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Protokoll


(Dokumentation vom
15. März bis 20. August 2020)





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Seit gestern habe ich Angst. Seit gestern ist mir klar, wie gefährlich die Situation nicht nur für dieses Land insgesamt ist – sondern genau für jeden einzelnen Menschen, den ich persönlich kenne und mit dem ich zusammenlebe. Je genauer ich verstehe, wie eine Epidemie sich ausbreitet, umso klarer wird mir, welcher Horror in den kommenden Wochen uns bevorsteht.

Ich will nicht, dass meine Kinder in ihrem ersten, jungen Lebensjahrzehnt solchen Horror miterleben und erleiden müssen. Ich will nicht, dass das Leben von Maren, meiner Frau, so endet – wo ihre Chemotherapie doch derzeit sehr gut verläuft. Aber wird es im Mai überhaupt freie Operationssäle geben, um den dann hoffentlich ziemlich kleingeschossenen Tumor in ihrer rechten Brust zu entfernen? Wird es überhaupt Kapazitäten geben, dass sie die geplante Strahlentherapie ordentlich durchführen können? Was, wenn ihre Chemotherapiepraxis nur noch reduziert arbeiten kann oder wenn die Zytostatika, die das Zellwachstum bremsen sollen, nicht mehr ausreichend geliefert werden können?

Mit jedem Tag fürchte ich mehr um das Leiden derer, die mir sehr nahe sind. Ich gehe nun fast sicher davon aus, dass alle Länder in den kommenden zwölf Monaten vor allem mit der Versorgung der Intensivstationen, mit Notbestattungen und auch mit Leichenbergen zu kämpfen haben werden. Es ist jetzt Mitte März.




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Die Kinder sind nun in der Schule. Vermutlich zum letzten Mal für Wochen – oder Monate? Ich kann mir es nicht anders vorstellen als dass bis Ende dieser Woche, vielleicht Anfang nächster Woche die Klinikeinweisungen sprunghaft zunehmen und bis übernächste Woche, spätestens in drei Wochen die allgemeine Katastrophe da ist: die medizinische Versorgung kommt an ihre Grenzen. Die Todesfälle und Notbestattungen nehmen gleichfalls zu. Es wird ein sehr düsteres Osterfest werden. Ich hoffe sehr, dass ich mit all diesen Ängsten am Ende dann doch vollkommen falsch liege.

  Ein zweiter Repeater fürs Ober- und Kinderzimmergeschoss sowie eine um 150% höhere Downloadgeschwindigkeit sind nun auch zugebucht. Als nächstes plane ich meinen Fernunterricht. Aber es fällt schwer. Eine Grundübelkeit, eine Grundunruhe liegt unter allem, was ich tue. Es fällt mir wirklich schwer, heute bei der Sache zu bleiben. Das ist sonst nie mein Problem – eher meine Sehnsucht. Vollständige Versenkung ad hoc ist mein Ding. Aber heute? Alles vibriert, zittert und ist lose. In mir, um mich.

Kurz konnten wir in der Sonne sitzen im Garten. Den großen gelben Tisch habe ich vom Dreck des Winters gesäubert. Wir gingen raus und holten die Kinder ab, von ihrem letzten Schultag. Das schöne Wetter mobbt uns. »Ins Paradies kommt, wer es kaufen kann.« (Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee V, 1988) Landesweit werden nun wohl ab sofort geschlossen: »Bars, Clubs, Diskotheken, Theater, Opern, Konzerthäuser, Museen, Messen, Ausstellungen, Tierparks, Spielhallen, Wettbüros, Fitnessstudios, Sportanlagen, Schwimmbäder und auch Bordelle.« Die zuständige Phrase heisst hier also: Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen.




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Zwei bis drei Stunden habe ich letzte Nacht geschlafen. Etliche werden sterben. So viele Menschen, die ich kenne, werden elendiglich verrecken. Schon jetzt ist an den Statusmeldungen, Kurznachrichten und Emails abzulesen, dass die meisten Zeitgenossen zu schnell reif für den Lagerkoller sind. Die Musikvermittlerin Barbara Balba Weber schrieb gestern: »Verrückt, ich sehne mich schon nach EINEM Tag danach, mit anderen Menschen PHYSISCH zu arbeiten oder sonst zusammen sein. Singen, umarmen, am Tisch sitzen, proben, etc« Als ich aufgewacht war, saßen die Zwillinge schon im Wohnzimmer und besprachen, wie sie ihre Schulaufgaben nun auf die anfallenden Wochentage verteilen würden.

Blitzartig kommen überraschende Erinnerungen, längst vergessen, mir wieder in den Sinn. Das ist jetzt aber doch etwas übertrieben. Vorbeirauschende Erinnerungen an Lebensmomente? Ich habe mir den Bart wieder rasiert. Unser Frühstück beginnt um halb neun heute, statt sonst um sieben. Jeder leichte Halsschmerz, alle noch so geringen Schluckbeschwerden setzen umgehend in mir die drastischsten Erkrankungs- und Klinikaufenthaltsfantasien in Gang. Wer jetzt noch witzelt, mag in zwei Wochen tot sein (oder werde ich nur die Augen rollen, wenn ich das hier in wenigen Wochen lese?).

Drum sagte ich mir: Ich schreib erstmal (zunächst allerdings habe ich den Zwillingen ein Arbeitsblatt zum Erlernen der Ozeane und Kontinente herausgesucht und ausgedruckt). Hanns Eisler begründet die Ordnung der Lieder in seinen Ernste[n] Gesänge[n] für Bariton und Streichorchester (1962) wie folgt: »Besinnung – Überlegung – Depression – Aufschwung – und wieder Besinnung…« Und Jo Lendle, der Verleger des Carl Hanser Verlages, dokumentierte an diesem Tag: »Dienstag, 9.57 Uhr. Der erste #Quarantäne-Roman trifft ein.« (in der Nacht verfolgte mich dann der Satz: Zu jenem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass diese zunächst harschen Einschränkungen des öffentlichen Lebens tatsächlich für einige Zeit bestehen bleiben würden – zumindest für die Lebenszeit der Schulkinder jener Jahre.)




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Die schädelzerschraubende Sorge und ihre Kurzatmigkeit lassen etwas nach. Ist das schon die Aushandlung, Frau Kübler-Ross? Die Familie schläft noch; ich sitze beim Frühstück, lese und schreibe und bereite meinen Fernunterricht ab 10 Uhr vor. Die Verkehrsbetriebe der Stadt fahren jetzt seltener, da die Passagierzahlen sinken. Die dänische Königin empfahl gestern Abend, wir haben es jetzt schon oft gehört: »‪Vask hænder, hold afstand, undgå fysisk kontakt, bliv hjemme.‬«

Der Fernunterricht war beglückend. Freilich begannen wir die Sitzung mit einer Runde, in der wir alle jeweils davon erzählten, wie es uns ging derzeit, welche Ängste, Hoffnungen oder schwierige Lebenssituationen dieser Tage uns nicht in Ruhe lassen. Geschwister oder Partner, die in Kliniken verdingt sind, manche zogen fürs Erste zurück zu ihren Eltern aufs Land, andere erzählten vom Leben mit ihren Kindern. Wir konzentrierten uns diese Woche ganz auf eine Diskussion in geschriebener Form; die Studierenden hatten vorab die Texte zur Sitzung und die Audio- und Videobeispiele vorbereitet und ihre Antworten auf vorab geschickte Fragen formuliert. Die Beteiligung war intensiv, viel langsamer als im sogenannten Präsenzunterricht, aber tatsächlich schrieben viel mehr Studierende als sonst mündlich sich beteiligten. Ich freue mich auf die nächste Sitzung in diesem Kurs.

Homeschooling gibt unseren drei Kindern Struktur. Besonders die Zwillinge genießen fast ihr Unterrichts-Cosplay und halten sich minutiös an die Arbeits-, Zeit- und Pausenvorgaben, die ihnen von den Lehrerinnen und Lehrern vor zwei Tagen mitgegeben worden sind. In der gesamten unteren Etage breitet sich nun morgens ein wohltuendes Feld des konzentrierten Lesen, Rechnens und Schreibens aus, aufgespannt zwischen unseren Kindern und uns Eltern. I like that.

»‪Man merkt erst, dass man weg muss, wenn man geht.« (The Düsseldorf Düsterboys, Teneriffa, 2019)




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Langsam schlafe ich wieder besser. Wann kommt die Ausgangssperre? Das fragen sich alle nach der Ansprache der Kanzlerin, gestern abend zur sogenannten Hauptsendezeit. Does Bob work on sundays? Als ich herunterkomme, um das Frühstück zuzubereiten, sitzt die Zehnjährige schon am Tisch und knobelt frohgemut an ihren Englischaufgaben. Ich vermute, dass die Ausgangssperre kommenden Montag ausgerufen wird: denn kommendes Wochenende werden alle ignoranten Besserwisser sicher nochmal ausgiebigst in der ersten Frühlingssonne chillen und die Infektionsrate hochtreiben.

Während ich mich vom vorwiegend persönlichen Schreiben nun langsam ins vorwiegend forscherische Schreiben bewege, wird unsere Hausschule langsam ruhig. Das Konzentrationsfeld der drei Schulkinder breitet sich mächtig aus. Die Politikwissenschaftlerin Aisha Ahmad schreibt: »this phenomenon should change how we understand the world. So let this distract you from your work. Because the world is supposed to be our work. May this crisis dismantle all our faulty assumptions and force us into new terrain.«

Nach dem zweiten Ferunterricht diese Woche neigt sich auch diese Arbeitswoche für mich dem Ende zu. So gelungen dies alles in allem mir auch schien, frage ich mich doch: Wie lange kann ich das wirklich aushalten? Wieviel Wochen, Monate? Ab welchem Punkt ertrage ich es nicht mehr, mich vorwiegend in diesem Haus aufzuhalten? Die kleinen Spaziergänge um den Block oder ins Gärtchen, zum Postamt, Supermarkt, die machen irgendwann dann keinen Unterschied mehr. Die Journalistin Jessica Wagener fragt: »Gibt es hier unter euch ein frischverliebtes Paar, das noch nicht zusammen wohnt und sich grad wegen der ganzen Corona-Sache nicht sehen, küssen, anfassen kann? Frage für einen Artikel.«




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Freiburg hat nun Ausgangssperre, begrenzt zumindest. Auf dem Weg zum Zahnarzt, zum Fäden ziehen, grüßte mich die Krähe. Die Schnellrestaurants an der Hauptverkehrsstraße haben nun alle ihre Tische weggeräumt. An der Hauswand stand immer noch geschrieben: #PARTYSOLUTION. Die Kinder wollen heute noch eine kleine Fahrradtour machen, zum Gymnasium der Großen: dort liegt noch ein Schulbuch und ein Arbeitsheft, das sie vergessen hatte einzupacken (GeWi, Gesellschaftswissenschaft).

Aus Italien kamen gestern Bilder von Militärlastern, 70 Stück, die Leichen aus Bergamo in andere Städte brachten, da sie vor Ort nicht umgehend kremiert werden konnten. Ich erwarte ähnliche Bilder in den kommenden Wochen und Monaten aus nahezu allen Ländern in Europa und weltweit. Später am Tag kam dann die Ausgangssperre für Bayern und auch Baden Württemberg.

Der Kollege Jonathan Sterne aus Montréal konstatierte: »I think it’s safe to say we are all annoyed by the current timeline.«




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Heute fühlt sichs normal an. Letzte Nacht las ich den Satz: »Neun Coronavirus-Todesfälle in Würzburger Pflegeheim.« Gedanklich ergänzte ich umgehend: Vice Ranked All 9 Death Cases From Worst To Best So That You Don’t Have To. Auf unserem kleinen Hinterhausgartenstück baut der Achtjährige sich nun ein Tipi. Am Nachmittag machten wir mit den Kindern einen Spaziergang über den nahegelegenen Georgen-Parochial-Friedhof II. Kindergräber, Familiengruften, ein Haufen abgebauter Grabsteine, Urnenhain. Danach Kaffeeklatsch mit kaltem Hund: der Geschäftsführer des Cafés berichtet, sie würden vermutlich auch ab Montag schliessen. Die gesamte Gastronomie in der Gegend hätte ja geschlossen. Erste Videokonferenz mit den Geschwistern, deren Partnern, Kindern und den Schwiegereltern. Ich lese die Bekanntmachung, dass ab morgen, Sonntag, tatsächlich die gesamte Gastronomie der Stadt schließen muss; nur noch Lieferdienste und Abholung sind erlaubt. Abends wollten wir Der Volksfeind in der Inszenierung von Thomas Ostermeier schauen, gestreamt von der Schaubühne; doch die verhallte Theaterraumakustik, aufgenommen vor acht Jahren, war kaum erträglich, leider. So schauten wir nun endlich Parasite. Brachialer Genuss. Die Journalistin Nhi Le schreibt: »Alle horny, alle hungrig, alle anxious.«




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Ärzte und Pflegepersonal aus dem italienischen Epizentrum der Pandemie, Bergamo, schreiben: »For example, we are learning that hospitals might be the main Covid-19 carriers, as they are rapidly populated by infected patients, facilitating transmission to uninfected patients. Patients are transported by our regional system, which also contributes to spreading the disease as its ambulances and personnel rapidly become vectors. Health workers are asymptomatic carriers or sick without surveillance; some might die, including young people, which increases the stress of those on the front line.« Mittags sangen wir vom Balkon ein Geburtstagslied für den Nachbarsjungen, der heute neun Jahre alt wurde. Ab sofort ist Kontakt nur bis zu zwei Personen oder einer Familien- bzw. Wohngemeinschaft gestattet; der Abstand im öffentlichen Raum sollte 1,50m nicht unterschreiten. Um 18 Uhr sollte dann von allen Balkons die Ode an die Freude gesungen und gespielt werden. Unsere drei Kinder waren sofort begeistert, sie haben Text und Melodie ohnehin kürzlich in der Schule gelernt. Ich konnte das nicht. Durchhalteparolen und Motivationshymnen? Leider nicht so ganz mein cup of tea. Am Abend traf ich dann erstmals meine zwei ältesten Freunde zum Skypebier. Abends, beim Einschlafen, kriecht mir dann die Angst wieder in die Knochen. Bin ich selbst schon infiziert? Habe ich meine Frau womöglich bereits angesteckt? Wie schnell könnte ich mich dieser Tage testen lassen? Wie wäre ich klinisch untergebracht? Unter welchen Umständen würde ich dann in wenigen Tagen oder Wochen armselig verrecken?




