Bridau zu ihrem draufgängerischen Tunichgut und Militaristen Philippe unaufhörlich ausgenutzt und missbraucht wird – bis zu dem Punkte, an dem er ihr sogar den Tode wünscht, damit sie den Aufstieg zur letzten Karrierestufe als Comte de Brambourg nicht im Wege stehe.

Ihr anderer Sohn jedoch, Joseph Bridau, den sie als schwächlichen, hingebungsvoll=verträumten kaum wirklich ernsthaft lieben konnte, er ist es, der ihr in allen Lebenslagen unermüdlich beisteht, sie unterstützt, sogar seinem nichtsnutzigen Bruder immer wieder hilft – um am Ende dann, in den letzten Stunden und Tagen ihres Lebens, als sie durch den letzten, schroffen Absagebrief des Draufgängers im Sterben liegt, doch noch die ganze, ihm gebührende, überquellende Mutterliebe zu erfahren:

Agathe prit la main de son fils, la baisa, la garda sur son coeur, et le contempla pendant long-temps en lui montrant l’azur de ses yeux resplendissant de la tendresse qu’elle avait réservée jusqu’alors à Philippe. Le peintre, qui se connaissait en expression, fut si frappé de ce changement, il vit si bien que le coeur de sa mère s’ouvrait pour lui, qu’il la prit dans ses bras, la tint pendant quelques instants serrée, en disant comme un insensé: – O ma mère ! ma mère !

Am Ende wird jedoch – in einer etwas rabiat poetische Gerechtigkeit herbeiführenden Schlusspassage auf knapp 3 Seiten – dem Draufgänger seine Selbstüberschätzung, die ihn schon so oft hat viele Tausende Franc verlieren lassen, nun endgültig zum Verhängnis: In der Hoffnung ruhm- und vermögensreicher General bei einer Schlacht in den algerischen Restaurationskriegen des Charles X. zu werden, endet er mit abgeschnittenem Schädel; sein treuer Bruder aber erbt seine Grafschaft und setzt seinen mählichen Aufstieg zum Malerolympu unbeirrt fort.

II.5 – Les célibataires, 3éme histoire: La Rabouilleuse, 1842
22. Dezember 2008



























Diese kleine, unscheinbar-knappe Erzählung (etwa 50 Seiten) scheint am Ende kaum mehr gewesen zu sein als der Streich vermeintlich primitiver Provinzler, den sie einem überheblichen Geschäftsreisenden – lies: Generalaufschwatzer – aus Paris spielen; und der am Ende mit einer hübschen Anekdote von eben der Dümmlichkeit der Provinzler und einem für alle ruhmvoll-fehlgehenden Duell der beiden Amntagonisten davonkommt.

Tous les vrais grands hommes aiment à se laisser tyranniser par un être faible

Doch mehr ist diese Erzählung eine kleine, beispielhafte Studie des unternehmerischen Charakters in seiner ganzen, Kulturen und Epochen überwölbenden, selbstbesoffenen Dummdreistigkeit und letztlich menschenverachtenden Laberkunstfertigkeit: Den Eskimos die Kühlschränke verkaufen wollen – und am Ende nichtextistente Fischgräten aufgeschwatzt kriegen.

Frohe Weihnachten! Dieser nunmehr 35. Roman der Comédie humaine eröffnet das nunmehr zweite Jahr meiner Lektüre oder, um mit dem hochgeschäftzten Eckehard Knörer zu sprechen, meines Versuchs, den Mount Everest der Literatur des 19. Jahrhunderts zu bezwingen. Wiewohl der Heroismus, das aventuriöse Selbstverleugnen mir darin wenig dominant scheint. Vielmehr ist es ein bleibender Genuss, eine unaufhörliche Schulung in den Grundlagen der Kultur und des Denkens und Lebens einer kapitalistisch=monetaristischen Massengesellschaft.

Quant à la fainéantise, elle est sublime et admirablement exprimée par ce dicton populaire: – Tourangeau, veux-tu de la soupe ? – Oui. – Apporte ton écuelle? – Je n’ai plus faim.

