Dieses Geschehen Liegt Außerhalb Meiner Selbst



Mitschrift der Ängste & Prognosen




(15. März bis mindestens 20. April 2020)





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Seit gestern habe ich Angst. Seit gestern ist mir klar, wie gefährlich die Situation nicht nur für dieses Land insgesamt ist – sondern genau für jeden einzelnen Menschen, den ich persönlich kenne und mit dem ich zusammenlebe. Je genauer ich verstehe, wie eine Epidemie sich ausbreitet, umso klarer wird mir, welcher Horror in den kommenden Wochen uns bevorsteht.

Ich will nicht, dass meine Kinder in ihrem ersten, jungen Lebensjahrzehnt solchen Horror miterleben und erleiden müssen. Ich will nicht, dass das Leben von Maren, meiner Frau, so endet – wo ihre Chemotherapie doch derzeit sehr gut verläuft. Aber wird es im Mai überhaupt freie Operationssäle geben, um den dann hoffentlich ziemlich kleingeschossenen Tumor in ihrer rechten Brust zu entfernen? Wird es überhaupt Kapazitäten geben, dass sie die geplante Strahlentherapie ordentlich durchführen können? Was, wenn ihre Chemotherapiepraxis nur noch reduziert arbeiten kann oder wenn die Zytostatika, die das Zellwachstum bremsen sollen, nicht mehr ausreichend geliefert werden können?

Mit jedem Tag fürchte ich mehr um das Leiden derer, die mir sehr nahe sind. Ich gehe nun fast sicher davon aus, dass alle Länder in den kommenden zwölf Monaten vor allem mit der Versorgung der Intensivstationen, mit Notbestattungen und auch mit Leichenbergen zu kämpfen haben werden. Es ist jetzt Mitte März.




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Die Kinder sind nun in der Schule. Vermutlich zum letzten Mal für Wochen – oder Monate? Ich kann mir es nicht anders vorstellen als dass bis Ende dieser Woche, vielleicht Anfang nächster Woche die Klinikeinweisungen sprunghaft zunehmen und bis übernächste Woche, spätestens in drei Wochen die allgemeine Katastrophe da ist: die medizinische Versorgung kommt an ihre Grenzen. Die Todesfälle und Notbestattungen nehmen gleichfalls zu. Es wird ein sehr düsteres Osterfest werden. Ich hoffe sehr, dass ich mit all diesen Ängsten am Ende dann doch vollkommen falsch liege.

  Ein zweiter Repeater fürs Ober- und Kinderzimmergeschoss sowie eine um 150% höhere Downloadgeschwindigkeit sind nun auch zugebucht. Als nächstes plane ich meinen Fernunterricht. Aber es fällt schwer. Eine Grundübelkeit, eine Grundunruhe liegt unter allem, was ich tue. Es fällt mir wirklich schwer, heute bei der Sache zu bleiben. Das ist sonst nie mein Problem – eher meine Sehnsucht. Vollständige Versenkung ad hoc ist mein Ding. Aber heute? Alles vibriert, zittert und ist lose. In mir, um mich.

Kurz konnten wir in der Sonne sitzen im Garten. Den großen gelben Tisch habe ich vom Dreck des Winters gesäubert. Wir gingen raus und holten die Kinder ab, von ihrem letzten Schultag. Das schöne Wetter mobbt uns. »Ins Paradies kommt, wer es kaufen kann.« (Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee V, 1988) Landesweit werden nun wohl ab sofort geschlossen: »Bars, Clubs, Diskotheken, Theater, Opern, Konzerthäuser, Museen, Messen, Ausstellungen, Tierparks, Spielhallen, Wettbüros, Fitnessstudios, Sportanlagen, Schwimmbäder und auch Bordelle.« Die zuständige Phrase heisst hier also: Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen.




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Zwei bis drei Stunden habe ich letzte Nacht geschlafen. Etliche werden sterben. So viele Menschen, die ich kenne, werden elendiglich verrecken. Schon jetzt ist an den Statusmeldungen, Kurznachrichten und Emails abzulesen, dass die meisten Zeitgenossen zu schnell reif für den Lagerkoller sind. Die Musikvermittlerin Barbara Balba Weber schrieb gestern: »Verrückt, ich sehne mich schon nach EINEM Tag danach, mit anderen Menschen PHYSISCH zu arbeiten oder sonst zusammen sein. Singen, umarmen, am Tisch sitzen, proben, etc« Als ich aufgewacht war, saßen die Zwillinge schon im Wohnzimmer und besprachen, wie sie ihre Schulaufgaben nun auf die anfallenden Wochentage verteilen würden.