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Willkommen allerseits zur zweiten Woche der nationalen Home Office & Home Schooling-Wettspiele! This robot folds laundry. Es wird allerorten diskutiert, unter welchen Voraussetzungen die örtliche Polizei wohl Verwarnungen oder gar Strafzahlungen bei Zuwiederhandeln gegen die neuerlichen Anordnungen verhängen wird, muss, kann. Jeden Tag scheint das Wetter nun sonniger und strahlender zu werden. Vielleicht unterliege auch ich der Illusion, dass die Luft nun sauberer und klarer wird, aufgrund des viel geringeren Straßenverkehrs.

Es scheint nun auch, dass die Olympischen Sommerspiele in Tokio dieses Jahr verlegt werden. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds ließ offenbar verlauten: »Die Prüfung der Verlegung ist ein richtiger und in Anbetracht der aktuellen gesundheitlichen Weltlage längst fälliger Schritt.« Die Literaturwissenschaftlerin Claudia Benthien, deren großes Forschungsprojekt bewilligt wurde, schreibt mir ebenfalls: »In light of the present situation with its numerous uncertainties, it is unlikely that an endeavor like this will be able to start as planned.« Im großen Supermarkt um die Ecke bedienen die Kassiererinnen seit heute ihre Kunden hinter einer umfassenden und erstaunlich hohen Plexiglaswand. Ian Baucom schreibt in Spectres of the Atlantic: »Time does not pass, it accumulates.«

Seit einigen Tagen haben die Kinder entdeckt, wie toll doch die Videocalls mit ihren Freunden sind. Sie plaudern, senden Emojis und Bilder, hunderte, und genießen das. Die tägliche Abstimmungs-, Einrichtungs- und Problemlösungsarbeit hierfür wurde immer mehr. Heute waren wir bei mindestens je einem Videocall pro Kind und Elternteil. Das große Geschenk der Vernetzung ist ausgerechnet in diesen Zeiten auch eine Plage und Knechtschaft. Gerlinde Schrön schreibt: »Langsam sind mir die Videocalls zu viel sozialer Kontakt.« Abends wünsche ich mir nur noch Aktivitäten jenseits von Bildschirm, Lautsprecher und Kopfhörer. Die Künstlerin Renee K. Watkins schreibt: »The person you are in quarantine is who you really are.«




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Heute morgen lehrte ich den Achtjährigen das Lied vom Eiermann. Er wird es in den kommenden Wochen nun wohl täglich mehrfach und lauthals vor sich hin grölen. Es gelingt mir immer schwerer, meine üblichen zehn bis zwölf Stunden Konzentration, Schreiben, Hören, Analysieren und Organisieren aufrechtzuerhalten. Die Last und der Druck, das gewöhnliche, vorpandemische Leben, Arbeiten, Lieben, Lehren, Forschen und Erziehen mit genau der gleichen Geschwindigkeit fortzusetzen ist zunehmend unerträglich. Die Angst und Unsicherheit beschwert und zerfasert jeden einzelnen Tag und jede einzelne Stunde. Nichts ist genauso wie vorher. Gespräche, Sitzungen, Beratungen und Plaudereien lassen sich nicht umstandslos und ohne Folgen für Kommunikation, Zeitlichkeit und persönliche Beziehungen aus Büros, Konferenzräumen oder Cafés in einen Videokonferenzraum verlagern. Abstrakt gesprochen, ist das alles andere als eine überraschende Erkenntnis. Doch alle wiederholen jetzt diese grundlegende Einsicht der Forschung in ihrem eigenen Leben. Kein Medium fügt sich bruchlos in unsere Leben ein: es wandelt diese Leben und unser Erleben grundlegend, mit neuen Genüssen und neuen Abneigungen. Wir reorganisieren uns selbst.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich, wie wir das hinkriegen können, aber: In diesen Zeiten darf ruhig alles etwas langsamer und bedachter, mit mehr Zögerlichkeit und längeren Antwortzeiten vor sich gehen. Niemand braucht nun eine strafende, mahnende Knute eines Arbeitgebers, Kollegen, einer öffentlichen Institution oder Hausgemeinschaft. Wir brauchen tatsächlich viel, viel mehr Mitgefühl, Verständnis, Sorge und Bedachtheit im Umgang miteinander, in den Erwartungen uns gegenüber. Langsamer, zarter, noch viel, viel achtsamer, sorgsamer, bedachter. In anderen Weltregionen verkünden sie die Botschaft: Süß ist es für den freien Markt zu sterben.

Vor einigen Tagen begann unter deutschen Hochschulkolleginnen die Debatte, ob das bevorstehende Sommersemester nicht zum Null- oder Nicht-Semester erklärt werden sollte, um die anstehenden Belastungen aufzufangen. Die Petition hierzu liegt nun der Kultusministerkonferenz vor und seit heute lese ich auch von Debatten, ob nicht das Abitur landesweit womöglich durch ein Pauschalabitur ersetzt werden sollte. In Irland wurden die Prüfungen für den höchsten Schulabschluss wohl schon abgesagt und alle haben pauschal bestanden; Irland verstaatlichte aber offenbar auch sein gesamtes Gesundheitssystem in diesen Tagen.

Die Schwiegereltern berichten, dass es ihnen wohl gelang, exakt 8 Atemschutzmasken zu ergattern mit ausreichender Schutzwirkung. Beim Skypedrink mit einem guten Freund am Abend, Marcus S. Kleiner, fragten wir uns, wie lange der Kultur-, Medien- und Musikbetrieb es wohl aushalten kann, ohne Konzerte, ohne intensive Recherche vor Ort und ohne öffentliche Veranstaltungen in großem Stil auszukommen? Wird es bis Ende diesen Jahres womöglich keinerlei große Festivals und Stadionkonzerte, keinerlei Neuproduktionen und keinerlei große Konferenzen mehr geben? Wie lange wird es wohl dauern, bis die neuentdeckte Liebe zum Videocall wieder abflacht zur unerträglichsten Ödnis? Oder wird es neue Anbieter für Videocalls geben, die eine stabilere und weitaus höhere Bild- und Klangqualität offerieren? Oder beweglichere Kameras? Werden Telepräsenz-Roboter tatsächlich ihren Siegeszug antreten, so wie in William Gibsons Roman „Peripheral“? Indien hat wohl heute für seine gesamte Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen eine Ausgangssperre erlassen.

Die Fenster in allen drei Kinderzimmern habe ich nun geschlossen und die Geräte, aus denen noch heruntergeladene Hörspiele erklangen, habe ich abgeschaltet. Gute Nacht!




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Tatsächlich erwarte ich nun den grausigen, ersten Höhepunkt der Todeszahlen rund um das Osterfest. Ich wiederhole mich: ich erwarte ein dunkles Ostern, um Woche 15 und 16 herum. That discomfort you’re feeling is grief.

Wir alle leben dieser Tage weniger eine gelegentlich gemutmaßte Entschleunigung als eher eine extrem hochverdichtete Beschleunigung, Verdichtung und mehrfache Belastung unter allseitig massiv hochgeschraubten Erwartungen: mehrfaches home schooling und mehrfache home offices mit deutlich weniger Entlastungsaktivitäten macht alle Aktivitäten insgesamt schwerer, unattraktiver, belastender, zeitweise unerträglicher. This is just the sort of thing that has always happened to humans.

Für jedes Mittagessen durfte eines der Kinder seine Wünsche durchsetzen und hilft uns dafür jeweils bei der Zubereitung. Heute gabs das Lieblingsessen des Achtjährigen: ofengebackene Paprikapoularde mit im Sud marinierten Kartoffeln und Karotten. Danach spazierten wir in der prallen Spätwintersonne durch den Kiez. Ein großer Spielplatz auf dem Weg war hoheitlich versiegelt »aufgrund des Infektionsschutzgesetztes.« Wir sitzen in dicken Verkehrsflugzeugen, jede Nation für sich, alle stürzen nahezu ungebremst ab – mit viel Glück wird der Aufprall Anfang April für manche weniger hart, für andere aber ein grauenerregend-katastrophisches Massaker?

Am späten Nachmittag gratulierten wir dem Groß- und Schwiegervater zu seinem 83. Geburtstag, über FaceTime. Der Achtjährige skypte auch heute wieder über eine Stunde mit seinem besten Kumpel: über 200 Emojis und Gifs wurden ausgetauscht. Ihr Abendbrot wollten alle Kinder dann heute oben auf der gemeinsamen Dachterrasse dieses großen Vielfamilienwohnhauses zu sich nehmen, es sind aber dennoch nur 6 Grad Celsius. Nick Cave schreibt: »From within the clamour and tonnage of information and misinformation, of opinions and counter-opinions, of blame-games and grim prophecy and the most panic-inducing version of ‘Imagine’ ever recorded, emerges a simple message — wash your hands and (if you can) stay at home.«




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Heute morgen kursieren Bilder der provisorischen, gigantischen Leichenhallen, die in verschiedenen US-Städten gebaut werden. In Großbritannien werden die Bürger wohl dazu angehalten, die Ernteausfälle der ausbleibenden Wanderarbeiter aus ärmeren EU-Staaten durch ihre Arbeitskraft abzufangen. Das sei ein Vorschein des Lebens nach dem vollzogenen Brexit, wird allenthalben gelästert. Caro, die gute Freundin, Yogalehrerin und Zeitungsredakteurin aus Freiburg, die unter Asthma leidet, hat sich gestern abend ein Pulsoximeter bestellt, als Vorsorge, um kein Risikofall zu werden dieser Tage. Maren ist wieder früh zur Chemotherapie verschwunden, noch drei Wochen hat sie. Die Kinder nutzen gerade ihre Spielzeit im Innenhof, die wir ergattern konnten, 9 bis 10 Uhr. Heute mittag gibts bei uns vegetarischen Linseneintopf und vegetarische Würstchen für die Große, meine Liebste und mich sowie Hot Dogs für die Zwillinge.

Das ZDF bietet nun online täglich ein kurzes Video unter dem Schlagwort »CORONA KOCHEN«: »besser durch die Krise« an. In den letzten beiden Wochen schossen auch die Erklärvideos zu Exponentialfunktionen aus dem Boden – bis zum Überdruss. Durch die Ausbreitung dieser Epidemie hat ein Teil der Onlinenutzer zumindest diese Funktion nun vermutlich verinnerlicht.

Abends trank ich einen Skypewein mit dem guten alten Freund Jochen, der erst letztes Jahr aufs Land mit seiner zweiten Frau gezogen ist: ein großes Grundstück ihres Onkels samt zahlreichen Gebäuden und Rindern und irrsinnig viel Anbaufläche ist jetzt ihr Heim. Im Januar waren beide noch in Neuseeland. In Singapur, Zwischenstation auf dem Heimflug, wurde beiden klar: fast alle Menschen tragen hier Mundschutz und oft Schutzhandschuhe; diese Infektion wird wohl weltweit regieren. Jochen schrieb danach: »Skype, Rotwein, Zuprosten aus der Ferne, gemeinsam quatschen über das, was uns erfreut, ärgert, schmerzt, überrascht. Ich kann das nur allen empfehlen. Simuliert und emuliert das Café, Bar- und Kneipen-Gespräch, so gut es geht. Schaut euch in die Augen (Kameralinsen), quasselt, lacht gemeinsam. Es beamt einen für eine gewisse Zeit aus dem gewohnten Umfeld, inspiriert, schenkt Hoffnung, macht Spaß. Nicht zuletzt (danke, Internet!) ist es derzeit die einzige Möglichkeit, seine sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten – oder sogar ex negativo zu befeuern.«




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Am Morgen sang Bob Dylan: »Good day to be livin’ and a good day to die.« Ein Abgesang auf die Vereinigten Staaten, auf ihre Präsidenten, auf den sogenannten amerikanischen Traum. »We’re gonna kill you with hatred; without any respect.« Ist es eher noch Dylans Where Are We Now? oder doch schon sein Lazarus?
Klaus Walter ergänzt: »andererseits: death is not the end.«

Mittags bestellen wir: 3x die 7, die 14, 35 (aber ohne Erdnusssauce!), die 63, 93 – und zuguterletzt die 100. Ich trank einen Skypekaffee mit Christiane, der Verlegerin; wir haderten beide mit der Zukunft der kleineren und kleinste Akteurinnen des Kulturbetriebes. Wir befürchten beide eine grausame sogenannte Bereinigung des Marktes: die schwächsten und spielerischsten und unternehmungsfreudigsten und einfallsreichsten werden womöglich untergehen, verdrängt und erstickt werden von den machtvollen und gut mit Kapital munitionierten Institutionen und Firmen. Der Designer Josh Dunsterville schrieb schon vor einer Woche:

»It’s hard to stay focused.
It’s hard to not pay attention to the news.
It’s hard to not be heartbroken when family and friends are losing their businesses, jobs, etc. It’s hard to not be scared about the unknown.
It’s hard to not be anxious and worried.«


Der Guardian meldet: »A temporary mortuary is to be opened at Birmingham Airport in preparation for a predicted rise in the number of fatalities from coronavirus in the region. Work has begun on the site, which will initially be able to hold 1,500 bodies, although it will be expanded to hold more.« (»And it’s beginning to go into a slow decay.«)




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Dieses Geschehen liegt außerhalb meiner selbst. In der Nacht fragten wir uns: Dürfen wir alle fünf denn heute raus an den See fahren? Oder gibt es jetzt Polizeikontrollen? Und Geldstrafen? Die Sonne schien so verführerisch grell und heiss und morgen sollte es regnen, einige Tagelang. Auf dem Weg zum Supermarkt empfahl mir die Plakatwerbung des Sexspielzeugherstellers: »RUHIG BLEIBEN UND DILDOS BENUTZEN«.

Der Begriff des allostatic overload kursiert dieser Tage. Neurophysiologisch wird hierdurch die Überlastung beschrieben, wenn äusserlich eine Belastung fast unsichtbar zu bleiben scheint, doch allen die Erwartung von Unsicherheit und das Adaptieren und Selbstberuhigen eine beträchtliche Last erzeugt. Nach dem Einkauf konnten wir in der kühlen Spätwintersonne wieder am gelben Tisch sitzen. Es gab selbstgebackene Waffeln. Die Nachbarn bauten in ihrem Garten die drei Hochbeete zuende. Alle drei Mädchen halfen. Rasmus, unser Achtjähriger, schleckte den Waffelteig aus und konstatierte: Reich an Vitamin Goofy!

