Klang Erzählungen






Eine Anthropologie des Klangs.






Werkgenetische Studie 1














(Entwurf, Februar 2004)














»L’emission l’emporte sur l’écoute, nous savons comment lancer un son et comment il se propage, nous pouvons le relayer, nous savons mal recevoir.«

Michel Serres, Les Cinq Sens – Philosophie des corps mêlés I. Essai, Éditions Gallimard Paris 1985, S. 147.




















Eine Anthropologie des Klangs gibt es nicht. Nicht unter den verschärften Bedingungen ubiquitärer Aussendung elektrisch erzeugter und verstärkter Klänge in den medial-artifizialisierten Gesellschaften Europas und Nordamerikas. Unser Leben ist von Klängen umspült, unsere Körper werden von ihnen durchschossen und mitgenommen, massiert und durchwühlt. Torturen und Erregungszustände, Sedativa, uns anregende Hörerfahrungen.






Diese Hörerfahrungen bilden die zentrale Untersuchungskategorie einer historischen Anthropologie des Klangs, die die individuelle Erfahrungs- und Umgangsweise von Menschen mit Klängen in den Mittelpunkt stellt. Menschen, die mit mehr und vielfältigeren, spezifischer zugerichteten und angespannter durchgearbeiteten, einzelnen Klängen umzugehen haben als dies je zuvor in einer der uns bekannten Kulturen notwendig war. Der Spannungsgrad, die Kohäsion dieser Klänge - nicht unbedingt ihre Kohärenz - hat eine deutlich andere Qualität, eine wuchtigere und machtvollere Konsistenz erreicht.






Von einer Anthropologie der Artefakte ausgehend, stellt sich die Frage, wie wir Klänge wahrnehmen neu als eine Frage, wie wir Klänge herstellen und andere Klänge herstellend auf gegebene beziehen. Wodurch die Frage sich ergibt: Wie sprechen wir im Verlauf dieser Bezugnahme über Klänge?






Eine Anthropologie des Klingens als einer des Hörens und Arbeitens mit Klängen, muss somit eine Methodologie des Sprechens über Klänge zum Fundament haben. Ausgehend von einem narrativ-diskursiven Modell der Theorie Erzählungen, wie es in Band 2 der Theorie der Werkgenese, der Heuristik, in ersten Ansätzen entwickelt wurde, lässt sich eine deskriptive Methodologie des nachvollziehbaren Darstellens individueller Hörerfahrungen beschreiben. Die erlebte, die gehörte Klanggestalt - und sie ist die einzig uns als Menschen zugängliche - zeigt sich in sogenannten Klang Erzählungen. Diese Klang Erzählungen eröffnen als methodisches Komplement zu den Hörerfahrungen erst die Möglichkeit über diese zu sprechen.






Individuelle Erfahrungsweisen von Klängen, spezifische, auch werkgenetische Umgangsweisen des Arbeitens mit Klängen werden verhandelbar. Eine Studie kann so entstehen, die das Leben und Arbeiten und Denken mit Klängen entfaltet: in einer Welt, in der kaum Quellen von Fauna, Meteorologie oder Geographie, sondern menschliche Quellen, artifizielle Schallaussendungen, die stärksten, überwältigendsten und allgegenwärtig präsenten sonischen Druckwellen um uns herum erzeugen.














»I’m going to prove the impossible really exists.«

Björk Guðmundsdóttir, Cover Me, in: dies., Post, One Little Indian London 1995, Track 10 (Recorded at Compass Point Studios, Bahamas, 1994 to April 1995).















