Band 3 : Intimität und Medialität
Tektonik der Medien
(Skizzenhafte Vorüberlegungen, August 2002)
Wir sehen eine Person in der Öffentlichkeit - wir sind vielleicht selbst eine Person, die in der ihr beschränkten Öffentlichkeit versucht, wirksam zu werden - und wir fragen uns : Wie kann es, unter den verschärften Bedingungen einer medial artifzialisierten Welt, gelingen, Wirksamkeit zu erlangen?
1.
Person und Verhalten
Wir können unterscheiden zwischen der Person, als die wir oder jemand anderes öffentlich wahrgenommen werden - und dem Verhalten, das dieselbe Person in nicht-öffentlichen Umgebungen zeigt.
Die Person (lat. persona, Maske) wäre hierbei als ein geronnener Habitus zu verstehen, eine eingeübte - teils übernommene, teils selbst entwickelte - Bewegungsform und Handlungsroutine, die es uns erleichtert, ohne immer neue Begründungen unseres Handelns situativ auf unvorhergesehene Ereignisse und Lücken in unserer Handlungslogik zu reagieren.
Unser Verhalten dagegen erscheint anonym, amorph, unmaskiert, es repräsentiert die psychischen Anteile unseres Trieblebens, unserer Antriebe und Motivationen, die wir nicht uneingeschränkt jedem eingestehen. Oft leben wir dieses Verhalten nur in einer intimen Beziehung
Die Persona beschreibt somit die Aussengrenze eines Erlebens, das wir als intim erfahren. Ist diese Aussengrenze brüchiger oder poröser als von uns gewünscht und lässt von uns als intim empfundene Details unwillkürlich durchscheinen, so entsteht Scham. Wir sehen uns mit unserem Erleben nackt vor anderen ausgestellt. Umgekehrt entsteht bei einer stabilen und kontrolliert durchlässigen Aussengrenze der Stolz des ‘etwas aus sich gemacht Habens’. Intime Öffnungen und Durchbrüche ringen so mit Abschließungen, die aufs Mediale zielen. Das Streben nach einer Selbstartifzialisierung, die uns folgenlos observierbar macht widerspricht aber dem Bedürfnis, eine Immanenzerfahrung intim auszukosten, ohne diese als Persona observierbar zu machen.
Das Plasma intimen Verhaltens kristallisiert dabei im Handeln immer wieder aus zu einer Persona, die sich als praktikabel, nützlich, lebbar erweist, um mit gegenwärtigen Anforderungen des Lebens umzugehen. Diese Persona wiederum gravitiert je in Richtung auf solche Personae, die historisch-kulturell jeweils als positiv besetzt sind und ‘wählbar’ erscheinen. Aus diesen attraktiven Personae - wiederum öffentlichen Figuren -, mischt sich situativ unsere individuelle Persona; die situations- und tätigkeitsspezifisch vielfältige Ausprägungen, Nebenrollen und Untergattungen ausprägt.
2.
Intimität und Medialität
Wir können somit eine mediale Persona von einem intimen Verhalten unterscheiden, das sie fundiert. Medial ist dabei jede Persona, da sie eine Vermittlungsleistung des Individuums an eine wie immer geartete Öffentlichkeit, ein Publikum, ein personales Umfeld darstellt - wie zahlreich oder begrenzt dieses auch sein mag : Familie oder Freundeskreis, Schulklasse oder Arbeitskollegen, Wohnviertel oder Wahlkreis, Mailinglistenabonnenten oder Fernsehzuschauer. Der Begriff des Medialen wird hier konsequent beschränkt auf eine Vermittlungsleistung und Wirkweise, elektronisch verstärkt oder nicht.