Blitzartig kommen überraschende Erinnerungen, längst vergessen, mir wieder in den Sinn. Das ist jetzt aber doch etwas übertrieben. Vorbeirauschende Erinnerungen an Lebensmomente? Ich habe mir den Bart wieder rasiert. Unser Frühstück beginnt um halb neun heute, statt sonst um sieben. Jeder leichte Halsschmerz, alle noch so geringen Schluckbeschwerden setzen umgehend in mir die drastischsten Erkrankungs- und Klinikaufenthaltsfantasien in Gang. Wer jetzt noch witzelt, mag in zwei Wochen tot sein (oder werde ich nur die Augen rollen, wenn ich das hier in wenigen Wochen lese?).

Drum sagte ich mir: Ich schreib erstmal (zunächst allerdings habe ich den Zwillingen ein Arbeitsblatt zum Erlernen der Ozeane und Kontinente herausgesucht und ausgedruckt). Hanns Eisler begründet die Ordnung der Lieder in seinen Ernste[n] Gesänge[n] für Bariton und Streichorchester (1962) wie folgt: »Besinnung – Überlegung – Depression – Aufschwung – und wieder Besinnung…« Und Jo Lendle, der Verleger des Carl Hanser Verlages, dokumentierte an diesem Tag: »Dienstag, 9.57 Uhr. Der erste #Quarantäne-Roman trifft ein.« (in der Nacht verfolgte mich dann der Satz: Zu jenem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass diese zunächst harschen Einschränkungen des öffentlichen Lebens tatsächlich für einige Zeit bestehen bleiben würden – zumindest für die Lebenszeit der Schulkinder jener Jahre.)




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Die schädelzerschraubende Sorge und ihre Kurzatmigkeit lassen etwas nach. Ist das schon die Aushandlung, Frau Kübler-Ross? Die Familie schläft noch; ich sitze beim Frühstück, lese und schreibe und bereite meinen Fernunterricht ab 10 Uhr vor. Die Verkehrsbetriebe der Stadt fahren jetzt seltener, da die Passagierzahlen sinken. Die dänische Königin empfahl gestern Abend, wir haben es jetzt schon oft gehört: »‪Vask hænder, hold afstand, undgå fysisk kontakt, bliv hjemme.‬«

Der Fernunterricht war beglückend. Freilich begannen wir die Sitzung mit einer Runde, in der wir alle jeweils davon erzählten, wie es uns ging derzeit, welche Ängste, Hoffnungen oder schwierige Lebenssituationen dieser Tage uns nicht in Ruhe lassen. Geschwister oder Partner, die in Kliniken verdingt sind, manche zogen fürs Erste zurück zu ihren Eltern aufs Land, andere erzählten vom Leben mit ihren Kindern. Wir konzentrierten uns diese Woche ganz auf eine Diskussion in geschriebener Form; die Studierenden hatten vorab die Texte zur Sitzung und die Audio- und Videobeispiele vorbereitet und ihre Antworten auf vorab geschickte Fragen formuliert. Die Beteiligung war intensiv, viel langsamer als im sogenannten Präsenzunterricht, aber tatsächlich schrieben viel mehr Studierende als sonst mündlich sich beteiligten. Ich freue mich auf die nächste Sitzung in diesem Kurs.

Homeschooling gibt unseren drei Kindern Struktur. Besonders die Zwillinge genießen fast ihr Unterrichts-Cosplay und halten sich minutiös an die Arbeits-, Zeit- und Pausenvorgaben, die ihnen von den Lehrerinnen und Lehrern vor zwei Tagen mitgegeben worden sind. In der gesamten unteren Etage breitet sich nun morgens ein wohltuendes Feld des konzentrierten Lesen, Rechnens und Schreibens aus, aufgespannt zwischen unseren Kindern und uns Eltern. I like that.