Vor dreieinhalb Wochen fanden sich 65 Tracks auf Spotify, die das Wort Coronavirus im Titel hatten; heute sind es 1360. Abends schauten wir Unorthodox, Folge 1. Die neuroendokrinen, kardiovaskulären, neuroenergetischen und emotionalen Antworten bleiben konstant aktiviert.




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Die Illustrierte Gala hat nun Christian Drosten potraitiert: den Virologen des Robert-Koch-Instituts, dessen Podcast seit einigen Wochen offenbar alle täglich hören und der dadurch zum Star wurde (Christian Drosten-Memes, -Fanfiction, -Wunschfantasien).

Wir kochen, spielen, lesen, hüpfen im Garten und machen kleine Spaziergänge. Wir sorgen, planen, ermutigen und zweifeln. Wir machen weiter. »You will eat again«, prophezeite die Schriftstellerin Francesca Melandri. Beim Videocall mit meinem guten Freund Sam, Komponist und Klangkünstler, erwähnte er die Perspektiven, die sich womöglich nach Ende dieser Periode ergeben könnten. Er sieht es als eine Ebbe der Aktivität, des Kommers, die freilegt, was zuvor durchgängig verdeckt war. Doch was würde daraus folgen? Eine Option böte sich, zweifellos. Doch von wem würde sie wie genutzt werden? Vielleicht lohnt sich Aktivismus genau jetzt?

Nachts, vor dem Einschlafen, hörte ich ein langanhaltendes, donnerndes Maschinengeräusch von draussen. Aus dem Himmel, ein Flugzeug, jetzt? Welche Maschine ist denn solange und ausdauernd in der Stadt zu hören? Aber was sollte es auch sonst sein. Die Schriftstellerin Christine Finke stellte richtig fest: »Dieses Beharren auf Strukturen, während alles um einen herum zerbröselt. Als könnte man nach einem Ereignis wie diesem weitermachen wie vorher. Die Strukturen werden nie wieder passen.«




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Es beginnt die dritte Woche. Die Kinder schreiben Briefpost und fordern täglichen Morgensport unter freiem Himmel. Die Berichte von Pflegepersonal aus Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien mehren sich von Tag zu Tag. Zwar sind die Quellen gelegentlich schwer zurückzuverfolgen oder gar zu überprüfen, doch zunehmend ähnelt der Duktus einer Frontberichterstattung von Kämpferinnen, die sich von ihrer Obersten Heeresleitung im Stich gelassen fühlen: »after 4 years of being an ER nurse, I suddenly feel like I know nothing. Because my face hurts after wearing an N95 for 13 fucking hours, which happens to be the same N95 I wore yesterday for 12.5 hours, and the same one from all last week […] An ER nurse in New York died today of COVID-19. He was in his 40s and had very mild asthma. That’s it. This is not just a tell tale, this is the real risk. I have to go into every patient’s room and in the back of my mind I think: ›This could be the patient that gives me the virus I bring home to my children or asthmatic husband.‹ This is my new reality. But this is only the beginning.« Dieser Aufprall steht dem Pflegepersonal in diesem Land noch bevor. Kommende Woche oder übernächste Woche?

Mittags gab es Kartoffelpuffer mit Lachs und Ziegenfrischkäse; nachmittags begutachtete ich eine Handvoll weiterer Anträge auf ein Promotionsstipendium. Die Last der dritten Woche Home Office & Home Schooling wird zunehmend spürbar – an der ansteigenden Gereiztheit dünnhäutigerer Familienmitglieder. Ich merke, wie meine Erwartung, tatsächlich 150% jederzeit präsent zu sein dieser Tage (es ist ja alles wichtig! Die Familie muss unterstützt werden, die Studierenden, meine Freunde, Kollegen), wo ich doch maximal nur 80% hinkriege, im wirklich allerhöchsten Fall (oft nur viel viel weniger), wie diese Erwartung mich zunehmend schmerzt. Ich schaffe es nicht. Ich bin zerschlagen und erschöpft. Johanna Adorján schreibt sehr richtig: »Mein Gehirn zum Beispiel ist Brei. Ich kann mich null konzentrieren. Ich würde sehr gerne die neu gewonnene Zeit sinnvoll nutzen und am Schluss dieser Isolation, wann auch immer damit Schluss sein mag, mit einem neuen Kunstwerk, irgendeiner tollen kreativen Eigenproduktion, wenigstens einer eigenstündig geschriebenen Netflix-Serie, WENIGSTENS DAS MEINE GÜTE, an die Öffentlichkeit treten. Oder Musil gelesen haben. Oder Brot gebacken. Oder meditiert. Oder wenigstens IRGENDETWAS fermentiert. Es ist alles vorhanden: Zeit, Computer, Strom, genug Nahrung, Tee, Kaffee… Ich habe nicht einmal Kinder, auf die ich im Nachhinein irgendwas scheiben könnte. Aber ich sitze einfach nur da, komplett überfordert vom Weltgeschehen, guck die neuesten Todeszahlen an, gucke, was Trump gesagt hat, gucke, was wer dazu sagt, gucke, was die anderen alle so machen, hasse mein Leben dafür, dass ich es noch nicht mal zu Einem eigenen Garten gebracht habe, geschweige denn zu einem Haus am Mittelmeer, finde mich selbst jämmerlich und faul, weil ich nichts hinkriege, habe auch keine Lust, mich hier jetzt für mich alleine EXTRA schön anzuziehen. Ich will einfach in Ruhe gelassen werden und zwar in erster Linie von mir selber.«

In der Nacht lese ich, dass die dänische Ministerpräsidentin ankündigt: falls alle weiterhin Abstand halten und weitgehend zuhausebleiben, können die Alltageinschränkungen vielleicht nach Ostern, also ab dem 14. April, wieder schrittweise zurückgenommen werden. Die Fallzahlen sinken wohl sanft aber signifikant. Ich liege dann lange wach: Macht meine Hochschule dann auch wieder auf? Wie komme ich dorthin? Wird die Grenze dann auch gleich wieder geöffnet? Gelten meine Tickets noch?




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Ein Vibrieren liegt immer noch unter allem. Ich fühle mich unaufhörlich durchgerüttelt. Die gute Freundin Katja berichtet heute morgen vom Besuchsverbot im Altenheim dieser Tage, über das ihr Vater berichtet hat. Demenzkranke verstehen die Desinfektionspflicht natürlich gar nicht. Sie verweigern sich, werden wütend, rasten aus. Angehörige verrichten Türsteherdienste. Im Einzelfall bleibt dann oft wohl nur der Weg in die geschlossene Anstalt.

Gelegentlich fragte ich mich, warum ich hier schreibe. Aber tatsächlich brauche ich dieses Aufschreiben, wirklich, für mein, wie man so schön sagt: Seelenheil. Eher ja Körperheil. Ich muss loswerden und aufschreiben, was passiert ist, was nicht passiert, was ich erwartet habe und was (hoffentlich dann: glücklicherweise) nicht eingetreten ist. Hoffentlich. Hoffentlich täusche ich mich mit meiner Angst vor dem Grauen, das da noch kommt. Das dunkle Osterfest möge heller sein. Viel heller! Ernst Stötzner deklamiert in Heiner Goebbels Hörinszenierung der Wolokolamsker Chaussee I-V von Heiner Müller: »Das Heimweh ist ein Brechreiz, ist ein Blutsturz.«

Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren haben wir seit gut einer Woche die Hof- und Dachterrassenzeiten in unserem Haus für Kinder und Erwachsenen aus allen 25 Wohnungen kontigentiert: so können Bewohner aus Risikogruppen – also Alte oder Menschen mit Vorerkrankungen, mit Immunschwäche – es vermeiden, in zu engen Kontakt mit Virenträgern und Virenträgerinnen zu geraten, die vielleicht gar keine Symptome zeigen (die sogenannten Asymptomatischen). Manchmal vergessen die Kinder ihre Hofzeiten, aber meist hüpfen sie wie fröhliche Welpen hinaus und sogar die Zehnjährige spielt mit ihren Zwillingen entspannt im Snadkasten. Zuletzt spielten sie eine erfundene Kochcastingshow; sie nennen sie: Koch König! Die Rollen sind klar verteilt: die Große spielt die Moderatorin, das Zwillingsmädchen die brilliante Sterneköchin, der Zwillingsjunge spielt die Slapstickfigur des Kochtrottels, der alles, aber auch wirklich ALLES falsch macht; was ihm sichtlich ein maßloses und extrem stolzes Vergnügen breitet. Bei der Zubereitung des Mittagessen diskutierten wir die besten Beschaffungsorte für Klopapier dieser Tage, die schnellsten Einkaufs- und Lieferwege sowie die geringsten Aufschläge aufgrund des Hamsterwahns seit einigen Wochen (1 Klopapierrolle kostet im Schnitt nun zwei Euro, eine 8er-Packung bis zu 17 Euro).

Beim Skypekaffee mit Asal, der Autorin und Redakteurin, die derzeit noch in Schweden wohnt, auf Öland, waren wir beide ziemlich erstaunt über die unterschiedliche Handhabung der Infektion in Schweden und dem Rest der Welt. Offenbar funktioniert die Selbststeuerung in Schweden erstaunlich gut. Allerdings staunten wir beiden auch, zu was einerseits alle Gemeinwesen offenbar fähig sind, in einer solchen Notsituation; und wie sehr andererseits manche öffentliche Figuren nach wie vor ausschließlich ihre Stehsätze und talking points weiterhin und unbeirrt von den Ereignissen wiederholen. Dann brach die Verbindung ab, der kleine Legoroboter eines ihrer Kinder verlangte sein Recht und sie schrieb später: »Ich wurde sofort zum Smoothiemachen verdonnert.« Oder, wie Maximilian Buddenbohm heute richtig feststellte: »Homeschooling essen Familie auf.«




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Wenn die Vögel zwitschern, muss ich aufstehen. In den ersten beiden Wochen war die Videocall-Software Zoom der große Gewinner und Aufsteiger: neben Skype nutzten viele, besonders für professionelle Meetings, genau diese Software. Aber seit die Datenschutzskandale um Zoom sich nur so anhäufen und zuletzt offenbar sogar das FBI ermittelt, werden nun auch andere, weniger breit propagierte Werkzeuge ausprobiert, etwa Whereby oder Jitsi. Es ist der 1. Aprill und kaum jemand traut sich offenbar ernsthaft einen Aprilscherz durchzudrücken. In wenigen Minuten beginnt meine dritte Online-Sitzung im Masterseminar.

Näh- und Bastelanleitungen für Atemschutzmasken, oft nur in einfacher Form, kursieren derzeit. Nachdem anfangs die Reserve der Spezialmasken für Klinikpersonal wichtig war, trat nun in den letzten Tagen der Schutz aller in der Öffentlichkeit durch einfache Masken in den Vordergrund. Österreich hat offenbar schon eine Pflicht zum Tragen von Masken im öffentlichen Raum erlassen – was freilich mehr als kurios ist, da dort erst kürzlich von einer der Regierungsparteien ein Vermummungsverbot erlassen wurde. In vielen Bereichen zeigt sich dieser Tage sehr deutlich, welche politischen Entscheidungen vor allem narzisstisch und ideologisch motiviert waren und welche tatsächlich dem alltäglichen Leben des Gemeinwesens insgesamt und hier vor allem den Bedürftigsten helfen. Es sollen alle oder doch möglichst viele, quer durch die sozialen Schichten, Herkünfte und Lebensstile überleben.

Während ich die letzten Fragen der Studierenden in der Videokonferenz zum Onlineseminar beantworte (überwiegend zu Glitch und der Ästhetik des Fehlers) werkeln unsere drei Kinder wohltuend diskret im Hintergrund an der Guacamole und öffnen die Tacopackungen für unser Mittagessen. Von Kollegen aus Großbritannien höre ich bittere und wütende Kommentare über den Abbau des dortigen Gesundheitswesens seit Thatcher und nahezu linientreu fortgeführt durch Major, Blair, Brown Cameron, May. Ein Gesundheitssystem, das sich ganz auf on demand umstellt, muss notgedrungen scheitern, sobald sprunghafter Bedarf in Notzeiten entsteht.

Der Achtjährige rührt einen Kuchen zusammen, den seine Mutter als Kind auch schon gern gebacken hat (mit Kirschen); dann gehen wir auf die Dachterrasse der Hausgemeinschaft und machen alle zusammen ein paar Bauch-, Beine-, Po-Übungen. Zur Belohnung essen wir kleine Stückchen des noch warmen Kuchens in der Sonne. Ich erinnere mich an die enge, kleine Dachgeschosswohnung, in der ich aufgewachsen bin, zwanzig Jahre lang. 64 Quadratmeter. Natürlich gabs damals weder Balkon noch Dachterrasse und nur sehr gelegentlich, ein bis zweimal im Jahr oder so, einen Aufenthalt zum Spielen im Garten der Hausbesitzer. Schließlich gehen wir wieder runter in unsere Wohnung und ich begutachtete weitere Anträge auf Promotionsstipendien.

Seite heute hat sich der Achtjährige zwei Osterferienziele vorgenommen: Er will einen Hasen aus einem Stock schnitzen, den er vor Wochen im Wald gefunden hat – und er schreibt einen kleinen Vortrag über sein Lieblingstier, das Schwein. Kernsatz: »Ich finde es scheisse, dass es Massentierhaltung gibt.« Seine beiden Schwestern haben auch jeweils ein Ziel: Die Zehnjährige schreibt schon seit letzter Woche auf einem iPad an einem kleinen Buch; Titel und Thema sind noch geheim, aber sie ist schon auf der dritten Seite und hat soeben des zweite Kapitel begonnen. Die Achtjährige, seine Zwillingsschwester, schreibt seit heute aber an Die Geschichte von Klara: offenbar die Lebensgeschichte eines Pferdes (mit einer Zwillingsschwester namens Karla, die aber keine grosse Rolle spielt). Abends Matjes.

Während Maren mit Freundinnen sich später zum Skypeplausch trifft, lausche ich der von mir so geliebten 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch: eine Sinfonie, die er im Andenken an die 871 Tage dauernde Belagerung der Stadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht komponiert hatte, uraufgeführt am 9. August 1942.