Der Witz der Zugriffsweise auf die mediale Persona ist die Perspektive des INADÄQUATEN. Nicht wie es gemeint ist, will man verstehen, sondern ganz brutal schaut man darauf, wie es WIRKT. Von ganz aussen aus gesehen. Nicht was jemand leistet zählt, sondern der diffuse Eindruck, den er hinterlässt, den sein Act hervorruft. (Rainald Goetz, Abfall für alle, S. 307)
Intim ist dagegen dasjene Verhalten, das sich nicht unter diesen Kohärenz- und Konsistenzzwänge öffentlichen Handelns stellt und zur medialen Persona runden lassen muss. Intimes Verhalten - gleichwohl durchzogen von diversen anderen medialen Personae - kann unschlüssig und absurd, vage und verwaschen, obszön und kriminell, amoralisch, unmoralisch und unethisch sein - Verhaltensweisen, die einer medialen Persona kaum gestattet werden. Sie wird dafür umgehend und nicht selten biografiezerstörend geahndet. Mediales Handeln ist verstärktes Handeln, das unmittelbar soziale Konsequenzen nach sich zieht; intimes Verhalten dagegen fordert und ermöglicht ein offeneres, vages Suchen, es besteht gerade in diesem nicht-medialen, nicht-öffentlichkeitswirksamen Bei-sich-Bleiben.
Das Begriffspaar intim-medial bietet eine Alternative zur Dichotomie privat-öffentlich, die droht, in urbanistischen Diskussionen zu einer toten Metapher zu verkommen. Die Polarität von Intimität und Medialität dagegen bewahrt diese Spannung, die ehedem auch zwischen Privatem und Öffentlichem herrschte : die Spannung zwischen äusserlicher Darstellung, Selbst-Objektivierung und -Artifzialisierung, Rhetorik, Dramaturgie, durchaus spektakulärer (Selbst-)Erzählkunst einerseits und verschlossenen, deutlich inkommensurablen Empfindungen und Erfahrungen, subtilen Suchbewegungen, fragilen Irritationen andererseits, ein unfestgestelltes, nicht-exponiertes, sich nicht exponierendes Verhalten, das geprägt ist von empfindsamer, situativer und per se unspektakulärer Immersion.
3.
Die mediale Erzählung
Indem eine mediale Person handelt, indem wir öffentlich wirksam werden, erzählen wir etwas über uns: unsere Geschichte, Biographie, unseren Werdegang und weitere Absichten unseres Lebensfortgangs, unserer Karriere. Indem wir an bestimmten öffentlichen Orten, zu individualbiografischen Anlässen gewisse Handlungen als Selbstausdruck wählen oder unterlassen, tragen wir zur Inszenierung unserer Persona bei. Wir schaffen eine weitere Episode in der Erzählung, die über uns kolportiert wird: eine mediale Erzählung.
Diese mediale Erzählung ist nur selten sprachlich verfasst. Sie erzählt sich mehr inHandlungen und Accessoires, in Kleidungsstücken und neuen Freunden und Freundeskreisen, in Aufenthaltsorten oder kollegialen Umgangsweisen. Sie ist die Erzählweise des öffentlichen Theaters, des gesellschaftlichen Lebens und seiner Anlässe, und wird weniger ‘geschrieben’ als in Handlungen ‘gelebt’ oder ‘ausgelebt’. Sie ist der ‘Tratsch’, den ‘man sich so erzählt’ und der unsere Ausstrahlung und Wirkmöglichkeit mehr bestimmt als einzelne intentionale Handlungen oder willentliche ‘Image’-Wechsel des Protagonisten einer medialen Erzählung.
( An dieser Stelle wäre eine ‘Kritik des Image’ vorzunehmen. Sie müsste darauf hinweisen, dass die Konzentration auf visuelle Abbilder den performativen Aspekt unterschlägt, der eine mediale Persona begründet: Ein Image können wir uns ‘geben’ - und meist trägt es den angestrengten und unglaubwürdigen Wunsch nach dem Wechsel der eigenen Persona in sich -, diese Persona dagegen ‘haben’ wir, unwillkürlich, schwer beeinflussbar, oftmals unkontrolliert sich ändernd. Historische Vorbilder für mediale Personae finden sich darum auch im Modell der Herrscher, Honoratioren oder der Stars - ‘Celebrities’. An diesen Protagonisten eines höfischen oder medial-höfischen Lebens lässt sich ablesen, wie eine Persona, eine ‘Persönlichkeit’ durch mediale Erzählungen sich aufbaut und wirksam wird - respektive ihre Wirkung wieder verliert. )
Protagonisten einer medialen Erzählung sind nur selten ihre Autoren. Eher sind sie passive Figuren, deren Handlungen so erzählt werden, dass sie der erzählenden Instanz plausibel, wünschenswert oder taktisch geschickt erscheinen. Eine Persona kann lediglich versuchen, diese kollektive Erzählung, diesen ad hoc-Mythos, durch neue Handlungen oder Nicht-Handlungen so zu nähren, dass die Erzählung eine Wendung nimmt. Clevere Inszenierungen oder ‘Mediaplans’ werden in die mediale Erzählung nicht direkt übernommen, sondern indirekt als erzählbares Beispiel für die Cleverness oder Angestrengtheit, Künstlichkeit einer Person benutzt. Daher auch das wiederkehrende Scheitern inszenierter ‘Imagewechsel’.
