N E X T L E C T U R E S
Listening Experience & Sound Practice
Musashino Art University Tokyo 16. September 2010
The Body of Sound
University of Aarhus 25. September 2010
Das Schwingen der Dispositive
Bauhaus Universität Weimar 1. Oktober 2010
ἀναγνώρισις
Der Architekt schaute auf seinen Balkon. Ein Habicht lag dort, hilflos schaute er ihn an. Er half ihm auf und entdeckte das harzige Blut an seinen Krallen. In einer Ecke lag noch dessen Beute, zusammengekrümmt, ausgetrocknet. Independent bitches: get up on the dance floor! nölte es aus dem Radio in der Küche. Am Abend setzte er die Beute in seinem Komposthaufen bei. Nur weil’s dumm aussah, musste es das nicht unbedingt sein. Die Straße, in der er wohnte, hatte keinen Namen.
Seit seinem zehnten Lebensjahr war er, ein Landschaftsarchitekt namens Jésus Cambremer, auf Wanderschaft gegangen; wie alle Menschen, die künstlerische, wissenschaftliche oder politische Neuerungen im Sinn haben. Am Abend und am Morgen las und schrieb er zu Meditation. Er behauptete: »Ich habe Fähigkeiten, von denen ich heute noch nicht sprechen kann.« Auf dem Zentralplateau von Burkina Faso ging die Sonne unter. Eine Fabrik hatte dort einmal gestanden; nun gab es nur Berge und Bächlein. Um etwas zu essen zu haben, hatte er eine Klapperschlange gefangen. »L’intempérance, mon cher!«, pflegte er zu sagen, » L’intempérance est la reine de toutes les morts.« Ein Einkaufszentrum hatte einmal hier gestanden; nun war dort alles voller Blumen. Die Begeisterung darüber pflegte er jedem Besucher schnell auszureden: »Wenn das das Paradies sein soll, hätte ich lieber einen Rasenmäher.« Gott ist ein Fabrikat.
In der fünften Nacht, die ich bei ihm schlief, war ich schließlich leichter als mein Schlaf geworden. In Gedanken begann ich an drei kleineren Veröffentlichungen zu schreiben; sorgsam memorierte ich die genauen Wortfolgen und Gliederungsideen. Es gab hier einmal weitläufige Parkplätze; jetzt war es eine friedliche Oase. Einst stand hier sogar ein Pizza Hut; nun war alles mit Gänseblümchen übersäht. Schon früh am Morgen, bei einem Glas Zuckerwasser, begann er zu schwadronieren, wie er eine Verbindung aus Chlor und Stickstoff hergestellt hätte; wie er vermeintlich elementare Teilchen zerlegt und neue Metalle gefunden hätte. Sogar Tränen hätte er zerlegt: »Les larmes contiennent un peu de phosphate de chaux, de chlorure de sodium, du mucus et de l’eau.« Ich lauschte der Straße mit einem Ohr; mein Blick schweifte zum Himmel. »L’homme est un matras.« Angeblich trug er mir aus seinen Teilprojektbeschreibungen zum internationalen Fusionsreaktor und zur internationalen Raumstation vor. Später konnte ich heimlich hineinschauen und fand nur eine einzige Zeile: Scheiße 127-129. Ich vermisse die Honky Tonks, die Dairy Queens und Seven Elevens; hier fällt alles auseinander – doch niemand kümmert sich darum. Selig sind die Unvollkommenen: ihnen gehört das Reich der Liebe. Ein Fabrikat ist dieser Gott, sonst nichts. Ganz wirkungslos. Overshoot Day.