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Als ich runterkomme zum Frühstück, ist Maren schon vom Chemotaxi zur Praxis gebracht worden & der Achtjährige rennt auf mich zu, um mich zu umarmen & stolz zu berichten: »Ich habe schon dreissig Minuten gelesen!« (die eine der täglichen Aufgaben ihrer Deutschlehrerin). Kurz darauf kommt seine Zweillingsschwester zu uns, giesst sich Hafermilch in ihr Müesli während ihr Bruder beginnt, sein Tagebuch zu schreiben (die andere tägliche Aufgabe der Deutschlehrerin).

Auf der Seite meiner Hochschule lese ich: »All exams have already been converted to take place online up until summer. And many employees will continue to work from home as there will still be restrictions on how many people that are allowed to be together at the same time.« Seit heute gilt allerdings in dieser Stadt erst einmal ein offizieller Bußgeldkatalog bei Verstößen gegen die sogenannte ›Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin‹ vom 22. März dieses Jahres:

»Sport und Bewegung an der frischen Luft, alleine, mit Angehörigen des eigenen Haushalts oder mit einer anderen Person, ohne jede sonstige Gruppenbildung, bleibt erlaubt. Bei Aktivitäten nach Absatz 3 i sind Erholungspausen auf fest installierten Sitzgelegenheiten bei Wahrung des Mindestabstands von 1,5 Metern zulässig, auf Wiesen und Freiflächen bei Wahrung eines Mindestabstandes von 5 Metern. Grillen und das Anbieten offener Speisen sind nicht zulässig. Zur Vermeidung von Überfüllungen können Zugangsbeschränkungen für Parks und Grünanlagen festgelegt werden«

In anderen Worten: »Die Mutter der Ordnung ist die Ordnungswidrigkeit.« (Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee IV, 1988) »Der Aufenthalt außerhalb der eigenen Wohnung oder Unterkunft ohne triftigen Grund kann mit 10 bis 100 Euro geahndet werden. Das Anbieten von touristischen Übernachtungsangeboten liegt zwischen 1000 und 10.000 Euro.«

Gabriel Yoran prophezeit: »Das Individuum wird geschwächt und erschöpft und begierig, all die ausgesetzten Erlebnisse nachzuholen, aus der Krise hervorgehen. Wenn das hier vorbei ist, werden wir einen Reiseboom erleben, wie wir ihn noch nicht gesehen haben. Die Flugscham wird zumindest temporär verflogen sein. Es wird einen Peak an STDs geben. Es wird einen gefühlten Anspruch auf hedonistische Nachholung geben. Wir werden nicht “our best selves” sein, wenn wir aus dieser Krise kommen, so wie der Durstige in der Wüste sich an der ersehnten Oase nicht an Stil & Etikette halten wird. Ohnehin schon rücksichtslose Gesellschaften werden sich nicht plötzlich zu Vorbildern an Empathie wandeln.« Ich höre eines meiner Lieblingslieder, in denen der Sänger in englischer Sprache deklamiert: »Das Getöse, die Drossel, die Lobeshymnen: Die Beute, die nun zerfällt, verhüllt die Tage. Sie erwecken die Spule durch brennendes Koks. Der brüchige Glanz verarmten Adels.« 21 von 31 Promotionsanträgen habe ich bis jetzt begutachtet; bis Sonntag sollte ich durch sein.

Mai Thi Nguyen-Kim prophezeit: »Vermeidbare Menschenansammlungen: Konzerte, gefüllte Fußballstadien, dichtgepackte Rheinstrände, Konferenzen – dieses Jahr? Vergesst es!« – »Diese Epidemie wird erst mit einem Impfstoff enden. […] Das heisst: Bis zum Impfstoff müssen wir durchhalten. […] Sportliche Schätzungen sprechen hier von: Frühjahr 2021.« Ihre Prognose bis in des kommende Jahr hinein erinnert mich an ein Bild, das mir vor etwa einer Woche in den Sinn kam: Vielleicht, so vermutete ich, vielleicht wird es künftig Cafés, Restaurants oder Bars geben, die diskret und elegant die einzelnen Tischgruppen oder Barsektionen mit raffinierten und elegant gestalteten Plexiglasbögen voneinander abschotten? Vielleicht würde das Personal dann ebenfalls ausschließlich mit neu entworfenen Schutzhandschuhen und Mund- / Nasenschutz, vielleicht auch im Piercing- oder Bodymod-Look entworfen servieren? Yumi Sakugawa erinnert mich daran: »There are no ideal scenarios, there is only the present now that is unfolding right before you with every inhale, every exhale, every inhale, every exhale.«




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Die Rundfunkmoderatorin der Morgensendung legt großen Wert darauf, zu betonen, ihr Lebensgefühl sei derzeit weit entfernt von Hoffnungslosigkeit. Das würde ja auch zu nichts führen. Und Angela Leinen fragt: »Erinnert ihr euch noch, wann ihr anfingt, es ernst zu nehmen oder euch einzuschränken? (Eher zur eigenen Erinnerung, ich habe in den letzten Wochen mein Zeitgefühl verloren:)«

Am 27. Februar, einem Donnerstag, hatte ich noch kurz mit Kollegen am Institut in Kopenhagen über die sich ausbreitende Infektionen gesprochen; wir fragten uns: wohin das wohl noch führen würde? Am folgenden Morgen, dem 28. Februar haben mir zum ersten Mal zwei Kollegen in Berlin nicht die Hand geben wollen. Am Sonntag, dem 1. März waren wir zum Kaffeeklatsch in Babelsberg beim Schwager und seiner Familie, dann mit allen Kindern auf dem Spielplatz, kein Abstandnehmen zum Infektionsschutz, nirgends. Freitag, 6. März, habe ich mit der befreundeten finnischen Künstlerin Nina Backmann zu mittag gegessen und wir beide haben unserer Sorge und etwas Ratlosigkeit über die Geschehnisse rund um diese Infektion Ausdruck verliehen. Ein Telefoninterview am 13. März, wiederum einem Freitag, zu Sprachassistentinnen mit einer Autorin des schweizer Magazins Beobachter stand schon im Zeichen der Epidemie, ebenso ein Zahnarztbesuch und eine Videokonferenz. Das Kinderkonzert (›Unter meinem Bett V‹) am Sonntag, dem 15. März wurde schließlich auch abgesagt und langsam dämmerte es mir. Ich begann hier aufzuschreiben. Vann R. Newkirk II schreibt im Atlantic: »In a matter of weeks, the coronavirus has gone from a novel, distant threat to an enemy besieging cities and towns across the world. The burden of COVID-19 and the economic upheaval wrought by the measures to contain it feel epochal. Humanity now has a common foe, and we will grow increasingly familiar with its face.« Der Achtjährige hat keine Schlüppies mehr und fragt, ob er sich bei mir bedienen kann. Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn.

Nachmittags telefonierte ich länger mit meinem dänischen Kollegen länger die nächsten Schritte, die unsere Hochschule wohl zur Öffnung unternehmen könnte und wie wir in der Abteilung Musikwissenschaft wohl damit in den kommenden Wochen umgehen. Das Mysterium des immer noch – auch hier in Berlin – bestehenden Klopapiermangels trotz offensichtlich ausbleibender Massenhamsterei erklärt dieser Artikel von Will Oremus zumindest für die USA sehr plausibel: What Everyone’s Getting Wrong About the Toilet Paper Shortage (inwieweit seine Argumente sich auf Europa und Deutschland identisch anwenden lassen, bleibt aber unklar).




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Ich träumte davon, mit einem Designer die Einladungskarten für meinen diesjährigen 50. Geburtstag zu entwickeln. Davor waren  dutzenden dort parkenden Autos die Reifen durchgeschnitten worden. Meine dagegen nur leicht angeritzt, glücklicherweise.

Die bislang klügsten, differenziertesten und wirklichkeitsgesättigten Dystopien für die Jahre nach der Epidemie las ich heute in einem Text von Hannes Hofbauer und Andrea Komlosy. Sie schreiben: »Die neue Arbeitsform ist die Vereinzelung. Eine solche gibt es freilich schon länger in post-industriellen Produktionsprozessen, nun beschleunigt sich diese Tendenz. Hilfreich dabei könnte der gesamte Kontrollapparat sein, der in diesen Wochen und Monaten Bewegungsprofile und Gesundheitsindikatoren jedes einzelnen aufzeichnet. Sein Ausbau zu einem vielversprechenden Zukunftssektor scheint unausweichlich. Als Legitimation für seinen Fortbestand kann nach dem Ende der Corona-Krise z.B. eine drohende ökologische Katastrophe in die Bresche springen. Ein grün angehauchter autoritärer Staat stößt kurzfristig auf weniger Widerstand. Und das Mäntelchen eines Green New Deal kann Billionen an Staatshilfen für entsprechende Konzerne leichter verdecken.« Auf YouTube sah ich mir am morgen diese Übersicht der Best And Worst Pandemic Movies #PandemicMovies #PandemicFilms an: »In the midst of a real-life pandemic, some viewers might want some sort of glimpse into what might be on the horizon.«

Eine Queen-Coverversion wurde von Marie von den Benken und von @IchbinJazz gedichtet:

Mamaaaaa, just cleaned a man
Put a wiper against his head
Pulled the Swiffer, now he‘s dad

Mama, quarantine had just begun
But now I’ve gone and wiped it all away

Mamaaaaaaa uuuuuuuh
Didn’t mean to clean the room
If I’m not back sanitized this time tomorrow

Rinse it off, rinse it off
As if nothing really purges

Too Late! My Kehrwoche has come!
Sends detergents down my spine


Julia Encke schreibt in der FAZ, so las ich bei Danilo Scholz, über das Lockdownbiedermeier: »Wenn man morgens das Mobiltelefon einschaltet (falls man es nachts überhaupt ausgeschaltet hat), kommt einem die neue Zuversichtsprosa von überall entgegen; der Krise muss einfach unbedingt etwas abzugewinnen sein. Die wortreich beschworene Erneuerung bleibt aber meistens nur auf Kalenderspruch-Niveau. Sie ist kein gewagter gedanklicher Entwurf, sondern vor allem ästhetische Entgleisung. ›Es gibt so viel zu sagen. So viel zu denken. So viel zu fühlen. So viel zu … schreiben. Das Paradoxe: in dieser beinahe unerträglichen Enge scheint alles, alles offenzuliegen. Alles Gute & Schlechte, das Innere & Äußere, Gewohnheiten, Gefühle, alles liegt offen. So, so viel‹, schreibt der Pianist Igor Levit auf Twitter. ›Verschollene erinnerungen steigen in einer sich erneuernden seele auf wie die delfine in den bereinigten kanälen venedigs. Fiktion als gewissheit – betörend, glasklar‹, postet die Autorin und Künstleragentin Heike Melba Fendel am 15. März. Im Journal, den ›persönlich-politischen Notizen zur Corona-Krise‹ der Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, das die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht, liest man: ›Heute keine Todeszahlen vorm Frühstück. Erst Tee, dann Bach, dann beides. Und dann ein Spaziergang.‹ Oder: ›In Zeiten der Not werden, mehr oder weniger bewusst, Routinen oder Objekte aus der Kindheit wieder angespült wie Treibgut. Wir nehmen sie auf und wahr, weil sie Halt geben oder Trost spenden.‹« Unser Einkaufs- und Speiseplan bis zum Dienstag nach Ostern sieht nun so aus: Sa: Hühnerbrust, gegrilltes Gemüse, Reis; So: Steak Frites; Mo: Pasta & Pesto; Di: Quark & Patatas; Mi: Takeaway; Do: Senf-/Spiegeleier mit Spinat; Fr: Artichoke Pie; Sa: Wraps; So: Spargel; Mo: Thai-Curry; Di: Mango-Burger.




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Mit Missy Elliots Supa Dupa Fly im Ohr bin ich aufgewacht. Leider musste ich die Lektüre von Ben Lerners Topeka School nun nach 26 Seiten erst einmal abbrechen. Schade. Während mich das dynamische-spektrale Erzählen in Leaving the Atocha Station und in 10:04 nur so durch die Seiten saugte, fehlen mir aktuell wirklich Gedud und Interesse für dieses statuarisch und pompös aufgezogene, teils ziemlich mühselig bedeutungshuberische coming of age- und Familien-Melodrama. Mal schauen. Vielleicht entdecke ich in einigen Monaten oder Jahren oder Jahrzehnten noch meinen Sinn für solches Schreiben. Wir fahren raus an den See, die Kinder müssen ausgelüftet werden.

Nach dem Spaziergang bin ich mir nahezu sicher: Ab kommenden Freitag, Karfreitag, haben wir für wenigstens vier Tage eine konsequente Ausgangssperre inklusive Passierscheinen. Auf unserem Weg sahen wir genau eine (!) andere Person mit Mundschutz; und nahezu alle Menschen, denen wir begegneten, scheinen eine offenbar ganz grundlegend gestörte Distanzwahrnehmung aufzuweisen. Es ist tragisch. Statt Lerner lese ich nun weiter in Nepantla




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Welchen neuen Denkhorizont soll ich erkunden? Mit diesem Gedanken bin ich heute morgen aufgewacht. Heute spreche ich mit Jenny, Sam und Katja. Ich freue mich auf alle drei. Die Spannung kristalliert zunehmend aus und wird zur Textur. Im letzten Newsletter meiner Fakultät vor dem Osterfest schrieb der Dekan: »Teaching will probably also remain digital for the foreseeable future.« Mit den drei Kindern machten wir eine kurze Mittagspause in der heissen Sonne auf der Dachterrasse der Hausgemeinschaft.

Nachmittags höre ich mir auf Anraten von Caro die 7. von Schostakowitsch vom SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Teodor Currentzis in einem Livemitschnitt aus der Stuttgarter Liederhalle vom 28. Juni 2019 an. Da die Gesamteinspielung aller Sinfonien Schostkowitschs durch Bernard Haitink für Decca mich seit gut dreissig Jahren begleitet, bin ich nicht nur voreingenommen, sondern geradezu körperlich durch Hatiniks Interpetation trainiert. Aber diese neue SWR-Liveaufnahme ist beeindruckend klar und intensi. Currentzis gelingt es, dieses brachiale Werk durchweg frisch und scharf darbieten zu lassen. Es wird weder mit Romantizismen zu verziert noch von Marschmanierismen verschandelt.

Im Gespräch mit Sam wird mir klar: es scheint, dass Finnland eines der wenigen Länder ist, die noch eine Notfallreserve von Masken u.ä, bis heute vorgehalten haben. Die meisten modernen Nationen scheinen sich auf Gedeih und Verderb den globalen Lieferketten und der schnellen Bereitstellung verlassen zu haben. Eine tatsächlich globale Bereitstellungskrise scheint, infolge der Einsparungs-, Privatisierungs- und Raubbauideologie nach Thatcher, Reagan und Kohl, kaum mehr in Betracht gekommen zu sein.

