La Comédie du Capital




Balzac Lese Erzählung

2007 – 2010





von Holger Schulze















The 18 best Novels of the Comédie Humaine


(in reverse logical order)



Le Chef-d’œuvre inconnu, 1831
La Peau de chagrin, 1830
Le Lys dans la vallée, 1836
Les comédiens sans le savoir, 1846
La Cousine Bette, 1846
Sarrasine, 1831
Facino Cane, 1837
L’Illustre Gaudissart, 1832
Eugénie Grandet, 1833
Le Père Goriot, 1835
La Femme de trente ans, 1834
La Messe de l’athée, 1836
Le Colonel Chabert, 1835
Gobseck, 1830
Honorine, 1843
La Femme abandonnée, 1833
La Grenadière, 1832
La Maison du chat-qui-pelote, 1830










»›C’est l’un des pistons
de l’immense machine
appelée Commerce‹«
Honoré de Balzac, Modeste Mignon, in: ders., La Comédie humaine. Vol.4, Furne Paris 1845, p. 122.








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Schon im ersten, kleinen Roman – einem Hundertseiter – trifft der herzliche Absolutismus der Monarchie auf den sachlichen Materialismus der neuen Ordnung im Frankreich der Restaurationszeit. Die Revolution hat stattgefunden, Napoleons Kaiserreich, nun herrscht wieder ein König – doch ist klar: dieses Regime kann und wird nicht mehr ewig dauern. Eine kapitalistische Wirtschafts- und Lebensordnung ist zudem eingerichtet und hat das gesamte Leben der Aristokratie wie des sogenannt einfachen Volkes vollkommen verändert: es geht nur noch um Kapitalisierung und Handel.
I.1 – La Maison du chat-qui-pelote, 1830
26. Dezember 2007








Frauen sind in dieser Welt vor allem darauf angewiesen, sich bestens zu verheiraten: der höchste Beruf, um dessen bestmögliche Ausbildung dafür sich ihre Eltern sorgen und bestmögliche Vertragsabschlüsse befördern.
I.2 – Le Bal de Sceaux, 1830
30. Dezember 2007








Frauen sprechen, obwohl eindeutig in Abhängigkeitsverhältnissen verstrickt und gebunden, mit einer eigenen Stimme. Eine von ihnen zeigt sich sogar in jungen und unerfahrenen Jahren, ganz gegen das Klischee, als eine weise und gelehrte Frau. Ihre beste Freundin nennt sie einen Doktor in Unteröcken.
I.3 – Mémoires de deux jeunes mariées, 1842
20. Januar 2008








Geld und…? Kapitalismus und Begehren. Der vierte Roman, wieder ein Romänchen von fünfzig Seiten, ist der erste, in dem eine männliche Figur eindeutig die Hauptperson ist. Und sie gerät unwiderruflich in die Zwänge zwischen kapitalisierender Geltungssucht der Repräsentation einerseits und ihrem maßlosen Begehren imaginierter vollkommener Liebe andererseits. Ozeanismus und Budgetierung.
I.4 – La Bourse, 1830
22. Januar 2008








Es braucht immer eine Zeit, sich auf den ersten Seiten in einen Roman Balzacs hineinzufinden (oder vielleicht liegt’s ja auch an der Übersetzung und exzentrischen Orthographie der Übersetzung in’s Deutsche, diesmal von Friedrich Sieburg): Welcher Erzähler spricht hier? Aus welcher Erzählperspektive werden die Protagonisten betrachtet? Welche der beschriebenen Menschen sind tatsächlich keine Nebenfiguren? In welchem Ort und Millieu spielt die Erzählung? »La plupart des drames sont dans les idées que nous nous formons des choses.« (p. 122)
Zunehmend entrollt sich eine Lust, ein Rausch des Lesens immer noch eines weiteren Romans, die ich zuletzt ganz frisch beim Schauen von TV-Serien als DVD-Seasons erlebt hatte. »Menschen, die im Gehen telefonieren. Menschen, die im Gehen aus 1,5-Liter-Vittel-Flaschen trinken. Menschen, die To-Go-Kaffeebecher mit weißem Plastikdeckel in der Hand halten. Menschen, die im gehen mit leicht gebeugtem Kopf auf ihr Handy schauen, das sie mit ihrer rechten Hand auf Brusthöhe vor sich halten. Menschen, die auf der Straße vor Restaurants, Cafés und Büros herumstehen und rauchen.« Die Wirrheit, Rauschhaftigkeit des Auftragsschreibers, das Stoßartige Zupapierbringen seiner Erzählungen wird hier besonders offensichtlich: Außerordentlich unterschiedliche Erzähllagen, -perspektiven und -töne, ja Erzählerstimmen scheinen sich manchmal von Absatz zu Absatz abzuwechseln.
Zugleich – ob diese Beobachtung wohl etwas mit der vorangegangenen verbindet? – erscheint sowohl dieser Stil als auch die dadurch dargestellte Welt, die Balzac erzählt und die damals ihren Anfang genommen haben, sie beide scheinen gegenwärtig, hundertfünfzig Jahre danach, schon wieder an ihr Ende gekommen zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich durch eine begleitende Lektüre von Georg Simmels Engführung des Kapitalismus mit dem Urbanismus (Die Großstädte und das Geistesleben, 1903): Kommt die moderne Großstadt im XXI. Jahrhundert an ihr Ende?
Nach dem ersten Viertel wird der Roman zunehmend ein Briefroman, zwischen einem zwanzigjährigen Dichterfan und dem älteren Assistenten desselben – in Rolle seines Chefs. Im zweiten Viertel nimmt die Romanze derart Fahrt auf, dass das Schicksal der Titelheldin im dritten Viertel die Leser nur so durch die Seiten peitscht: Sie mutet einer flotten Boulevardkomödie an. Das Ende ist erschreckend positiv für Balzac: Die Liebe findet sich!
I.5 – Modeste Mignon, 1844
13. Februar 2008








Der Roman beginnt mit etwas weitschweifigen und umständlichen Beschreibungen der Einzelheiten im Postkutschenwesen um Paris. Viele Seiten braucht es, bis alle Handlungsträger des Romanes – sowie allerhand Nebenhandlungsträgerinnen und -träger – überausführlich vorgestellt wurden, Kurzvorträge zu Sachthemen eingefügt und die Leserin oder der Leser nach Meinung des Autors wohl endlich reif für die Erzählhandluing zu sein scheint. Die übereilte Entstehung der meisten Romane Balzacs, nicht zuletzt unter den Genrevorgaben des täglichen Abdruckes in einer Zeitung, ist auch hier wieder ablesbar anhand eines außerordentlich ungleichmäßigen und reichlich zerklüfteten Erzählflusses: Tektonik der Bricolage.
Die Gespräche der Reisenden einer Postkutsche muten wie verschränkte Mauerschaureden an, deren Zusammenhang schwer zu erkennen ist. Mit zunehmender Lesegewohnheit scheint nun ein Rausch zu entstehen, die nächste Episode der DVD-Box muss heute Nacht noch zuende gekuckt werden!
»›Il n’existe que quatre grandes carrières, pour vous autres jeunes gens : le commerce, l’administration, les professions privilégiées et le service militaire.‹« (p. 507)
»›Les gens sans fortune doivent être parfaits!‹« (p. 548) Am Ende wird der Haupthandlungsträger anderthalb Dekaden später wieder mit der gleichen Postkutsche wie zu Beginn des Romans reisen, invalide und hochdekoriert begegnet er dem Verführer seiner Spätpubertät. Der Kreis schließ sich wohlerzählt.
I.6 – Un début dans la vie, 1844
26. Februar 2008








Auch die siebte Folge beginnt etwas fahrig mit der Suche nach den Haupthandlungsträgern, durchmischt mit Referaten und Mauerschauen: Der Erzbischof von Besançon? Baron de Watteville? Ein Monsieur Savaron? Oder Amedée de Soulas? Clotilde de Rupt? Nach etwa einem Viertel des Romans wird eine Erzählung der Titelfigur eingestreut: L’Ambitieux Par Amour – eine reichlich kitschige, lax runtergeschriebene Adels-Bürgerlichkeits-Schmonzette. Die Kolportage setzt sich fort in den Ränken um Albert Savarus und Rosalie de Watteville herum. Die eingestreuten Briefe mussten wohl schnell gehen. Das Ende hinterlässt die weibliche Hauptfigur verkrüppelt und entstellt, im Stupor – nur fast keine schöne Leich’.
I.7 – Albert Savarus, 1842
6. März 2008








Ein abgerissener Korse erbittet mit Frau und Kind Hilfe bei Napoléon Bonaparte im Oktober 1800. Jahre später verliebt sich dessen Tochter, Ginevra, aus Anlass ihrer Malerklasse in einen wiederum abgreissenen Flüchtling – just einer feindlichen Sippschaft. Erst zur Hälfte des Romänchens, nach 50 Seiten erst, gewinnt dieser Stoff seinen erzählerischen Zug. Die Vendetta will die Heirat verhindern, doch noch ihre Eltern können Einspruch erheben, da seine von ihrem Vater ausgerottet wurden wie auch ihre Brüder vom verstorbenen Vater ihres Angebeteten. Karg und still heiraten beide dennoch, beziehen ihre Wohnung. Trunken vor Liebe erwirtschaften beide, auch ohne familiäre Hilfe, ihre Einkünfte, sie arbeiten nachts, der Roman wird wahnhaft, selbst trunken vor Schicksalshaftigkeit: ein gemeinsames Kind beglückt und erschöpft sie schließlich in noch größerem Maße. Am Ende verkauft der Mann sich an die Armee, findet seine Frau sterbend, das verhungerte Kind in ihren Armen; den rachsüchtigen Eltern, just davor ihrer Tochter zu verzeihen, kann er nur noch ihren Skalp bringen, bevor er selbst zu Tode kommt. Eine beklemmende=auswegslose, bedrückend=materialistische Plotte.
I.8 – La Vendetta, 1830
15. März 2008








Die Vorfreude auf den neunten Roman löst sich ein im Wiederkennen der nun wohl charakteristisch zu nennenden Struktur der Balzac-Romane: Sie beginnen mit einer – nicht selten etwas ermüdend – detaillierten Schilderung eines Tableaus räumlicher Verhältnisse am Erzählort. Trägerinnen der Handlung (seltener Träger) werden wie Wachsfiguren, stumm und ohne Austausch und Lebendigkeit beschrieben. Oft stellt sich dann nach einigen mehr Seiten heraus, dass diese vermeintlichen Trägerinnen nur Nebenfiguren sind, die zugunsten eher nebensächlich eingeführter Personnagen in den Hintergrund treten. Erst am Ende eines solchen Romanes (so auch meine Vermutung hier) werden die nunmehr als Nebenfiguren erscheinenden Ersteingeführten wieder in den Vordergrund treten und ihre Bedeutung sich nochmals verschieben. Balzacs Kunst der Aufmerksamkeitspermutation.
Hier beginnt das Romänchen mit der Schilderung einer Begegnung, einer kleinen amour fou, die in eine ungewöhnliche Ehe mündet; soweit noch keine besonders außerordentliche Erzählung – im Vergleich zu den vorangeganenen. Zur Mitte der Erzählung aber – Mitten im Sterben der Mutter der Ehefrau – wird aber zu einer anderen Geschichte umgeschaltet, die als Vorgeschichte zur ersten einiges aufklären sollte. Auch hier handelt es sich um eine Eheschließung (wie in fast allen bisher gelesenen Romanen) und ihre finanziell-ethisch-juridischen Umstände; doch anders als in der ersten Ehe, die von verzehrender Liebe angetrieben wurde, scheint diese eher von katholischer Lebensführung erstickt zu werden. Es stellt sich heraus, dass der Gatte der ersten Ehe nach sieben Jahren Ehe mit der zweiten, sich und ihn in katholische Maximen einzwängenden Ehe(frau), sich eben in diese Liebesheirat geflüchtet und beiden Ehen nebeneinander geführt hat.
Am Ende wird, wie nicht selten in der Comédie humaine, die Entscheidung zu Gunsten der Liebe gefällt. Und auch hier gilt wie so oft bei Balzac: Am Ende leidet der Gatte, da seine Liebesverbindung schließlich auch zerbrach und die so hingebungsvolle Gattin sich von überaus wankelmütiger Hingabe zeigte. Am Ende fristet er seinen Lebensabend allein. Ganz ohne Gattin. Und ohne Liebe. (Sein Sohn aus erster Ehe entdeckt spät die zweite Liebesheirat in einer Begegnung mit dessen Kind. Der Gatte muss nun auch Strafverfolgung fürchten.)
I.9 – Une double famille, 1830
26. März 2008








Wie so viele Romane Balzacs handelt auch dieser zehnte der Menschlichen Komödie von Ehe- und Verbändelungsverwicklungen mit weitgehend wirtschaftlich-versorgerischer Absicht zu nach-napoleonischer Zeit – hinreichend romantisch-schwärmerisch umleuchtet.
Doch leidet er unter schwacher Figurenzeichnung. Der Text umfasst Dialoge während nach eines Balles. Raum und Zeit für nötige plastische Darstellung und Memorierung der HandlungsträgerInnen – geschweige denn eine hinreichend merkliche Stilistik ihrer Sprechweisen – all dies nimmt sich Balzac nicht, sondern schleudert uns in den koketten Wirbel der Verwicklungen. Passagenweise bleibt selbst der passionierteste Leser verwirrt, wer hier wohl spräche?
Doch schließlich, zum Höhepunkt des Ringens und Rangelns, treten die Figuren etwas deutlicher hervor und es zeigt sich wieder einmal der balzacsche Sarkasmus: Die brennende Liebe entzündet sich an Hohlheit. Am Ende bleiben Paare beieinander, aufgrund unauflösbarer, fast vertragshafter Verpflichtungen und Verpfändungen, die einander nicht im Geringsten mehr lieben. Allein aus Gründen wirtschaftlicher Rentabilität und öffentlicher Ehre.
I.10 – La Paix du ménage, 1830
3. April 2008








Das elfte Romänchen (knapp 30 Seiten) beginnt mit einer protomodernistischen Vervielfältigung der Weisen, wie über die Titelfigur gesprochen wird: Der Erzähler selbst führt alle perspektivisch verschobenen und verzerrenden ErzählerInnen ein und zeigt sich bemüht, ein vollständiges Bild der Handlungsträgerin zu bieten. Es vergehen zwei Drittel der Erzählung aber, bis diese Person endlich selbst im Mittelpunkt des Erzählens steht und selbst zu Wort kommt. Selbst dies währt jedoch nur wenige Seiten ehe auch sie wiederum vermittelt spricht, in einem Brief, der gelesen wird. Die Unruhe, Fahrigkeit und Sprunghaftigkeit des Balzacschen Stils setzt sich hier wie schon im vorangegangenen Roman deutlich fort. Am Ende wird die Handlungsträgerin von den Männern, die über sie sprechen, sie bewerten und einschätzen, gelobt und darf den Ehehandel vollziehen. Dieses Ritual des Vollzugs eines Ehekontraktes bedeutet in einem Roman der menschlichen Komödie stets das höchste Glück und größte Erfüllung aller Handlungsträger und -innen.
I.11 – Madame Firmiani, 1832
7. April 2008








Noch kürzer ist Roman No.12, der tatsächlich wie der Titel nahelegt eher eine Minimalstudie ist. Kaum mehr wird hier erzählt als die Briefverwechslung in der Schwärmerei des jungen Eugen de Rastignac; und doch wird daraus tatsächlich eine anregende Studie über doppelte und dreifache Kontingenz zwischen Liebhabern, Möchtegern-Geliebten, Gattinnen und arglosen Ehegatten. Berückend
I.12 – Étude de femme, 1831
7. April 2008








Eine Menage à trois – ungeahnt von den meisten Beteiligten, dem Ehepaar, er Pole, sie Französin – entwickelt sich um den polnischen alten Freund eines Gatten, der als Haushofmeister oder Diener für seinen Freund und dessen Gattin lebt und arbeitet. Derart in Liebe zur Frau seines Freundes entbrannt erfindet er eine Nebenliebe zu einer Zirkusartistin, damit die Liebe der Gattin tunlichst nicht erwidert werde; am Ende kann das Gattenpaar die verborgene Liebe ahnen, doch der servile Pole ist verschwunden. Ehrenvolle Entsagung, wie sie auf befremdliche Weise doch öfters in der menschlichen Komödie erzählt wird.
I.13 – La Fausse Maîtresse, 1842
15. April 2008








Zwei keusch erzogene Schwestern geraten an unterschiedliche Gatten nachdem sie die Knute ihrer Mutter verlassen haben. Ihre Brüder, erzogen vom eher liberalen Vater, machen Karriere. Die eine, lebenstüchtigere, gerät als Gräfin Vandenesse in sichere und geordete Verhältnisse; die andere zieht einen Zeitungsmacher, Hasardeur und fragwürdigen Theater=Dichter an, Raoul Nathan, der sich in politisch-ökonomische Ränkespiele verstrickt: Während er glaubt, die Fäden zu ziehen, sich zwischen politischen und auch erotischen Möglichkeiten frei hin- und herbewegen zu können – ist er es doch, der um- und eingesponnen wird in ein Netz aus Abhängigkeiten, drohender Armut und Inhaftierung.
Am Ende rettet Frau du Tuillet, die lebensuntüchtigere Schwester ihren Liebhaber, indem sie wieder andere in Abhängigkeiten hineindredet, nicht zuletzt einen Asylsuchenden, ihren deutschen Musiklehrer, der naiv sich ihr verschreibt. Am Ende retten sie ihre Schwester und deren großzügiger Gatte, sie richten alles wieder gerade. Der Hasardeur und Dichter endet auf einem bescheidenen Pöstchen, ebenso Sklaver der Ökonomie wie alle. Die Liebe, die Sehnsucht: ein enttäuschender Wunschtraum.
I.14 – Une fille d’Ève, 1839
30. Mai 2008