»‪Man merkt erst, dass man weg muss, wenn man geht.« (The Düsseldorf Düsterboys, Teneriffa, 2019)




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Langsam schlafe ich wieder besser. Wann kommt die Ausgangssperre? Das fragen sich alle nach der Ansprache der Kanzlerin, gestern abend zur sogenannten Hauptsendezeit. Does Bob work on sundays? Als ich herunterkomme, um das Frühstück zuzubereiten, sitzt die Zehnjährige schon am Tisch und knobelt frohgemut an ihren Englischaufgaben. Ich vermute, dass die Ausgangssperre kommenden Montag ausgerufen wird: denn kommendes Wochenende werden alle ignoranten Besserwisser sicher nochmal ausgiebigst in der ersten Frühlingssonne chillen und die Infektionsrate hochtreiben.

Während ich mich vom vorwiegend persönlichen Schreiben nun langsam ins vorwiegend forscherische Schreiben bewege, wird unsere Hausschule langsam ruhig. Das Konzentrationsfeld der drei Schulkinder breitet sich mächtig aus. Die Politikwissenschaftlerin Aisha Ahmad schreibt: »this phenomenon should change how we understand the world. So let this distract you from your work. Because the world is supposed to be our work. May this crisis dismantle all our faulty assumptions and force us into new terrain.«

Nach dem zweiten Ferunterricht diese Woche neigt sich auch diese Arbeitswoche für mich dem Ende zu. So gelungen dies alles in allem mir auch schien, frage ich mich doch: Wie lange kann ich das wirklich aushalten? Wieviel Wochen, Monate? Ab welchem Punkt ertrage ich es nicht mehr, mich vorwiegend in diesem Haus aufzuhalten? Die kleinen Spaziergänge um den Block oder ins Gärtchen, zum Postamt, Supermarkt, die machen irgendwann dann keinen Unterschied mehr. Die Journalistin Jessica Wagener fragt: »Gibt es hier unter euch ein frischverliebtes Paar, das noch nicht zusammen wohnt und sich grad wegen der ganzen Corona-Sache nicht sehen, küssen, anfassen kann? Frage für einen Artikel.«




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Freiburg hat nun Ausgangssperre, begrenzt zumindest. Auf dem Weg zum Zahnarzt, zum Fäden ziehen, grüßte mich die Krähe. Die Schnellrestaurants an der Hauptverkehrsstraße haben nun alle ihre Tische weggeräumt. An der Hauswand stand immer noch geschrieben: #PARTYSOLUTION. Die Kinder wollen heute noch eine kleine Fahrradtour machen, zum Gymnasium der Großen: dort liegt noch ein Schulbuch und ein Arbeitsheft, das sie vergessen hatte einzupacken (GeWi, Gesellschaftswissenschaft).

Aus Italien kamen gestern Bilder von Militärlastern, 70 Stück, die Leichen aus Bergamo in andere Städte brachten, da sie vor Ort nicht umgehend kremiert werden konnten. Ich erwarte ähnliche Bilder in den kommenden Wochen und Monaten aus nahezu allen Ländern in Europa und weltweit. Später am Tag kam dann die Ausgangssperre für Bayern und auch Baden Württemberg.

Der Kollege Jonathan Sterne aus Montréal konstatierte: »I think it’s safe to say we are all annoyed by the current timeline.«




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Heute fühlt sichs normal an. Letzte Nacht las ich den Satz: »Neun Coronavirus-Todesfälle in Würzburger Pflegeheim.« Gedanklich ergänzte ich umgehend: Vice Ranked All 9 Death Cases From Worst To Best So That You Don’t Have To. Auf unserem kleinen Hinterhausgartenstück baut der Achtjährige sich nun ein Tipi. Am Nachmittag machten wir mit den Kindern einen Spaziergang über den nahegelegenen Georgen-Parochial-Friedhof II. Kindergräber, Familiengruften, ein Haufen abgebauter Grabsteine, Urnenhain. Danach Kaffeeklatsch mit kaltem Hund: der Geschäftsführer des Cafés berichtet, sie würden vermutlich auch ab Montag schliessen. Die gesamte Gastronomie in der Gegend hätte ja geschlossen. Erste Videokonferenz mit den Geschwistern, deren Partnern, Kindern und den Schwiegereltern. Ich lese die Bekanntmachung, dass ab morgen, Sonntag, tatsächlich die gesamte Gastronomie der Stadt schließen muss; nur noch Lieferdienste und Abholung sind erlaubt. Abends wollten wir Der Volksfeind in der Inszenierung von Thomas Ostermeier schauen, gestreamt von der Schaubühne; doch die verhallte Theaterraumakustik, aufgenommen vor acht Jahren, war kaum erträglich, leider. So schauten wir nun endlich Parasite. Brachialer Genuss. Die Journalistin Nhi Le schreibt: »Alle horny, alle hungrig, alle anxious.«