II.6 – Les Parisiens en province, 1ére histoire: L’Illustre Gaudissart, 1832
25. Dezember 2008














Nach den üblichen, gewundenen Annäherungen über Schilderungen der jeweiligen Region Frankreichs, eines gewählten Sprengels (hier: Sancerre im département du Cher, in der région Centre), sowie der Gepflogenheiten einiger Ureinwohner, gelangt der Erzähler schon nach wenigen dutzend Seiten zur Frage der Entwicklung seiner Hauptperson: der jungen, begabten Dichterin Dinah Piédefer, verheiratete de la Baudraye. Ihr Gatte stellt ihrem Ehrgeiz einige Aufgaben:

Doux comme tous les gens qui suivent un plan de conduite, il paraissait rendre sa femme très-heureuse en ayant l’air de ne jamais la contrarier, il lui laissait la parole, et se contentait d’agir avec la lenteur mais avec la ténacité d’un insecte.

En se voyant écoutée avec extase, elle [Dinah; HS] s’habitua par degrés à s’écouter aussi, prit plaisir à pérorer, et finit par regarder ses amis comme autant de confidents de tragédie destinés à lui donner la réplique. Elle se procura d’ailleurs une fort belle collection de phrases et d’idées, soit par ses lectures, soit en s’assimilant les pensées de ses habitués, et devint ainsi une espèce de serinette dont les airs partaient dès qu’un accident de la conversation en accrochait la détente. […] Douée d’une belle mémoire, et de ce talent avec lequel certaines femmes se servent du mot propre, elle pouvait parler sur toute chose avec la lucidité d’un style étudié.

Il existe dans l’admiration qu’on inspire, ou dans l’action d’un rôle joué je ne sais quelle griserie morale qui ne permet pas à la critique d’arriver à l’idole. Une atmosphère produite peut-être par une constante dilatation nerveuse fait comme un nimbe à travers lequel on voit le monde au-dessous de soi.

Le public de province, comme tous les publics français peut-être, adopte peu la passion du roi des Français, le juste-milieu: il vous met aux nues ou vous plonge dans la fange.

Un profond désespoir ou une stupide résignation, ou l’un ou l’autre, il n’y a pas de choix, tel est le tuf sur lequel repose notre existence et où s’arrêtent mille pensées stagnantes qui, sans féconder le terrain, y nourrissent les fleurs étiolées de nos âmes désertes. Ne croyez pas à l’insouciance! L’insouciance tient au désespoir ou à la résignation, chaque femme s’adonne alors à ce qui, selon son caractère, lui paraît un plaisir. Quelques-unes se jettent dans les confitures et dans les lessives, dans l’économie domestique, dans les plaisirs ruraux de la vendange ou de la moisson, dans la conservation des fruits, dans la broderie des fichus, dans les soins de la maternité, dans les intrigues de petite ville. D’autres tracassent un piano inamovible qui sonne comme un chaudron au bout de la septième année, et qui finit ses jours, asthmatique, au château d’Anzy. Quelques dévotes s’entretiennent des différents crus de la parole de Dieu: l’on compare l’abbé Fritaud à l’abbé Guinard. On joue aux cartes le soir, on danse pendant douze années avec les mêmes personnes, dans les mêmes salons, aux mêmes époques. Cette belle vie est entremêlée de promenades solennelles sur le Mail, de visites d’étiquette entre femmes qui vous demandent où vous achetez vos étoffes. La conversation est bornée au sud de l’intelligence par les observations sur les intrigues cachées au fond de l’eau dormante de la vie de province, au nord par les mariages sur le tapis, à l’ouest par les jalousies, à l’est par les petits mots piquants.

Madame de La Baudraye eut la rouerie, assez innocente d’ailleurs, de signaler à ces deux Parisiens entre lesquels elle voulait choisir un vainqueur, le piége où il se prendrait, en pensant qu’au moment où il ne le verrait plus, elle serait la plus forte.

On se moque d’elles en arrivant, puis quand on a perdu le souvenir de l’éclat parisien, en voyant la femme de province dans sa sphère, on lui fait la cour, ne fût-ce que par passe-temps. Vous que vos passions ont rendu célèbre, vous serez l’objet d’une attention qui vous flattera…. Prenez garde! […] Quand une pauvre petite provinciale conçoit une passion excentrique pour une supériorité, pour un Parisien égaré en province, elle en fait quelque chose de plus qu’un sentiment, elle y trouve une occupation et l’étend sur toute sa vie. Il n’y a rien de plus dangereux que l’attachement d’une femme de province: elle compare, elle étudie, elle réfléchit, elle rêve, elle n’abandonne point son rêve, elle pense à celui qu’elle aime quand celui qu’elle aime ne pense plus à elle. Or une des fatalités qui pèsent sur la femme de province est ce dénoûment brusque de ses passions, qui se remarque souvent en Angleterre. En province, la vie à l’état d’observation indienne force une femme à marcher droit dans son rail ou à en sortir vivement comme une machine à vapeur qui rencontre un obstacle. Les combats stratégiques de la passion, les coquetteries, qui sont la moitié de la Parisienne, rien de tout cela n’existe ici.