Als soziale Wesen sind wir in jedem Moment unseres Lebens teil einer Erzählung über uns, teil eines medialen Imaginariums. Wir bewegen uns nicht erst darin, wenn unsere Handlungen oder Artefakte Massenpublizität erreichen. Dieses Imaginarium ist vielmehr die allgemeine Reduktions- oder auch Schwundform, in der unser individuelles Leben und Erfahren kommuniziert wird. Die Wirklichkeit unseres Lebens erscheint hier in der Konstruktionsform, die kommunikabel erscheint. Alles andere ist inkommensurabel.
Unsere individuelle Erfahrungsweise, unsere Empfindungen und fragilen Emotionen interessierten hier nicht, sondern werden überprüft auf Integrationsfähigkeit in das Kontinuum erzählbarer Anekdoten. Bei Zunahme schwer-erzählbarer, inkommensurabler Handlungen werden wir darum umstandslos als ‘Eigenbrödler’, ‘komischer Kauz’, ‘Querulant’ oder ‘Aussenseiter’ aussortiert. In gesteigertem Masse gilt dies für ‘Celebrities’, öffentliche Figuren oder Persönlichkeiten, die allein in diesen öffentlichen oder öffentlich kolportierten Handlungen existieren. Ihr ‘Rückzug aus der Öffentlichkeit’ bedeutet für sie das Ende ihrer Existenz.
4.
Aporien der Methodik
Eine Studie zu all diesen Phänomenen sieht sich etlichen methodischen Aporien gegenüber. Zum einen ist uns intimes Verhalten naturgemäß nicht direkt zugänglich - und wenn, dann nur von einer höchst beschränkten Personenzahl. Zudem ist anzunehmen, dass bei entsprechender Versiertheit im Umgang mit dem eigenen Trieb- und Bedürfnisleben auch hier sich das Verhalten zur Persona festigen kann.
Die Aufgabe einer solchen Studie ist also nicht, beide Verhaltensweisen gegeneinander auszuspielen, sondern zu fragen : Wann ist das Verhalten in Form einer medialen Persona gewünscht, sinnvoll und angemessen - und wann ist es eher kontraproduktiv, angestrengt und überzogen, da intimes Verhalten angemessen ist? Wann ist Medialität Aufdringlichkeit und wann ist Intimität nur unklare Verwaschenheit?
Thema wird also sein, wie eine flüssige, geläufige und als ‘authentisch’ erlebte Austauschbeziehung zwischen dem intimen Triebleben und der individuellen Bedürfnisstruktur einerseits und der exponierten medialen Persona mit ihren Konsistenz- und Kohärenzzwängen andererseits etabliert werden kann. Umgekehrt sind hier auch Zustände der gezielten Bewusstseinstrübung durch Drogen, künstliche Hitze oder Körperbewegung zu untersuchen, die das Bewusstsein von der eigenen medialen Exponiertheit herabsetzen und ungeregeltes Durchbrechen intimen Verhaltens ermöglichen und gesellschaftlich legitimieren. Auch die Bedeutung intimer Durchbrüche in einer ansonsten beeindruckend geschlossenen Persona zum Entstehen von Liebe oder auch nur sympathischer Zuneigung ist hier zu betrachten.
Methodisch ist hier aufrichtigerweise von Momenten der Introspektion auszugehen, um das Erleben intimen Verhaltens und seinen Umschlag in mediale Personalität phänomenologisch zu beschreiben ( unter Freunden, in Liebespaaren, in der Familie, in Bürogemeinschaften, Arbeitsgruppen, klientelen Strukturen, Clans etc.pp ) Immersiv-situative Detailstudien, deren Erträge in eine Kulturgeschichte des Privaten und Intimen im Gegensatz zum Öffentlichen und Medialen einzuordnen sind.