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Ärzte und Pflegepersonal aus dem italienischen Epizentrum der Pandemie, Bergamo, schreiben: »For example, we are learning that hospitals might be the main Covid-19 carriers, as they are rapidly populated by infected patients, facilitating transmission to uninfected patients. Patients are transported by our regional system, which also contributes to spreading the disease as its ambulances and personnel rapidly become vectors. Health workers are asymptomatic carriers or sick without surveillance; some might die, including young people, which increases the stress of those on the front line.« Mittags sangen wir vom Balkon ein Geburtstagslied für den Nachbarsjungen, der heute neun Jahre alt wurde. Ab sofort ist Kontakt nur bis zu zwei Personen oder einer Familien- bzw. Wohngemeinschaft gestattet; der Abstand im öffentlichen Raum sollte 1,50m nicht unterschreiten. Um 18 Uhr sollte dann von allen Balkons die Ode an die Freude gesungen und gespielt werden. Unsere drei Kinder waren sofort begeistert, sie haben Text und Melodie ohnehin kürzlich in der Schule gelernt. Ich konnte das nicht. Durchhalteparolen und Motivationshymnen? Leider nicht so ganz mein cup of tea. Am Abend traf ich dann erstmals meine zwei ältesten Freunde zum Skypebier. Abends, beim Einschlafen, kriecht mir dann die Angst wieder in die Knochen. Bin ich selbst schon infiziert? Habe ich meine Frau womöglich bereits angesteckt? Wie schnell könnte ich mich dieser Tage testen lassen? Wie wäre ich klinisch untergebracht? Unter welchen Umständen würde ich dann in wenigen Tagen oder Wochen armselig verrecken?




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Willkommen allerseits zur zweiten Woche der nationalen Home Office & Home Schooling-Wettspiele! This robot folds laundry. Es wird allerorten diskutiert, unter welchen Voraussetzungen die örtliche Polizei wohl Verwarnungen oder gar Strafzahlungen bei Zuwiederhandeln gegen die neuerlichen Anordnungen verhängen wird, muss, kann. Jeden Tag scheint das Wetter nun sonniger und strahlender zu werden. Vielleicht unterliege auch ich der Illusion, dass die Luft nun sauberer und klarer wird, aufgrund des viel geringeren Straßenverkehrs.

Es scheint nun auch, dass die Olympischen Sommerspiele in Tokio dieses Jahr verlegt werden. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds ließ offenbar verlauten: »Die Prüfung der Verlegung ist ein richtiger und in Anbetracht der aktuellen gesundheitlichen Weltlage längst fälliger Schritt.« Die Literaturwissenschaftlerin Claudia Benthien, deren großes Forschungsprojekt bewilligt wurde, schreibt mir ebenfalls: »In light of the present situation with its numerous uncertainties, it is unlikely that an endeavor like this will be able to start as planned.« Im großen Supermarkt um die Ecke bedienen die Kassiererinnen seit heute ihre Kunden hinter einer umfassenden und erstaunlich hohen Plexiglaswand. Ian Baucom schreibt in Spectres of the Atlantic: »Time does not pass, it accumulates.«

Seit einigen Tagen haben die Kinder entdeckt, wie toll doch die Videocalls mit ihren Freunden sind. Sie plaudern, senden Emojis und Bilder, hunderte, und genießen das. Die tägliche Abstimmungs-, Einrichtungs- und Problemlösungsarbeit hierfür wurde immer mehr. Heute waren wir bei mindestens je einem Videocall pro Kind und Elternteil. Das große Geschenk der Vernetzung ist ausgerechnet in diesen Zeiten auch eine Plage und Knechtschaft. Gerlinde Schrön schreibt: »Langsam sind mir die Videocalls zu viel sozialer Kontakt.« Abends wünsche ich mir nur noch Aktivitäten jenseits von Bildschirm, Lautsprecher und Kopfhörer. Die Künstlerin Renee K. Watkins schreibt: »The person you are in quarantine is who you really are.«