Ein junger Mann nimmt am Tod eines Mitreisenden teil; er benachrichtigt hernach dessen heimliche Geliebte, die halb verzweifelt. Ihr Gatte bleibt stoisch und verfressen, in allen Hinsichten. Die Geliebte aber ist ihm unendlich dankbar und übergibt dem Überbringer der schlechten Nachricht auf heimlichem Wege eine tüchtige Menge Gold. Dieser und seine Liebste wieder umarmen sich am Ende, was wohl der gesamte Sinn dieser Erzählung (wie an ihrem Anfang angedeutet) gewesen zu sein scheint.
I.15 – Le Message, 1833
3. Juni 2008








Ausbiebig wird eingangs ein idyllisches Fleckchen Land und die Kleinstfamilie der alleinerziehenden Frau Willemsen und ihrer beiden Söhne beschrieben; die Idylle kränkelt an der schwachen Erscheinung der Mutter, die zunehmend deutlicher als moribund erkennbar wird. Die Söhne erzieht und stärkt sie, vor allem den Ältesten, als künftig erwachsene. Ihr Tod wird genüßlich erzählt als ein planvolles Übergeben der Verantwortung an den Ältesten: der, soeben noch Kind, nun zum Erwachsenen werden muss. Oder, wie der letzte Satz sagt: zum Vater.
Die Wechselfälle und Unvorhersehbarkeiten, mit denen Balzac so gerne arbeitete und die so lebensvoll wirken, sie fehlen hier. Zu planvoll ist das Arrangement. Den Leser gelüstet es förmlich nach einem Durchkreuzen der betulich gesetzten Pläne der Sterbenden. – Wir hier Balzac kenntlich als doch allzu planerischer Konzeptautor? Tatsächlich ein Soziologenschriftsteller?
I.16 – La Grenadière, 1832
6. Juni 2008








Der junge Mann Gaston de Nueil kommt in ein Provinzkaff (das eingangs natürlich wieder ausladend beschrieben, proto-soziologisch nach Idealtypen sortiert wird) und arrangiert sich nach einiger Zeit mit den zunächst abgelehnten Gewohnheiten. Er schwärmt, angeregt in einem Whist-Salon, zunehemend für die Vicomtesse de Beauséant, die zurückgezogen in der Bas-Normandie lebt.
Abgewiesen von ihr bleibt er dennoch ahrtnäckig, sie öffnet sich leicht für ihn, seine Unnachgiebigkeit lässt sie abreisen. Er reist hinterher, in fremdem Ausland, bei Genf, finden beide zueinander und bleiben dort 9 Jahre lang. Sie ungeschieden von ihrem Gatten, er als junger Mann.
Als eine jüngere, heiratswillige Schönheit in sein Leben tritt, erkennt die Vicomtesse das Ende dieser langen Affaire. Sie legt ihm ein Ende nahe, er nimmt es an, sie hätte es anders erhofft. Schnell heiratet er die gute Partie, bestärkt durch seine Mutter. Die Vicomtesse vereinsamt.
Ein letzter vergeblicher Annäherungsversuch wird von ihr wiederum zurückgewiesen. Während seine junge, etwas matte Gattin musiziert, tötet er sich. Der Erzähler rechtfertigt diese Tat als einzigen, fast notwendigen Ausweg aus dem unauflöslichen Widerspruch von Begehren und Lebenswirklichkeit.
I.17 – La Femme abandonnée, 1833
13. Juni 2008








Bei einem Diner erzählt der Generalkonsul die Geschichte seiner Jugend. Bei einem hochrangigen Beamten und Politiker namens Graf Octave beginnt er zu lernen; und lernt dort zugleich die Entsagung kennen, mit der dieser arbeitsame, pflichtbewusste Herr nach der überraschenden Trennung von seiner Frau, lebt. Diese Frau umsorgt er finanziell und in Gütern, ohne dass diese das Geringste hiervon ahnen würde. Der Erzähler, genannt Maurice, nähert sich dieser Dame an, als verrückter Blumenliebhaber und Frauenverächter.
Maurice eröffnet ihr die Verbindung, die immer noch zu ihrem Gatten besteht; sie ist verwirrt und bindet sich vordergründig wieder mit diesem, spürt ejdoch auch die Hingabe von Maurice. Am Ende, sie verfällt zunehmend und schützt eine Knochenkrankheit vor, schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie ihr Schicksal ihm darlegt.
Maurice hat sicher geheiratet. Honorine stirbt. Ihr Gatte wandert aus. Die Abendgesellschaft, die diese Erzählung hörte, sinniert und klagt.
I.18 – Honorine, 1843
20. Juni 2008








Es braucht lange, bis der Erzähler eine konkrete erzählerische Situation beschreibt. Nun: die vor ihm liegende Strecke von etwa 480 Seiten braucht auch einen gebührenden Anlauf, eine angemesen groß=gedachte Titelsequenz.
Die junge, unerfahrene Hauptfigur des bretonischen Calyste neigt sich zunächst sehnsuchtsvoll der Autorin Camille Maupin zu, die einer George Sand offensiv angeähnelt wird: zeitgenössisch wohl eine als unfraulich abgewehrte Angstfigur. Die Weisheit dieser Autorin zeigt sich nun darin, dass sie wohl bedacht aus mütterlich-fürsorglicher Liebe auf Abstand zu Calyste geht. Ein weises Handeln, das dialektisch gedacht nun genau die maskuline Liebe dieser Frau vorstellen soll.
Die ausladenden Beschreibungen, Empfindungsreden und Liebeshändeldialoge (auch in Calystes Familie, auch beim Gesellschaftsspiel der Mouche) der ersten 150 Seiten machen klar: Dieses teils undurchdringliche Dickicht der Rede- und Beschreibungsgirlanden wie auch andererseits die Wüste der Szenerie in diesem 19. Band der Comédie humaine waren es, in denen auffällig viele Gesamtlektüre-Ambitionen anderer LeserInnen scheiterten.
Aber: Zur Hälfte des Romanes nimmt er endlich an Fahrt auf, er findet sein Zentrum in den liebessuchenden und -abwehrenden Briefen, die Calyste mit Béatrix de Rochefide tauscht. Natürlich können beide nicht zueinander kommen, der junge, unerfahrene Heißsporn vom Lande und die ausgebuffte, urbane Marquise. Calystes Zerstörung mündet also in die Hochzeit mit einem noch unerfahreneren Mädchen, Sabine, die ob ihrer Ähnichkeit zu Béatrix zunächst gefällt; sehr bald aber nur die Erinnerung an diese betont. Calysten verfällt ihr wiederum.
Zum Ende des Romanes wird er allerdings durch eine kunstreich arrangierte Folge von Intrigen: dem getrennten Mann der Marquise wird seine neue Frau abspenstig gemacht und die Marquise selbst wird über den Umweg eines urbanen Charmeurs wiederum diesem ihrem getrennten Mann, dem Marquis de Rochefide angenähert. Stets nach folgender Maßgabe:
»Soyez marquis et quadragénaire, ou sexagénaire et marchand retiré, six fois millionnaire ou rentier (Voir Un Début dans la Vie), grand seigneur ou bourgeois, la stratégie de la passion, sauf les différences inhérentes aux zones sociales, ne varie pas. Le coeur et la caisse sont toujours en rapports exacts et définis.« (p. 54)
Am Ende wird Calyste wird dazu gebracht, einzusehen, dass Béatrix eine falsche Angebetete gewesen sei und er gesteht seiner Sabine die ewige liebe.
I.19 – Béatrix, 1839
10. August 2008








Gobseck ist sicherlich eines der Meisterwerke Balzacs: sowohl der Roman als auch die Figur. Auf knapp 80 Seiten entsteht (in der Erzählung eines gut befreundeten, jungen Anwaltes für seine Tischdame) das Portrait eines archetypischen Wucherers vulgo: Bankiers und Kreditleihers, das Inbild des Kapitalisten. Ein Mensch, der in vordergründig ärmlicher, sinnenarmer Umgebung seine Tage fristet; kaum Freude und Freunde, keine Frauen, kein vordergründiger Genuß; ein Mensch, der all seine Lebenskraft und seine Lust offenbar aus den Arrangements des Kreditgebens, der Rückzahlungs- und Vertragsmodalitäten gewinnt.
Am Ende gewinnt Gobseck aber durch kluge Arrangements und Klauseln, gemeinsam ausgehandelt mit dem jungen Anwalt, ein durchaus üppiges Anwesen, das er weiter ausbaut und gedeihen lässt; und das nach seinem Tod dann (wie vertraglich versprochen) dem rechtmäßigen Erben der in Unglück geratenen Familie wieder überschrieben wird.
I.20 – Gobseck, 1830
13. August 2008








Diese Geschichte eines Wiederauferstandenen hat mindestens das Format von Gobseck. Ein Oberst, am 8. Februar 1807 gefallen im vierten Koalitions- oder Napoleonischen Krieg, gegen Preußen geführt von Napoleone Buonaparte in der Schlacht in der Nähe der ostpreußischen Kreisstadt Preußisch Eylau (Bagrationowsk im heutigen Russland), zum preußischen Schutze der Stadt Königsberg, kehrt wieder; vom französischen Kaiser Napoléon war er schon höchstoffiziös zwar für tot erklärt worden, die Presse hatte darüber geschrieben. Doch geschützt unter einem Pferdeleib war er noch gerettet worden, wurde von den deutschen Rettern gesundgepflegt und vegetierte von da an dahin, vogelfrei wandernd, irre, immer wieder eingekerkert und verlacht, ohne jede Legitimation, dass er tatsächlich der Colonel Chabert sei, der er behauptete zu sein und der doch höchstoffiziös verstorben und gefallen sei auf dem Felde von Eylau?
Dieser Colonel Chabert sucht nun beim Anwalt Derville (den wir zuvor beim Wucherer Gobseck als jungen Lehrling in den Vertrags- und Handlungsdingen erlebt haben) seine Legitimation wieder zu erhalten: Um von seiner Frau zumindest den ihm zustehenden Anteil seines eigenen Vermögens zu erhalten, das dieser Frau naturgemäß nach seinem mutmaßlichen Tode als Witwenrente zugesprochen worden war. Sie lebte nun mit ihrem neuen Mann, dem Grafen Ferraud und ihren gemeinsamen ersten beiden Kindern und hatte auf einige Briefe des Colonel nicht reagiert, obwohl die Handschrift offensichtlich die seine gewesen. Die Angst um Status- und Vermögensverlust lässt und Menschen im Unglück halten.
Anwalt Derville, dessen Kanzlei und dessen Arbeitsethos (Aktenstudium und Plädoyersentwurf zwischen 1 und 4 Uhr nachts, Kanzleiermine bis Mittags, abends bis spät gesellschaftliche Verpflichtungen) wir gleichfalls kennenlernen, bemühte sich um einen Vergleich, lernte auch die beschämenden, doch durchaus versprechenden Lebensumstände des Colonel kennen und versuchte Gräfin und Colonel zumindest zum einvernehmlichen Ausgleich zusammenzubringen. Die Begegnung eskaliert, beide fliehen auseinander. Am Ende fängt die Gräfin außerhalb von Dervilles Kanzlei ihren wiederauferstandenden Gatten Colonel wieder ein, umschmeichelt ihn, dass seine Milde und Erlösungssucht sich traulich dieser erhofften Öffnung wieder zuneigt. Beide fahren auf’s Land, wo sie ihn weiter umschmeichelt, die Härte seiner Forderungen aufweicht (ich denke an Mario Perniolas Beschreibung der totalitären Ideologie der Kommunikation als Aussagenaufweichung und Zerquirlung jeder Klarheit), bis er vor lauter Edelmut und Wunsch, dass sie doch glücklich lebe, von seiner Suche nach Legitimation Abstand zu nehmen ansinnt.
Glücklicherweise wird er argwöhnisch, empört sich über die Formulierung in einem Abstandsvertrag und belauscht die Pläne seiner Frau mit ihrem Handlanger Delbecq. Colonel Chabert verlässt sie endgültig, enttäuscht und entliebt und hat sie dadurch so sehr in der Pflicht, dass auf eine kleine Note hin sie schließlich widerwillig alle Auslagen des Anwalts Derville begleicht. Dieser begegnet Chabert noch weitere Male, in denen er in dem Wiedergeborenen einen glückseligen Bettler, Irren und Obdachlosen sieht. Enfin, toutes les horreurs que les romanciers croient inventer sont toujours au-dessous de la vérité.
I.23 – Le Colonel Chabert, 1835
17. August 2008








Der genialische Kraftmensch und berühmte Chirurg Desplein – ein ausgesprochener und spöttisch-rationalistischer Atheist – wird von seinem Adepten Horace Bianchon dabei beobachtet, wie er an wiederkehrenden Tagen im Jahr höchst inbrünstig einer von ihm selbst gestifteten Messe beiwohnt.
In der zweiten Hälfte dieses kurzen Stückes von knapp 30 Seiten erzählt Desplein seine entsagungsvolle Studienzeit und wie er darin gerettet wurde von einem kaum wohlhabenderen, aber aufopferungsvollen, höchst christlichen Wasserträger.
Dessen Tod führte Desplein dazu, ihm zu danken mit regelmäßigen Messen zu seinem Ruhme.
I.24 – La Messe de l’athée, 1836
19. August 2008








Julie, ein junges Mädchen hat sich verguckt in den Ordonnanzoffizier d’Aigelmont, der 1813 in Napoléons Armee zur Völkerschlacht bei Leipzig dient. Ihr Vater warnt sie noch während der militärischen Abschiedszeremonie vor dem Unglück, dass dieser Militär ihr als liebloser Gatte bringen würde. Ein harter Schnitt: Wir sehen die Marquise Julie, wie sie wenig später, blasiert, deprimiert, gelangweilt, mit ihrem Gatten Aiglemont nach Tours fährt; ein expartiierter Engländer bewundert sie über Jahre stumm und ohne Bemühung der Kontaktaufnahme. Sie gebiert eine Tochter, Helene, für die sie beabsichtigt, ihren nunmehr Jahrelang dauernden Rückzug, ja ihre depressive Bettlägerigkeit aufzugeben.
Beeindruckend ist die Übersezung von Ericht Noether, die unglaublich klar und durchsichtig die Zusammenhänge von Balzacs Erzählung eindeutscht und vertsändlich macht. Von den bisherigen ÜbersetzerInnen scheint Noether der klarste und intensivste Übersetzer.
Julie wird geheilt von Lord Glenville, der sie schon auf ihrer Hochzeitsfahrt nach Tours entdeckte und seither täglich zweifach am Haus ihrer Gastgeberin in Tours vorbeiritt; der Lord heilte sie, Julie erkannte seine Liebe, erwiderte diese; sie zeigte dies jedoch nicht bevor sie ihm bei einem bergsteig bekannte, er solle abreisen, sie könnten unmöglich zusammenkommen: Sie wolle von nun an Keuschheit halten.
Später im Leben, mit den dreißig Jahren des Titels wird sie noch einmal in Versuchung geführt, sie liebt den Diplomaten und Gesellschafstmenschen Charles de Vandenesse (schon bekannt aus Une fille d’Ève, Roman No. I.14); doch sie versagt sich dieses mögliche Glück, abgesehen von einem zartesten Kusswunsch. Wir sehen sie einige Zeit später, ihr Unglück durchdringt sie und ihre gesamte Familie, ihre Ablehnung Helenes ist zu deren Widerspenstigkeit geworden; das zweite Kind behandelt Julie freundlicher, unversehens wird es bei einem Spaziergang in der Natur getötet, durch Helenes Ungeschicklichkeit oder Geschicktheit.
Wiederum Jahre später sehen wir die Familie am Weihnachtsabend, die Dienerschaft ausgegangen, wie sie von einem gejagten Mörder heimgesucht wird, dieser um Asyl bittet, das ihm konsterniert gestattet wird. Helene begegnet ihm und verschreibt sich ihm. Beide flüchten, Helene bricht mit ihrer Familie (eine arge Räuberpistole das); und wiederum Jahre später trifft ihr Vater seine Tochter und den Räuber wieder als derselbe das Schiff auf dem er reiste als Pirat enterte und ausraubte.
Am Ende leidet Julie am Leben ihrer Tochter Moine, die den Sohn des Diplomaten Vandenesse geehelicht hat; Julie will ihr gut raten für ihre Ehe – und wird doch nur zurückgewiesen. Eine Zurückweisung, die sie in Stupor verfallen lässt. Sie stirbt.
I.21 – La Femme de trente ans, 1834
23. September 2008








