11.9.10 - 3.10.10 : Un mouvement de tendre cohésion














Sucht & Sorge (Drei Neoleninisten, Teil IV)




Jedes Glück ist eine Wahrheit des Augenblicks. Nur im Moment unseres Kennenlernens, in diesem einen Sekundenbruchteil, verstehen wir alles voneinander. Gregor-Rupert von Brumsey-Schlör, so der Name des verkrachten Privatgelehrten und Weltweisen im Look eines noch weiter aus dem Leim gegangenen Hugo-Egon Balder, dieser alte Mann nun, er hatte die beiden tatsächlich kaum gekannt – weder Nikah Ujita noch Jésus Cambremer, die sich ohnehin nur sehr flüchtig begegnet waren. Wobei Nikah allein in sehr stilisierter und zelebrierter Form so etwas ähnliches wie Liebe für Jésus wohl hatte empfinden können; Jésus selbst dagegen war ohnehin nur zu einer ausgedehnten Selbstliebe fähig, in allergrößter Not auch einmal höchst kunstvoll externalisiert.



Von Brumsey-Schlör verbrachte seine Tage damit, ein altes Lied vor sich hin zu summen: Jynweythek Ylow, wenn ich mich recht erinnere. Die Mathematik des pythagoräischen Kommas. Der musikästhetisch-ethische Imperativ der Nichtwiederholung und Komplexitätssteigerung - jenseits der Funktionsharmonik. »The theatre of noise is our potential!«, schimpfte Gregor-Rupert dann erbost gerne in das Nichts vor ihm hinein. Sein konzeptuelles Hormon schoß dann über. Er sah sogar einen Hund und glaubte ihn zu hören. Pflanzen, Möbel & Philanthropie. Ein anderer Lieblingsschimpf von ihm: »Consumption is being standardized!« Privatistisch-hedonistischer Quatsch, was sonst. »I can feel it!« Die bürgerliche Familie als Wunschzerstörungsmaschine hatte er verlassen – und wo war er gelandet? Bei Alkohol und Masturbation. Faktizität und Galtung.



In seinem vorherigen Leben – als er noch hinreichend bei Trost gewesen zu sein schien – hatte er einmal sehr richtig festgestellt: »Being is always being addicted.« Man nannte seine Studien Philology on ecstasy. L’étincelle électrique. Addiction & Urge. Das Wohnen hatte er nie entdeckt. Sein Personenverkehr war selten einmal interrelational angelegt. Unser erstes, unhinterfragtes Einverständnis wird meist begraben unter enttäuschten Hoffnungen, verletzenden Fehldeutungen und abwegigen Mißverständnissen.



Nach 28 Jahren, zwei Monaten und neunzehn Tagen war er endlich angekommen in einer sogenannten ›Postkonditionalität‹, die er sich so sehnlichst erträumt hatte. Wie in einem Hotel lebte er dann – so heißt es – für einige Zeit in einem Haus, das wohl auch Cambremer oder Ujita einmal gehört haben musste. Die letzte große Erzählung der Kybernetik. Ein Affekt des Schaukelns. Er war ein schwieriger Gast mit der Erwartung, dass alles für ihn getan würde. Nicht ein einziges Mal hatte er einen leeren Teller fortgeräumt oder ein Bett gemacht. Ein rauchender Altkademiker. Machtlose Allwissenheit. Er ging zu Tisch, drei Mal am Tag, und erwartete, bedient zu werden: eine schmierig-selbstgefällige, schwächlich-hartherzige Kaltschnäuzigkeit.



Bau’ Dir einen Regelkreis,
Setz’ Dich dort hinein.

Du wirst schnell erkennen:
Besser kann’s nicht sein!




Nur noch wenige Jahre wird Brumsey-Schlör vor sich haben, dann wird er höchstwahrscheinlich sterben – an einem Aortariß, in einem Hotelzimmer. Er und sein angebetetes Paar, das waren die drei Neoleninisten, die nichts anderes taten in ihren Leben als erlösungssüchtig für die eine, einzige, große und ersehnte Revolution zu arbeiten: für ihre eigene. Zwei Formen der Wut. Private Umwälzungen, die sie stets in fast allem sehen wollten; und die niemals doch je wirklich statthatten. Gestorben wird immer; geliebt wird stets zu wenig.




















Jedes Glück ist die Wahrheit des Augenblicks.














Nur im Moment unseres Kennenlernens, in diesem einen Sekundenbruchteil, verstehen wir alles voneinander.

Dieses erste Einverständnis wird aber meistens begraben unter enttäuschten Hoffnungen, verletzenden Fehldeutungen und abwegigen Mißverständnissen.














Aphex Twin, Jynweythek Ylow (200X)




















I

Addiction & Urge














Der musikästhetisch-ethische Imperativ der Nichtwiederholung und Komplexitätssteigerung.














Jenseits der Funktionsharmonik.














Die Mathematik des pythagoräischen Kommas.














The theatre of noise is our potential














Gestorben wird immer – geliebt wird stets zu wenig!














See the dog,
hear the dog!














Consumption is being standardized














Worldizing: Die Weltisierung der Klänge, die Anreicherung mit Umgebungsklang.














Das konzeptuelle Hormon.














I can feel it.














Gregor-Rupert von Brumsey-Schlör.














Privatistisch-hedonistischer Quatsch.














Der interrelational angelegte Personenverkehr.