Dieser Mann hatte eine Stimme ohne Klang, gutmütige Lippen, keinerlei Ehrgeiz. Etwas Dürftiges und Armseliges. Tiefe Resignation sprach aus seinem Gesicht, die Geduld des Forschers, sein asoziales Verhalten. Alles andere hätte mich auch überrascht. Ich träumte von Kirschkuchen, Schokoladenriegeln und dicken Keksen mit Schokoladenstückchen. Ich sprach zu ihm, in seiner Sprache: »Décomposer n’est pas créer.« Doch Cambremer hing an diesem Gelübde aus Zerlegung und Analyse. Befremdlich. Das Glück mag ja all unsere Kräfte verschlingen, doch das Unglück hatte all seine Tugenden ausgelöscht. Er sprach im Schlaf in der nächsten Nacht:
– Boah!
– Was?
– Ist das schön.
– Hm?
– Ich glaub’, ich hab’ eine Vision…
Mit einem Mal meinte ich Fluoreszenz in seinen Gedanken erkennen zu können. Der internationale Fusionsreaktor, für den er forschte, stand in einem erdbebengefährdeten Gebiet, im Süden Frankreichs, im Ort Cadarache in Bouches-du-Rhône. Wir teilten eine Bewegung, die sich nur aus den Ereignissen der vergangenen Tagen erklären und verstehen lässt. Cambremer sprach: »Wenn wir der vitalen Kontinuität einen Heroismus der Diskontinuität aufzwingen, so enden wir notwendiger Weise beim Terror. Erfüllt das Leben nicht seinen Zweck am besten im Terror?« Dunkel und Stille verstärkten unsere angstvolle Erregung. Wir küssten uns und ahnten unsere Gier. Billigsupermarkt stand einmal hier; nun nichts als ein karges Kornfeld. »Hör doch: Wasser, Luft, Sand allein!«, riet ich ihm. »Lausche allein ihrem Klang aus Hin- und Wegströmen. Du erträgst diesen Strom nicht: etwas Übermächtiges, meinst Du, drückt Dich dann nieder« Er flehte mich an: »Lass’ mich hier nicht zurück! Ich kann mich an dieses Leben nicht gewöhnen.«
Er erhob sich, eine Bewegung, die ich nachahmte in Unsicherheit und Angst, denn er hatte nun meine Hand wieder losgelassen. Er legte einen Arm um mich und zog mich zu ihm hin, ich fühlte seine Erregung und so ließ ich ihn meinen Körper spüren zum Zeichen, dass ich ihm gehöre. War das das Paradies? Sein Kopf ruhte auf meiner Schulter. Sein Mund presste sich auf meine Brust, seine Haare bedeckten meinen Nacken und Hals. Wer konnte sich daran je gewöhnen. Ich neigte mich ihm zu, legte meinen Arm um ihn. Le vent est le génie du monde kam mir in den Sinn, ein Satz von Valéry, wenn ich ihn richtig erinnere. Die Nacht kam und wir hielten uns immer noch. Wir hörten nur noch uns und die Zikaden.
– Begleitest Du mich? brach er das Schweigen.
– Warum sollten wir uns trennen?
– Wir müssen zusammenbleiben.
– Ich bleibe.
– Ja.
Ein Engel, im Aufsteigen gen Himmel, platonisches Kugelwesen: Wert, nach dem Gesäß zu geifen. Ganz ehrlich: Ich glaub’ es nicht. »How does it make you feel?« fragte es stoisch immer noch aus den Lautsprechern. Menschen kommen und gehen. Am Ende erlischt das Licht. Oder vielleicht nicht, Ihr Arschlöcher? Es gibt kein Wiedersehen.
*
Am gläsernen Windschutz unseres Balkons verlor ein Habicht soeben seine Beute. Lädiert lag er da, harziges Blut klebte an den Krallen.
Er brauchte eine Weile, eh’ er sich wieder aufrappeln konnte.
Indie-pendent bitches: get up on the dance floor!
Die Beute, klein zusammengekrümmt, sammelten wir auf und setzten sie bei in einem Beutel voller Windeln, im Müll.
Nur weil’s dumm aussieht
muss es das nicht sein!
I
Straße ohne Namen
Ich lese und schreibe zur Meditation.