Am Ende unseres langen Telefongesprächs kamen Katja und ich überein: im Moment, Anfang April, fällt es uns beiden eher schwer, uns vorzustellen, dass wir in diesem Jahr, Mitte Juli, unsere beider 50. Geburtstage wie geplant mit einer großen Party und 200-300 Gästen feiern werden. Aber warten wir einmal ab. Mitte Mai sehen wir das genauer, vermutlich. Vor dem Schlafengehen lese ich, dass Boris Johnson, der britische Premierminister, nun auf der Intensivstation liegt. In New York werden offenbar die Leichenschauhäuser knapp. Weder neu errichtete Lagerhallen noch Kühltrucks reichen aus. Die Meldung, dass Tote nun vorübergehend in einem Park beigesetzt werden sollen, scheint allerdings eine Falschmeldung zu sein.




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»Schulterzuckend möchte ich mich dem was ist hingeben, bei allem Anderen verlieren wir Energie.« So umschreibt Anastasia Umrik ihren Umgang mit der gegenwärtigen Situation.

Am Nachmittag sprach ich im Deutschlandfunk Kultur, in der Sendung Kompressor ein wenig über die Sonifikation des Coronavirus, die der Materialwissenschaftler und Ingenieur Markus J. Buehler mit seinem Team kürzlich produziert und veröffentlicht hat. Kurz darauf sandte mir ein befreundeter Sound Designer, Rainer Hirt, ein weiteres Sound Design der Aktivitäten des Coronavirus, an dem er und seine Kollegen gearbeitet haben.

Vorgestern hatte der Achtjährige die Bibel entdeckt, die mir meine Mutter zum 14. Geburtstag geschenkt hatte. Folgerichtig verlangte er dann von mir, dass ich ihm den Aufbau diese Buches erkläre. Ich bin zwar evangelisch getauft und konfirmiert, allerdings bin ich mit Anfang zwanzig ausgetreten aus der Kirche. Im Falle ihres Todes hatte meine Mutter dann darauf bestanden, ohne jede kirchliche Segnung beigesetzt zu werden. Vor gut drei Jahren hatte ich darum einen Friedwald ausgewählt. Keines unserer Kinder ist getauft. Ich hätte vermutlich gar nicht mehr gewusst, warum wir das denn überhaupt hätten sollten. Abends schaute ich dann Nicolette Krebitz’ Film Wild.




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And the next day
And the next
And another day


Das Wummern der Pandemie im Hintergrund, Daueranspannung. Ich schlafe wie ein Stein. Insgesamt taugt mir die Stabilitas Loci dieser Tage. Das privilegierte Leben zu fünft auf zwei Stockwerken inklusive Minigärtchen und hausgemeinschaftlicher Dachterrasse geht schon. Die wärmende Sonne beglückt. Kleine Ladengeschäfte um die Ecke ebenso. Ich höre weiterhin viel Musik. Heute Takeaway, Sushi, Curry, Frühlingsrollen. Beim morgendlichen Schreiben kam ich langsam wieder, gelegentlich zumindest, an mein übliches Textravetempo heran, den altvertrauten medium flow. Für einige Minuten zumindest. Der Lieferdienst schrieb: »Bei der kontaktlosen Lieferung stellt der Fahrer Ihre Lieferung vor der Wohnungstür ab und nimmt nach dem Klingeln an Ihrer Tür den empfohlenen Abstand ein.«

ier Am frühen Nachmittag hörte ich mir Strawinskys Konzert in Es-Dur für Kammerorchester ›Dumbarton Oaks‹ und danch noch György Ligetis Atmosphères mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle an. Aphex Twin hat neue »emotive, gut-sick ambient music« auf sein Soundcloud-Konto hochgeladen. Den Vorabend der vorletzten Chemotherapiegabe für Maren feiern wir mit einer kleinen Artischocke für jeden von uns. Das hier, dieses tägliche Protokoll all der Ängste und Prognosen, ist nun definitiv meine Form der kontaktlosen Lieferung.




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Die Kinder genießen ihre Osterferien, schlafen lange aus und überspringen das Frühstück. Maren ist schon seit sieben bei der Chemo und ich sitze seit neun am Korrigat der letzten Kapitel des Handbuchs, dessen Manuskript am kommenden Mittwoch, spätestens, beim Verlag sein soll. Korngolds Violinkonzert in D-Dur. Gute Laune stellt sich ein, da mehr und mehr ordnungsgemäß bearbeitete, letzte Handbuchkapitelfassungen eintreffen. Vor dem Abendbrot dekorieren die Kinder plötzlich unser kleines Terrassengärtchen (etwa vier mal sechs Meter im Rechteck) mit bunten Eiern und aufblasbaren weissen Osterhasenköpfen. Beim Abendbrot taucht die alljährliche Frage nach der Bedeutung des Karfreitags und dem genauen Ablauf der Ostergeschichte wieder auf. Wie in jedem Jahr versuche ich, sie bestmöglich zu beantworten und in jedem Jahr mehr Einzelheiten verständlich zu machen: Karwoche, Gründonnerstag, Abendmahl, Karfreitag, Kreuzigung, Auferstehung. Vor dem Schlafengehen schaue ich zwei weitere Episoden aus der Ballad of Buster Scruggs von Ethan und Joel Coen. Gestern hatte meine Hochschule ihre Angehörigen informiert, dass sie nun wenigstens bis zum 10. Mai diesen Jahres geschlossen bleiben würde.




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In Sachsen-Anhalt, Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ist der Eiskonsum an öffentlichen Verkaufsstellen verboten an diesem Osterwochenende. Im Saarland ist die Regelung unklar, doch im Rest der Bundesländer ist der öffentliche Eiskonsum gestattet. Im Halbschlaf lauschte ich frühmorgens Jordi Savalls Interpretation von Hadyns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze; ich schlief wieder ein. In der Badewanne zum Aufwachen brauchte ich dann eher etwas Eukalyptisches wie Bowies Black Tie White Noise.

Eine Drohne zeichnete offenbar städtische Bedienstete der Stadt New York auf, die Leichen in einem Massengrab auf Hart Island, direkt vor der Küste der Bronx, vergraben. Seit über einem Jahrhundert diente die Insel, wie es heisst, als Gräberfeld für Verstorbene ohne bekannte Angehörige oder Familien, die nicht in der Lage waren, Beerdigungen zu bezahlen. Über Nachte haben unsere beiden Zwillinge offenbar das Zimmer des Jungen zu einem Massagesalon hergerichtet. An der Tür hängt die Aufschrift:

Masieren
bei
Salong
P & R
(Pirkka & Rasmus)

Ich vermute, sie haben sich ahnungsloserweise auch von den paar Thaimassagesalons (samt Plasteaphrodite, blinkender Leuchtreklame und Kuschelherzchen im Schaufenster) hier im Kiez, nunja, inspirieren lassen. Mittags las ich Gedichte in der Sonne. Eine Handvoll von Eileen Myles, eine Handvoll aus Nepantla und ich freute mich auf die Lektüre der Grand Tour, herausgegeben von Jan Wagner und Federico Italiano, die ich am Sonntag anfangen wollte zu lesen. Nachmittags feierten die Zwillinge einen Skypegeburtstag samt Skypekuchen mit einer Schulkameradin. Danach machten wir alle zusammen einen kleinen Spaziergang, ein wenig im Stile eines Soundwalks:

»Start by listening to the sounds of your body while moving. They are closest to you and establish the first dialogue between you and the environment.

[…]

Which is
the quietest sound of your body?

[…]

Lead your ears away from your own sounds and
listen to the sounds nearby.

What do you hear? (Make a list)

What else do you hear?
Other people
Nature sounds
Mechanical sounds

[…]

What are the sources of the different sounds?

What else do you hear?«


[…writing…]

Ich beneide David Lynch um seinen Optimismus. Abends schauten wir Steven Soderberghs The Laundromat




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In den USA scheint das Telefongespräch eine gewisse Renaissance zu erleben: Verizon said it was now handling an average of 800 million wireless calls a day during the week, more than double the number made on Mother’s Day […] the length of voice calls was up 33 percent from an average day before the outbreak. AT&T said that the number of cellular calls had risen 35 percent and that Wi-Fi-based calls had nearly doubled from averages in normal times. Abends schaute ich Quentin Tarantinos Django Unchained. Nach Ende des Films hatte ich Tränen in den Augen.




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Das grauenvoll dunkle Ostern, das ich befürchtete, ist zum Glück nicht eingetreten. Nur ein sehr bewegungseingeschränktes. Die Sonne scheint allerdings derart grell und heiss, dass der Klimawandel wieder zum gängigeren Gesprächsthemen aufsteigt. Zur Spargelernte erhielten Erntehelfer aus Rumänien Sondergenehmigungen. Die Bilder der trotz Distanzgebot und Kontakteinschränkung dicht gedrängten Billiglohnarbeiter, die zum Check-in für ihren Flug nach Deutschland anstehen, führt schmerzhaft die europäische Klassengesellschaft vor, unreguliert, quasi gewerkschaftslos. In dieser vorletzten Woche von Marens Chemotherapie zeigen sich nun langsam auch die sogenannten kumulativen Effekte. Sie ist – trotz Sport, der sie sonst immer sehr aktiv hält – nun doch öfter müde und erschöpft und hadert damit. Kein Vergleich allerdings zu meiner Fatigue anno 2013, die mich während der Chemotherapie kaum aus dem Bett kommen ließ. Sie dauerte bis weit nach der Reha an und ihre härtesten Symptome begleiteten mich faktisch noch viele Jahre in gewisser Form.




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Ich las die Leseprobe eines Manuskripts, das bald zur Abgabe an den Verlag eingereicht werden sollte und war sehr gerührt. Ich hörte Musikstücke von Oneohtrix Point Never und las dazu Gedichte von René Jean Jensen und Signe Gjessing (aus der Grand Tour-Sammlung). Langsam werden alle mürbe. Ich habe auch die Schnauze voll. Mit jedem Tag mehr.




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Das letzte Handbuchkapitel in der letzten Fassung traf ein. Mit 248 BPM im Soma editierte, korrigiert und annotierte ich. I like that, somehow, really. Speed editing. DRIFT (mein Soundtrack, Clicktrack dazu).

Klaus Walter fragte mich, ob ich vielleicht zur Sonifikation des Coronavirus einige Fragen beantworten könnte. Ich las daraufhin meine früheren Statements hierzu online nochmal nach. Salomé Voegelins Hinweis auf den tatsächlich fehlenden Erkenntniswert der Sonifikation und das immer wieder erstaunliche Verlangen der Hörenden nach einem illustrativen Musikstück hatte mich zu folgender Bewertung angeregt:

»The sonification made by Buehler claims to be generated out of original data, it exercises some of the generic steps of sonification; the results sound quite pleasing – but of course it does not sound threatening (why should it?). However, and that is really its main flaw, I‘d say, there is not really a scientific insight to be gained from it, at least not from what I heard or read or understood. An actually musical or artistic interpretation of the virus would then be obviously something else & maybe we would & should expect it to be threatening.

All in all, I would claim this sonification by Buehler serves more the purpose of science communication, which is fair enough. It needs to be compared, understood & interpreted as the sonic equivalent of the visual representation (gray, fluffy ball with loads of scary & bright red triangles attached) made by Alissa Eckert and Dan Higgins for the CDC: an iconic design, ready to be used for communication purposes. But it is not really a means of research or a tool for further insights, right now.

Thinking about it, maybe a sonification of the global spread and acceleration could be much more interesting & provide indeed insights. Or a sonification of the spread of a virus through a body’s various respiratory pathways, organs and systems. Maybe something like this legendary sonification – simple, but offering a condensed, sonic overview we rarely have


Isao Hashimoto: 1945-1998 (2003)

Gero von Randow schrieb: »Zurück zur Normalität, also daran glaube ich schon nicht mehr seit 1967.« Später am Tag habe ich dann all diese Gedanken zur Corona-Sonifikation noch weiter ausgeführt, in diesem kleinen Blogpost: The Sound of Corona.




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Ich bin es wirklich müde. Mit Kopfschmerzen den ganzen Tag über sprach ich mit den Studierenden im Masterseminar, korrigierte weiterhin das letzte Handbuchkapitel, erwartete die letzten Bilddateien und ergänzten Bibliografien. Die bisherigen Kontaktbeschränkungen wurden nun bis zum 4. Mai auch hier verlängert. Völlig richtig, wie es scheint. Aber es wird noch eine lange Strecke. Drei weitere Wochen. »Großveranstaltungen bleiben mindestens bis zum 31. August 2020 untersagt.« Am späteren Abend sandte ich dann endlich den Cloud-Link zum Manuskript dieses Handbuchs mit allen 25 Hauptkapiteln, 12 Seitenkapiteln sowie allen Abbildungen in höchster Auflösung zu den Kolleginnen nach New York.




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Ich war erschöpft. Aber drei Stunden Kommissionssitzung zur Auswahl von einzuladenden Kandidaten für unsere zwei Promotionsstipendien sowie zweieinhalb Stunden Onlineunterricht klappten doch ganz gut.




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Letzte Nacht in Kopenhagen entschied ich mich zu einem Kurzurlaub auf Hawaii. Am Flughafen jedoch bemerkte ich das Fehlen meines Reisepasses, den ich doch sonst stets bei mir trug. Ich wollte schon zurück zu meinem Apartment, doch die Zeit war viel zu knapp; also fragte ich eine Mitarbeiterin beim Check-In. Sehr zuvorkommend fertigte diese mir ein gültiges Ersatzdokument aus, denn: in begründeten Fällen würde rechtlich auch ein aufgemaltes Portrait ausreichen.Tatsächlich kam ich problemlos durch die Kontrollen, das Abfluggate sah nun allerdings so bunkerartig abgenutzt wie in Schönefeld aus. In der Warteschlange beim Boarden fiel mir noch auf, dass ich ja nur eine lange Hose und eine Unterhose dabei hatte. Naja, das wollte ich dann vor Ort kaufen. Ich kam ins Gespräch mit einer Regisseurin der Ruhrtriennale. Niemand hatte Masken getragen oder sonderlich viel Abstand voneinander gehalten.