Etienne, piqué de l’air magistral que prenait monsieur de Clagny, voulut le faire enrager par une de ces froides mystifications qui consistent à défendre des opinions auxquelles on ne tient pas, dans le but de rendre furieux un pauvre homme de bonne foi, véritable plaisanterie de journaliste.

Schließlich verlässt die Muse wieder Paris und ihren vermeintlichen Angebeteten. Sie kehrt in die Provinz zurück.

II.7 – Les Parisiens en province, 2éme histoire: La Muse du département, 1832/1837
16. Januar 2009














Nach zwei Wochen höchst verwirrender und bedrückender Umwälzungen im Betrieb und meiner daherrührenden, wenig verwunderlichen Unfähigkeit, mich der vergleichsweise schwingend=tänzerischen Sprache Balzacs hinzugeben, kann ich ihn nun endlich wieder lesen und erhören, meinen Generalbass.

[to be completed]

II.8 – Les Rivalités, 1ére histoire: La Vieille Fille, 1836
21. Februar 2009














Die Reise eines verwöhnten, adeligen Heißspornes, Graf Victurnien d’Esgrignon, in die Hauptstadt der Verderbnis, Paris, der dort zugrundegeht – wie vorhergesehen und von ränkeschmiedenden, falschen Freunden auch so geplant. Er scheint sein gesamtes Adelsgeschlecht sowie einige brave Bedienstete und Zugetane, etwa den alten Notar Chesnel, mit sich zu reißen aus reiner Vergnügungssucht.

Inmitten dieses neununddreißigsten Romanes wird mir klar: Wie offen negativ der Erzähler nahezu alle Figuren der Revolution, der Linken, der Neuerung als eigensüchtige, machtbesessene, boshafte und amoralische Bourgois darstellt – die Figuren des Adels, der Ultramontanen, der Reaktion aber erscheinen bei ihm als zwar frivol=vergnügungssüchtige, darin jedoch eher rührend=ehrenvolle Persönlichkeiten alten Schlages.

Am Ende gelingt es dem alten Chesnel zwar die bourgeoise Intrige durch vielerlei (natürlich ganz ehrenvoll motivierte!) Gegenintrigen abzuwehren; doch das Adelsgeschlecht der d’Esgrignon geht unabweisbar zugrunde.

II.9 – Les Rivalités, 2éme histoire: Le Cabinet des Antiques, 1839
27. Februar 2009














Nach den nun schon bekannten Landschaftsschilderungen, den überraschend ausführlichen und teils die Aufmerksamkeit deutlich fehlleitenden Einführungen in Genealogie und Charakterzeichnung aller Personen (und noch der nebensächlichsten Nebenfiguren) beginnt sich nach rund hundert Seiten der Kernkonflikt abzuzeichnen: zwischen den jungen Möchtegernpoeten Lucien Chardon (Ex-de Rubempré) und David Séchard – sowie den Frauen Louise Bargeton und Eva Chardon.

II.10a – Illusions perdues, 1ère Partie: Les Deux poètes, 1837
35. März 2009














Die Mühseligkeit der Lektüre setzt sich leider fort (oder erleide ich gar eine gewisse Balzacmüdigkeit? ennui der immer wiederholten Motive und des unerquicklich kapitalistischen Menschenbildes), auch als Lucien endlich in Paris seine erste größte kränkung erfährt. Louise Bargeton lockte ihn mit sich in diese Stadt, erweckte Aufstiegs- und Erfolgshoffnungen im jungen Mann, denen der Provinzling kaum unmittelbar Genüge tun kann.

Es brauchte eine lange Zeit mühseligen Weiterlesens – oft erst nach Wochen, unerträglich schien die Lektüre des Niedergangs –, ehe sich wieder ein angenehmer Lesefluss einstellen konnte. Womöglich erkannte ich zu überdeutlich in den Ränken um den armen Lucien, genau auch die neidisch-mißgünstigen Ränke wieder, die sich um meine eigene Person in diesen Wochen und den vergangenen Monaten herum abgespielt hatten? Der Kapitalismus ist auch in dieser Literatur niederdrückend. Das kapitalisierungsgierige Menschen- und Weltbild des Honoré de Balzac ist unerquicklich und niederschmetternd. Möchte ich das alles wissen?