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Heute morgen lehrte ich den Achtjährigen das Lied vom Eiermann. Er wird es in den kommenden Wochen nun wohl täglich mehrfach und lauthals vor sich hin grölen. Es gelingt mir immer schwerer, meine üblichen zehn bis zwölf Stunden Konzentration, Schreiben, Hören, Analysieren und Organisieren aufrechtzuerhalten. Die Last und der Druck, das gewöhnliche, vorpandemische Leben, Arbeiten, Lieben, Lehren, Forschen und Erziehen mit genau der gleichen Geschwindigkeit fortzusetzen ist zunehmend unerträglich. Die Angst und Unsicherheit beschwert und zerfasert jeden einzelnen Tag und jede einzelne Stunde. Nichts ist genauso wie vorher. Gespräche, Sitzungen, Beratungen und Plaudereien lassen sich nicht umstandslos und ohne Folgen für Kommunikation, Zeitlichkeit und persönliche Beziehungen aus Büros, Konferenzräumen oder Cafés in einen Videokonferenzraum verlagern. Abstrakt gesprochen, ist das alles andere als eine überraschende Erkenntnis. Doch alle wiederholen jetzt diese grundlegende Einsicht der Forschung in ihrem eigenen Leben. Kein Medium fügt sich bruchlos in unsere Leben ein: es wandelt diese Leben und unser Erleben grundlegend, mit neuen Genüssen und neuen Abneigungen. Wir reorganisieren uns selbst.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich, wie wir das hinkriegen können, aber: In diesen Zeiten darf ruhig alles etwas langsamer und bedachter, mit mehr Zögerlichkeit und längeren Antwortzeiten vor sich gehen. Niemand braucht nun eine strafende, mahnende Knute eines Arbeitgebers, Kollegen, einer öffentlichen Institution oder Hausgemeinschaft. Wir brauchen tatsächlich viel, viel mehr Mitgefühl, Verständnis, Sorge und Bedachtheit im Umgang miteinander, in den Erwartungen uns gegenüber. Langsamer, zarter, noch viel, viel achtsamer, sorgsamer, bedachter. In anderen Weltregionen verkünden sie die Botschaft: Süß ist es für den freien Markt zu sterben.

Vor einigen Tagen begann unter deutschen Hochschulkolleginnen die Debatte, ob das bevorstehende Sommersemester nicht zum Null- oder Nicht-Semester erklärt werden sollte, um die anstehenden Belastungen aufzufangen. Die Petition hierzu liegt nun der Kultusministerkonferenz vor und seit heute lese ich auch von Debatten, ob nicht das Abitur landesweit womöglich durch ein Pauschalabitur ersetzt werden sollte. In Irland wurden die Prüfungen für den höchsten Schulabschluss wohl schon abgesagt und alle haben pauschal bestanden; Irland verstaatlichte aber offenbar auch sein gesamtes Gesundheitssystem in diesen Tagen.

Die Schwiegereltern berichten, dass es ihnen wohl gelang, exakt 8 Atemschutzmasken zu ergattern mit ausreichender Schutzwirkung. Beim Skypedrink mit einem guten Freund am Abend, Marcus S. Kleiner, fragten wir uns, wie lange der Kultur-, Medien- und Musikbetrieb es wohl aushalten kann, ohne Konzerte, ohne intensive Recherche vor Ort und ohne öffentliche Veranstaltungen in großem Stil auszukommen? Wird es bis Ende diesen Jahres womöglich keinerlei große Festivals und Stadionkonzerte, keinerlei Neuproduktionen und keinerlei große Konferenzen mehr geben? Wie lange wird es wohl dauern, bis die neuentdeckte Liebe zum Videocall wieder abflacht zur unerträglichsten Ödnis? Oder wird es neue Anbieter für Videocalls geben, die eine stabilere und weitaus höhere Bild- und Klangqualität offerieren? Oder beweglichere Kameras? Werden Telepräsenz-Roboter tatsächlich ihren Siegeszug antreten, so wie in William Gibsons Roman „Peripheral“? Indien hat wohl heute für seine gesamte Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen eine Ausgangssperre erlassen.

Die Fenster in allen drei Kinderzimmern habe ich nun geschlossen und die Geräte, aus denen noch heruntergeladene Hörspiele erklangen, habe ich abgeschaltet. Gute Nacht!