Again, dieses XXII. Erzählwerk der menschlichen Komödie startet wieder mit überlangen Schilderungen der Einzelheiten von Wohnlage, Einrichtung und Stadtraum sowie einer exponierenden Ausführung der einzelnen dramatis personae. Ein statischer Eindruck macht sich immer breit auf diesen Seiten, ermüdend: offensichtlich geschrieben in einem flüchtigen, unter Tageszeitungspublikationsdruck entstehenden Fluss, unter leicht entfliehender Aufmerksamkeit des Autors selbst. Darum fesselt er sich selbst an die statischen Beschreibungen von Ort, Zeit und Protagonisten: Um sich selbst bei der Sache zu halten. Der Leser aber spürt dies, merkt die gezwungene Selbstfesselungsanstrengung. Er (ich) möchte lieber mit der Erzählflucht Balzacs davonreiten, darauf -surfen.
Nach über hundert Seiten endlich scheint klar, worauf dieser Roman zusteuert. Während Anfangs noch die Person des Père Goriot selbst als problematischer Protagonist erschien, wird langsam klar, das der Student Eugène de Rastignac (der uns schon zuvor begegnet war, im Roman No. I.2 Le Bal de Sceaux und No. I.14 Une fille d’Ève ehrgeizig darum ringt, ein angemessenes Einkommen zu gewinnen und zugleich eine schöne Frau, die diesem dienlich wäre.
Restignac lässt sich mit verschiedenen Geldgebern, -leihern und Wucherern sowie begehrenswert=wohlhabenden höheren Töchtern jeweils soweit bis zum nahen Rechtsbruch ein (u.a. mit dem vierschrötigen Pensionsmitbewohner Vautrin), dass er schließlich im richtigen Moment entscheiden kann, zu welcher Familie und Mischpoke er sich in aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bekennt und seine Liebe eingesteht: Als Vautrin festgenommen und als Krimineller durch die Pensionsmitbewohner Poiret und Mdme. Michonneau enttarnt wird, schlägt Rastignac sich gleich auf die Gegenseite, zu Tochter und Vater Goriot.
Dessen Hundeliebe zu seinen Töchtern umfasst nun auch Rastignac, ihm wird eine Wohnung und ausreichend Vermögen angeboten, Rastignac verfällt ganz der Tochter, beglückt um diese neue Familie. Doch schnell zeigt sich, dass die beiden reichen Töchter sich einen Dreck um ihren so aufopferungsvollen Vater scheren (der um ihr luxuriöses Wohlergehen willen in immer ärmlicheren Umständen lebt), sobald es ihnen wieder gut geht. Sie stehen ihm nicht einmal mehr in den letzten Todesstunden bei. Rastignac pflegt ihn.
Der alte Vater bäumt sich noch einmal auf, verflucht seine undankbaren Töchter (die später, nach seinem Versterben, sich noch einmal losreißen können, aus Kater, Krankheit und Gattenkonflikten); endlich verstirbt er und hält im Delir die beiden ihn pflegenden Studenten Rastignac und Bianchon für seine Töchter.
Der sich selbst täuschende Vater wird ohne jede Unterstützung seiner Töchter begraben (ihre Gatten fangen die Bitten Rastignacs ab). Rastignac hat seine Lehre über die Dankbarkeit in Paris hinter sich: »We are all useless idiots!«
I.22 – Le Père Goriot, 1835
8. Oktober 2008








Der 25. Roman, meine silberne Hochzeit mit Balzacs Comédie. Er beginnt mit zwei Figuren aus dem Père Goriot, Rastignac und Bianchon. Die den Rest des kleinen Novellchens nicht mehr erscheinen.
Die Geschichte um den für nicht-zurechnungsfähig verleumdeten Marquis d’Espard schleppt sich allerdings leider nur in ermüdend-übrausführlichen Szenerie-Schilderungen und ebenso statischen Mauerschauen von längst geschehenen Ereignissen dahin.
So dass am ende nicht einmal mehr die Suspension des wohlwollend ermittelnden und höchst menschenfreundlich handelnden Strafrichters schockiert.
I.25 – L’Interdiction, 1836
14. Oktober 2008








Eingangs versucht de Marsay seinen adeligen Freund und Junggesellen Paul de Manerville noch davon zu überzeugen, dass die Ehe einem Adeligen nur einen Abstieg und eine Beschneidung der eigenen Lebensmöglichkeiten bedeuten könne. Doch de Manerville entgegnet: Moi, j’aime l’échange constant et doux de la vie, je veux cette bonne existence où vous trouvez toujours une femme près de vous…
In diesem kleinen Roman wird Balzacs Hauptthema – Monetarisierung der Liebe und der Ehe – zu einem vorläufigen Höhepunkt geführt. Denn das Werben von de Manerville um Natalie Evangelista wird erzählerisch umgehend auf die Frage zugespitzt, wer im Zuge der Ehevertragsverhandlungen wen auf welche Weise zu übervorteilen und darüber zu täuschen in der Lage sein kann? Titelheld ist folgerichtig auch eben dieser Contrat de mariage. Eine Anthropologie kapitalistischer Monetarisierung?
Die Verhandlungen selbst werden von den Eheleuten entfremdet, die ahnungslos miteinander tändeln, während der de Manervilles alter Notar Mathias mit Evangelistas jungem Notar Solonet beruflich miteinander ringen. Jede der beiden Seiten meint wechselweis’ triumphieren zu können; doch fünf Jahre nach Eheschließung verlässt Paul de Manerville Frankreich, um in Indien sein Glück und ein Vermögen zu machen. Er will seine allzu angebetete Gattin Natalie nicht ihr gewohntes Luxusleben entziehen. Alles Geld ist durchgebracht.
Der (leider zuspät geöffnete) Brief seines Freundes de Marsay eröffnet ihm: Er wurde von seiner Frau und Schwiegermutter betrogen. Sie halten die Schuldscheine, die ihn knechten und nach Indien vertrieben haben. Seine angebetete Frau vergnügte sich schon lange mit einem Nebenbuhler.
I.26 – Le Contrat de mariage, 1835
21. Oktober 2008








In einem Salon unterhalten sich Aristokraten, ein ehemaliger Minister, Gräfinnen und wohlhabende Herren über die Verluste an Stil und Lebensart in der neuen, postrevolutionären Zeit. Geschichten werden erzählt, die anhand des Leidens einzelner dies verdeutlichen; Figuren der alten Zeit werden erzählt.
I.27a – Autre étude de femme, 1839
23. Oktober 2008








Es wird die kurze, aber beeindruckende Geschichte (die an Edgar Allan Poes wenige Jahre später erschienenen The Fall of the House of Usher gemahnt) von einem flüchtigen, spanischen Gefangenen erzählt, der im nun vollkommen verfallenen Hause der Grande Bretèche unterkam; die Gräfin schützte ihn, ihr Mann kam ihr auf die Schliche, versuchte sie zu einem Bekenntnis und Eingeständnis zu bewegen. Als sie dies nicht tat, lies er den von ihm geahnten geheimen Aufenthaltsort zumauern, er durchschaute die Pläne seiner Frau. Er ließ den flüchtigen hinter der Mauer verenden, immer in Anwesenheit seiner Frau, die ihm auf ein Kruzifix geschworen hatte, dort hielte sich niemand auf.
I.27b – La Grande Bretèche, 1832
24. Oktober 2008








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Ich beginne die Lektüre des Deuxième livre: Scènes de la vie de province mit Ursule Mirouët. Erst am dritten Tag fasse ich einigermaßen Fuß. Ist Balzac selbst verwirrt, wie er das Provinzeleben narrativ erfassen soll? Fahrig springt er von Person zu Person, will zu viele Einzelheiten zu schnell und zu ausführlich erläutern; als Leser wirble ich einigermaßen verwirrt umher. Erst ab Seite 60 etwa entfaltet sich so etwas wie das Lebensgefühl in der Provinz. Die Namen- und Sippenzuordnungen bleiben einigermaßen undeutlich und sprunghaft: teils sicherlich aus Balzacs Absicht, teils auch aufgrund meinem eigenen, beschränkten Verständnis für Familienzusammenhänge sowie meiner Schwerfälligkeit im Begreifen zu komplexer Figurenkonstellationen: les Minorets, les Massins, les Levraults et les Crémières, les Massin-Crémières, les Levrault-Massins, les Massin-Minorets, les Minoret-Minorets, les Crémière-Levraults, les Levrault-Minoret-Massins, les Massin-Massins, les Crémière-Massins. Der Roman spielt in Nemours, einer Stadt südlich von Paris, im Département Seine-et-Marne in der Region Île-de-France, an einem Fluss namens Loing gelegen.
Nach etwa 70 Seiten ist klar: Erzählgegenstände des Romanes sind vor allem die kleine Tochter Ursule Mirouët, erzogen von Junggesellen verschiedener Profession und Herkunft, sowie der Mesmerismus als Erscheinung und Praxis. Doch selbst nach fast 200 Seiten, wenn die Verwicklungen, Fronten, die Täuschungen und Begehren allmählich sich entfalten und ineinander verknoten, da bleiben die Figuren und ihre Haltungen allzuoft blass und dürftig. – Ich zögere: was hat es zu bedeuten, dass dies der erste Roman ist, den ich von Balazc lese, der in’s Deutsche von Walter Benjamin übertragen wurde? Ob das Übersetzen eher eine Schwäche von ihm gewesen sein könnte?
Immerhin gegen Ende, mit zunehmenden Turbulenzen der Erzählung, nahm auch der Roman an Fahrt auf, es las sich gut und die Erzählung hat wieder einiges gut gemacht.
II.1 – Ursule Mirouët, 1841
9. November 2008








Im Anfang lässt sich der zweite Roman des Provinzszenenbuches ganz süffig an: Die Szenerie wird konzis genug beschrieben; das Personal nur beschränkt skizziert, nach rund 30 Seiten ist der Haupthandlungsstrang – die Verheiratung der Großpatriziertochter Eugénie Grandet – erreicht. Ich bin wieder in der Serie drin! Il tira la plus délicieuse montre plate que Breguet ait faite. Tiens, mais il est onze heures, j’ai été matinal.
Der junge Neffe eines Pariser Bruders ihres Vaters kommt zu Besuch, verwöhnt und dekadent, zunächst die klassische Konfrontation von Stadt- mit Landmaus; doch der Pariser Bruder lag im Sterben, Eugénies Vater (centimefuchsender Winzer und Böttcher) ist nun auch für diesen Neffen verantwortlich, Charles. Vater Grandet, der geizhals unternimmt kluge Anstrengungen durch Umkapitalisierung und Remonetarisierung Renten für alle Beteiligten zu sichern. Charles selbst nimmt die damals typische Indienreise auf sich, um neureich geworden dann wieder in Paris renommieren zu können. In den Tagen und Wochen der neu entdeckten, ländlichen Armut entdeckt Charles allerdings die Schönheiten von Eugénie, beide vergucken sich ineinander und schwören sich vor seiner Abreise ewige Treue und Liebe. Eugénie hält die Rituale, wächst nach Vaters Tod zur neuen, starken Frau heran, verheiratet sogar ihre alte Hausbesorgerin Nanon höchst lukrativ.
Nach der Rückkehr erfährt sie, dass Charles sich strategisch verheiratet; sie selbst bietet dich dem Gerichtspräsidenten Bonfons (Ex-Cruchot) an, unter der Bedingung, nie die Ehe zu vollziehen. Beide heiraten, er stirbt früh, sie fristet ihr Leben. Ein anderer, alter Interessent an Eugénie buhlt nun um sie.
II.2 – Eugénie Grandet, 1833
26. November 2008








Anfangs ist noch unklar, wohin die Schilderungen führen; bald zentriert sich das Erzählen auf die Geschwister Rogron, d.h. Sylvie und ihren Bruder, ihr einsames und doch so strebsames Leben im Städtchen Provins. Endlich kommt Pierrette zu ihnen, die junge, ahnungslose Nichte, die ein leichtes Opfer für den Ehrgeiz der Rogrons wird.
Herzlos wie diese beiden célibataires sind (laut Balzac in Ermangelung eines leidenschaftlichen Erlebens in ihrem Lebenslauf), können sie nur ihre erzieherische Verkäufer- und Abteilungsleitermentalität (beide arbeiteten zuvor in einem Textilgeschäft) auf dieses junge, zerbrechliche Mädchen anwenden. Sie zerbrechen es.
Dessen Liebe zum jungen Schreiner Brigaut, den sie seit ihrer Kindheit kennt, verehrt und dem sie vertraut, dieser unschuldig-innigen Liebe misstrauen und sie missdeuten sie. Sie verfolgen Pierrette, es kommt nahezu zu Gewalttaten zwischen Sylvie und Pierrette, bis deren Großmutter sie abholt. Die besten Ärzte Paris’ untersuchen und pflegen sie, politische Händel durchziehen die Ehe- und Vormundschaftshändel; am Ende sollte Pierrette gar im Tod noch seziert zum Ruhme der Rogrons werden. Der am Ende sich im gossip nach Pierrettes Tode doch noch Bahn bricht. Ein weiteres, schwaches Menschenkind, das Balzac in seinen Büchern brechen und sterben lässt.
II.3 – Les célibataires, 1ère histoire: Pierrette, 1840
3. Dezember 2008








Tours, une des villes les moins littéraires de France ist der Ort, an dem der Autor uns den etwas dümmlich-wehleidigen und hochmütig-strebsamen Abbé Birotteau beobachten lässt. Cet endroit est un désert de pierres, une solitude pleine de physionomie, et qui ne peut être habitée que par des êtres arrivés à une nullité complète ou doués d’une force d’âme prodigieuse.
Wir erleben seinen Einzug in die ersehnte Pensionswohnung nach dem Tod eines Gönners – und wie Birotteau selbst an seinen eigenen Ambitionen scheitert. Das Thema der weltunerfahrenen célibataires wird immer deutlicher. Deutlicher wird leider auch, wie sehr in all den verschiedenen Übersetzungen in’s Deutsche die gewisse Lakonie und Härte Balzacs aufgebläht und -geblasen wird zu teils irrsinnig bedeutungsschwangerem Gesülze. Sprich: Eine neue Übersetzung der gesamten Comédie Humaine tut dringend not!
Am Ende wird alles rechtlich und diplomatisch geregelt; der dümmliche Abbé ist nur Steinchen in einem größeren Spiel. Er fristet sein Leben enttäuscht und frustriert; verbannt.
II.4 – Les célibataires, 2ème histoire: Le Curé de Tours, 1832
7. Dezember 2008








Nach einigen einführenden Schlängelbewegungen der Genealogie und des Millieus gelangen wir zur Erzählung der beiden Brüder Philippe und Joseph: ersterer vordergründig lebenstüchtiger Draufgänger, letzterer weltabgewandter Künstlertypus.
Ich beginne Johannes Willms’ Balzac-Biographie zu lesen. Zwar ist sie recht informativ und sicherlich umsichtig geschrieben; doch liest sie sich ungefähr so anregend und geistvoll wie eine Spiegel-Reportage. Mich gruselt und ich habe Angst.
Die Erzählung nimmt immer wieder umstandsreiche Nebenwege, um Vorgeschichten zum Verständnis der eigentlichen Hauptgeschichte der beiden Brüder einzuflechten, zu der sie dann aber (wenn auch manchmal erst nach 100 Seiten) immer wieder zurückkehrt.
In vielen Enttäuschungen, überraschenden Wendungen und Wiederumwendungen wird deutlich, dass die Affenliebe der Mutter Agathe Bridau zu ihrem draufgängerischen Tunichgut und Militaristen Philippe unaufhörlich ausgenutzt und missbraucht wird – bis zu dem Punkte, an dem er ihr sogar den Tode wünscht, damit sie den Aufstieg zur letzten Karrierestufe als Comte de Brambourg nicht im Wege stehe.
Ihr anderer Sohn jedoch, Joseph Bridau, den sie als schwächlichen, hingebungsvoll=verträumten kaum wirklich ernsthaft lieben konnte, er ist es, der ihr in allen Lebenslagen unermüdlich beisteht, sie unterstützt, sogar seinem nichtsnutzigen Bruder immer wieder hilft – um am Ende dann, in den letzten Stunden und Tagen ihres Lebens, als sie durch den letzten, schroffen Absagebrief des Draufgängers im Sterben liegt, doch noch die ganze, ihm gebührende, überquellende Mutterliebe zu erfahren:
Agathe prit la main de son fils, la baisa, la garda sur son coeur, et le contempla pendant long-temps en lui montrant l’azur de ses yeux resplendissant de la tendresse qu’elle avait réservée jusqu’alors à Philippe. Le peintre, qui se connaissait en expression, fut si frappé de ce changement, il vit si bien que le coeur de sa mère s’ouvrait pour lui, qu’il la prit dans ses bras, la tint pendant quelques instants serrée, en disant comme un insensé: – O ma mère ! ma mère !
Am Ende wird jedoch – in einer etwas rabiat poetische Gerechtigkeit herbeiführenden Schlusspassage auf knapp 3 Seiten – dem Draufgänger seine Selbstüberschätzung, die ihn schon so oft hat viele Tausende Franc verlieren lassen, nun endgültig zum Verhängnis: In der Hoffnung ruhm- und vermögensreicher General bei einer Schlacht in den algerischen Restaurationskriegen des Charles X. zu werden, endet er mit abgeschnittenem Schädel; sein treuer Bruder aber erbt seine Grafschaft und setzt seinen mählichen Aufstieg zum Malerolympu unbeirrt fort.
II.5 – Les célibataires, 3éme histoire: La Rabouilleuse, 1842
22. Dezember 2008