II.10b – Illusions perdues, 2ème Partie: Un grand homme de province à Paris, 1839
27. Mai 2009














Wie befreiend ist es, endlich nicht mehr nur von der Abwärtsbewegung und den Erniedrigungen des Lucien de Runbompré zu lesen; selbst wenn die Freuden immer wieder nur vorübergehende oder gar teuflisch inszenierte sind. Wie befreiend ist es am Ende, wenn Lucien sich dem Freitod anheimgegeben noch einmal in’s Leben herumkriegen lässt durch einen ausgebufften Geistlichen.

»ceci me semble une théorie de grande route!«
Welche Befreiung, als alle Händel und Ränke endlich zu ihrem Ende gekommen und David und Eva Sécahrd wohlbehalten auf einem Landgut angekommen sind.

II.10c – Illusions perdues, 3ème Partie: Ève et David, 1843
4. Juni 2009














~ ~ ~














Es beginnt eine neue Trilogie, die Histoire des Treize, die Balzac mit einem gemeinsamen Vorwort einleitet. Der erste der drei Romane beginnt dann mit einer Apotheose der pariser Straßen. Der Baron Auguste de Maulincour verkuckt sich in eine brave Gattin, meint dort eine Untreue zu entdecken und wird vom ominösen Titelhelden dieser Geschichte, Ferragus, bedroht, verwarnt, mehrfach tödlich angegriffen.

Interessant ist, wie die Erzählperspektive wie öfters bei Balzac hier rotiert und so eine Art von polyperspektivischer Objektivität, fast schon avantgardistiscvh erzeugt. Serh dynamisch erzählt der Autor, schnellere Szenenwechsel als bei den Illusions perdues, auch weniger langatmige, sondern frische Schilderungen von Interieurs. Könnte das wohl daran liegen, dass die Histoire des Treize noch von einem vergleichsweise jugendlichen Balzac in den 30ern erdacht wurde? Wohingegen er nach dem Erscheinen der Illusions knapp sieben Jahre noch zu leben hatte. War er schon erzählerisch verbraucht?

Das Ende von Ferragus löst sich dann recht milde auf, am Ende war der böse Verführer doch nur ein mildtätiger Vater. Doch zu langatmig werden Begräbnis und Zeremonien erzählt.

III.1 – Histoire des Treize, 1er épisode: Ferragus, 1834
10. Juni 2009














Es beginnt etwas ermüdend mit Klosterschilderungen, einer unerfüllten Lieben zwischen einem Militär und einer Frau, die in’s Kloster ging. Diese Ermüdung und ihre quälerisch-schwärmerischen, durch und durch hohlen Schaumschlägereien von höherer Liebe und übersinnlichem Wesen sind allerhöchstens durch ein flottese Darüberhinweglesen zu ertragen.

Balzac erzählt hier immer weniger und füllt dutzende Seiten mit wohlfeilem Raisonnieren über Nationalcharaktere, die Zeitläufte und typische Figuren des Lebens.

Erfrischend wird es erst gut 50 Seiten später, als die Vorgeschichte des Militärs Marquis Montriveau mit der Duchesse de Langeais, nunmehr Nonne, erzählt wird. Il ne se prêtait à rien de honteux, ne demandait jamais rien pour lui ; enfin, c’était un de ces grands hommes inconnus, assez philosophes pour mépriser la gloire, et qui vivent sans s’attacher à la vie, parce qu’ils ne trouvent pas à y développer leur force ou leurs sentiments dans toute leur étendue.

Nach recht flott erzählten, dialoglastigen knapp 200 Seiten hat der Militär gelernt, mit koketten Liebesschwüren umzugehen – die Duchesse aber ist als Nonne verstorben, die schöne Leich’. Gelernt hat er das durch die Launenhaftigkeit der Duchesse, die erst ernsthaft wurde, als er sie abwies, altes Muster. Die Frau musste wohl sterben, damit er reifen konnte. Unangenehm.