Inhalt






Du und ich






Hören


Hörerfahrung

Körper in Klang

Die Vibration






Sprechen


Widerhall

Bezug nehmen

Klang Erzählungen






Klang


Spannungsgebilde

Physik des Klangs

Wahrnehmungen






Hören


Berührung und Ergriffenheit

Sich überschreiten

Austauschen






Sinnhaft




















Auswahl vorbereitender Aufsätze und Vorträge:




- Berührung. Touched by Sound, in: Ringvorlesung Geschichte und Gegenwart der Sound Studies, Universität der Künste Berlin 5. Juli 2006


- Hören des Hörens. Aporien und Utopien einer historischen Anthropologie des Klangs, in: Symposion Klanganthropologie: Performativität − Imagination − Narration. Gemeinsame Tagung des Sonderforschungsbereichs Kulturen des Performativen (B5), Gesellschaft für Historische Anthropologie, Interdisziplinäres Zentrum für Historische Anthropologie der Freien Universität Berlin und Masterstudiengang Sound Studies − Akustische Kommunikation der Universität der Künste Berlin, Clubhaus der Freien Universität Berlin 22. April 2006


- Klang Erzählungen. Zur Klanganthropologie als einer neuen, empfindungsbezogenen Disziplin, in: Oliver Grau und Andreas Keil (Hgg.), Mediale Emotionen. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2005, S. 215-223


- Klang Erzählungen. Einführung in Forschung und Lehre einer historischen Anthropologie des Klangs, in: 2. Symposion Sound Studies: Was ist Akustische Kommunikation? Universität der Künste Berlin, Medienhaus der Universität der Künste Berlin 7. Oktober 2005.


- Hörerfahrungen von Ergriffenheit. Die Klang Erzählung als methodologisches Paradigma, in: Audiovisionen - Sektion III: Sound. Symposion des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs Medien und kulturelle Kommunikation, Universität zu Köln 7.-9. Oktober 2004


- Sprechen über Klang. Vorüberlegungen zu einer künftigen Klanganthropologie. Im Anschluss: Gespräch mit Sam Auinger über Klanganthropologie und Hearing Perspective, in: Vortragsreihe Ton und Prozess. Fachübergreifende Perspektiven der Musik, Technische Universität Berlin 12. Juli 2004 (Wieder in: Christa Brüstle, Matthias Rebstock und Georg Klein (Hgg.), Reflexzonen \ Migration. Musik im Dialog VI − Jahrbuch der berliner gesellschaft für neue musik 2003/2004, PFAU-Verlag Saarbrücken 2006, S. 70-76 - in print)


- Die Vibration. Klanganthropologische Vorüberlegungen zu einer allgemeinen Theorie der Resonanz, in: Symposium Körperwellen. Zur Resonanz als Modell, Metapher und Methode − Abschlusskonferenz des Graduiertenkollegs »Körper-Inszenierungen« Freie Universität Berlin,
18.-20. Mai 2006


- Die Regeneration. Eine Begriffsklärung zu Remix und Bearbeitung, in: Christoph Metzger (Hg.), Sonoric Atmospheres. PFAU-Verlag Saarbrücken 2004


- Körper in Klang. Drei Positionen auditiver Ästhetik, in: Monika Fleischmann und Ulrike
Reinhard (Hgg.), Digitale Transformationen. Medienkunst als Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, whois verlags- & vertriebsgesellschaft Berlin und Heidelberg 2004, S. 110-116


- Die Kohäsion des Klangs. Zur Signatur digitaler Klangbearbeitung, in: HyperKult 11 - Das Unsichtbare. Medien, Spuren, Verluste, Universität Lüneburg 5. Juli 2002


- Der elektrische Strom, in: Bernd Krüger und Barbara Barthelmes, Programmbuch MaerzMusik 2004, Berliner Festspiele Berlin 2004, S. 52-59


- Was sind Sound Studies? Vorstellung einer neuen und zugleich alten Disziplin, in: Ute Vorkoeper, Hybride Dialoge. Rückschau auf die Modellversuche zur künstlerischen Ausbildung an Hochschulen im BLK-Programm »Kulturelle Bildung im Medienzeitalter«, Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung Bonn 2005, S. 79-83


- Quadrophonie, in: Ringvorlesung Geschichte und Gegenwart der Sound Studies, Universität der Künste Berlin 26. April 2006 (gemeinsam mit Karl Bartos, Sabine Breitsameter und Carl-Frank Westermann)