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Tatsächlich erwarte ich nun den grausigen, ersten Höhepunkt der Todeszahlen rund um das Osterfest. Ich wiederhole mich: ich erwarte ein dunkles Ostern, um Woche 15 und 16 herum. That discomfort you’re feeling is grief.

Wir alle leben dieser Tage weniger eine gelegentlich gemutmaßte Entschleunigung als eher eine extrem hochverdichtete Beschleunigung, Verdichtung und mehrfache Belastung unter allseitig massiv hochgeschraubten Erwartungen: mehrfaches home schooling und mehrfache home offices mit deutlich weniger Entlastungsaktivitäten macht alle Aktivitäten insgesamt schwerer, unattraktiver, belastender, zeitweise unerträglicher. This is just the sort of thing that has always happened to humans.

Für jedes Mittagessen durfte eines der Kinder seine Wünsche durchsetzen und hilft uns dafür jeweils bei der Zubereitung. Heute gabs das Lieblingsessen des Achtjährigen: ofengebackene Paprikapoularde mit im Sud marinierten Kartoffeln und Karotten. Danach spazierten wir in der prallen Spätwintersonne durch den Kiez. Ein großer Spielplatz auf dem Weg war hoheitlich versiegelt »aufgrund des Infektionsschutzgesetztes.« Wir sitzen in dicken Verkehrsflugzeugen, jede Nation für sich, alle stürzen nahezu ungebremst ab – mit viel Glück wird der Aufprall Anfang April für manche weniger hart, für andere aber ein grauenerregend-katastrophisches Massaker?

Am späten Nachmittag gratulierten wir dem Groß- und Schwiegervater zu seinem 83. Geburtstag, über FaceTime. Der Achtjährige skypte auch heute wieder über eine Stunde mit seinem besten Kumpel: über 200 Emojis und Gifs wurden ausgetauscht. Ihr Abendbrot wollten alle Kinder dann heute oben auf der gemeinsamen Dachterrasse dieses großen Vielfamilienwohnhauses zu sich nehmen, es sind aber dennoch nur 6 Grad Celsius. Nick Cave schreibt: »From within the clamour and tonnage of information and misinformation, of opinions and counter-opinions, of blame-games and grim prophecy and the most panic-inducing version of ‘Imagine’ ever recorded, emerges a simple message — wash your hands and (if you can) stay at home.«




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Heute morgen kursieren Bilder der provisorischen, gigantischen Leichenhallen, die in verschiedenen US-Städten gebaut werden. In Großbritannien werden die Bürger wohl dazu angehalten, die Ernteausfälle der ausbleibenden Wanderarbeiter aus ärmeren EU-Staaten durch ihre Arbeitskraft abzufangen. Das sei ein Vorschein des Lebens nach dem vollzogenen Brexit, wird allenthalben gelästert. Caro, die gute Freundin, Yogalehrerin und Zeitungsredakteurin aus Freiburg, die unter Asthma leidet, hat sich gestern abend ein Pulsoximeter bestellt, als Vorsorge, um kein Risikofall zu werden dieser Tage. Maren ist wieder früh zur Chemotherapie verschwunden, noch drei Wochen hat sie. Die Kinder nutzen gerade ihre Spielzeit im Innenhof, die wir ergattern konnten, 9 bis 10 Uhr. Heute mittag gibts bei uns vegetarischen Linseneintopf und vegetarische Würstchen für die Große, meine Liebste und mich sowie Hot Dogs für die Zwillinge.

Das ZDF bietet nun online täglich ein kurzes Video unter dem Schlagwort »CORONA KOCHEN«: »besser durch die Krise« an. In den letzten beiden Wochen schossen auch die Erklärvideos zu Exponentialfunktionen aus dem Boden – bis zum Überdruss. Durch die Ausbreitung dieser Epidemie hat ein Teil der Onlinenutzer zumindest diese Funktion nun vermutlich verinnerlicht.