III.2 – Histoire des Treize, 2ème épisode: La Duchesse de Langeais, 1834/1839
16. Juni 2009














Un des spectacles où se rencontre le plus d’épouvantement est certes l’aspect général de la population parisienne, peuple horrible à voir, hâve, jaune, tanné. Die kleine Novelle beginnt mit einer der großartigsten Passagen der Comédie über das pariser Leben generell: ein Essay der Typen und Lebensweisen in einer traditionsreichen Kapitale und Metropole: Les embrassades couvrent une profonde indifférence, et la politesse un mépris continuel.

Diese 43. Erzählung der kapitalen Komödie Balzacs handelt von der blasierten Liebesjagd des Henri de Marsay nach einer sogenannten Mulattin und dessen dümmlichem Sancho Pansa, genannt Paul de Marson. Und sie endet mit dem Ende dieser Jagd; ein weiteres Abenteuer.

III.3 – Histoire des Treize, 3ème épisode: La Fille aux yeux d’or, 1835
19. Juni 2009














Eine Auswahl aus der Comédie könnte sich auf die ausführlichen Figurenzeichnungen in diesem (oder anderen Romanen) beschränken – und sie hätte die wesentliche, begeisternde Kunst Balzacs erfasst: auf wenigen Seiten die chcrakteristischen Eigentschaften, Lebensgewohnheiten, inneren Widersprüche und Begehrenslagen eines Menschen höchst dich darzustellen.

Insgesamt ist dieser Roman ein Geschäftsbericht oder eine zeitlich gestreckte Wirtschaftsanalyse vom Niedergang eines Geschäftsmodells und einer unternehmerischen Persönlichkeit.[to be continued]

III.4 – Histoire de la grandeur et de la décadence de César Birotteau, 1837
30. Juli 2009














Eine kapitalizistisch-etatistische Novelle. Allein über Geldgeschäfte, Transaktionen und Kapitalverschiebungen. Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen.

III.5 – La Maison Nucingen, 1838
7. August 2009














Dieser Roman schließt – höchst überraschend – direkt an das Ende der Illusions perdues an. Lucien de Rubempré ist der Auslöser der Verwicklungen rund um die Kurtisane Esther.

Die Figuren der etwas mühseligen Illusions Perdue tauchen hier wieder auf, Lucien erlebt ein zweites, vollkommen anders konturiertes Leben: Die Figuren machen allesamt einige Wandlungen durch. Das Leben der Sehnsucht und des Begehrens jener Epoche, in all ihren andersartigen Lebensformen wird plastisch und vorstellbar.

Das Drama der Verschränkung von Kapital und Begehren wird unübersehbar.

III.6a – Splendeurs et misères des courtisanes, 1er partie: Comment aiment les filles, 1838/1844-1846; 2ème partie: À combien l’amour revient aux vieillards, 1838/1844-1846
19. August 2009














Eine durchaus anregende und instruktive Einführung in das Rechts- und Gefängniswesen jener Epoche. Balzac zeigt sich als Autor, der neues Wissen mit suggestiven Figurenzeichnungen verknüpft.

Lucien, dassen aufstrebende Dichterjugend und dessen tragische Hybris in Illusions Perdues erzählt wurde (inklusive seines vorgeblichen erzählerischen Todes); Lucien, der schließlich in diesem großen Roman neu begann als Zögling und Werkzeug von Vautrin/Abbé Herrera, dieser stirbt schließlich unter dem rechtskräftigen Urteil über seine Verbrechen – kurz bevor dieses wieder augehoben werden sollte.

III.6c – Splendeurs et misères des courtisanes, 3ème partie: Où mènent les mauvais chemins, 1838/1844-1846
28. August 2009














Bislang die beeindruckendste Sozialstudie: Über das Wesen der Dirnen und Diebe (so die Eindeutschung). Sie zeigt das haarsträubende Dealen und Hustlen des sogenannten Todttäuschers Vautrin alias Jacques Collin mit der Judi- und Exekutive um seine Zukunft, seinen Lebensabend und das Rächen seines Schützlings Lucien. Selbstverständlich geht es hier nicht um Gerechtigkeit, sondern um das möglichst unversehrte Fortkommen aller Beteiligten – fänden diese sich nun auf Seiten der Kriminellen oder der Kriminalisten.

Die Trilogie aus Père Goriot, Illusions Perdues und Splendeurs et misères des courtisanes (in denen eine einzelne Kurtisane nur eher die Rolle eines MacGuffin einnimmt und diese auch nur im ersten Viertel des Romanes) endet mit dem Tod des hoffnungsfroh aufsteigenden Dichters und dem geruhsamen Lebensabend eines Erzverbrechers im bestbezahlten und -beleumundeten Staatsdienst.