Fiona Apple singt: »I would beg to disagree – but begging disagrees with me.« Und Bob Dylan entgegnet: »The flowers are dyin’ like all things do.«




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Nach den angekündigten Neueröffungen kommende Woche, teils mit Schulöffnungen in manchen Bundesländern, teils mit sehr spezifischen Ladenöffnungen in anderen, scheint die Kontaktsperre für die meisten Menschen schon wieder vorüber zu sein. Als wäre alles schon wieder vorbei, werden Freunde und Verwandte besucht. Man kommt sich dabei mitunter sogar sehr vorwitzig, clever, autoritätskritisch oder gar rebellisch vor. Keiner trägt mehr Maske wies scheint. In manchen Städten werden Grillparties zum Ende der sogenannten ›Coronaferien‹ gefeiert. Dabei waren diese Lockerungen doch nur darum möglich, weil eben die Neuansteckungen durch Abstandhalten abgenommen hatten. Denn: »Also diese Diskussion über Lockerungen ist ein Bisschen so, als hätte man zu Hause einen Wasserrohrbruch im Bad, würde die Hand aufs Loch im Rohr legen, warten bis das Bad trocken ist und dann sagen: Jetzt ist das Bad ja trocken, da kann ich die Hand ja wieder vom Rohr nehmen.« (Christopher Lauer) Peter Wittkamp: »Es wird einen zweiten Lockdown geben. Falls ja, werde ich dann jedem ungefragt diesen Tweet zeigen. Falls nein, umso besser.« Ich gehe nun davon aus, dass es in spätestens zwei Wochen eine Ausgangssperre samt Passierscheinpflicht geben wird, aufgrund exploderender Neuansteckungszahlen.




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Ein Sonntag.




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Heute beginnt an deutschen Universitäten die Lehre wieder. In Dänemark geht das Semester ja in wenigen Wochen schon wieder zu Ende. Die Reaktionen von Studierenden, die Madita Oeming aus Paderborn gesammelt hat, geben genau das wieder, was ich in den letzten vier Wochen meiner Onlinelehre erlebt habe:

Weder die Studierenden, noch ihre Lehrer, noch die Verwaltung oder die Leitungsebene einer Hochschule kann einfach so weitermachen, als ob nichts passiert wäre. Dies ist kein business as usual. Die meisten unter uns sind nicht in perfekter Verfassung. Wir stehen vielmehr unter einem immensen Druck von allen Seiten des öffentlichen, sozialen, persönlichen und beruflichen Lebens.
Wir brauchen alle definitiv viel mehr Zeit und Raum für Reflexion, Sensibilität, Zweifel und Zögern, Zeit zum Atmen und Verdauen, Raum für Gespräche und Driften, Fürsorge und Trauer, Angst und Erholung. Wir brauchen davon viel, viel mehr als zu jeder anderen Zeit des universitären Lehralltags. Wir brauchen jetzt diesen großen Extra-Löffel voll Geduld, Gelassenheit, Wohlwollen und – ja – Liebe.

Später am morgen, nächste Woche der Heimbeschulung. Die Zwillinge streiten sich tränenreich und wutschreiend, wem denn der schöne, gelbe Radiergummi jetzt wirklich gehört, den ihre Mutter doch einem von ihnen geschenkt hat: einem Zwilling, beiden Zwillingen oder doch immer noch der Schenkenden? Nerven wie durchgekochte Spaghetti.

Nun liegt der Achtjährige weinend auf dem Sofa, da ihm die Haare nicht gefallen, die er sich selbst gemalt hat im Familienportrait, das er doch für Englisch malen soll. Und das Auf- bzw. Abrunden für Mathe kapiert er auch gerade nicht. Gleich erstmal Hofpause & Pausensnack.

Die Lehrplanung für den Frühling 2021 schreitet voran, die letzten Einzelheiten für den Herbst 2020 waren zu klären. Am Abend verpasste ich einen Skypechat mit einer Künstlerin und guten Freundin, morgen vielleicht.




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Diese Zeit dauert nun lange genug an, dass spürbar wird: es ist nicht mehr nur eine Ausnahmezeit, die es durchzustehen gilt; sondern tiefergreifende Transformationen setzen nun ein. Die Bereitschaft wächst, etwelche Verhaltensweisen, Besitztümer, Beziehungen, falsche Gewohnheiten und bedrückende Obsessionen abzustoßen, loszulassen, wegzuschicken. Es wachsen erste Ansätze zu neuen, teils nur minimal, doch merklich anderen Verhaltensweisen, Besitztümer, Beziehungen, andere Gewohnheiten und Obsessionen bilden sich aus. Mein Desinteresse an den nun vermehrt eintreffenden Einladungen zu Forschungsprojekten und -netzwerken zur Erforschung der Effekte der gegenwärtigen Pandemie wächst täglich, mit jeder Einladungsmail.

Während immer mehr Orte des Konsums und des Ausbildungsvollzugs sich auf ihre Wiedereröffnungen vorbereiten (Kaufhäuser, Elektronikfachmärkte, Oberschulen), wächst auch die Angst vor einer neuerlichen, noch härteren Kontakteinschränkung, vielleicht mit Ausgangssperre. Heute wurde einerseits das Oktoberfest in München abgesagt, andererseits kündigte Köln einen verkaufsoffenen Sonntag an. Luxemburg versendete kürzlich jeweils fünf wiederverwendbar Masken an alle seine Bürgerinnen und Bürger (600.000); Baden Württemberg kündete eine Maskenpflicht beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr ab Montag 27.4. an, in Berlin gilt das ebenfalls – allerdings nur im öffentlichen Nahverkehr.

Ich bin mir auch nicht mehr sicher, wie lange das jetzt wirklich noch dauern wird. Doch bestimmte, vermutlich eher durchgängige Anpassungen im Alltagsverhalten wird diese Pandemie doch hinterlassen. Es ist aber mit Sicherheit noch zu früh, dies prognostizieren zu wollen. Es beginnt doch gerade erst.




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Mittwoch, Onlinelehre, fortgesetzter Dauerkopfschmerzschatten (Frontallappen rechts). Eiskrem auf dem Oberdeck. Absage der großen Geburtstagsparty zu unserem Fünfzigsten, gemeinsam mit Katja. Mehr Korrigate.




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Ich bemerke, wie sich meine Aufmerksamkeit hier verlagert. Weniger aktuelle Nachrichten muss ich notieren, um sie anzuerkennen; weniger minimale Lebensalltagsveränderungen möchte ich protokollieren. Ich muss nun mehr das Fliessgleichgewicht halten. Es wird schwerer, immer schwerer, Aggression wächst, Ärger, Wut, Selbsthass, Unzufriedenheit mit Handeln und Sprechen, Sein und Warten. Davon sprach Katja gestern auch am Telephon (obwohl sie doch einen guten Brocken ihres neuen Buches dem Verlag nun offenbar schon erfolgreich vorlegen konnte). Tod und Verklärung (Richard Strauss, op.24), dirigiert von Bernard Haitink, dann von Teodor Currentzis. Die Konferenz Listening/Hearing, die im Juni in Bonn stattfinden sollte, Beethovenhaus, wird nun auch in den Herbst verlegt. Vor dem Parlament sprach Angela Merkel: »Niemand hört es gerne, aber es ist die Wahrheit: wir leben nicht in der Endphase, sondern am Anfang dieser Pandemie.« Während ich meinen Vortrag für die Bonner Konferenz fertigschreibe, weht Bratenduft über den Hof: Die klebrige Idiosynkrasie (so der Titel des Vortrags). Koch dich durch die Krise mit Soul-Food-Rezepten empfiehlt ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Auf dem Familienspaziergang zum Straßeneisverkauf begegneten uns nur zwei Menschen mit Mundschutz, den beide freilich recht lässig bis unters Kinn gerafft trugen.

Zum Abend höre ich immer wieder und zum wiederholten Male das Ausruhmantra von Heike Aumüller und Thomas Weber; Text: Dietmar Dath. Spätestens zur vierten Wiederholung habe ich nur noch Gänsehaut beim Hören. Wir sind über und über mit winzigen Fehlern bedeckt. Und wer uns unter all diesen Fehlern erkennt, gehört zu uns. Patricia Cammarata schreibt: »Mein Arbeitgeber hat heute darüber informiert, dass er davon ausgeht, dass wir im wesentlichen bis Herbst 2021 so arbeiten und leben wie jetzt. Daran richtet sich jedenfalls erstmal die ganze Planung aus. Da musste ich erstmal weinen. Obwohl ich das auch denke. Aber das so zu lesen, war schon hart. Persönlich glaube ich sogar, dass wir in 2 Wochen einen Lockdown bekommen, bei dem es wirklich heißt: zuhause bleiben (so wie in Italien, Österreich, Spanien).  Kind 3.0 schreibt Corona-Tagebuch. Das heißt ‚Das bunte Gefängnis‘. Das trifft es sehr gut. Wir haben es gut und trotzdem ist es hart.« Ruhighalten, ruhighalten, ruhighalten, ruhighalten, durchhalten, durchhalten, ruhighalten, ruhighalten, ruhighalten, ruhighalten, ruhighalten,  ruhighalten, ruhighalten.




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Eine Art Hoffnung und eine Art Irrtum. Auf 54BOOKS erscheint heute vorab ein Auszug aus Ubiquitäre Literatur: Eine Partikelpoetik unter dem Titel Wir Lektomaniker. Ich bin gespannt. Der 40. Tag also. Forschungskommission in Kopenhagen sowie eine weitere Sitzung der Kommission, welche die aussichtsreichsten Kandidaten für ein Promotionsstipendium am Institut auswählt; alles per Zoom freilich. Zwischen diesen Videokonferenzmeetings muss dann eine tiefe Krise (Heulen, Schreien, Wehklagen) des Achtjährigen aufgrund eines spontan für jetzt und heute anberaumten Mathe-Tests (3. Klasse!) bewältigt werden.

Tagsüber hatte Trump wohl Desinfektions- und Bleichmittel empfohlen zur Heilung der Lungenseuche. Manche Kommentatoren vermuteten hierin wie öfters eine irrsinnige Ablenkungsstrategie von seinen 10 Millionen Schulden, die er wohl bei der chinesischen Staatsbank angehäuft habe. Am späten Nachmittag hörte ich eine Playlist des Kronos Quartetts zum Ramadan; etwas später, nach dem Abendbrot tanzten unsere Kinder zu einem Coronasong. Abends schaute ich Todd Phillips’ Joker mit Joaquin Phoenix.‬




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Ein Samstag. Im Kiez weiterhin nur sehr, sehr selten einzelne Menschen mit Mundschutz. Alle in Ferienstimmung. Grauslig.

Dafür nagt an mir der Selbstzweifel: Ist es dumm, den wissenschaftlichen Expert*innen zu folgen? Tun die schlicht ihr Leben geniessenden Menschen, die eng beieinander in den Parks liegen, ihre unvermuteten Ferien geniessen nicht genau das Richtige? Oder drückt sich darin doch nur die Überheblichkeit und Selbstvergessenheit einer höheren, nicht-systemrelevanten, ›hermeneutischen Klasse‹ (zur Lippe) aus? Die Schlafwandler.

Wenn ich aber die Kinder und meine Frau mit Krebserkrankung betrachte, ist klar, dass ich nur noch mit Mundschutz das Haus verlassen und eventuell auch Latexhandschuhe mir zulege. Nach dem Abendessen fanden alle fünf sich in einer zu Yellow Submarine grölend-quatschig tanzenden Polonaise durch die Wohnung wieder. Woraufhin die Kinder sich natürlich nicht vom Film lösen konnten, der wenige Minuten später zum Mitsingen gestreamt wurde – samt Karaoketextzeilen.‬




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Pandemic Response Division am Sonntag. Wir radelten allesamt nach Mitte, zur Synagoge, in der Oranienburger Strasse konsumierten wir unsere Eiskrem.‬




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Heute beginnt die siebte Woche der Kontakteinschränkung, Tag Nummer 43. Ich höre die zunehmenden Geräusche der wärmer werdenden Tage. Überarbeitung eines Vortrages für den Druck, Lizenzierung meines Zeitungsartikels vom Januar für die Sekundarstufe I, abschliessende Beurteilung einer Masterarbeit (Note: 10 von 12), von 15 PhD-Projekten (3 Projekte aus Musikwissenschaft und Sound Studies kamen durch), 13 BA-Seminarübungstexten (alle bestanden), Vorbereitung von einer Handvoll Bachelorarbeits-Sprechstunden. Mittags aßen wir draussen auf der Terrasse. Zwischendrin schaute ich mir Post Malones Nirvana-Tribute-Konzert an. Das Leben ohne Reisen, stets häuslich und ohne körperliche Tätigkeiten und Aktivitäten an anderen Orten – abgesehen von vorübergehenden Spaziergängen – ist schon fast ganz zur Gewohnheit geworden. I don’t fucking know.




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Ich befürchte zunehmend ein Kippen der veröffentlichten Meinung, ähnlich wie im Jahr 2015 beim Aufnehmen von Kriegsgeflüchteten: die tatkräftige Unterstützung eines strategisch vernünftigen, bedachten und ethisch stimmigen Handelns wird durch Propaganda von Verschwörungstheoretikern, Besserwissern, Trumpisten, Putinisten und heimlichen wie unheimlichen Nazis schon in diesen Tagen mehr und mehr angegriffen, lächerlich gemacht, als dümmliche Untertanshaltung denunziert und dagegen ein bedachtes Handeln als Ausdruck feiger Unterdrückungsideologie gebrandmarkt. Ich wünschte, ich würde von den kommenden Monaten widerlegt werden. Allerorten wachsen die Spannungen, die Gereiztheit nimmt zu.

Nach langen Tagen der Schreibtischarbeit, der telephonischen Gespräche oder videophonischen Sitzungen, der elektronischen Nachrichten von vielen Seiten fällt es mir immer schwerer die körperliche Verbindung zum Stadtraum aufrechtzuerhalten. Zu früheren Zeiten hätten nun Spaziergänge, abendliches Ausgehen, Konzerte, Ausstellungseröffnungen, Gespräche mit Kolleginnen oder Kollaborateurinnen und nicht zuletzt Unternehmungen mit der gesamten Familie diese Verbindung wiederhergestellt. Das alles fehlt mir. Ich hörte von Nachtradtouren, die Freunde unternahmen, auch von Distanzspaziergängen. Vielleicht müssen wir mit der gesamten Familie später noch gemeinsam einen kleinen Gang hoch, auf die gemeinschaftliche Dachterrasse dieses Wohnhauses unternehmen. Ein wenig Stadtraum atmen.