»there was a
factory
now there are
mountains and rivers
we caught a
rattlesnake
now we got
something for dinner
there was a
shopping mall
now it’s all covered
with flowers
if this is
paradise
I wish I had a
lawnmower«
Ein mexikanischer Landschaftsarchitekt mit Namen Jesus.
I got skills
I can’t speak of
»Die ganze Welt ist voller Kniee.«
Sonnenuntergang auf dem Zentralplateau von Burkina Faso.
L’intempérance, mon cher! est la reine de toutes les morts.
II
Gott ist ein Fabrikat
In der fünften Nacht war ich schließlich leichter als mein Schlaf geworden.
In Gedanken schrieb ich an drei kleineren Veröffentlichungen; sorgsam memorierte ich die genauen Wortfolgen und Gliederungsideen.
Je crois que ce fut à l’occasion d’un verre d’eau sucrée que nous nous reconnûmes pour adeptes.
»my ears to the street
my eyes to the sky«
»once there were
parking lots
now it’s a
peaceful oasis
this was a
Pizza Hut
now it’s all covered
with daises«
Der internationale Fusionsreaktor, die internationale Raumstation.
»Gott ist ein Fabrikat, das keine Wirkung hat.«
Scheiße 127-129.
Les sentiments les plus naturels sont ceux qu’on avoue avec le plus de répugnance.
»I miss the
Honky Tonks,
Dairy Queens and
Seven Elevens
and as things
fall apart
no one pays
much attention«
Bienheureuses les imparfaites, à elles appartient le royaume de l’amour.
III
Overshoot Day
»I dream of
cherry pies
candy bars and
chocolate-chip cookies«
Le bonheur engloutit nos forces, comme le malheur éteint nos vertus.
– Boah!
– Was?
– Ist das schön.
– Hm?
– Ich glaub’, ich hab’ eine Vision…
La phosphorescence de la pensée.
Menschen kommen und gehen: es gibt kein Wiedersehen.
»this was a
discount store
now it’s turned into
a cornfield«
»don’t leave me
stranded here
I can’t get used
to this lifestyle«
Le vent est le génie du monde.
Monster, wer eine Frau ins gesicht schlägt, ist nicht wert, nach ihrem gesäß zu greifen!
How does it make you feel?
Ganz ehrlich: Ich glaub’ es nicht.
Am Ende erlischt das Licht.
Oder vielleicht nicht, ihr arschlöcher?
Achter Gesang, zweites Stück – 3. September 2010
鬥爭正在繼續
Es blendete uns
die Mondnacht
Wir machen die
Pläne nur für Nigel:
wir wollen das Beste
nur für ihn!
Lethal motherboard failure.
Einer der zwei Blumenkübel
vor dem Eingang des Altenheimes
wurde umgestoßen und lag
zerbrochen vor dem Eingang.
Ich habe das
Leben gesehen.
»denn wer von seinem Tage
nicht zwei Drittel
für sich hat,
ist ein Sklave,
er sei übrigens
wer er wolle:
Staatsmann, Kaufmann,
Beamter, Gelehrter.«
Ein rückhaltloses
Sich-Bedienen
an Füllwörtern.
Wir probieren Dinge aus
und feiern unser Scheitern.
Die Rolle der Politessen
in der digitalen Gesellschaft:
it’s not about beauty;
it’s about soul. Das Dokument
kaskadiert.
Knäuelpilze besiedeln aber
nicht nur die Baumwurzeln, sondern
gehen auch mit anderen Pflanzen
folgenreiche Lebensgemeinschaften ein.
Hightech verpflichtet!
Simulierte Lebensformen
bevölkern das Terrain;
sie lassen sich leider
nicht ausschalten.
Echoes
from the otherworld
turn horizons
into endless ever present!
Wir machen die
Pläne nur für Nigel:
er braucht nur
eine helfende Hand.
Was für ein Tag:
Netzneutralität-, Blumenkübel-
und jetzt auch noch
Liquid Feedback-Shitstorms.
Achter Gesang, erstes Stück – 12. August 2010