III.6d – Splendeurs et misères des courtisanes, 4ème partie: La Dernière Incarnation de Vautrin, 1838/1844-1846
13. September 2009














Eine kleine Causerie von der Liebe eines genialischen und entschiedenen Schriftstellers zu einer durchtriebenen Fürstin; und wie diese Liebe durch die Schuld der Fürstin hindurch in der Gesellschaft bestehen kann.

III.7 – Les Secrets de la princesse de Cadignan, 1839
18. September 2009














Eine pointierte Miniatur, erinnernd an Boccaccio, die vom Gil Blas-haften Schicksal eines venezianischen Dogen erzählt. Erstaunlicherweise, wie mir scheint, die erste Erzählung, deren Rahmenhandlung in der ersten Person singular erzählt wird. Was eine unvermutete Intensität hervorbringt.

III.8 – Facino Cane, 1837
18. September 2009














Auch diese Rahmenhandlung wird von einer ersten Person singular erzählt. Sie erzählt die Geschichte einer (so ist zu vermuten) tragischen, hingebungsvollen Liebe des französischen Bildhauers Sarrasine zur itaslienischen Opernsängerin Zambinella. Eine idealische Statue stellt er her, zu Ehren seines begehrten und verehrten Weibes, verfällt ihr ganz; die sich am Ende der Erzählung in einer melodramtischen Gegenüberstellung auf der Bühne als ein Kastrat erweist. Sarrasine entführt Zambinella trotzalledem, will ihn zur Rechenschaft ziehen für die Zerstörung seines Begehrens in der vollkommenen Bindung auf ein vermeintlich falsches Ziel, dass er seine eigene Skupltur, das Denkmal seines Wahns versucht zu zerstören. Er will auch den Kastraten Zambinella töten und wird selbst getötet. Die Skulptur aber bleibt.

III.9 – Sarrasine, 1831
21. September 2009














Die kleine Geschichte eines mittelmäßigen Malers, der sich trotz wiederholter Niederlagen tapfer hocharbeitet und soweit verbessert, bis er seine Bilder immerhin kümmerlich verkaufen kann. Am Ende gewinnt er die Achtung einer biederen Bürgersfamilie, die seine Kunst sehr schätzt; wie sich herausstellt: allein, da ihr Geschmack an mies epigonalen Kopien von ihm selbst geschult wurde.

III.10 – Pierre Grassou, 1839
21. September 2009














Der Roman zeigt schon auf den ersten 80 Seiten, was der späte Fontane in seinen Konversationsstücken wie etwa Jenny Treibel von Balzac gelernt haben könnte.

Sehr süffig und lesbar wird eine Geschichte der einsamen und tragisch hingegebenen Tante Lisbeth erzählt, die unversehens (wieder einmal!) zur Geschichte eines jungen, aufstrebenden Künstlers (diesmal: eines Bildhauers) wird, zwischen Begehren und schnellem Aufstieg einerseits und Ehe und Kapitalisierung andererseits.

Am Ende verliert sich alles in den Händel der Eheschließung, des Gattensterbens, der Kapitalheiraten, damit junge Frauen (nur manche davon regelrechte Kurtisanen) ihren Lebensabend in gleichbleibendem luxus zubringen können.

Am Ende stirbt Lisbeth, es gelang ihr die Verhältnisse der Familie des Baron Hulot zu ruinieren; der Baron kehrt zurück, jedoch immer noch ein Schwerenöter und Schürzenjäger, der damit seine alte Frau in’s Grab treibt. Mit seiner letzten Affaire betreibt er hochbetagt schließlich eine Farm.



III.11 – La Cousine Bette, 1846
16. Oktober 2009














Im Anfang sehen wir den in seiner Jugend preisgekrönte und zu schnellem Erfolg gekommenen Modekomponisten Silvain Pons, der als Kunstsammler, Schöngeist und Bohémien der Salons seine Tage fristet: ein Junggeselle, dessen Not ihn zum Adabei und Schmarotzer, zum geduldeten und bösartig behandelten Taugenichts herabsinken lässt.

Zur Mitte des Romans (nach einer doppelt verfehlten Hochzeit und dem endgültig verlorenen Vertrauen seiner entfernten Verwnadten) liegt Pons danieder, im Sterben, und seine und Schmuckes Zugehfrau bemüht sich, ihn um sein Erbe, eine umfangreiche Kunstsammlung zu erleichtern.