Dieser Tage bekam ich von einer extrem klugen, umsichtigen, beherzten, engagierten und dezidiert queer lebenden Kollegin ein verschwörungsfreudiges und teils antiwissenschaftliches Video von KenFM zugesandt. Was sagt man da?




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Letzte Nacht träumte ich von einem sturzbachartigen Regen – den es dann ja auch tatsächlich gab. Im Nachbarhaus verbarrikadierten sie ihre Fenster auf allen Etagen mit Holzpaneelen, die sie bunt angemalt hatten, mit Motiven und Abwehrsprüchen gegen das herrschende Virus. Ich erwachte so zerschlagen und kaputt als hätte ich gestern Abend durchgesoffen. Die Müdigkeit steckt mehr und mehr tief in den Knochen.

Monika Scheele Knight schreibt: »Mir schrieb eine sonst aufgeweckte Kollegin in einer Nachricht, in der es um anderes ging, am Ende noch den Satz rein: ›Hoffentlich ist die Diktatur bald vorbei.‹ (Ich habe kurz zurückgeschrieben, ich hielte ein Virus nicht für eine Diktatur.)« Ich finde es erstaunlich, wie wenig Menschen im Wohlstand offenbar bereit sind, sich etwas raten und empfehlen zu lassen, was gut für sie ist. Beratungsresistenz ist unsere Leitkultur?

Die Sextoyfirma DILDOKING bietet nun zu jedem regulären Einkauf auch eine offenbar als sexy angesehene Maske in schwarz an, zum vergünstigten Preis (unter 4 Euro). Auf dem Werbeplakat steht gross und markant das Wort: BLACK. Heute hat es vermutlich so viel geregnet wie seit gut sieben oder acht Wochen nicht.




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Mein letzter Tag der Onlinelehre. Am Ende klappte alles doch erstaunlich gut. Aber es hilft natürlich, wenn die räumlichen und technischen Gegebenheiten nicht zu karg sind, wenn die Studierenden engagiert sind und die Themen, die zu lehren sind ohnehin online recht präsent und oft am besten dokumentiert sind (Klangkunst bzw. Popmusik). Und nicht zuletzt tut es Lehrenden auch gut, wenn sie am Ende sehr positives, dankbares bis euphorisches Feedback erhalten: worüber Studierende dankbar sind, darüber sind auch Lehrende dankbar. Simona Harmeinecke schreibt: »Ich kann heute körperlich spüren, wie meine Bereitschaft, zu den bisherigen Bedingungen weiter zu funktionieren (bzw. nach Corona dahin zurückzukehren) minütlich schwindet.« Eine Studentin schrieb im Chat, nach Ende des Kurses, es ging mir freilich runter wie Öl: ›I think we all really appreciate all your effort and hard work in turning this course into an online course, – and from day one of the lockdown basically (!) – it means a lot, and we learn a lot, eventhough it’s way different from sitting in a class room together. So thank you so much!!‹




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Nach zwei Stunden Nachtschlaf war ich wieder aufgewacht. Es klang, als wäre ein kleiner Hartgummiball die Massivholztreppe hinuntergehüpft und schließlich an eine Fahrradklingel geprallt. Oder war es nur der Sturzregen in der Aussenwelt? Wird jeder Regen künftig monsunartig sein? Ein Aquarium in Tokyo fordert seine Besucherinnen und Besucher dazu auf, die etwas vereinsamten Aale über Apple FaceTime zu besuchen und in diesen Zeiten beizustehen, schreibt der Guardian: »The aquarium, housed in Tokyo Skytree – Japan’s tallest structure – has been closed since the start of March and its garden eels have become used to a largely human-free environment. [..] To help the eels reconnect with their admirers, the aquarium is setting up five tablets facing their tank, with users asked to connect through iPhones or iPads via the FaceTime app. Once the video calls start, people are asked to show their faces, wave and talk to the eels. But, given the animals’ natural bashfulness, they are requested not to raise their voices.«

Der Klanganthropologe Andrey Logutov lädt dagegen dazu ein, ihm eine Aufnahme der eigenen Stimme zuzusenden, die er dann in einem großen Park in Moskau spazierenführen wird: »But what if instead of walking someone else’s pet — you could ask someone else to walk a piece of you? This is what I’ll Walk Your Voice is about. Send me a sample of your voice — this can be a short story, a few unimaginative phrases, a drawn-out grunt, a recording of you singing, or anything else your voice can do. I’ll take it to a large park in Moscow, play it against the soundscape, and send the recording back to you.«




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Gegen vier Uhr morgens stehe ich auf, gehe hinunter ins Wohnzimmer und schaue ein wenig in unseren kleinen Garten. Einige der Gewohnheiten, die mir zunehmend kaum mehr bemerkenswert erscheinen, die ich darum auch kaum mehr notiere, haben sich erst im Laufe der letzten Wochen gebildet. Sie bilden unseren neuen Alltag seit etwa Mitte März. Dazu gehören: täglich Mittagessen für uns alle fünf kochen und wöchentlich im Voraus genau einplanen wie auch die Aufenthaltszeit der Kinder im geteilten Hof bzw. der Dachterrasse, kaum mehr einkaufen gehen sowie keine Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs mehr, nur alle zwei bis drei Wochen nutzen wir unser Auto, groß inszeniertes, gemeinsames Filmschauen samt Videoprojektor (Freitag: Familien-/Kinderfilm, Samstag: Film nur für uns Eltern), späterer (Daheim-)Schulbeginn um punkt 9 Uhr, darum können alle auch täglich rund eine Stunde länger ausschlafen (wir Eltern bis etwa 7, die Kinder bis etwa 8 Uhr morgens), Arbeits- und Schreibende ist nun täglich ziemlich präzise um 18 Uhr, Verlängerung nur selten, nahezu tägliche Videocalls eines jeden Familienmitgliedes, wegen Meetings der Eltern und Musikunterricht der Kinder dann teils auch mehrere am Tag.

In meinen persönlichen Gewohnheiten und meinem Konsumverhalten hat sich folgendes radikal geändert: regelmäßig schaue ich mir nun archivierte Konzertaufnahmen der Berliner Philharmoniker an, ich habe seit etwa zwei Monaten nicht ein einziges Mal einen Anzug getragen, bin natürlich kein einziges Mal mit einem Flugzeug geflogen, gehe nicht mehr in Restaurants, Bars, geschweige denn tanzen oder zu Konzerten, Opernaufführungen. Ich trinke kaum noch Alkohol, vielleicht ein- bis zweimal die Woche ein Glas Wein oder eine Flasche Bier. Alle paar Wochen einmal einen Gin Tonic. Fiktionale Erzählwerke kann ich nun gar nicht mehr ertragen, gleiches gilt für journalistische Besinnungsaufsätze in Langform über die gegenwärtigen Zeitläufte. Ich schaue keine Late Night Shows mehr, höre noch mehr als zuvor, manchmal mehrfach an jedem Tag, ein Radiofeature, Hörspiel oder einzelne Folgen eines aufwändig und idealerweise radiophon inszenierten Podcasts. Ich lese, abseits der täglichen Fachartikel und -monographien, nahezu ausschliesslich Gedichte (bevorzugt von queeren Autor*innen & PoC).




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Ein Sonntag. Wir waren in den Gärten der Welt. Auch hier trug kaum jemand Mundschutz (es wird manisch, ja, das gebe ich zu, sorry).




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Es ist der fünfzigste Tag in dieser neuen Normalität. Heute ist der erste Tag, an dem die Zwillinge zumindest für zwei Stunden wieder in die Schule gehen dürfen. Ihr Klassenlehrer hat sich dazu entschlossen, die schrittweisen Lockerungen für Schulklassen nicht zum schichtweisen Unterricht der gesamten Schüler zu nutzen, sondern eher den geforderten Schülern eine Unterstützung vor Ort anzubieten. Unserem Sohn fällt vor allem Mathe etwas schwer, darum wurden beide Zwillinge nun zum Privatunterricht eingeladen, andere Kinder zu anderen Zeiten zu anderen Fächern. Zeigt sich hier nicht eine erstaunlich radikale und sehr erfreuliche Kehrtwende weg vom Allgemeinunterricht zum punktuell dosierten und personalisierten Unterricht? Würde Bildung tatsächlich gewertschätzt in der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung und entsprechend finanziell üppig ausgestattet für alle sozialen Schichten, so wäre es vermutlich vollkommen gewöhnlich, dass weitaus mehr Lehrpersonen eine Schulklasse in einem Fach unterrichten, damit alle Schülerinnen und Schüler den jeweils angemessenen Unterricht erhalten könnten. Als wir durch die Strassen radelten, war weiterhin die sonntagmorgendlich, weihnachtsfeiertägliche Leere und Ruhe zu spüren. Beim Eintreffen auf dem Schulhof machte sich die neue Normalität geltend. Hinweisschilder, Wachpersonal, Mundschutzgebrauch, ausgedünnte Leere. Ein Kollege aus Boston berichtet, dass sie dort, zur Durchsetzung und indirekten Unterstützung der gültigen Abstandsmassgabe, die öffentlichen Basketballkörbe abmontiert haben. In der FAZ vom 29. April fasste Bernd Scherer einige der weithin kursierenden Gedanken zu den aktuellen, teils abrupten, teils eher minimalen Transformationen bündig zusammen – im Lichte zeitgenössischer Theoriebegriffe: SARS-COV-2 ODER DIE BEGEGNUNG MIT UNS SELBST.




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Der Verschwörungswahn nimmt dieser Tage immer weiter zu: immer mehr dieser obsessiven Angslusterzählungen von weltbeherrschenden Machthabern und ihren übelwollenden Impfplänen zur Unterjochung aller Bürger dieses Landes werden von immer mehr öffentlichen Figuren und Prominenten geteilt, vertreten, propagandistisch unterstützt. Nicht mehr nur von altbekannten Querfrontbramarbasierern wie Ken Jebsen, sondern auch christianistische Erlösungsfanatiker und anerkannte Antisemiten wie Xavier Naidoo und vegane Erlösungskraftmeier wie Attila Hildmann werfen sich in die Brust, um die Bevölkerung vor ihrer drohenden Versklavung durch alliierte Technomafiabosse wie angeblich Bill und Melinda Gates zu warnen. Es ist grässlich. Am Münchner Stachus tanzten erleuchtete, weisse Aurawesen in Batik, Dreadlocks, wallenden Bewegungen und ohne Schuhe gegen die sogenannten Corona-Verordnungen an unter der Überschrift: Zusammenstehen und Masken fallen lassen. Der antiwissenschaftliche, neopaganistische Furor der Ignoranz ist nur die neueste Wendung dieser Black Mirror-Episode.

Ich frage mich – ähnlich wie schon bei den Reichsbürgern vor einigen Jahren: ab welchem Punkt begreift die Judikative und die Polizei, dass solche Agitatoren tatsächlich nicht bloss alberne Spinner sind, sondern, dass sie das gesamte Gemeinwesen und seine Werte als solches grundlegend infrage stellen, angreifen und zerstören wollen? Viel systematischer und dauerhafter zudem, als dies jede Rote Brigade oder Zelle jemals auch nur ansatzweise gekonnt hätte. Es braucht offenbar eine beträchtliche Anzahl an Opfern – die nicht als Randgruppen angesehen werden können. Das ist grauenvoll, aber ich befürchte: genau so wird es sein. Der 15. Mai wird von diesen Besessenen nun als Tag der Impfmafiamachtergreifung benannt und als Tag des Widerstandes markiert. Ich wäre nicht verwundert, wenn all die deutschtümelnden Prepper, Nazis und Incels an diesem Tag ihren ominösen Tag X der waffenstarrenden Rebellion gekommen sähen.

Auf dem Weg zum Geldautomaten bemerke ich, wie ich mich mittlerweile mit Maske deutlich besser, auch eleganter, vor allem aber sicherer gekleidet fühle als ohne diesen Mundschutz. Nach einigen Wochen des zögerlichen Vertrautwerdens, auch der Angstnächte sowie der Beklemmungs- oder Unruhetage, fühle ich mich heute erstaunlich wohl in meiner Haut und diesen Gegebenheiten. Gut, ich werde täglich umwuselt, angekuschelt, betanzt, überquaggelt und an der Hand genommen von unseren drei Kindern und ich verbringe nahezu den ganzen Tag, sicher aber ausnahmslos alle Mahlzeiten und freilich jede lange, schöne, warme, ersehnenswerte, innige Nacht im Bett mit meiner Frau. What’s not to like?




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Jonas Schaible schreibt »Es beginnt gerade übrigens nicht die Zeit nach #Corona, sondern nur das Ende des Anfangs der Zeit mit Corona.« Auf ihrem Frühspaziergang, heute gemeinsam mit unserer Jüngsten, sah Maren sechs Entenbabies und ein Eichhörnchen. In einer morgendlichen Radiosendung wurde ein kleines Tutorial zum Umgang mit verschwörungstheoretisch abgerutschten Menschen angeboten. Sie unterschieden darin jene mit einem vollständig geschlossenen Verschwörungsweltbild von solchen, die bislang sich erst einige Aussagen einer Verschwörungsfantasie zueigen gemacht haben.

Gestern ging es unserer Zehnjährigen, Nanouk, gar nicht gut. Nachdem sie bislang in allen Wochen recht ernsthaft, streng bemüht, froh und frappierend gutgelaunt ihre Schulaufgaben beharrlich eigenständig erledigt hatte, schwand wohl gestern ihre Kraft, ihre Laune, ihr Durchhaltevermögen. Am frühen Abend lag sie tief erschöpft und mit Tränchen in den Augen im Bett. Sie sollte, empfahlen wir ihr darum, einfach erstmal nur tun was sie wirklich mag; am folgenden Morgen, heute also, könne sie ruhig auch einfach so lange ausschlafen wie und dann ebenfalls nur tun, was sie will. Heute dann am frühen Abend sprang sie überfröhlich kieksend an unseren Abendbrottisch: sie hatte offenbar mit ihrer besten Schulfreundin geskypet, sich verkleidet, geschminkt und gemeinsam hatten sie zu lauter Tanzmusik aus dem Radio ihre eigene Skypedisco gemacht und getanzt.