Hieran hat eine Kritik bestehender Personalitätskonzepte der Psychologie anzusetzen, sowie an Theorien der öffentlich-medialen Selbstdarstellung in Medientheorie und Kommunikationswissenschaft. Sie müsste belegt werden an Fallbeispielen medialer Personae, die sich in einer Spannung zwischen angespannter Medialität und geforderter Intimität befinden. Besonders Skandalisierungen von sogenannten ‘Selbstdarstellern’ als ‘authentisch’ oder ’steif’ wirkenden Protagonisten des politischen Lebens sind hier ideale Beispiele ( Schröder - Stoiber, Gysi - Scharping, M.Friedmann - S.Christiansen ) - aber auch die Nutzung medialer Erzählungen und Personae an der Grenze von Kunst und Popkultur ( Björk, D.Bowie, M.Monroe, Madonna - C.Schlingensief oder Randell M. Packer, Sekretär des US Department for Art & Technology ). Die Methode der Introspektion wandelt sich hier zur Wirkungsanalyse sowohl von kontrolliert-inszenierten als auch chaotisch-hysterisch sich entwickelnden medialen Erzählungen; Verfahren der Erzähl-, bzw. Aufführungsanalyse sind hier zu nutzen.
Die hier beschriebenen Elemente von Erzähltheorien und Theorien der Performanz wären abschließend dann zu summieren in einer Beschreibung existierender und verwendeter Bauformen, die eine mediale Persona erzählen.
5.
Eine Tektonik medialen Erzählens ?
Die Geschichte der Ideen scheint ebenso langsam zu sein wie die gewaltigen unterirdischen Platten, die sich in Jahrtausenden um ein paar Millimeter bewegen. (Michel Serres, Die fünf Sinne, S. 275.)
Am Ende dieser Studie stünde somit eine Kollektion figurativer Muster die als Bauformen medialen Erzählens zu verstehen sind. Es könnten die Spannungen beschrieben werden, in die idiosynkratische Antriebe überführt werden, um ein Gefüge öffentlich wirksamer Handlungen zu ergeben - Eine kasuistische Narrativik oder auch Tektonik medialer Erzählungen.
Als abschließende Studie zu einer Theorie der Werkgenese ( Teil 1 : Das aleatorische Spiel (2000), Teil 2 : Heuristik, (2005) ) wendet sie sich der Artifizialisierung der Person eines Produzierenden zu, die in jedweden Formen öffentlicher Präsentation einer Arbeit stattfindet. Sie ist damit ein Beitrag zur Diskussion um die Grenzen des Intimen, um Formen gesellschaftlicher Usurpation des Privatlebens durch mediale Öffentlichkeit - vor allem aber eine Studie zu medialen Hypes, zur Theorie der Stars und ‘Celebrities’. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Popkultur, einer Theorie der Massenkultur.
Vorbereitende Aufsätze und Vorträge:
- The Tectonics of Media. Medial Personae in a Medial Imaginarium, in: Media − Body − Imagination. University of California Irvine 29. März 2006
- Die mediale Persona. Zur Tektonik des medialen Imaginariums, in: Intimität - Medien - Kommunikation. Erstes internationales interdisziplinäres Symposion zum Liebesdiskurs, Museum für Kommunikation, Frankfurt am Main 21. März 2003
- Das Artefakt als Droge. Zur Tektonik des Addiktiven, in: Paragrana 13 (2004), H. 2, »Rausch – Sucht – Ekstase«, Akademie Verlag Berlin 2004, S. 62-79
- Der mediale Körper. Zu einer Anthropologie der medial-plastischen Leiblichkeit, in: Paragrana 14 (2005), H. 2, »Körpermaschinen - Maschinenkörper«, Akademie Verlag Berlin 2005, S. 55-58
- Tektonik der Codes. Text Erzählung nach Ferdinand Kriwet, in: »…diese Gegenstände, so wie sie sind,dem Leser überreichen«. Stoff- und Materialpräsentationen in der Pop-Literatur der 60er und 70er Jahre. Sonderforschungsbereich 626 Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste, Freie Universität Berlin 8. Dezember 2005