Erschreckend in Balzacs Erzählungen zeigt sich auch hier wieder einmal, wie noch im Tod alle (potenziell oder vermeintlich) Angehörigen, Bekannten, Kollegen und Freunde tatsächlich ausschließlich daran interessiert sind, möglichst das gesamte Erbe des Sterbenden in ihren Besitz zu bringen. Sogar diejenigen, die vordergründig selbstlos handeln und allein aus Liebe und Hingabe, auch sie sind bei näherem Hinsehen ausschließlich egoistisch und narzisstisch motiviert. Es gibt weder Liebe noch freundschaftliche Verlässlichkeit; wer sich so zeigt wird umgangen und übergangen. Einziger Trost ist, dass all die Raffgierigen sich mit ihren Bemühungen wechselseitig auszustechen und auszubooten versuchen und damit mitunter unwillkürlich doch noch etwas Gutes tun können.

Am Ende sterben auch hier die beiden einzig weitgehend unschuldigen (oder zumindest sträflich naiven) Protagonisten einen unscheinbaren und einsamen Tod. Niemand trauert um sie.

Die Ehrgeizlinge und raffgierigen Geier genießen selbstgefällig ihren Reichtum.

III.12 – Le Cousin Pons, 1847
15. November 2009














Leider eine eher unerquickliche Erzählung. Wieder einmal dreht es sich um eine trickreiche monetäre Transaktion und darum also: Betrügerei. Diese wird in einigen Teichoskopien erzählt, die Protagonisten und ihre Zuschreibungen wechseln schnell; die ganze, winzige Erzählung (knapp 20 seiten) und die Einheiten der Narration haben die Geschwindigkeit des kapitalistischen Geldverkehrs angenommen. Es ist kein Vergnügen sie zu lesen. Dennoch wohl aber genau das, was Balzac hierin abzubilden trachtete.

III.13 – Un homme d’affaires, 1844
16. November 2009














Eine kleine, bezaubernde Erzählung von der grenzenlos demutsvollen Geliebten eines Bohemien (inklusive einer konzis-essayistischen Bestimmung dessen, was die Boheme sei); sowie die überraschende Wendung: sie ist die herrschsüchtig-launische Ehefrau eines berühmten und erfolgreichen Theaterautors. Eine Erzählung, die viele charakteristische Motive Balzacs knapp vereint.

III.14 – Un prince de la bohème, 1840
17. November 2009














Eine hübsche Miniatur über die Blasiertheit der Pariser, die sich als eine Studie über das Tricksterhandwerk des Verkaufens (am Beispiel des Tuchhandels) entpuppt.

III.15 – Gaudissart II/Un Gaudissart de la rue Richelieu, 1844
23. November 2009














Eine Studie, deren Titel Die Beamten durchaus im Sinne von Gaddis oder Luhmann zu verstehen ist: Das Soziotop französischen Beamtentums der Restauration wird ausführlich in seinen Idiosynkrasien wie in seinen Gesetzmäßigkeiten erzählt, geordnet und exemplarisch vorgeführt. Die langen, seitenweisen Dialoge unter der Beamtenschaft sind dabei von einer geradezu dokumentaristischen Unlesbarkeit. Sie belegen, dass die Ressentiments gegen demokratische Regierungen und die verwaltungsbedingt gegebene Umständlichkeit ihrer idealtypischen Entscheidungsfindung in Gremien sowie die Bevorzugung eines feudal-gutsherrschaftlichen Nepotismus durch Machmänner seit jener Zeit kulturübergreifend gültig sind.

III.16 – Les Employés ou La Femme supérieure, 1838
23. Dezember 2009



























Ein wahrhaftes Sittengemälde der ehedem wichtigsten Stadt der Welt, Paris. Anhand eines Provinzlers wird die informelle und netzwerkhafte Funktionsweise der Verpflichtungen, des Nepotismus und der querliegenden Kompetenzen und Machtzirkel vorgeführt. Es werden vorgeführt: Eugène de Rastignac, Joseph Bridau, der Poet Melchior de Canalis, der Maler Dubourdieu, Carabine, die Geschäftsleute Cérizet und Fernand du Tillet, eine Wahrsagerin, die Kunstreiterin Malaga, der Baron de Nucingen, Maxime de Trailles und andere. eine empfehlenswerte Einführung in den Kosmos Balzacs.