Diese kleine, unscheinbar-knappe Erzählung (etwa 50 Seiten) scheint am Ende kaum mehr gewesen zu sein als der Streich vermeintlich primitiver Provinzler, den sie einem überheblichen Geschäftsreisenden – lies: Generalaufschwatzer – aus Paris spielen; und der am Ende mit einer hübschen Anekdote von eben der Dümmlichkeit der Provinzler und einem für alle ruhmvoll-fehlgehenden Duell der beiden Amntagonisten davonkommt.
Tous les vrais grands hommes aiment à se laisser tyranniser par un être faible
Doch mehr ist diese Erzählung eine kleine, beispielhafte Studie des unternehmerischen Charakters in seiner ganzen, Kulturen und Epochen überwölbenden, selbstbesoffenen Dummdreistigkeit und letztlich menschenverachtenden Laberkunstfertigkeit: Den Eskimos die Kühlschränke verkaufen wollen – und am Ende nichtextistente Fischgräten aufgeschwatzt kriegen.
Frohe Weihnachten! Dieser nunmehr 35. Roman der Comédie humaine eröffnet das nunmehr zweite Jahr meiner Lektüre oder, um mit dem hochgeschäftzten Eckehard Knörer zu sprechen, meines Versuchs, den Mount Everest der Literatur des 19. Jahrhunderts zu bezwingen. Wiewohl der Heroismus, das aventuriöse Selbstverleugnen mir darin wenig dominant scheint. Vielmehr ist es ein bleibender Genuss, eine unaufhörliche Schulung in den Grundlagen der Kultur und des Denkens und Lebens einer kapitalistisch=monetaristischen Massengesellschaft.
Quant à la fainéantise, elle est sublime et admirablement exprimée par ce dicton populaire: – Tourangeau, veux-tu de la soupe ? – Oui. – Apporte ton écuelle? – Je n’ai plus faim.
II.6 – Les Parisiens en province, 1ére histoire: L’Illustre Gaudissart, 1832
25. Dezember 2008








Nach den üblichen, gewundenen Annäherungen über Schilderungen der jeweiligen Region Frankreichs, eines gewählten Sprengels (hier: Sancerre im département du Cher, in der région Centre), sowie der Gepflogenheiten einiger Ureinwohner, gelangt der Erzähler schon nach wenigen dutzend Seiten zur Frage der Entwicklung seiner Hauptperson: der jungen, begabten Dichterin Dinah Piédefer, verheiratete de la Baudraye. Ihr Gatte stellt ihrem Ehrgeiz einige Aufgaben:
Doux comme tous les gens qui suivent un plan de conduite, il paraissait rendre sa femme très-heureuse en ayant l’air de ne jamais la contrarier, il lui laissait la parole, et se contentait d’agir avec la lenteur mais avec la ténacité d’un insecte.
En se voyant écoutée avec extase, elle [Dinah; HS] s’habitua par degrés à s’écouter aussi, prit plaisir à pérorer, et finit par regarder ses amis comme autant de confidents de tragédie destinés à lui donner la réplique. Elle se procura d’ailleurs une fort belle collection de phrases et d’idées, soit par ses lectures, soit en s’assimilant les pensées de ses habitués, et devint ainsi une espèce de serinette dont les airs partaient dès qu’un accident de la conversation en accrochait la détente. […] Douée d’une belle mémoire, et de ce talent avec lequel certaines femmes se servent du mot propre, elle pouvait parler sur toute chose avec la lucidité d’un style étudié.
Il existe dans l’admiration qu’on inspire, ou dans l’action d’un rôle joué je ne sais quelle griserie morale qui ne permet pas à la critique d’arriver à l’idole. Une atmosphère produite peut-être par une constante dilatation nerveuse fait comme un nimbe à travers lequel on voit le monde au-dessous de soi.
Le public de province, comme tous les publics français peut-être, adopte peu la passion du roi des Français, le juste-milieu: il vous met aux nues ou vous plonge dans la fange.
Un profond désespoir ou une stupide résignation, ou l’un ou l’autre, il n’y a pas de choix, tel est le tuf sur lequel repose notre existence et où s’arrêtent mille pensées stagnantes qui, sans féconder le terrain, y nourrissent les fleurs étiolées de nos âmes désertes. Ne croyez pas à l’insouciance! L’insouciance tient au désespoir ou à la résignation, chaque femme s’adonne alors à ce qui, selon son caractère, lui paraît un plaisir. Quelques-unes se jettent dans les confitures et dans les lessives, dans l’économie domestique, dans les plaisirs ruraux de la vendange ou de la moisson, dans la conservation des fruits, dans la broderie des fichus, dans les soins de la maternité, dans les intrigues de petite ville. D’autres tracassent un piano inamovible qui sonne comme un chaudron au bout de la septième année, et qui finit ses jours, asthmatique, au château d’Anzy. Quelques dévotes s’entretiennent des différents crus de la parole de Dieu: l’on compare l’abbé Fritaud à l’abbé Guinard. On joue aux cartes le soir, on danse pendant douze années avec les mêmes personnes, dans les mêmes salons, aux mêmes époques. Cette belle vie est entremêlée de promenades solennelles sur le Mail, de visites d’étiquette entre femmes qui vous demandent où vous achetez vos étoffes. La conversation est bornée au sud de l’intelligence par les observations sur les intrigues cachées au fond de l’eau dormante de la vie de province, au nord par les mariages sur le tapis, à l’ouest par les jalousies, à l’est par les petits mots piquants.
Madame de La Baudraye eut la rouerie, assez innocente d’ailleurs, de signaler à ces deux Parisiens entre lesquels elle voulait choisir un vainqueur, le piége où il se prendrait, en pensant qu’au moment où il ne le verrait plus, elle serait la plus forte.
On se moque d’elles en arrivant, puis quand on a perdu le souvenir de l’éclat parisien, en voyant la femme de province dans sa sphère, on lui fait la cour, ne fût-ce que par passe-temps. Vous que vos passions ont rendu célèbre, vous serez l’objet d’une attention qui vous flattera…. Prenez garde! […] Quand une pauvre petite provinciale conçoit une passion excentrique pour une supériorité, pour un Parisien égaré en province, elle en fait quelque chose de plus qu’un sentiment, elle y trouve une occupation et l’étend sur toute sa vie. Il n’y a rien de plus dangereux que l’attachement d’une femme de province: elle compare, elle étudie, elle réfléchit, elle rêve, elle n’abandonne point son rêve, elle pense à celui qu’elle aime quand celui qu’elle aime ne pense plus à elle. Or une des fatalités qui pèsent sur la femme de province est ce dénoûment brusque de ses passions, qui se remarque souvent en Angleterre. En province, la vie à l’état d’observation indienne force une femme à marcher droit dans son rail ou à en sortir vivement comme une machine à vapeur qui rencontre un obstacle. Les combats stratégiques de la passion, les coquetteries, qui sont la moitié de la Parisienne, rien de tout cela n’existe ici.
Etienne, piqué de l’air magistral que prenait monsieur de Clagny, voulut le faire enrager par une de ces froides mystifications qui consistent à défendre des opinions auxquelles on ne tient pas, dans le but de rendre furieux un pauvre homme de bonne foi, véritable plaisanterie de journaliste.
Schließlich verlässt die Muse wieder Paris und ihren vermeintlichen Angebeteten. Sie kehrt in die Provinz zurück.
II.7 – Les Parisiens en province, 2éme histoire: La Muse du département, 1832/1837
16. Januar 2009








Nach zwei Wochen höchst verwirrender und bedrückender Umwälzungen im Betrieb und meiner daherrührenden, wenig verwunderlichen Unfähigkeit, mich der vergleichsweise schwingend=tänzerischen Sprache Balzacs hinzugeben, kann ich ihn nun endlich wieder lesen und erhören, meinen Generalbass.
[to be completed]
II.8 – Les Rivalités, 1ére histoire: La Vieille Fille, 1836
21. Februar 2009








Die Reise eines verwöhnten, adeligen Heißspornes, Graf Victurnien d’Esgrignon, in die Hauptstadt der Verderbnis, Paris, der dort zugrundegeht – wie vorhergesehen und von ränkeschmiedenden, falschen Freunden auch so geplant. Er scheint sein gesamtes Adelsgeschlecht sowie einige brave Bedienstete und Zugetane, etwa den alten Notar Chesnel, mit sich zu reißen aus reiner Vergnügungssucht.
Inmitten dieses neununddreißigsten Romanes wird mir klar: Wie offen negativ der Erzähler nahezu alle Figuren der Revolution, der Linken, der Neuerung als eigensüchtige, machtbesessene, boshafte und amoralische Bourgois darstellt – die Figuren des Adels, der Ultramontanen, der Reaktion aber erscheinen bei ihm als zwar frivol=vergnügungssüchtige, darin jedoch eher rührend=ehrenvolle Persönlichkeiten alten Schlages.
Am Ende gelingt es dem alten Chesnel zwar die bourgeoise Intrige durch vielerlei (natürlich ganz ehrenvoll motivierte!) Gegenintrigen abzuwehren; doch das Adelsgeschlecht der d’Esgrignon geht unabweisbar zugrunde.
II.9 – Les Rivalités, 2éme histoire: Le Cabinet des Antiques, 1839
27. Februar 2009








Nach den nun schon bekannten Landschaftsschilderungen, den überraschend ausführlichen und teils die Aufmerksamkeit deutlich fehlleitenden Einführungen in Genealogie und Charakterzeichnung aller Personen (und noch der nebensächlichsten Nebenfiguren) beginnt sich nach rund hundert Seiten der Kernkonflikt abzuzeichnen: zwischen den jungen Möchtegernpoeten Lucien Chardon (Ex-de Rubempré) und David Séchard – sowie den Frauen Louise Bargeton und Eva Chardon.
II.10a – Illusions perdues, 1ère Partie: Les Deux poètes, 1837
35. März 2009








Die Mühseligkeit der Lektüre setzt sich leider fort (oder erleide ich gar eine gewisse Balzacmüdigkeit? ennui der immer wiederholten Motive und des unerquicklich kapitalistischen Menschenbildes), auch als Lucien endlich in Paris seine erste größte kränkung erfährt. Louise Bargeton lockte ihn mit sich in diese Stadt, erweckte Aufstiegs- und Erfolgshoffnungen im jungen Mann, denen der Provinzling kaum unmittelbar Genüge tun kann.
Es brauchte eine lange Zeit mühseligen Weiterlesens – oft erst nach Wochen, unerträglich schien die Lektüre des -Niedergangs –, ehe sich wieder ein angenehmer Lesefluss einstellen konnte. Womöglich erkannte ich zu überdeutlich in den Ränken um den armen Lucien, genau auch die neidisch-mißgünstigen Ränke wieder, die sich um meine eigene Person in diesen Wochen und den vergangenen Monaten herum abgespielt hatten? Der Kapitalismus ist auch in dieser Literatur niederdrückend. Das kapitalisierungsgierige Menschen- und Weltbild des Honoré de Balzac ist unerquicklich und niederschmetternd. Möchte ich das alles wissen?
II.10b – Illusions perdues, 2ème Partie: Un grand homme de province à Paris, 1839
27. Mai 2009








Wie befreiend ist es, endlich nicht mehr nur von der Abwärtsbewegung und den Erniedrigungen des Lucien de Runbompré zu lesen; selbst wenn die Freuden immer wieder nur vorübergehende oder gar teuflisch inszenierte sind. Wie befreiend ist es am Ende, wenn Lucien sich dem Freitod anheimgegeben noch einmal in’s Leben herumkriegen lässt durch einen ausgebufften Geistlichen.
»ceci me semble une théorie de grande route!«
Welche Befreiung, als alle Händel und Ränke endlich zu ihrem Ende gekommen und David und Eva Sécahrd wohlbehalten auf einem Landgut angekommen sind.
II.10c – Illusions perdues, 3ème Partie: Ève et David, 1843
4. Juni 2009








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Es beginnt eine neue Trilogie, die Histoire des Treize, die Balzac mit einem gemeinsamen Vorwort einleitet. Der erste der drei Romane beginnt dann mit einer Apotheose der pariser Straßen. Der Baron Auguste de Maulincour verkuckt sich in eine brave Gattin, meint dort eine Untreue zu entdecken und wird vom ominösen Titelhelden dieser Geschichte, Ferragus, bedroht, verwarnt, mehrfach tödlich angegriffen.
Interessant ist, wie die Erzählperspektive wie öfters bei Balzac hier rotiert und so eine Art von polyperspektivischer Objektivität, fast schon avantgardistiscvh erzeugt. Serh dynamisch erzählt der Autor, schnellere Szenenwechsel als bei den Illusions perdues, auch weniger langatmige, sondern frische Schilderungen von Interieurs. Könnte das wohl daran liegen, dass die Histoire des Treize noch von einem vergleichsweise jugendlichen Balzac in den 30ern erdacht wurde? Wohingegen er nach dem Erscheinen der Illusions knapp sieben Jahre noch zu leben hatte. War er schon erzählerisch verbraucht?
Das Ende von Ferragus löst sich dann recht milde auf, am Ende war der böse Verführer doch nur ein mildtätiger Vater. Doch zu langatmig werden Begräbnis und Zeremonien erzählt.
III.1 – Histoire des Treize, 1er épisode: Ferragus, 1834
10. Juni 2009








Es beginnt etwas ermüdend mit Klosterschilderungen, einer unerfüllten Lieben zwischen einem Militär und einer Frau, die in’s Kloster ging. Diese Ermüdung und ihre quälerisch-schwärmerischen, durch und durch hohlen Schaumschlägereien von höherer Liebe und übersinnlichem Wesen sind allerhöchstens durch ein flottese Darüberhinweglesen zu ertragen.
Balzac erzählt hier immer weniger und füllt dutzende Seiten mit wohlfeilem Raisonnieren über Nationalcharaktere, die Zeitläufte und typische Figuren des Lebens.
Erfrischend wird es erst gut 50 Seiten später, als die Vorgeschichte des Militärs Marquis Montriveau mit der Duchesse de Langeais, nunmehr Nonne, erzählt wird. Il ne se prêtait à rien de honteux, ne demandait jamais rien pour lui ; enfin, c’était un de ces grands hommes inconnus, assez philosophes pour mépriser la gloire, et qui vivent sans s’attacher à la vie, parce qu’ils ne trouvent pas à y développer leur force ou leurs sentiments dans toute leur étendue.
Nach recht flott erzählten, dialoglastigen knapp 200 Seiten hat der Militär gelernt, mit koketten Liebesschwüren umzugehen – die Duchesse aber ist als Nonne verstorben, die schöne Leich’. Gelernt hat er das durch die Launenhaftigkeit der Duchesse, die erst ernsthaft wurde, als er sie abwies, altes Muster. Die Frau musste wohl sterben, damit er reifen konnte. Unangenehm.
III.2 – Histoire des Treize, 2ème épisode: La Duchesse de Langeais, 1834/1839
16. Juni 2009








Un des spectacles où se rencontre le plus d’épouvantement est certes l’aspect général de la population parisienne, peuple horrible à voir, hâve, jaune, tanné. Die kleine Novelle beginnt mit einer der großartigsten Passagen der Comédie über das pariser Leben generell: ein Essay der Typen und Lebensweisen in einer traditionsreichen Kapitale und Metropole: Les embrassades couvrent une profonde indifférence, et la politesse un mépris continuel.
Diese 43. Erzählung der kapitalen Komödie Balzacs handelt von der blasierten Liebesjagd des Henri de Marsay nach einer sogenannten Mulattin und dessen dümmlichem Sancho Pansa, genannt Paul de Marson. Und sie endet mit dem Ende dieser Jagd; ein weiteres Abenteuer.
III.3 – Histoire des Treize, 3ème épisode: La Fille aux yeux d’or, 1835
19. Juni 2009








Eine Auswahl aus der Comédie könnte sich auf die ausführlichen Figurenzeichnungen in diesem (oder anderen Romanen) beschränken – und sie hätte die wesentliche, begeisternde Kunst Balzacs erfasst: auf wenigen Seiten die chcrakteristischen Eigentschaften, Lebensgewohnheiten, inneren Widersprüche und Begehrenslagen eines Menschen höchst dich darzustellen.
Insgesamt ist dieser Roman ein Geschäftsbericht oder eine zeitlich gestreckte Wirtschaftsanalyse vom Niedergang eines Geschäftsmodells und einer unternehmerischen Persönlichkeit.[to be expanded]
III.4 – Histoire de la grandeur et de la décadence de César Birotteau, 1837
30. Juli 2009








Eine kapitalizistisch-etatistische Novelle. Allein über Geldgeschäfte, Transaktionen und Kapitalverschiebungen. Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen.
III.5 – La Maison Nucingen, 1838
7. August 2009








Dieser Roman schließt – höchst überraschend – direkt an das Ende der Illusions perdues an. Lucien de Rubempré ist der Auslöser der Verwicklungen rund um die Kurtisane Esther.
Die Figuren der etwas mühseligen Illusions Perdue tauchen hier wieder auf, Lucien erlebt ein zweites, vollkommen anders konturiertes Leben: Die Figuren machen allesamt einige Wandlungen durch. Das Leben der Sehnsucht und des Begehrens jener Epoche, in all ihren andersartigen Lebensformen wird plastisch und vorstellbar.
Das Drama der Verschränkung von Kapital und Begehren wird unübersehbar.
III.6a – Splendeurs et misères des courtisanes, 1er partie: Comment aiment les filles, 1838/1844-1846; 2ème partie: À combien l’amour revient aux vieillards, 1838/1844-1846
19. August 2009








Eine durchaus anregende und instruktive Einführung in das Rechts- und Gefängniswesen jener Epoche. Balzac zeigt sich als Autor, der neues Wissen mit suggestiven Figurenzeichnungen verknüpft.
Lucien, dassen aufstrebende Dichterjugend und dessen tragische Hybris in Illusions Perdues erzählt wurde (inklusive seines vorgeblichen erzählerischen Todes); Lucien, der schließlich in diesem großen Roman neu begann als Zögling und Werkzeug von Vautrin/Abbé Herrera, dieser stirbt schließlich unter dem rechtskräftigen Urteil über seine Verbrechen – kurz bevor dieses wieder augehoben werden sollte.
III.6c – Splendeurs et misères des courtisanes, 3ème partie: Où mènent les mauvais chemins, 1838/1844-1846
28. August 2009