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Ab 15. Mai sollen hier in Berlin die Kontakteinschränkungen punktuell zurückgenommen beziehungsweise aufgelockert werden: Menschen aus zwei Haushalten können sich dann treffen; Restaurants und Biergärten dürfen wieder öffnen; später im Monat sogar die Hotels. Auch die Bundesliga, das sportliche Pendant zur deutschen Autoindustrie, darf wieder zumindest Geisterspiele durchführen. Ein Kommentator im Rundfunk brachte es heute morgen auf den Punkt: »Wirtschaftlich verständlich – gesellschaftlich vielleicht fragwürdig.«

Gestern war Florian Schneider, einer der beiden Gründer von Kraftwerk gestorben und umgehend waren alle Kanäle voll mit Tränenemojis, erinnernden Anekdoten, Konzert- und Interviewausschnitten sowie Lieblingssongs. Es ist mir stets ein wenig unangenehm. Öder als das Jahrestagsfeuilleton sind mittlerweile nur noch die Nachrufsozialmedien.




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Ein Feiertag. Wir gehen ein Eis essen und schauen uns vorher mit allen drei Kindern den historisch erhaltenen Mauerstreifen an der Bernauer Straße an. Viele Fragen sind zu beantworten. Auf der Trambahnfahrt sind erstaunlich und erfreulich viele Menschen mit Mund- und Nasenschutz zu sehen, über 95% vermutlich. Wir sprachen über den Sieg der Alliierten über Deutschland. Abends schauen wir alle zusammen Shaun das Schaf – UFO-Alarm.




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Ich lese weiter Gedichte aus Nepantla, höre César Franck und Niels Frahm, später Four Tet. Es fällt mir täglich schwerer. Meine Müdigkeit steigt täglich. Ich kriege den Antrieb noch hin – drei Kinder und etliche Kollegen, Studierende, laufende Projekte lassen hier auch kaum eine Wahl. Aber es fällt mir immer schwerer. Ich erlebe das gespiegelt in Nanouk. Heute lag sie wieder mit Tränchen in Embryonalstellung in ihrem Bett eingekuschelt am Nachmittag, lustlos, antriebslos, tieftraurig. Als wäre sie unser aller Amygdala; ausgerechnet sie: die stolz-rationalistische Nerdine. Ich werde auch immer stoischer, eher betäubt. Am Abend bereitete Iliza Shlesinger, eine Comedienne, die ich sehr bewundere, mit ihrem Ehemann auf Facebook einen besonders scharf gewürzten Chai zu. Bei Crémant und Kräckern lese ich dann die letzten Gedichte in Nepantla; im vergehenden Licht auf dem hinteren Balkon. Die Gedichte, die Existenzen dieser Sammlung, sie verkörpern wirklich die Vielfalt, wie Menschen begehren und sich erleben. Damit kann ich mich identifizieren. Mit den Kämpfen, der Unsicherheit, der Selbstzerfleischung, der Trauer über das eigene Ungenügen und der Lust am eigenen Begehren, das wirklich eigenartig sein mag oder trivial.




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Täglich schauen alle erwartungs- und etwas angstvoll auf die Reproduktionszahl R die das RKI für Deutschland bestimmt. Bleibt diese Zahl unter 1 ist wohl alles okay. Steigt sie allerdings stark über 1 wirds gefährlich, das Gesundheitssystem gerät mittelfristig unter Druck. Heute lag erstmals wieder R bei ca. 1,1 (die Schwankungsbreite liegt wohl bei 0.90-1,34). Der Druck der Verschwörungspropagagandisten wird immer höher. Ihre Demonstrationen scheinen anstandslos genehmigt worden zu sein, anders als andere Demonstrationen, etwa gegen die weitgehende Untätigkeit hinsichtlich der sich weiter ausbreitenden Klimakatastrophe. Videos von Polizeimaßnahmen kursieren, in denen People of Colour gerne kujoniert und gezüchtigt werden. Die Mitweissbrote bleiben unbeachtet.




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Ich höre und lese Berichte, sehe auch virale Videos über einen neuen Boom der Autokinos – weltweit und auch hierzulande: von wenigen Dutzend am Anfang diesen Jahres scheinen es nun bundesweit über 300 zu sein. Dieser Tage stimmen einige Grosskunstsammler auch recht pressewirksam eine Wehklage an (Stoschek, Olbricht, Flick etc.pp.). Ihre Klagerede hinterlässt in mir allerdings eine ähnliche Form von Mitgefühl wie jammernde Hauptanteilseigner von hoch börsennotierten Unternehmen, die gerne beträchtliche Dividenden und Boni auszahlen. Oder übersehe ich hier etwas? Manchmal, wenn ich Artikel über und Wortwechsel mit den Verschwörungshanseln lese, dann frage ich mich: Ob am Ende wohl vor allem dieser große, kollektive lustvoll-verwirrte und weltweite Verschwörungsroman übrigbleibt von der Pandemie am Anfang der 2020er Jahre?




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Der Achtjährige übt E-Gitarre im Obergeschoss, trifft gleich seine Mathenachhilfelehrerin in der Bäckerei 2000, seine Zwillingsschwester übt währenddessen weiter die schriftliche Substraktion nachdem beide ein YouTube-Tutorial geschaut hatten, die Große gestaltet währenddessen einen weiteren Reiter ihres sogenannten Memoflips mit Informationen und Bildern zur Stadt Catal Hüyük (eigentlich ja: Çatalhöyük) aus der Jungsteinzeit für ihr Schulfach GeWi (Gesellschaftswissenschaft) und meine Gattin löst via Zoom derweil Probleme der Feldforschung mit ihren Mitarbeiterinnen im DFG-Projekt zu Obdachlosigkeit und Mediennutzung. In wenigen Minuten werde ich dem Vortrag des Komponisten und Performers Niels Lyhne Løkkegaard lauschen, den das Rytmisk Musikkonservatorium aus Kopenhagen streamt: Utopia & the Sustainability of Potentiality.




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Der Berufsalltag via Zoom, Skype wird zunehmend gewöhnlicher und routinierter. Manche Tätigkeiten lassen sich in meinem Berufsfeld sogar besser und fokussierter erledigen; allerdings bin ich mir noch unsicher darüber, ob diese mutmaßliche Steigerung der Effektivität eht tatsächlich besser ist. Sie geht schliesslich mit einer grösseren und drastischeren Erschöpfung einher. Und mit einem Gefühl der Nichtverbundenheit. Andere Techniken, Gesten, andere Formen der nonverbalen Kommunikation, des Nebengespräches, der flankierenden Plauderei sind nötig.




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Die neuen Geschäftsmodelle nehmen allerorten Fahrt auf: CUSTOMASK: »Mundschutz mit Foto und Design. Foto hochladen oder Design auswählen. Eng anliegend und hautverträglich. Waschbar bei 60 Grad. Jeder Kauf unterstützt unsere Spendenaktion. Masken entdecken.« Ab morgen dürfen in dieser Stadt die Restaurants wieder öffnen, so auch die gar nicht so kleine Weinbar mit Restauration bei uns an der Ecke. Mein Institut in Kopenhagen jedoch bleibt weiterhin geschlossen. Die Hochschule schreibt: »The government has decided that the universities will not be part of the phase-two reopening of Denmark from 18 May. In the weeks ahead, any form of reopening will be on a very limited scale. Please note that you should not turn up at the University until you are specifically allowed to do so by UCPH.«




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Im Autohaus ließ ich heute morgen endlich die Sommerreifen aufziehen. Dort und auch im Ladengeschäft meines Mobilfunkanbieters schützten elegante Plexiglasscheiben die Angestellten vor uns Kunden und umgekehrt. Es sah schon ganz gewohnt und routiniert aus. Anders als die ersten auf Holzlatten getackerten Kunststofffolien der ersten Wochen. Überall sah ich mehr Masken, auch später im Supermarkt oder nachmittags im Kulturforum, als wir die erste Ausstellung seit Mitte März besuchten.

Es lässt sich nun jedoch auch beobachten, wie die neuen Gepflogenheiten und Umgangsformen weiterhin einen grundsätzlichen Weltzugang und ein allgemeines Verhältnis zu anderen Menschen erkennen lassen. Viele Menschen umtänzeln einander respektvoll, beobachtend, vorsichtig und eher überfreundlich und großzügig, alle schauen, dass sie einander auf keinen Fall zu nahe kommen und falls dies doch einmal geschieht, nehmen beide sofort wieder Abstand und danken einander fürsorglich für die entgegengebrachte Rücksicht und sehen fix über kleine Verfehlungen hinweg: ›wir alle lernen das ja, niemand ist perfekt, keine Sorge nichts passiert!‹

Doch immer mal wieder, alle paar Tage, begegnet einem eine Person, die die Abstands- und Maskenempfehlungen zur Ausweitung ihrer Egozone und als Werkzeug der Machtausübung nutzen: sie herrschen andere an als wären es gemeingefährliche Straftäter, sie strecken ihre Arme aus als wollten sie der nächsten Person gerne möglichst umgehend eine Ohrfeige verpassen oder sie zumindest mit beiden geballten Fäusten in den nächsten Straßengraben stoßen. Aggression bahnt sich ihren Wege. Eine Wut vermutlich nicht so sehr gegen die nächsten Menschen als gegen die Umstände, gegen die Fremdbestimmung, gegen das neue Sinnesregime, dem sie sich zu fügen haben, gegen die unsichtbare Gefahr. Das Kippen einer Instrumentalisierung dieser Abstandsvorgaben in eine völlige Leugnung derselben scheint sehr naheliegend. Diese Menschen beängstigen mich. Sie bewegen sich schon stark in soziale Anomie hinein. Begehren sie diesen Zustand gar? Ersehnte Ekstase des Ausnahmezustands?




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Ein weiterer Samstag. Lesen, Backen, Gäste, Garten. Bettina Böhlers Film Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien




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Ein weiterer Sonntag. Mit Freunden und deren beiden Kinder unternahmen wir einen langen Distanzspaziergang. Am Abend war meine Gesichtshaut erstmals in diesem Jahr durchweg sonnengerötet.




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Seit Kurzem sammelt die Soundscape-Forscherin Meri Kytö aus Joensuu/Finnland sowohl künstlerische als auch wissenschaftliche Forschungsprojekte, sowie journalistische Artikel, die während der Epidemie dieses Frühlings ihren Schwerpunkt auf die sich verändernde Klang- und Sinneswelt legten: Pandemia + Sound/Music + Environment. Bislang hat sie 39 Einträge gesammelt, Ergänzungen sind weiterhin jederzeit willkommen.




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Ich erledigte einige Besorgungen und beobachtete wie wiederum niemand im öffentlichen Raum einen Mundschutz trug. In keinem Ladengeschäft wurde dieser den Kundinnen oder Kunden abgefordert. Alle Restaurants schienen wieder gut besucht, die Aussenraumbestuhlung voll und fröhlich wie ehedem. Nix passiert?




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Die sich ausbreitende Normalitätsfiktion in der Aussenwelt ist beängstigend, verstörend, auch merkwürdig bedrückend. Ich frage mich: was passiert, wenn die Infektionen und Todeszahlen wieder ansteigen? Kaum jemand wird sich dann wohl trauen, eine neuerlich härtere Kontakteinschränkung oder gar Ausgangssperre zu verfügen? Die Verschwörungsdemagogen werden jedem Kommunal-, Landes- oder Bundespolitiker die Hölle heiss machen.

Andererseits dann auch der nagende Zweifel: wars vielleicht doch etwas übereilt meine grosse Geburtstagsparty im Juli ganz zu verschieben auf 2021? – Ich glaube: nein. Verklemmtes Feiern mit Maske und Abstand (den dann natürlich eh keiner wirklich einhält) ist mindestens so schlimm wie Nichtfeiern. Aber der Zweifel nagt halt doch.

Und das ständige Zurückkehren und verbohrte Umkreisen der immer gleichen Fragen, Zweifel, Ängste und Sorgen bedrückt noch umso mehr. Ich wünsche mir ein Gespräch, in dem kein einziger Satz in Bezug auf die Pandemie fällt.

Später am Nachmittag ist aus dem Obergeschoss das Quieken und Glucksen des Klassenchats der Drittklässler-Zwillinge zu hören.




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Feiertag. Badewanne, spätes Frühstück, Lektüre und Lungern am Weissensee. Morgens wurde ich von Miriam Zeh für die Sendung Büchermarkt des Deutschlandfunks zur Ubiquitären Literatur befragt. Ihre Fragen griffen tief und stellten den Bezug zum Buchmarkt und der Leserschaft direkt her.




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Mit der Catererin und der Konzeptkünstlerin plante ich das kleine Dinner, mit dem ich in diesem Jahr dann doch nur meinen 50. Geburtstags begehen kann. Die Anspannung und tiefe Unsicherheit ist allerseits durchaus zu spüren.




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Samstag. Wir trafen uns auf Abstand mit Freunden und deren Kindern im Grunewald, in der Sandgrube. Morgens hatte ich gelesen, das meine Fakultät offenbar verhandelt, ob einige der Prüfungen oder Besprechungen in unseren Fächern wieder vor Ort stattfinden könnten. Montag soll es hierzu neue Nachrichten geben. Am Tag, wenn Maren zur Operation ihres Brusttumors in der Klinik ist. Ich bin gespannt. Abends schaute ich mir noch einmal den großartigen Audre Lorde-Film von Dagmar Schultz an, von 2012.




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Sonntag. Wir wuschen das Auto, bauten mit erstaunlich viel Mühsal und Nerverei ein sogenanntes Schwerlastregal im Keller auf, machten mit den Kindern eine Erdbeerkuchenpause. Abends schauten Maren und ich (auf eine Instagramempfehlung von Simone hin) uns diesen Film an: The Goddess of 1967. Früh am nächsten Morgen musste Maren raus zur OP, der Tumorrest in der rechten Brust musste raus. Die Zwillinge gehen dann erstmals wieder fünf Tage am Stück in ihre Schule, jedoch bloß in halber Besetzung, alle 14 Tage bis zu den Sommerferien. Die beginnen ja dieses Jahr schon wieder am 24.6.




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Christian Geyer polemisiert in der FAZ recht gelungen gegen »eine törichte Corona als „Lehrmeisterin des Lebens“-Ideologie […], die die Pandemie für noch den kleinsten didaktischen Mehrwert in Anspruch nehmen möchte.«. Die Reproduktionszahl für Berlin scheint nun schon drei Tage in Folge über 1 zu liegen. Damit könnte die logarithmische Eskalation also erneut losgetreten worden sein. Das werden wir allerdings erst wissen und erkennen, wenn es faktisch schon zu spät ist.








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