III.17 – Les Comédiens sans le savoir, 1846
27. Dezember 2009














[to be continued]

III.18 – Les Petits Bourgeois, 1855
??. Januar 2010














III.19 – L’Envers de l’histoire contemporaine, 1848
??. Februar 2010














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[…]














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»Ce n’était pas une petite tâche que de peindre les deux ou trois mille figures saillantes d’une époque, car telle est, en définitif, la somme des types que présente chaque génération et que La Comédie Humaine comportera. Ce nombre de figures, de caractères, cette multitude d’existences exigeaient des cadres, et, qu’on me pardonne cette expression, des galeries. De là, les divisions si naturelles, déjà connues, de mon ouvrage en Scènes de la vie privée, de province, parisienne, politique, militaire et de campagne. Dans ces six livres sont classées toutes les Etudes de moeurs qui forment l’histoire générale de la Société, la collection de tous ses faits et gestes, eussent dit nos ancêtres. Ces six livres répondent d’ailleurs à des idées générales. Chacun d’eux a son sens, sa signification, et formule une époque de la vie humaine.«

Honoré de Balzac, Avant-propos, in: ders., La Comédie humaine. Vol.4, Furne Paris 1845, p. 28f.














Quellen




Honoré de Balzac, La Comédie humaine. Tome I-XII, Collection Bibliothèque de la Pléiade, Les éditions Gallimard Paris 1976-1981.




ders., La Comédie humaine. Œuvres complètes de M. de Balzac, avec gravures de MM. Tony Johannot, Meissonnier, Gérard-Séguin, Perlet, Gavarni, Lorentz. Furne, J.-J. Dubochet et Cie, J. Hetzel [et Paulin pour les tomes 1 et 2] Paris 1842-1848. (17 vol. in-8°) (frz. Zitate)




ders., La Comédie humaine. Édition critique en ligne. Réalisé par le Groupe International de Recherches Balzaciennes, la Mairie de Paris et l’Université de Chicago 2005




ders., Die Menschliche Komödie. In vierzig Bänden – Deutsch von Otto Flake, Gabrielle Betz, Max Krell, Hugo Kaatz, Friedrich Sieburg, Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Emmi Hirschberg, Paul Mayer, Rosa Schapire, Victor von Koczian, Erich Noether, Ernst Weiss, Walter Benjamin, Mira Koffka, Franz Hessel, Else von Hollander, Emil A. Rheinhardt, Hans Pollnow, Paul Zech, Charlotte Stucke Kornfeld, Frieda von Oppeln, Magda Kahn, Charlotte Braun-Wogau, Heinrich E. Jacob, Hete Maass, Sigrid von Massenbach und Paul Hansmann, Diogenes Verlag Zürich 1998 (dt. Zitate).




ders., Vorrede zur Menschlichen Komödie. In der Übersetzung von Hedwig Lachmann, in: Glanz und Elend




Hugo Edler von Hofmannsthal, Balzac, in: Honoré de Balzac, Die menschliche Komödie. Gesamtausgabe, Insel Verlag zu Leipzig 1908.




Narendra Jussien (Ed.), Honoré de Balzac et la Comédie Humaine. Le projet – romans – thèmes – personnages – lieux, École des Mines de Nantes 2003.




Ekkehard Knörer, Das Balzac-Projekt., in: Jump-Cut – Kritiken und Analysen zum Film, 21.5.2001 - 21.7.2005.




Wolfgang Pohrt, Der Geheimagent der Unzufriedenheit. Balzac: Rückblick auf die Moderne. Überarbeitete und erweiterte 2. Auflage, Edition TIAMAT – Critica Diabolis 5, Verlag Klaus Bittermann Berlin2 1990.




Holger Schulze, Balzac lesen − Balzac weiterlesen, in: Berliner Gazette Berlin 11. & 24. Mai 2008.




Claudius Seidl, Der Imaginationsweltmeister, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung No. 40 (2007) – 7. Oktober 2007, S. 51.




Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben (1903), in: ders., Gesamtausgabe. Band 7: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1995, S. 116-131 (zuerst in: Thomas Petermann (Hg.), Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden, Band IX, Dresden 1903, S. 185-206).




Johannes Willms, Balzac. Eine Biographie, Diogenes Verlag Zürich 2007.




La Comédie humaine, in: Wikipedia.fr




Honoré de Balzac au Cinema, in: http://cinemaetcie.ifrance.com