Bislang die beeindruckendste Sozialstudie: Über das Wesen der Dirnen und Diebe (so die Eindeutschung). Sie zeigt das haarsträubende Dealen und Hustlen des sogenannten Todttäuschers Vautrin alias Jacques Collin mit der Judi- und Exekutive um seine Zukunft, seinen Lebensabend und das Rächen seines Schützlings Lucien. Selbstverständlich geht es hier nicht um Gerechtigkeit, sondern um das möglichst unversehrte Fortkommen aller Beteiligten – fänden diese sich nun auf Seiten der Kriminellen oder der Kriminalisten.
Die Trilogie aus Père Goriot, Illusions Perdues und Splendeurs et misères des courtisanes (in denen eine einzelne Kurtisane nur eher die Rolle eines MacGuffin einnimmt und diese auch nur im ersten Viertel des Romanes) endet mit dem Tod des hoffnungsfroh aufsteigenden Dichters und dem geruhsamen Lebensabend eines Erzverbrechers im bestbezahlten und -beleumundeten Staatsdienst.
III.6d – Splendeurs et misères des courtisanes, 4ème partie: La Dernière Incarnation de Vautrin, 1838/1844-1846
13. September 2009








Eine kleine Causerie von der Liebe eines genialischen und entschiedenen Schriftstellers zu einer durchtriebenen Fürstin; und wie diese Liebe durch die Schuld der Fürstin hindurch in der Gesellschaft bestehen kann.
III.7 – Les Secrets de la princesse de Cadignan, 1839
18. September 2009








Eine pointierte Miniatur, erinnernd an Boccaccio, die vom Gil Blas-haften Schicksal eines venezianischen Dogen erzählt. Erstaunlicherweise, wie mir scheint, die erste Erzählung, deren Rahmenhandlung in der ersten Person singular erzählt wird. Was eine unvermutete Intensität hervorbringt.
III.8 – Facino Cane, 1837
18. September 2009








Auch diese Rahmenhandlung wird von einer ersten Person singular erzählt. Sie erzählt die Geschichte einer (so ist zu vermuten) tragischen, hingebungsvollen Liebe des französischen Bildhauers Sarrasine zur itaslienischen Opernsängerin Zambinella. Eine idealische Statue stellt er her, zu Ehren seines begehrten und verehrten Weibes, verfällt ihr ganz; die sich am Ende der Erzählung in einer melodramtischen Gegenüberstellung auf der Bühne als ein Kastrat erweist. Sarrasine entführt Zambinella trotzalledem, will ihn zur Rechenschaft ziehen für die Zerstörung seines Begehrens in der vollkommenen Bindung auf ein vermeintlich falsches Ziel, dass er seine eigene Skupltur, das Denkmal seines Wahns versucht zu zerstören. Er will auch den Kastraten Zambinella töten und wird selbst getötet. Die Skulptur aber bleibt.
III.9 – Sarrasine, 1831
21. September 2009








Die kleine Geschichte eines mittelmäßigen Malers, der sich trotz wiederholter Niederlagen tapfer hocharbeitet und soweit verbessert, bis er seine Bilder immerhin kümmerlich verkaufen kann. Am Ende gewinnt er die Achtung einer biederen Bürgersfamilie, die seine Kunst sehr schätzt; wie sich herausstellt: allein, da ihr Geschmack an mies epigonalen Kopien von ihm selbst geschult wurde.
III.10 – Pierre Grassou, 1839
21. September 2009








Der Roman zeigt schon auf den ersten 80 Seiten, was der späte Fontane in seinen Konversationsstücken wie etwa Jenny Treibel von Balzac gelernt haben könnte.
Sehr süffig und lesbar wird eine Geschichte der einsamen und tragisch hingegebenen Tante Lisbeth erzählt, die unversehens (wieder einmal!) zur Geschichte eines jungen, aufstrebenden Künstlers (diesmal: eines Bildhauers) wird, zwischen Begehren und schnellem Aufstieg einerseits und Ehe und Kapitalisierung andererseits.
Am Ende verliert sich alles in den Händel der Eheschließung, des Gattensterbens, der Kapitalheiraten, damit junge Frauen (nur manche davon regelrechte Kurtisanen) ihren Lebensabend in gleichbleibendem luxus zubringen können.
Am Ende stirbt Lisbeth, es gelang ihr die Verhältnisse der Familie des Baron Hulot zu ruinieren; der Baron kehrt zurück, jedoch immer noch ein Schwerenöter und Schürzenjäger, der damit seine alte Frau in’s Grab treibt. Mit seiner letzten Affaire betreibt er hochbetagt schließlich eine Farm.

III.11 – La Cousine Bette, 1846
16. Oktober 2009








Im Anfang sehen wir den in seiner Jugend preisgekrönte und zu schnellem Erfolg gekommenen Modekomponisten Silvain Pons, der als Kunstsammler, Schöngeist und Bohémien der Salons seine Tage fristet: ein Junggeselle, dessen Not ihn zum Adabei und Schmarotzer, zum geduldeten und bösartig behandelten Taugenichts herabsinken lässt.
Zur Mitte des Romans (nach einer doppelt verfehlten Hochzeit und dem endgültig verlorenen Vertrauen seiner entfernten Verwnadten) liegt Pons danieder, im Sterben, und seine und Schmuckes Zugehfrau bemüht sich, ihn um sein Erbe, eine umfangreiche Kunstsammlung zu erleichtern.
Erschreckend in Balzacs Erzählungen zeigt sich auch hier wieder einmal, wie noch im Tod alle (potenziell oder vermeintlich) Angehörigen, Bekannten, Kollegen und Freunde tatsächlich ausschließlich daran interessiert sind, möglichst das gesamte Erbe des Sterbenden in ihren Besitz zu bringen. Sogar diejenigen, die vordergründig selbstlos handeln und allein aus Liebe und Hingabe, auch sie sind bei näherem Hinsehen ausschließlich egoistisch und narzisstisch motiviert. Es gibt weder Liebe noch freundschaftliche Verlässlichkeit; wer sich so zeigt wird umgangen und übergangen. Einziger Trost ist, dass all die Raffgierigen sich mit ihren Bemühungen wechselseitig auszustechen und auszubooten versuchen und damit mitunter unwillkürlich doch noch etwas Gutes tun können.
Am Ende sterben auch hier die beiden einzig weitgehend unschuldigen (oder zumindest sträflich naiven) Protagonisten einen unscheinbaren und einsamen Tod. Niemand trauert um sie.
Die Ehrgeizlinge und raffgierigen Geier genießen selbstgefällig ihren Reichtum.
III.12 – Le Cousin Pons, 1847
15. November 2009








Leider eine eher unerquickliche Erzählung. Wieder einmal dreht es sich um eine trickreiche monetäre Transaktion und darum also: Betrügerei. Diese wird in einigen Teichoskopien erzählt, die Protagonisten und ihre Zuschreibungen wechseln schnell; die ganze, winzige Erzählung (knapp 20 seiten) und die Einheiten der Narration haben die Geschwindigkeit des kapitalistischen Geldverkehrs angenommen. Es ist kein Vergnügen sie zu lesen. Dennoch wohl aber genau das, was Balzac hierin abzubilden trachtete.
III.13 – Un homme d’affaires, 1844
16. November 2009








Eine kleine, bezaubernde Erzählung von der grenzenlos demutsvollen Geliebten eines Bohemien (inklusive einer konzis-essayistischen Bestimmung dessen, was die Boheme sei); sowie die überraschende Wendung: sie ist die herrschsüchtig-launische Ehefrau eines berühmten und erfolgreichen Theaterautors. Eine Erzählung, die viele charakteristische Motive Balzacs knapp vereint.
III.14 – Un prince de la bohème, 1840
17. November 2009








Eine hübsche Miniatur über die Blasiertheit der Pariser, die sich als eine Studie über das Tricksterhandwerk des Verkaufens (am Beispiel des Tuchhandels) entpuppt.
III.15 – Gaudissart II/Un Gaudissart de la rue Richelieu, 1844
23. November 2009








Eine Studie, deren Titel Die Beamten durchaus im Sinne von Gaddis oder Luhmann zu verstehen ist: Das Soziotop französischen Beamtentums der Restauration wird ausführlich in seinen Idiosynkrasien wie in seinen Gesetzmäßigkeiten erzählt, geordnet und exemplarisch vorgeführt. Die langen, seitenweisen Dialoge unter der Beamtenschaft sind dabei von einer geradezu dokumentaristischen Unlesbarkeit. Sie belegen, dass die Ressentiments gegen demokratische Regierungen und die verwaltungsbedingt gegebene Umständlichkeit ihrer idealtypischen Entscheidungsfindung in Gremien sowie die Bevorzugung eines feudal-gutsherrschaftlichen Nepotismus durch Machmänner seit jener Zeit kulturübergreifend gültig sind.
III.16 – Les Employés ou La Femme supérieure, 1838
23. Dezember 2009















Ein wahrhaftes Sittengemälde der ehedem wichtigsten Stadt der Welt, Paris. Anhand eines Provinzlers wird die informelle und netzwerkhafte Funktionsweise der Verpflichtungen, des Nepotismus und der querliegenden Kompetenzen und Machtzirkel vorgeführt. Es werden vorgeführt: Eugène de Rastignac, Joseph Bridau, der Poet Melchior de Canalis, der Maler Dubourdieu, Carabine, die Geschäftsleute Cérizet und Fernand du Tillet, eine Wahrsagerin, die Kunstreiterin Malaga, der Baron de Nucingen, Maxime de Trailles und andere. eine empfehlenswerte Einführung in den Kosmos Balzacs.
III.17 – Les Comédiens sans le savoir, 1846
27. Dezember 2009








Man merkt dem Roman an, dass er einer der unvollendeten ist.
Er schleppt sich etwas mühsam dahin; die Dialoge wirken rausgehauen und wenig überarbeitet, ebenso auch mancher Figurenmonolog. Insgesamt werden die Ränke um beruflichen Aufstieg, Maidenwerbung und Eheglück vergleichsweise angestrengt, nicht selten auch geschwätzig dargeboten. Es zieht sich etwas dahin.
Einzig das Sittengemälder der Polizei und ihrer Doppelspiele kann in den Bann ziehen.
III.18 – Les Petits Bourgeois, 1855
22. März 2010








Wieder einmal beginnt der Roman mit dem männlichen Protagonisten an einem Scheideweg; und wieder einmal wird ausführlich – fasst genüßlich – ausgebreitet, welche Enttäuschungen, Erniedrigungen und Schicksalsschläge er in seiner Vergangenheit hatte hinnehmen müssen. Dass in dieser Figur sich Balzac teils auch selbst kathartisch portraitierte (wie in so vielen anderen Verlieren der menschlichen Komödie) scheint offensichtlich. car chez les sots le vide ressemble à la profondeur.
Der kryptokatholische (in seiner reduzierten, arbeitsethischen Strenge fast protestantische) Kreis, in den er nach diesem Ende hineingerät, konfrontiert ihn und die Leser mit den vermeintlichen Opfern und Leidtragenden der französischen Revolution: herabgesunkener Adel, geschlagenes Militär, deprimierte Kleinbürger. Ostalgische Erinnerungen an die DDR und das Sowjetregime, das ancien régime.
Es werden eine Reihe von Geschichten in der Geschichte erzählt, ähnlich einem Novellenkranz oder Goethes Erzählungen deutscher Ausgewanderter; im Laufe der Etzählung aber scheint sich selbst der Autor beim Fortgang der Geschehnisse zu langweilen, so dass er entscheidende Anteile der Erzählung an die Stimme und den offiziöser Dokumente delegiert: In der Ökonomie dieser Erzählung wird damit Zeit und Erzählenergie gespart – jedoch sinkt auch das Interesse und Engagement des Lesers, da das des Autors ebenfalls vermindert scheint.
Die Erzählung entfaltet sich allerdings als eine – für Balzac ungewöhnliche – Geschichte eines Kreises der Wohltäter. Als Leser glaubt man lange nicht, dass dieser Kreis sich nicht doch noch als außerordentlich hinterhältige Übeltäter erweist; erst als der Gottfried, der Protagonist, sich einer Prüfung zur Aufnahme in diesen Wohltäterorden unterzieht, traut man dem Frieden.
Wieder fällt auf, wie genüßlich Balzac die abgerissenen und verkommenen Lebensumstände zu schildern weiß – während Schilderungen des Wohlstandes und des Luxus’ überwiegend kurzangebunden bis klischiert erzählt scheinen.
III.19 – L’Envers de l’histoire contemporaine, 1848
30. März 2010








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Eine Geschichte aus der Zeit kurz vor Napoléons Kaiserkrönung, um Verschwörungen der Restauration. So ergreifend die Wechsel der Ereignisse doch sind, so herzzerreißend die unerfüllte Liebe und die Hinrichtung eines Unschuldigen, so bedrückend die bösartieg Verschwörung der Polizei Fouchés gegen Edelleute doch erscheint: sie reizt nicht als solche erinnert zu werden. Sie erscheint als ein Modell.
Ohnehin wird hier deutlich, wie sehr Balzac durch und durch Royalist war: Republikaner sind bei ihm nie zunächst gute Menschen; sie sind vielmehr gottlos amoralisch und hinterhältig. Vertreter des ancien régime dagegen sind zunächst einmal ehrenvoll, harmlos, gutmütig und großherzig; einzig die bedrängenden Umstände, die unerwartete Armut und Erniedrigung können in ihnen Böses hervortreiben.
Balzac zeigt sich auch als ein eigentlich erzählfeindlicher Erzähler. Fast nur an den Anfängen seiner Romane oder Erzählungen oder in ihren Schlüsselmomenten lässt er eine Geschichte sich aus ihren einzeln erzählten Ereignissen heraus entwickeln und in den Leser sich aufbauen. Auf den meisten Seiten der Comédie Humaine aber berichtet Balzac das Geschehene, indem er es in eine unwidersprochene Deutung einschlägt – teils sogar ganz unverhüllt in der Erzählmaske eines Gerichtsprotokolls (wie im vorangegangenen Roman).
Er ist somit mehr Schilderer von Charakterstudien und Figurenbildern, er deutet Charakter- und Gesellschaftsentwicklungen und beschreibt wiederkehrende Szenarien des Gesellschafts-, Regierungs- und Arbeitslebens, in die seine jeweiligen ProtagonistInnen als Spielfiguren nur recht unverbunden eingesetzt werden. In diesem Sinne ist er ein Psychologe im vordisziplinären Sinne des 19. Jahrhunderts.
IV.1 – Une ténébreuse affaire, 1841
5. April 2010








Eine kurze Geschichte, in der der Henker von Louis XVI bei verarmten Kirchenleuten eine Totenmesse für diesen von ihm exekutierten lesen lässt.
Die Tragik, ja das Melodrama darin, ist etwas vordergründig aufgesetzt; doch wird spürbar, welch ein apokalyptisches und endzeitliches Geschehen die französische Revolution für ihre Zeitgenossen gewesen sein muss: Untergang der Welt für den Adel – Aufgang zu beglückender, neuen Zeit für Bürger, Bauern, Arbeiter, Untergebene, Diener, Leibeigene.
IV.2 – Un épisode sous la Terreur , 1831
6. April 2010








Auffälligerweise in der Ich-Form berichtet der Erzähler aus seiner Zeit als Jurastudent, als er die Begegnung eines Menschen machte, Z. Marcas, der erst als obskurer Eigenbrötler erscheint; dann aber sich erweist als ein von den machtpolitischen Rankünen und brutalitäten enttäuschter Aufsteigewilliger und genialisch begabter Diplomat.
Der Ich-Erzähler und sein Studienfreund wollen ihm helfen; fast gelingt es ihm. Doch am Ende bricht die Regierung auseinander, bei der er seine Beschäftigung hatte: er ist endgültig deprimiert, siecht dahin, stirbt – niemand betrauert ihn, außen den beiden Studienfreunden.
IV.4 – Z. Marcas, 1841
9. April 2010








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Erstaunlicherweise gelingt es diesem zunächst als Schlachtengemälde und Armeeroman auftretenden Werk, die Aufmerksamkeit zu bannen. Vermutlich, da ein angemessener Detailreichtum, die Charaktere und ihre Handlungen beeindruckend spezifisch schildert – ohne gleich in die üblichen, allzubekannten Balzc’schen Klischees der Aufsteiger oder Ehe/Rentenaushändler zu kippen.
Tatsächlich verflüchtigt sich dieser gelungene Stil, als nach den ersten Kapiteln doch eine Liebeserzählung den Armeeroman ersetzt. Die Klischees überschlagen einander nun und es fällt zunehmend schwer, Örtlichkeiten und Personen auseinanderzuhalten (insb. im Dixième Chapitre). Balzacs Stil wird zunehmend gipserner, klischierter und schwerer zu lesen.
Kurz: ab der zweiten Hälfte des Romanes ist es mehr eine Pflicht und Qual, ihn bis zum Ende zu lesen.
V.1 – Les Chouans, 1829
4. Mai 2010








Eine kurze, im Corpus der Comédie Humaine recht skurrile Anekdote eines Provencalen in Afrika, der in Liebe zu einer Pantherin entbrennt.
V.2 – Une passion dans le désert, 1830
6. Mai 2010








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Die Geschichte kommt, wie so oft bei Balzac, langsam in Gang; die Szenerie (hier: das Land) wird erst einmal genüßlich und abschweifungsreich geschildert. D’ailleurs, l’historien ne doit jamais oublier que sa mission est de faire à chacun sa part; le malheureux et le riche sont égaux devant sa plume; pour lui, le paysan a la grandeur de ses misères, comme le riche a la petitesse de ses ridicules; enfin, le riche a des passions, le paysan n’a que des besoins, le paysan est donc doublement pauvre; et si, politiquement, ses agressions doivent être impitoyablement réprimées, humainement et religieusement, il est sacré.
Spürbar ist, wie dieser Roman nicht abschließend bearbeitet wurde. Die Dialoge mäandern oft ermüdend unstrukturiert dahin; unterbrochen von öfter etwas unmotivierten oder alternativ arg vordergründig motivierten Landschafts- und Charakterschilderungen.
Eine Lesespannung will sich nicht einstellen. Man liest’s halt zuende.
VI.1 – Les Paysans (inachevé). 1854
8. Juni 2010