Abends trank ich einen Skypewein mit dem guten alten Freund Jochen, der erst letztes Jahr aufs Land mit seiner zweiten Frau gezogen ist: ein großes Grundstück ihres Onkels samt zahlreichen Gebäuden und Rindern und irrsinnig viel Anbaufläche ist jetzt ihr Heim. Im Januar waren beide noch in Neuseeland. In Singapur, Zwischenstation auf dem Heimflug, wurde beiden klar: fast alle Menschen tragen hier Mundschutz und oft Schutzhandschuhe; diese Infektion wird wohl weltweit regieren. Jochen schrieb danach: »Skype, Rotwein, Zuprosten aus der Ferne, gemeinsam quatschen über das, was uns erfreut, ärgert, schmerzt, überrascht. Ich kann das nur allen empfehlen. Simuliert und emuliert das Café, Bar- und Kneipen-Gespräch, so gut es geht. Schaut euch in die Augen (Kameralinsen), quasselt, lacht gemeinsam. Es beamt einen für eine gewisse Zeit aus dem gewohnten Umfeld, inspiriert, schenkt Hoffnung, macht Spaß. Nicht zuletzt (danke, Internet!) ist es derzeit die einzige Möglichkeit, seine sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten – oder sogar ex negativo zu befeuern.«




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Am Morgen sang Bob Dylan: »Good day to be livin’ and a good day to die.« Ein Abgesang auf die Vereinigten Staaten, auf ihre Präsidenten, auf den sogenannten amerikanischen Traum. »We’re gonna kill you with hatred; without any respect.« Ist es eher noch Dylans Where Are We Now? oder doch schon sein Lazarus?
Klaus Walter ergänzt: »andererseits: death is not the end.«

Mittags bestellen wir: 3x die 7, die 14, 35 (aber ohne Erdnusssauce!), die 63, 93 – und zuguterletzt die 100. Ich trank einen Skypekaffee mit Christiane, der Verlegerin; wir haderten beide mit der Zukunft der kleineren und kleinste Akteurinnen des Kulturbetriebes. Wir befürchten beide eine grausame sogenannte Bereinigung des Marktes: die schwächsten und spielerischsten und unternehmungsfreudigsten und einfallsreichsten werden womöglich untergehen, verdrängt und erstickt werden von den machtvollen und gut mit Kapital munitionierten Institutionen und Firmen. Der Designer Josh Dunsterville schrieb schon vor einer Woche:

»It’s hard to stay focused.
It’s hard to not pay attention to the news.
It’s hard to not be heartbroken when family and friends are losing their businesses, jobs, etc. It’s hard to not be scared about the unknown.
It’s hard to not be anxious and worried.«


Der Guardian meldet: »A temporary mortuary is to be opened at Birmingham Airport in preparation for a predicted rise in the number of fatalities from coronavirus in the region. Work has begun on the site, which will initially be able to hold 1,500 bodies, although it will be expanded to hold more.« (»And it’s beginning to go into a slow decay.«)




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Dieses Geschehen liegt außerhalb meiner selbst. In der Nacht fragten wir uns: Dürfen wir alle fünf denn heute raus an den See fahren? Oder gibt es jetzt Polizeikontrollen? Und Geldstrafen? Die Sonne schien so verführerisch grell und heiss und morgen sollte es regnen, einige Tagelang. Auf dem Weg zum Supermarkt empfahl mir die Plakatwerbung des Sexspielzeugherstellers: »RUHIG BLEIBEN UND DILDOS BENUTZEN«.

Der Begriff des allostatic overload kursiert dieser Tage. Neurophysiologisch wird hierdurch die Überlastung beschrieben, wenn äusserlich eine Belastung fast unsichtbar zu bleiben scheint, doch allen die Erwartung von Unsicherheit und das Adaptieren und Selbstberuhigen eine beträchtliche Last erzeugt. Nach dem Einkauf konnten wir in der kühlen Spätwintersonne wieder am gelben Tisch sitzen. Es gab selbstgebackene Waffeln. Die Nachbarn bauten in ihrem Garten die drei Hochbeete zuende. Alle drei Mädchen halfen. Rasmus, unser Achtjähriger, schleckte den Waffelteig aus und konstatierte: Reich an Vitamin Goofy!

Vor dreieinhalb Wochen fanden sich 65 Tracks auf Spotify, die das Wort Coronavirus im Titel hatten; heute sind es 1360. Abends schauten wir Unorthodox, Folge 1. Die neuroendokrinen, kardiovaskulären, neuroenergetischen und emotionalen Antworten bleiben konstant aktiviert.

[…writing…]








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