Das Land wird geschildert, ein Vertreter und potenzielles Idol des Lesers – der Commandant Pierre-Joseph Genestas – erkundigt sich nach einem beeindruckend selbstlosen Landarzt – Docteur Benassis – , der die Armut seines Sprengels bekämpft. Er schützt vor allem die Kinder: Ils y allèrent, non comme les soldats français vont à l’assaut, mais silencieux comme des Allemands, poussés qu’ils étaient par une gourmandise naïve et brutale. Bleibt diese Erzählung so rührselig schollenverbunden? Bleibt Balzac beim Entfalten der armseligen Aufstiegssehnsüchte des Kleinbürgertums, das ohne Unterlass um jeden Sou von Lohn, Miete und Rente feilscht – als bestünde sein Lebenssinn aus nichts anderem. Die endlosen Reden, Politisierereien und Entwürfe einer besseren Gesellschaft des Landarztes sind bedrückend betulich und kleingeistig. Ähnlich fast wie die biederen Utopien des Glücks im Winkel, die Adalbert Stifter seinen Gustav Freiherr von Risach im 24 Jahre später erschienenen Nachsommer entfalten lässt.
Les nations, de même que les individus, ne doivent leur énergie qu’à de grands sentiments. Les sentiments d’un peuple sont ses croyances. Au lieu d’avoir des croyances, nous avons des intérêts. Si chacun ne pense qu’à soi et n’a de foi qu’en lui-même, comment voulez-vous rencontrer beaucoup de courage civil, quand la condition de cette vertu consiste dans le renoncement à soi-même ? Le courage civil et le courage militaire procèdent du même principe. Vous êtes appelés à donner votre vie d’un seul coup, la nôtre s’en va goutte à goutte. De chaque côté, mêmes combats sous d’autres formes. Il ne suffit pas d’être homme de bien pour civiliser le plus humble coin de terre, il faut encore être instruit ; puis l’instruction, la probité, le patriotisme, ne sont rien sans la volonté ferme avec laquelle un homme doit se détacher de tout intérêt personnel pour se vouer à une pensée sociale.
Der Landarzt zeigt dem Commandant die Vielfalt der Armen und Kranken, die er wohltätig betreut und am Ende finden sie in einer honorablen Gesellschaft samt Pfarrer und anderen zusammen, die schließlich dem sogenannt einfachen Volk heimlich lauscht, wie es gemütlich im Heuschober sich die Heiligenlegende des Napoléon de Bonaparte erzählt.
Am Ende erzält der Landarzt, in der beeindruckendsten langen Passage dieses Romans seine Geschicht: in einem Schulbeispiel des vollen Sprechens, der parole vraie.
Er sagt: Le premier amour n’est-il pas une seconde enfance jetée à travers nos jours de peine et de labeur?
Seine Arbeit ist ihm eine Art weltliches Klosterleben, welches er als solches für sich abgelehnt hatte: Cette retraite ne profite qu’à l’homme et n’est qu’un long suicide, je ne la condamne pas. Der gesamte Roman endet in weiteren, reichlich tragischen bis melodramatischen Erzählungen erster und verlorener Liebe. Am Ende stirbt der Landarzt. Der Commandant wird am Ende womöglich sein Erbe weiterführen.
VI.2 – Le Médecin de campagne, 1833
16. Juni 2010








Ein weiterer Roman, der gerade noch erträglich sich liest – wobei der Wechsel zwischen durchaus ermüdend-additiven Landschafts- und Szenerie-Schilderungen, Charakterzeichnungen mit ausladenden, meinungsfrohen Monologisierereien zu Wissenschafts- und Wirtschaftspolitik des Frankreichs Jener Jahre und etwas läppischen bis kolportagehaften Dialogen teilweise schwer erträglich scheint.
Deutlich wird wie stark kolportageromanhaft der Wechsel aus überzogenen Idealisierungen und melodramatisiert-tragischen Existenzabstürzen sich darbietet.
VI.3 – Le Curé de village, 1841
1. Juli 2010








Erstaunlicherweise gewinnt dieser Roman sofort meine Aufmerksamkeit: Nicht zuletzt wohl, da er – vollkommen ungewöhnlich für Balzac – als eine Rede in erster Person beginnt. Eine Rede, die das Subjektschicksal eines Einsamen und seine gewundene éducation sentimentale erzählt.
La douleur est infinie,
la joie a des limites.
Unter diesem Motto konnte die gesamte, für Balzac wirklich ungewöhnliche Handlung stehen, die ein sehr kompliziertes Begehren zwischen dem junge Felix de Vandenesse und der Gattin und Mutter zweier Kinder, der Gräfin von Mortsauf vorführt. Sie schickt ihn in eine urbane und politische Karriere, er entsagt seinem Begehren, will ihren Wünschen entsprechen, kehrt aber zurück als Teil einer leidenschaftlichen Affaire, die ihn die Liebe seiner Henriette kostet.
Über die Liebe und die Geschlechter weiß Balzac zu schreiben: Nos moeurs interdisent à notre sexe les brutalités de la répression qui, chez vous, sont des amorces pour un amant, et que d’ailleurs les convenances vous imposent ; à nous, au contraire, je ne sais quelle jurisprudence de fatuité masculine ridiculise notre réserve ; nous vous laissons le monopole de la modestie pour que vous ayez le privilège des faveurs ; mais intervertissez les rôles, l’homme succombe sous la moquerie.
Oder: En effet, toute grande passion pèse si fortement sur notre caractère qu’elle en refoule d’abord les aspérités et comble la trace des habitudes qui constituent nos défauts ou nos qualités ; mais plus tard, chez deux amants bien accoutumés l’un à l’autre, les traits de la physionomie morale reparaissent ; tous deux se jugent alors mutuellement, et souvent il se déclare, durant cette réaction du caractère sur la passion, des antipathies qui préparent ces désunions dont s’arment les gens superficiels pour accuser le coeur humain d’instabilité. Die Gräfin von Mortsauf alias Henriette verzeiht ihm seine leidenschaftliche Affaire nicht (die er sich selbst kaum verzeiht) und verfällt darum in lethalen Stupor. In einer ausladenden Sequenz wird ihr nahezu endogener Tod erzählt, ihr Dahinsiechen, ihr Hungern (über biblische 40 Tage lang!), bis hin zu ihrer letzten Beichte und ihrem Abschiedsbrief an Felix, der ihn zu ihrem Erbe auf dem Gut macht. Doch ihre Tochter kanzelt ihn ab, so suchte er Lady Dudly auf, seine leidenschaftliche Affaire, die ihn aber arrogant ignoriert, so schrieb er all dies an seine Nathalie, die ihn ob seiner Arroganz und Ignoranz bedauert: Keine seiner künftigen Frauen würde sich mit der Gräfin von Mortsauf messen können. Und so auch nicht sie selbst.
VI.4 – Le Lys dans la vallée, 1836
27. Juli 2010








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Zwar keine Gothic-Novel ist diese kurze Erzählung (von etwa 20 Seiten) doch ein recht burleskes, blutrünstiges und abstruses Schauermärchen: eine absurde Allegorie auf den Glauben. Einerseits rettet die Titelfigur auf einer Schiffahrt die Armen und Beladenen und lässt sie unbeschadet über stürmische See gehen – während die Reichen und Überheblichen wie verdient untergehen; andererseits begegnet der Erzähler einer alten verblichenen & gestorbenen Frau, die ihn zu sich ziehen will – die Ecclesia, die ihm noch einmal zeigt, was an Naturwissenschaft, Historiographie und Belletristik sie alles hervogebracht hat. Der Wunsch des Ungläubigen zeigt sich hier, der ein Erweckungs-, ein Erleuchtungserlebnis zum rechten Glauben so sehr sich ersehnt. I want to believe! Das ganze wäre ein Blockbuster-Hollywoodfilm für die Christian Right – in High Definition und glorreicher Kameraführung und postproduction.
VII.2 – Jésus-Christ en Flandre, 1831
5. Juli 2010








Eine geradezu Poe’sche Geschichte: Der Kassierer Cartanier verkauft einem sog. Engländer namens Melmoth seine Seele. Der faustische Seelenhandel hat zum Ziel alle seine Schulden (vor allem aufgrund seiner kostspieligen und berechnenden Geliebten) schlagartig zu decken. Dies geschieht – doch er wird mit der neuen Allmacht nicht froh. Das Leben fehlt ihm. Er entdeckt, dass der Engländer seines schon ausgehaucht hat so beginnt eine Staffette des Seelenweiterverkaufs, um Schulden zu decken. Erfreulich an dieser kleinen Geschichte (ebenso wie bei Jésus-Christ en Flandre) ist, dass endlich einmal eine gewissen Transzendenz ausdrücklich Einzug hält in Balzacs Erzählen. die Bedrückende Enge der Kredite, Schuldscheine und Rentenverhandlungen wird endlich einmal ergänzt um eine größer und weiter gedachte und imaginierte Welt der Dämonen und Geister. Fast eine Art poetischer Realismus.
VII.3 – Melmoth, 1835
8. Juli 2010








Es beginnt als ein Spielerroman, der zum Selbstmörderroman wird, der zum Roman eines phantastischen Dinges wird, des sogenannten peau de chagrin: ein Talisman mit arabischer Aufschrift, der seinem Träger (der dem Teufel bei Erwerb seine Seele zu verkaufen hatte) alle Wünsche erfüllt.
Das ist ein sonderbares Problem, dass der Mensch stets im Gegensatz zu sich selber lebt, sich um Hoffnungen durch die Leiden seiner Gegenwart betrügen muss und sich dann wieder über diese Leiden mit einer Zukunft hinwegtäuscht, die ihm nicht gehört – und dass er also allen seinen Handlungen den Stempel von Schwäche und Spriunghaftigkeit aufdrückt. Hier auf Erden ist einzig das Unglück vollkommen.
Der ungläubige, eben noch suizidale Protagonist Rafael erfährt wie sein Wunsch nach der ultimativ exzessiven Ausschweifung unmittelbar in Erfüllung geht und berichtet dort seinen Freunden, die Vorgeschichte seines Lebens bis dahin: Seine Erziehung zur Strebsamkeit durch den Vater; sein Bemühen um eine wissenschaftliche >Theorie des Willens< (>???Théorie du Vouloir???<), die er allein in einer ärmlichen Dachkammer in drei Jahren niederzuschreiben versuchte; seine Versuchung durch den Schwätzer und Scharlatan Rastignac, der ihn in die Verlustierungen und Genüsse des Gesellschaftslebens einführte und auf den Geschmack brachte; die russische Ex-Zarengattin Foedora, in die er sich unsterblich verliebte und die ihn lediglich kalt als einen weiteren nützlichen Verehrer gebruachte; Pauline, die schöne Tochter seiner Wirtin, deren Hingebung er kaum wahrnahm.
Am Ende gibt er sich dem Chagrinleder hin und versucht die Jahre seines Lebens in einem wunschlosen, wohl geordneten Versorgungsreichtum zu verleben, tunlichst darauf bedacht, nicht den einzigen Wunsch äußern und somit das Leder nicht weiter verbraiuchen zu müssen: denn es verringert sich um Umfang und damit zugleich Rafaels Lebenszeit mit jedem Wunsch um einen Millimeter.
So dahinvegetierend begegnet ihm schließlich wieder Pauline, zur vollen Blüte gelangt: beide verfallen einander und beschließen glückselig einander zu heiraten und den Rest ihres Lebens im Glücke zu erhalten.
Am Ende aber ist der Fortschritt des Wunsch- und Lederverbrauches unaufhaltbar. Nach einer Odyssee der Heilorte, Kurbäder, idyllischen Alpendörfer kehrt er zurück und wird von seinem Diener, der tatsächlich der Teufel war, dem er versprochen ist, begraben
VII.1 – La Peau de chagrin, 1830
16. August 2010








Eine meisterhafte kleine Erzählung, in ihrer Verkürzung, Verdichtung und Zuspitzung: eine ausgedehnte Reflexion über die Ästhetik der Malerei – anhand des hef-d’œuvre inconnu des Malers Frenhofer namens Belle Noiseuse (einem Bildnis der Cathérine Lescault). Unaufhörlich lief in meiner Vorstellung die Belle Noiseuse von ??? mit, als eine Deutung dieser kleinen 40-seitigen Erzählung und ihre Ausfaltung auf über 4 Stunden im Jahr 199X.
Nicolas Poussin als ein junger Maler stellt Frenhofer seine junge Geliebte Gilette als ein Modell zur Verfügung, in der Hoffnung, hierdurch als Maler zu avancieren – und dennoch Gilette als Geliebte zu bewahren.
Dies scheint auch zu gelingen, doch als Poussin und sein älterer Vertrauter Porbus das Gemalte betrachten wollen, erkennen sie zwar einen vollendet lebendigen Fuß – doch ansonsten nur gekritzelte Übermalungen, die nichts erkennen lassen. Auch Frenhofer erkennt am Ende dies.
Am folgenden Tag ist er gestorben, wohl im Feuer, in dem er all seine Werke verbrannt hat.
VII.4 – Le Chef-d’œuvre inconnu, 1831
16. August 2010








Als musikalisches Gegenstück zur Malerei-ästhetischen Betrachtung Le Chef-d’œuvre inconnu erzählt dieser etwa 80-seitige Roman die tragische Geschichte des Komponisten Paolo Gambara, der als Instrumentenerfinder ein Genie – als Komponist jedoch ein nahezu gehör- und gespürloser Klöppler ist. Der Protagonist (Un gentilhomme gascon, qui tempérait beaucoup de sensibilité par beaucoup de réflexion, et s’était approprié mille petites recettes contre les soudaines apoplexies de son esprit et de son coeur, avait conseillé au comte de se livrer au moins une fois par mois à quelque orgie magistrale pour conjurer ces orages de l’âme qui, sans de telles précautions, éclatent souvent mal à propos.) gerät als sein Förderer zu ihm, da er in Begehren zu Gambaras Gattin Marianne entbrannte, die ihren Gatten unterstützt als wäre er ihr Vater – und der Protagonist Graf Andrea (Exilitaliener in Paris wie die Gambaras selbst) wählt den klugen Weg, ihrem Gatten einen Erfolg zu bahnen, auf dass er schließlich seine stützende Gattin hinter sich lassen möge. Er macht ihn trunken, da er nur so das Musische gegenüber dem Konzeptuellen zu ergreifen vermag (eine reaktionäre musikästhetische Vorstellung, die Balzac hier, wie so oft, an den Tag legt)
Wir lesen eine ausgiebige Ausdeutung von Giacomo Meyerbeers Robert-le-Diable und erleben, wie Gambara dennoch unbelehrbar bleibt. Am Ende verarmt er, seine Frau reist dem Protagonisten nach; enttäuscht von ihm (der doch verheiratet) kehrt sie zurück und singt zum Lebensunterhalt mit ihrem Gatten die schönsten Passagen seiner verlorenen Opernkomposition, trunken. Am Ende werden beide immerhin noch für ihre Entsagung belohnt.
VII.5 – Gambara, 1837
17. August 2010








Ein venezianischer Roman, der anhand der Geschichte der Herzogin Massimilla Doni und des Prinzen Emilio Memmi, die einander im Niedergang italienischer Adelsgeschlechter als nebeneheliches Liebespaar begegnen.
Dem Erzähler bietet dies Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche Veneziens ausführlich zu schildern, einzuordnen und zu bewerten. Außerdem wird Rossinis Moses auf 40 der 130 Seiten ausgiebig nacherzählt und (in Figurenrede der Massimilla Doni) musikästhetisch ausgedeutet, ein pro-italienisches, anti-französisches Plädoyer inbegriffen. Die Opernerzählung trägt in sich den Kampf zwischen dem ersten Sänger, Genovese, und seiner Idealpartnerin, der ersten Sängerin, Tinti, in die er unsterblich verliebt sei: letztere war es, die Emilio Memmi in einer überraschenden Nacht die fleischliche, wie es heißt irdische Lust gestattete, wohingegen er noch im himmlischen Begehren der Massimilla Doni verharren muss. Er leidet.
Zum Ende der Erzählung aber werden auf wenigen Seiten all diese Leidenden durch eine List, die jedem Libretto einer klassischen Oper würdig wäre, miteinander ausgesöhnt; die Herzogin empfängt gar, ganz bürgerlich, des Prinzen Emilio Kind.
VII.6 – Massimilla Doni, 1837
19. August 2010








Der Roman beginnt – als ganz klassischer Balzac – mit einer großen Bewegung über Fragen der Architektur und der Mentalität der Bewohner des Landes Flandern zu einer Charakterzeichnung des Paares aus der hinkenden Josephine von Temninck und dem genialisch-weisen Balthasar Claës-Molina von Nourho: Bienheureuses les imparfaites, à elles appartient le royaume de l’amour.
Sie entwickelt sich etwas zäher als die letzte Handvoll Erzählungen; nur mählich zieht es einen Leser hinein, die ausführlichen Schilderungen der Einzelheiten des Hauses und der (vor allem emotional-charakterlichen) Geschehnisse, die tiefgreifenden Zerwürfnisse zwischen den beiden Partnern entwickeln sich mit einer ermüdend langsamen Zähigkeit. J’allais peut-être décomposer l’azote!
Nach etwa einem Drittel des Romanes schließlich wird offenbart, was der Grund des Zerwürfnisses zwischen beiden ist: Balthasar sonderte sich von seiner Gattin ab, da ein polnischer Soldat ihn mit seinen Reden infiziert hat, den einen Urstoff der organischen und der anorganischen Chemie zu finden. Die religiöse Frau kann darin nur Götteslästerei und Hoffärtigkeit erkennen. Das Zerwürfnis, das sich schon aufzulösen schien, da Balthasar der Lösung nah und seiner Familie sich wieder näher zuwandte (Le charme le plus grand d’une femme consiste dans un appel constant à la générosité de l’homme, dans une gracieuse déclaration de faiblesse par laquelle elle l’enorgueillit, et réveille en lui les plus magnifiques sentiments. L’aveu de la faiblesse ne comporte-t-il pas de magiques séductions? ): Er verbrennt das gesamte Kapital seiner Kinder, um der Chimäre eines chemischen Urstoffes hinterherzujagen. Was im Nachhinein, nach gefundenem Urstoff, mit Sicherheit gutes Material für eine wissenschaftsgeschichtliche Märtyrererzählung böte, tritt hier in seiner familiären und privaten Tragik zutage. Wie die wissenschaftliche Obsession Leben zerstört. Balthasar: J’ai combiné le chlore et l’azote, j’ai décomposé plusieurs corps jusqu’ici considérés comme simples, j’ai trouvé de nouveaux métaux. Tiens, dit-il en voyant les pleurs de sa femme, j’ai décomposé les larmes. Les larmes contiennent un peu de phosphate de chaux, de chlorure de sodium, du mucus et de l’eau. – Seine Frau Josephine: Analyse des fleurs, des fruits, du vin de Malaga; tu découvriras certes leurs principes qui viennent, comme ceux de ton cresson, dans un milieu qui semble leur être étranger; tu peux, à la rigueur, les trouver dans la nature; mais en les rassemblant, feras-tu ces fleurs, ces fruits, le vin de Malaga? auras-tu les incompréhensibles effets du soleil, auras-tu l’atmosphère de l’Espagne? Décomposer n’est pas créer.
Am Ende aber, nach dem Tode von Balthasars Frau, aufgrund des Grams des verschleuderten Kapitals der Familie – schon nach etwa der Hälfte des Romans – rückt ihre älteste Tochter Marguerite und ihre als tief melancholisch und seelenvoll erzählte, innige Liebe zu Emmanuel von Solis (sehr diszipliniert und arbeitsam aufgezogen von einem Geistlichen) in das Zentrum des Romans sowie die Bemühungen des Familien-Notars Pierquin ihre Not zu seiner Verheiratung mit Marguerite auszunutzen.
Diese zweite Hälfte des Romans allerdings, der so seelen- und gefühlvoll begann, dreht sich wie typisch für Balzac um die Bewerkstelligung von Schuldrückzahlungen, Kapitalsverschreibungen, Rentenrechnungen und Darlehsnkalkulationen, der materiell-biedermeierlichen Ausstattung des Hauses (hierin teils erinnernd an den wenig später erschienenen Nachsommer Stifters). Nach vielfachem, teils ermüdendem Hin- und Her zwischen haushälterischer Marguerite und obsessiv-weltvergessenem Forscherdrang ihres Vaters, zwischen kargen Berechnungen, um das kümmerliche Geld zusammenzuhalten und verschwenderischen Einkäufen von Arbeitsmaterial wird Balthasar am Ende, dann doch verrückt – was alle schon lange ihm zugeschrieben hatten, nur er nicht wahrhaben wollte. Etwa sieben Millionen Franken, die Vermögen seiner Frau und aller seiner drei Kinder, sowie am Ende sogar noch sein eigenes Restvermögen hat er für keine Erkenntnisverschleudert. Und stirbt, als er mitanhören muss, dass der polnische Gelehrte, der ihn einst auf diese Bahn brachte, schließlich den begehrten Urstoff fand.
VII.7 – La Recherche de l’absolu, 1834
22. August 2010








Der kurze Roman beginnt Ende des 16. Jahrhunderts, in der Geburtsnacht des Titelhelden, Étienne de Hérouville, als seine Mutter, die Gräfin Jeanne de Hérouville (geborene Saint-Savin, 19 Jahre), im siebten Monat schon mit ihrem Sohn niederkommt: Ihr Gatte hatte ihr angedroht, in diesem Fall beiden – Sohn und Mutter denHals umzudrehen: Je tordrais fort proprement le col à la mère et à l’enfant..
Balzac erzählt – wieder einmal – das Leben eines verstoßenen, zarten, kontemplatisven und zur genealogisch aborten Priesterlaufbahn verdammten Erstgeborenen, den sein Vater nicht sehen will und demgegenüber das rohe, kriegerische, kurz: dumme Leben des Zweigeborenen Maximillien, der von seinem Vater angenommen wurde. Etienne, que sa faiblesse vouait en quelque sorte aux occupations sédentaires de la science, devait donc trouver dans son père un ennemi sans générosité. Ihr Sohn Étienne erinnerte sie an ihre Jugendliebe, Georges de Chaverny, sie stirbt an der mangelnden Liebe ihres Gatten, der den Tod ihrer Jugendliebe feiert.
Als Maximillien schließlich im Kampfe fällt schwört der Graf seinem schwächlichen, im vergeistigten, poetisierten und ganz dem Ozean vermählten Sohne Étienne, ihm vollkommen Untertan zu sein, wenn er ihm nur einen Enkel zeugen würde. Enfin, il avait fini par deviner dans tous les mouvements de la mer sa liaison intime avec les rouages célestes, et il entrevit la nature dans son harmonieux ensemble, depuis le brin d’herbe jusqu’aux astres errants qui cherchent, comme des graines emportées par le vent; à se planter dans l’éther. Pur comme un ange, vierge des idées qui dégradent les hommes, naïf comme un enfant, il vivait comme une mouette, comme une fleur, prodigue seulement des trésors d’une imagination poétique, d’une science divine de laquelle il contemplait seul la féconde étendue. Incroyable mélange de deux créations! tantôt il s’élevait jusqu’à Dieu par la prière, tantôt il redescendait, humble et résigné, jusqu’au bonheur paisible de la brute. Pour lui, les étoiles étaient les fleurs de la nuit; le soleil était un père; les oiseaux étaient ses amis. Il plaçait partout l’âme de sa mère; souvent il la voyait dans les nuages, il lui parlait, et ils communiquaient réellement par des visions célestes; en certains jours, il entendait sa voix, il admirait son sourire, enfin il y avait des jours où il ne l’avait pas perdue! Dieu semblait lui avoir donné la puissance des anciens solitaires, l’avoir doué de sens intérieurs perfectionnés qui pénétraient l’esprit des choses. Des forces morales inouïes lui permettaient d’aller plus avant que les autres hommes dans les secrets des oeuvres immortelles. Étienne willigt ein.
Der Wunderdoktor Beauvouloir, der Étienne zur Welt gebracht und seiner Mutter die Fürsorge für den faktischen Vollwaisen versprochen hatte, erinnerte sich seiner ebenso vergeistigen und poetisierten Tochter Gabrielle – so unwissend wie Étienne wissend ist: L’ignorance, monseigneur, est une chose aussi sainte que la science; la science et l’ignorance sont pour les créatures deux manières d’être; l’une et l’autre conservent l’âme comme dans un suaire; la science vous a fait vivre, l’ignorance sauvera ma fille.. Er führt beide diskret zusammen und es beginnt ein ätherischer, präsexueller Liebesroman: Étienne und Gabrielle sind ein jugendstilartiges Paar im anderen Zustand vergeistigter Einheit (fast wie Ulrich und Agathe am Ende von Musils Mann ohne Eigenschaften: Etienne se leva, Gabrielle imita ce mouvement par une crainte vague, car il avait quitté sa main. Etienne prit Gabrielle dans un de ses bras en la serrant contre lui par un mouvement de tendre cohésion; aussi, comprenant son désir, lui fit-elle sentir le poids de son corps assez pour lui donner la certitude qu’elle était à lui, pas assez pour le fatiguer. L’amant posa sa tête trop lourde sur l’épaule de son amie, sa bouche s’appuya sur le sein tumultueux, ses cheveux abondèrent sur le dos blanc et caressèrent le cou de Gabrielle. La jeune fille ingénument amoureuse pencha la tête afin de donner plus de place à Etienne en passant son bras autour de son cou pour se faire un point d’appui. Ils demeurèrent ainsi, sans se dire une parole, jusqu’à ce que la nuit fut venue. Les grillons chantèrent alors dans leurs trous, et les deux amants écoutèrent cette musique comme pour occuper tous leurs sens dans un seul. Certes ils ne pouvaient alors être comparés qu’à un ange qui, les pieds posés sur le monde, attend l’heure de revoler vers le ciel. Ils avaient accompli ce beau rêve du génie mystique de Platon et de tous ceux qui cherchent un sens à l’humanité: ils ne faisaient qu’une seule âme, ils étaient bien cette perle mystérieuse destinée à orner le front de quelque astre inconnu, notre espoir à tous! – Tu me reconduiras, dit Gabrielle en sortant la première de ce calme délicieux. – Pourquoi nous quitter? répondit Etienne. – Nous devrions être toujours ensemble, dit-elle. – Reste. – Oui.Enhardis par la crainte vague qui les agitait, ils se donnèrent, dans l’ombre et le silence, ce premier baiser où les sens et l’âme se réunissent pour causer un plaisir révélateur. Etienne comprit l’amour dans sa double expression, et Gabrielle se sauva de peur d’être entraînée par la volupté, mais à quoi ?… Elle n’en savait rien.).
Als der Graf dies erfährt, will er die beiden trennen und eine standesgemäße Ehrenhochzeit durchsetzen durch Entführung und Gefangennahme von Vater & Tochter Beauvouloir. Fast gelänge dies, doch der gemeinsame Gesang der Liebenden rettet sie – die dennoch getötet werden, allein durch den Blick und den erhobenen Dolch des wutentbrannten Grafen. Der am Ende wohl selbst noch einmal, im achten Lebensjahrzehnt, die kalte, machtvolle Frau heiraten wird, die er Étienne zugedacht hatte.
VII.8 – L’Enfant maudit, 1831
25. August 2010








Eine Geschichte vom Ende Napoléons Feldzug gegen Russland: Sie beginnt und wird erzählt wie ein Stück absurder Literatur, passagenweise sehe ich Szenen von Ionesco, Beckett oder Büchner, Camus. Verloren hackelnde und hetzende Seelen unter brennender Sonne – vereinzelt in ihrem sinnlosen Schicksal. Sinnlos vegetierend und sterbend.
An der Beresina sterben die Soldaten im frostigen russischen Winter, essen ihre Pferde, verbrennen alle Wagen, verrecken im Eiswasser. Die Gräfin Stéphanie de Vandière – die später auf dem verlassenen Grundstück eines Klosters wiedergefunden wird, wird wahnsinnig (Aucun rayon d’intelligence n’animait sa figure plate.), als alle auf die letzte Rettung auf ein Floß flüchten und sie jahrelang als vermisst gilt und von Treck zu Treck weitergereicht wird. Sie lebt wie ein wildes, irres Tier, begeistert über Zuckerstücke, ihr einziges Wort: Adieu!, das sie zuletzt vor ihrem Wannsinn aussprach. Ihr Anbeter Philipp de Sucy versucht sie wieder zur Vernunft zu bringen, indem er den entscheidenden Katastrophenmoment nachstellen lässt. Sie scheint auch zu Bewusstsein zu kommen – Le beau visage de Stéphanie se colora faiblement; puis, de teinte en teinte, elle finit par reprendre l’éclat d’une jeune fille étincelant de fraîcheur. Son visage devint d’un beau pourpre. La vie et le bonheur, animés par une intelligence flamboyante, gagnaient de proche en proche comme un incendie. Un tremblement convulsif se communiqua des pieds au coeur. Puis ces phénomènes, qui éclatèrent en un moment, eurent comme un lien commun quand les yeux de Stéphanie lancèrent un rayon céleste, une flamme animée. Elle vivait, elle pensait! Elle frissonna, de terreur peut-être! Dieu déliait lui-même une seconde fois cette langue morte, et jetait de nouveau son feu dans cette âme éteinte. La volonté humaine vint avec ses torrents électriques et vivifia ce corps d’où elle avait été si longtemps absente. – Sie sieht ihn und stirbt. Für seine eigene Eitelkeit hat er das Leben dieser Frau beendet.
VII.9 – Adieu, 1830
25. August 2010








Bei der Schlacht von Tarragona geraten die italienischen Schönlinge und Glücksritter – faul und ambitioniert – mit Namen Montefiori und Diard in die Besetzung und Plünderung der Stadt: Montefiore et Diard se trouvèrent aux derniers rangs lors de l’assaut, mais les plus avancés au coeur de la ville, dès qu’elle fut prise. Il arrive de ces hasards dans les mêlées. Seulement, les deux amis étaient coutumiers du fait. Se soutenant l’un l’autre, ils s’engagèrent bravement à travers un labyrinthe de petites rues étroites et sombres, allant tous deux à leurs affaires, l’un cherchant des madones peintes, l’autre des madones vivantes. Montefiore findet seine lebende Madonna bei einem spanischen Tuchhändler, Perez di Laguina, der die angeblich geflüchtete Tochter eines anderen versteckt, Maria Juana Pepita Mancini: Il se trouvait en cette fille trois choses réunies, dont une seule suffit à diviniser une femme: la pureté de la perle gisant au fond des mers, la sublime exaltation de la sainte Thérèse espagnole, et la volupté qui s’ignore. Sa présence eut toute la vertu d’un talisman.
Diese Tochter der Kurtisane Marana sollte von dieser vorsätzlich ihrem unmoralischen Lebenswandel ferngehalten werden, doch Montefiori verführt sie und wird von der Marana ausgerechnet dann überrascht als Juana und er endlich ihre erste Liebesnacht hinter sich hatten. Montefiori kann gerade noch seiner Erdolchung durch Juanas Mutter entfliehen, die schnell eine Hochzeit mit dem hinzugeeilten Paul François Diard festsetzt.
Laut Erzähler bildet die Ehe von Diard und Juana den Hauptteil (rund die Hälfte) der Erzählung – obwohl auch nach dem Ende dieser eher wie eine Balazc’sche Pflichtübung wirkt wohingegen der erste Teil, die Vorgeschichte tatsächlich für Balzac ungewöhnliche Motive bietet.
Juanas und Diards Ehe ist dann die übliche menschliche Komödie einer Gattin, die sich pflichtschuldigst und weise in eine faktische mésalliance der Charaktere hineinfindet; die großzügig und umsichtig die kleingeistigen und beschränkten Schwächen ihres Gatten auffängt, der trotz großem Vermögen nicht vermag eine respektable Stellung in der Pariser Gesellschaft zu finden und also am Ende zum Spieler wird (Diard accaparait et revendait les sucres, il vendait des places, il eut la gloire d’inventer l’homme de paille pour les emplois lucratifs qu’il était nécessaire de garder pendant un certain temps, avant d’en avoir d’autres. Puis, il méditait les primes, il étudiait le défaut des lois, il faisait une contrebande légale. Pour peindre d’un seul mot ce haut négoce, il demanda tant pour cent sur l’achat des quinze voix législatives qui, dans l’espace d’une nuit, passèrent des bancs de la Gauche aux bancs de la Droite. Ces actions ne sont plus ni des crimes ni des vols, c’est faire du gouvernement, commanditer l’industrie, être une tète financière. , fast alles verspielt, nach Bordeaux um letzten Spiel flüchten muss. Dort trifft er wieder – recht kolportagehaft – auf Montefiori, der ihm auch noch das letzte Geld abluchst, den er schließlich auf der Gasse erdolcht. Am Ende wird Diard von Juana erschossen – da er ihr und den beiden Söhnen Juan und Francesco zuvor noch klargemacht hatte: En ce moment, tout Paris s’occupait de l’affaire d’un capitaine de l’ancienne armée qui, dans un paroxysme de libertinage, avait assassiné une femme. Diard, en rentrant chez lui pour dîner, apprit à Juana la mort de cet officier. Il s’était tué pour éviter le déshonneur de son procès et la mort ignoble de l’échafaud. Juana ne comprit pas tout d’abord la logique de cette conduite, et son mari fut obligé de lui expliquer la belle jurisprudence des lois françaises, qui ne permet pas de poursuivre les morts.
Juana bleibt straflos und begegnet – noch kolportagehafter – ihrer Mutter auf deren Sterbebett.
VII.10 – Les Marana, 1834
26. August 2010








Eine Geschichte vom Ende der Revolution, 1795, als die Gräfin Maddame de Dey auf ihren heimkehrenden Sohn wartet; Blazac erzählt ihre Stellung in der neuen, bürgerlich geordneten Gesellschaft, die Ängste, Hoffnungen und Hintertriebenheiten. Am Ende hält sie den falschen für ihren Sohn, sie zerbricht daran – während (wieder einmal recht kolportagehafte) ihr Sohn exekutiert.
VII.11 – Le Réquisitionnaire, 1831
27. August 2010








Eine kleine, etwas modern erzählte Geschichte, die in ihren isolierten Szenerien und Figuren durchaus auch von Albert Camus erzählt werden könnte – die christlich-familiäre Verantwortungsnahme ausgenommen. Der Erzähler berichtet einen Moment im bretonischen Le Croisic – Nager dans les airs après avoir nagé dans la mer! ah! qui n’aurait nagé dans l’avenir? Pourquoi pensais-je? pourquoi vient un mal? qui le sait ? Les idées vous tombent au coeur ou à la tête sans vous consulter. Nulle courtisane ne fut plus fantasque ni plus impérieuse que ne l’est la Conception pour les artistes; il faut la prendre comme la Fortune, à pleins cheveux, quand elle vient. und: Si tu veux livrer ton entendement aux trois immensités qui nous entourent, l’eau, l’air et les sables, en écoutant exclusivement le son répété du flux et du reflux, lui répondis-je, tu n’en supporteras pas le langage, tu croiras y découvrir une pensée qui t’accablera. Hier, au coucher du soleil, j’ai eu cette sensation; elle m’a brisé. – , da ein armer Fischer (Ce visage annonçait une longue résignation; la patience du pêcheur et ses moeurs douces. Cet homme avait une voix sans rudesse, des lèvres bonnes, nulle ambition, je ne sais quoi de grêle, de chétif. Toute autre physionomie nous aurait déplu.) ihm die Geschichte eines Einsiedlers erzählt, Paul Cambemer, der aufgrund mangelnder Erziehung seines Sohnes diesen späteren amoralischen Dieb und Halunken nach vielfachen Warnungen und Strafandrohungen mit einem Stein im Meer versenkt. Woraufhin er als Einsiedler, schweigend, im Zeichen der christlichen Religion lebt. Pour pouvoir bien apprécier l’émotion qui vint nous saisir, il faut donc partager l’état à demi voluptueux dans lequel nous avaient plongés les événements de cette matinée.
VII.13 – Un drame au bord de la mer, 1834
27. August 2010








Ein Roman – fast eine Räuberpiostole gemischt mit Minne- und Königsanekdoten – aus dem französischen Mittelalter, 1479. Titelheld ist nicht der Protagonist George d’Estouteville alias Pilippe Goulenoire, sondern der Finanzverwalter von Louis XI, Maître Cornelius, der immer neue sogenannte Gehilfen einstellt, die er derart einsperrt, dass sie fliehen und der sie sodann des Diebstahls von etwelchen Kronjuwelen oder fürstlichen Kapitalien bezichtigen, sie fangen und exekutieren lassen kann. Diesmal aber ist der Gehilfe ein Aristokrat, der die Tochter von Louis XI. aus einer Gewaltehe mit dem Comte Saint-Vallier retten will.
Während Balzac in der ersten Hälfte noch recht angestrengt die Konzentration auf die Schilderung mittelalterlicher Alltagsreligiosität und Minne aufrechtzuerhalten vermag und die Liebesleiden, obsessiven Imaginationen und Planspiele des George d’Estouteville ausführlichst erzählt werden; so dreht sich die zweite Hälfte endgültig nur noch um den Lebensalltag von Louis XI. Und seinen Händeln mit Maître Cornélius. Das Schicksal der Königstochter und Comtesse Marie de Saint-Vallier wird gerade noch erzählt – das des George d’Estouteville nur im Nebensatz erwähnt (er wird wohl vom König freigelassen worden sein (der Maître schließlich war wohl Schlafwandler und hat sich selbst bestohlen und dabei vergessen, wohin er die Beute nächtlich verbrachte; er starb später daran, um die Zeit da sein König auch starb).
VII.14 – Maître Cornélius, 1832
28. August 2010








Eine kleine, religiös-diabolische Burleske, die den Stoff des Don Juan einmal anders erzählt: Don Juan Belvidero ist der lebenslustige Sohn seines einsiedlerischen Vaters Bartholomeo; als dieser – endlich ersehnt nach seinem langen Leben – stirbt und seinen Sohn von einem Fest zu sich holt, eröffnet er ihm die Existenz eines lebenselixirs, das ihn, nach Eintritt des Todes damit eingerieben, wieder zum Leben erweckt. Don Juan denkt lange darüber nach und wagt schließlich – sein Vater ist schon einbalsamiert – zumindest dessen Auge zu benetzen und entdeckt, dass es wieder lebt. Er zerquetscht es, lässt seinen Vater würdig beisetzen und eine massive Statue seiner selbst auf das Grab setzen.
Von nun an lebt er das Leben, das wir aus der Literatur als das Leben des Don Juan kennen ohne Rücksichten auf Moral und Anstand: Pour les négociants, le monde est un ballot ou une masse de billets en circulation; pour la plupart des jeunes gens, c’est une femme; pour quelques femmes, c’est un homme; pour certains esprits, c’est un salon, une coterie, un quartier, une ville; pour don Juan, l’univers était lui! Modèle de grâce et de noblesse, d’un esprit séduisant, il attacha sa barque à tous les rivages; mais en se faisant conduire, il n’allait que jusqu’où il voulait être mené. Plus il vit, plus il douta. En examinant les hommes, il devina souvent que le courage était de la témérité; la prudence, une poltronnerie; la générosité, finesse; la justice, un crime; la délicatesse, une niaiserie; la probité, une organisation: et, par une singulière fatalité, il s’aperçut que les gens vraiment probes, délicats, justes, généreux, prudents et courageux, n’obtenaient aucune considération parmi les hommes. — Quelle froide plaisanterie! se dit-il. Elle ne vient pas d’un dieu. […] Il fut en effet le type du Don Juan de Molière, du Faust de Goethe, du Manfred de Byron et du Melmoth de Maturin.
Er nimmt sich eine brave Frau und erzieht seinen Sohn Philipp höchst gottgefällig, auf dass er ihm einstmals anständiger beistehe als er selbst seinem Vater und das Elixir ordnungsgemäß verabreiche. All dies gelingt ihm auch, sein Sohn balsamiert ein, doch er selbst zerstört dies alles, da er – Kopf und Arme erneuert und auferstanden seinen Sohn erschrickt indem ein Arm ihn am Schlawittchen packt. Er Wird als Wunder einer – immerhin teilweisen Auferstehung angesehen, ihm zu Ehren wird der Dom San Lucar zu San Juan de Lucar umbenannt, sein teilweiser Leichnam dort reich geschmückt im Reliquiar ausgestellt: Voilà comment nous sommes souvent trompés dans nos adorations. L’homme supérieur se moque de ceux qui le complimentent, et complimente quelquefois ceux dont il se moque au fond du coeur. . Doch auch hier rächt er sich und beißt dem Domherren in’s Hirn.
VII.17 – L’Élixir de longue vie, 1831
28. August 2010








In vielleicht der ältesten Erzählung der Comédie erzählt Balzac wie im Jahr 1308 zwei Herren sich hinter der Notre-Dame in Paris einquartieren, die skeptisch von ihren Wirtsleuten beäugt werden und die die Zeit allein zu Übungen des Schriftgelehrtentums und der Poesie nutzen. Balzac erzählt hochgestimmt den Besuch einer Universitätsvorlesung des Mystikers Doktor Sigier: Ces leçons, ces dissertations, ces thèses soutenues par les génies les plus brillants du treizième et du quatorzième siècle, excitaient l’enthousiasme de nos pères; elles étaient leurs combats de taureaux, leurs Italiens, leur tragédie, leurs grands danseurs, tout leur théâtre enfin. Les représentations de mystères ne vinrent qu’après ces luttes spirituelles qui peut-être engendrèrent la scène française. Une éloquente inspiration qui réunissait l’attrait de la voix humaine habilement maniée, les subtilités de l’éloquence et des recherches hardies dans les secrets de Dieu, satisfaisait alors à toutes les curiosités, émouvait les âmes, et composait le spectacle à la mode. La Théologie ne résumait pas seulement les sciences, elle était la science même, comme le fut autrefois la Grammaire chez les Grecs, et présentait un fécond avenir à ceux qui se distinguaient dans ces duels, où, comme Jacob, les orateurs combattaient avec l’esprit de Dieu. Les ambassades, les arbitrages entre les souverains, les chancelleries, les dignités ecclésiastiques, appartenaient aux hommes dont la parole s’était aiguisée dans les controverses théologiques. La chaire était la tribune de l’époque.
Im Ende will sich der jüngere Herr der beiden nächtlich erhängen, um endlich Gott nahe zu sein, woraufhin ihm der ältere ihm auf etwa sechs Seiten seine Reise in die außerirdischen Himmels- und Höllenkreise erzählte: Ecoute! Il m’a été donné de voir les espaces immenses, les abîmes sans fin où vont s’engloutir les créations humaines, cette mer sans rives où court notre grand fleuve d’hommes et d’anges. En parcourant les régions des éternels supplices, j’étais préservé de la mort par le manteau d’un Immortel, ce vêtement de gloire dû au génie et que se passent les siècles, moi, chétif!
Erst auf den letzten beiden Seiten der etwa 40-seitigen Erzählung erfahren wir ausdrücklich, dass es sich bei diesem Dichter um Dante Alighieri und bei seiner über- und unterirdischen Reiseerzählungen also um die Divina Commedia handelt, die motivisches Vorbild der Comédie Humaine werden sollte.
VII.18 – Les Proscrits, 1831
29. August 2010








Eine kurze, schauerliche Anekdote aus den napoléonischen Kriegen, die davon berichtet wie die Stadt Menda und ihr Adelsgeschlecht der Laguerère versuchten die Soldaten der französischen Armee durch eine Feier in einen Hinterhalt zu locken, woraufhin der General der Armee entschied die 200 wohlhabendsten Bewohner der Stadt sowie das gesamte Adlesgeschlecht zu exekutieren; allein der jüngste Sohn sollte überleben, so er sich dazu verdingt, Der Henker, El Verdugo wie er später in Spanien genannt wurde, seiner Familie zu sein.
VII.12 – El Verdugo, 1830
4. September 2010








Eine schauerliche, somit recht deutsche Geschichte aus den napoléonischen Kriegen: bei Tisch wird von einem Nürnberger Kaufmann namens Hermann die Geschichte erzählt von zwei, am linken Rheinufer in Andernach übernachtenden, junge Unterärzten der französischen Armee, die über Nascht, im Roten Wirtshaus von den 100.000 Franken des durchreisenden Stecknadelfabrikanten Wallhenfer in Versuchung geführt werden. Doch während der eine, Prosper Magnan, seiner Versuchung zu widerstehen scheint, muss er am nächsten Morgen den ermodeten und bestohlenen Reisenden gewahren – sein Mitreisender ist entflohen. Wie sich später zeigt, ist es Friedrich Taillefer aus Beauvais, der (wieder einmal recht melodramatisch) ausgerechnet an der Tafel saß, an der diese Geschichte erzählt wurde. Der Erzähler ahnt dies und leidet nun, da er sich Tags zuvor in die Tochter dieses Mannes verliebt hatte, von welcher Verwandtschsaft er nun erst erfährt.
VII.15 – L’Auberge rouge, 1831
6. September 2010








Die Einleitung, rund 60 Seiten lang, kann überblättert werden: sie enthält lediglich ausladende und ermüdende Gedankenschleifen zu Politik und Aristokratie, die so anregungsarm und erzählerisch dürftig sind wie alle Nacherzählungen von Genealogien.
Dieser ermüdende, steife Stil setzt sich jedoch auch im ersten Erzählteil fort, der nur so strotzt vor staatstragender, tönerner Sprache – wie sie literaturgeschichtlich nicht untypisch ist für das Genre des Königsdrames oder des Herrscherromanes. Nicht zu einem geringen Teil wurde die deutsche Übersetzung sogar noch zusätzlich versteift und übermaniriert durch den hierfür notorischen Übersetzer Paul Hansmann. Der Roman wirkt unlesbar, unerträglich,…
VII.16 – Sur Catherine de Médicis, 1ère partie: Le Martyr calviniste, 1836
15. September 2010








…und dies gilt auch für den zweiten Teil des Romans…
VII.16 – Sur Catherine de Médicis, 2ème partie: La Confidence des Ruggieri, 1836
18. September 2010








…und leider ebenso auch für den letzten Teil. Der aber immerhin mit einigen, recht persönlich und klein gehaltenen Beschreibungen des gewöhnlichen Lebens aufwarten kann. Und mit einem, etwas cheesy, Anspielungsgag auf Robbesspierre und Marat auf der allerletzten Seite.
VII.16 – Sur Catherine de Médicis, 3ème partie: Les Deux Rêves, 1836
19. September 2010








Der vorletzte Roman der Comédie beginnt als ein Genieroman des Titelhelden und erzählt ausführlich (von einem Schulkamerden) seine Zeit im Internat. Nach etwa 70 Seiten wird deutlich, wie eng er motivisch an die typischen Balzac-Themen von verkanntem jungem Genie und Aufsteiger gebunden ist. Teils erinnert er motivisch, in Eigennamen und sogar in einzelnen Formulierungen an La Peau de Chagrin; die Motivik des verkannten Originalgenies ermüdet jedoch, der Erfahrungskern in Balzacs Selbstbild wird überdeutlich und die wiederholten Referenzen, Bezüge und Lobeshymnen auf das Werk von Emanuel Swedenborg wirkt weiter retardierend.
VII.19 – Louis Lambert, 1832
21. Oktober 2010








Anfangs eine Antizipation symbolistischer Jugendstil-Lyrik/Dramatik, entwickelt diese kleine Erzählung sich zu einer umfassenden Einführung in Leben und Werk des schwedischen Mystikers und Wannabe-Religionsstifters Emanuel Swedenborg. Die Figuren entdecken Swedenborg und grenzen sich durch ihn voneinander ab.
Balzac wird also stets am läppischsten, bedeutungslosesten und verwaschensten, wenn er sich darum bemüht, farbenreich und suggestiv etwas Spirituelles zu erzählen – was ihm one Zweifel außerordentlich wichtig gewesen sein muss. Allein deshalb stellte er wohl diese Erzählung auch an das Ende: eine Himmelfahrt, eine Swedenborgianie.
Und damit endet die menschliche Komödie.
VII.20 – Séraphîta, 1834
24. Dezember 2010















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»Ce n’était pas une petite tâche que de peindre les deux ou trois mille figures saillantes d’une époque, car telle est, en définitif, la somme des types que présente chaque génération et que La Comédie Humaine comportera. Ce nombre de figures, de caractères, cette multitude d’existences exigeaient des cadres, et, qu’on me pardonne cette expression, des galeries. De là, les divisions si naturelles, déjà connues, de mon ouvrage en Scènes de la vie privée, de province, parisienne, politique, militaire et de campagne. Dans ces six livres sont classées toutes les Etudes de moeurs qui forment l’histoire générale de la Société, la collection de tous ses faits et gestes, eussent dit nos ancêtres. Ces six livres répondent d’ailleurs à des idées générales. Chacun d’eux a son sens, sa signification, et formule une époque de la vie humaine.«
Honoré de Balzac, Avant-propos, in: ders., La Comédie humaine. Vol.4, Furne Paris 1845, p. 28f.








Quellen



Honoré de Balzac, La Comédie humaine. Tome I-XII, Collection Bibliothèque de la Pléiade, Les éditions Gallimard Paris 1976-1981.



ders., La Comédie humaine. Œuvres complètes de M. de Balzac, avec gravures de MM. Tony Johannot, Meissonnier, Gérard-Séguin, Perlet, Gavarni, Lorentz. Furne, J.-J. Dubochet et Cie, J. Hetzel [et Paulin pour les tomes 1 et 2] Paris 1842-1848. (17 vol. in-8°) (frz. Zitate)



ders., La Comédie humaine. Édition critique en ligne. Réalisé par le Groupe International de Recherches Balzaciennes, la Mairie de Paris et l’Université de Chicago 2005



ders., Die Menschliche Komödie. In vierzig Bänden – Deutsch von Otto Flake, Gabrielle Betz, Max Krell, Hugo Kaatz, Friedrich Sieburg, Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Emmi Hirschberg, Paul Mayer, Rosa Schapire, Victor von Koczian, Erich Noether, Ernst Weiss, Walter Benjamin, Mira Koffka, Franz Hessel, Else von Hollander, Emil A. Rheinhardt, Hans Pollnow, Paul Zech, Charlotte Stucke Kornfeld, Frieda von Oppeln, Magda Kahn, Charlotte Braun-Wogau, Heinrich E. Jacob, Hete Maass, Sigrid von Massenbach und Paul Hansmann, Diogenes Verlag Zürich 1998 (dt. Zitate).



ders., Vorrede zur Menschlichen Komödie. In der Übersetzung von Hedwig Lachmann, in: Glanz und Elend



Hugo Edler von Hofmannsthal, Balzac, in: Honoré de Balzac, Die menschliche Komödie. Gesamtausgabe, Insel Verlag zu Leipzig 1908.



Narendra Jussien (Ed.), Honoré de Balzac et la Comédie Humaine. Le projet – romans – thèmes – personnages – lieux, École des Mines de Nantes 2003.



Ekkehard Knörer, Das Balzac-Projekt., in: Jump-Cut – Kritiken und Analysen zum Film, 21.5.2001 – 21.7.2005.



Wolfgang Pohrt, Der Geheimagent der Unzufriedenheit. Balzac: Rückblick auf die Moderne. Überarbeitete und erweiterte 2. Auflage, Edition TIAMAT – Critica Diabolis 5, Verlag Klaus Bittermann Berlin2 1990.



Holger Schulze, Balzac lesen − Balzac weiterlesen, in: Berliner Gazette Berlin 11. & 24. Mai 2008.



Claudius Seidl, Der Imaginationsweltmeister, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung No. 40 (2007) – 7. Oktober 2007, S. 51.



Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben (1903), in: ders., Gesamtausgabe. Band 7: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1995, S. 116-131 (zuerst in: Thomas Petermann (Hg.), Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden, Band IX, Dresden 1903, S. 185-206).



Johannes Willms, Balzac. Eine Biographie, Diogenes Verlag Zürich 2007.



La Comédie humaine, in: Wikipedia.fr



Honoré de Balzac au Cinema, in: http://cinemaetcie.ifrance.com