Pflanzen, Pilze & Philanthropie.














Alkohol und Masturbation.














Die bürgerliche Familie als Wunschzerstörungsmaschine.














FAKTIZITÄT UND GELTUNG.














Der Neue Mensch entdeckt das Wohnen.














Die Wohnsucht.














Philology on ecstasy.














Wohltuend langweilig.














L’étincelle électrique.














Addiction & urge.














Being is always being addicted.




















II

In der Postkonditionalität














Er lebte in diesem Haus wie in einem Hotel. Er war ein schwieriger Gast mit der Erwartung, dass alles für ihn getan würde. Noch nie hatte er einen leeren Teller fortgeräumt oder ein Bett gemacht. Er ging zu Tisch, drei Mal am Tag, und erwartete, bedient zu werden.














Nach 28 Jahren, zwei Monaten und neunzehn Tagen.














In der Postkonditionalität.














Affekt des Schaukelns.














Die letzte große Erzählung der Kybernetik.














Bau’ Dir einen Regelkreis,
Setz’ Dich dort hinein.

Du wirst schnell erkennen:
Besser kann’s nicht sein!














Hugo-Egon Balder als Privatgelehrter und Weltweiser.














Studienkreis Rundfunk und Geschichte.














Two Forms of Anger.














Seine schmierig-selbstgefällig-schwächliche Kaltschnäuzigkeit.



















Neunter Gesang, viertes Stück – 3. Oktober 2010


























Ethics of Joy (Drei Neoleninisten, Teil III)




So war es, einerseits – und andererseits war es genau so natürlich nicht: »Que sais-je?«, fragte mich Cambremer, lange vor seiner Zeit mit Nikah. Ich sagte ihm dann gerne, schon damals: »Life is about failing.« Oder auch: »Sorgen sind Salz.« Ein elektronisches Gedicht.



Einen Auftritt erinnere ich, Cambremer redete sich dabei um Kopf und Kragen; das Publikum schwieg, harrend und undurchdringlich. Allein seine nervösen Wiegeschritte auf dem Parkett der Bühne hallten elektrisch verstärkt durch den Saal. Die Art Geschichte, die man sich von ihm erwartet. Das Stottern des Jésus Cambremer ist allgemein unterbewertet; doch Nikah, die Philosophin Nikah Ujita war es, die ihm sagte, was auch ich ihm hätte sagen können: »Let yourself be surprised by the world. Avoid prejudices. Think in beginnings. Perform perceptual variations. Perceive richness of experience.« Ich hatte die Ehre, mitzuerleben, wie diese beiden Menschen, Forscher und Sinnsucher, einander begegneten und zu lieben begannen. ›To be alive is to travel ceaselessly between the real and the imaginary.‹ Ich erinnere auch das zu jener Zeit noch grauenerregend miese Druckpapier US-amerikanischer Wissenschaftsverlage.



»Im Kunstmuseum von Kallipolis«, schrieb er seiner Angebeteten dann wenig später, »aß ich soeben 1 Profiterole. Und dachte an Dich. Ich hoffe, Dir geht es gut und Du bist glücklich? Dein Jésus.« Er liebte die schönen Beine der Mädchen von Kallipolis; das wurde er nie müde, mir ausführlichst und höchst agitiert zu erzählen. Was sollte ich damit anfangen. The core self is a transient entity, ceaselessly recreated. Ich lauschte dann gerne der Musik von Stockhausen, Kode9 und Lyotard. Bald danach begannen Ujita und Cambremer ihre berühmten Reisen von Chinatown zu Chinatown, ihre Art der Weltreise. Es war auf einer dieser Reisen als Cambremer erkannte: »Let the phenomenon show itself – as it is in its Beijing!« ›Being‹ meinte er natürlich. Erst dann entdeckte Ujita ihm dieses alte, norwegische Volkslied mit folgendem Text (in der einzig gültigen Übersetzung):



All this talking in different voices
Making polyphonic sounds

Voice and epistemology
Then we are back on solid ground!




Nach ihrer Rückkehr fingen sie dann an, sich zu verkleiden – zu den unmöglichsten Anlässen; am liebsten als Helmut Lachenmann und Michael Jackson, Cambremer natürlich als Lachenmann. Damals konnte ich noch wie von einem anderen Stern tanzen und tat gerne bei den Beiden mit; so etwa am 16. Mai 1983, zu Ehren des fünfundzwanzigjährigen Bestehens von Motown Records – Erinnern Sie sich noch? You are the music while the music plays. A new moment in the republic (so far as I could tell).



Aber was soll ich erzählen. Ich bin ein alter Mann. Meine Knochen schmerzen. Das Atmen fällt mir schwer. Jeder noch so kurze Weg ist eine Beschwernis. Jedes Aufstehen oder Niedersetzen ist eine Herkulestat. There’s nothing here that I could change at all. I am now – officially – lost.



Ich sehe die beiden und weiß: Die schöne Nachtverstrahltheit des ersten Kennenlernens, nein: Gewahrwerdens, der ersten stets so vollkommen überraschenden Öffnungen – für und mit einem anderen Menschen, das sollte mein Sinn des Lebens gewesen sein. My ethics of joy.



I
YOU

HERE



NOW



Vielleicht morgen. In den nächsten Tagen. Im Herbst. Jedes Glück ist Täuschung.




















From Chinatown
to Chinatown














Que sais-je?














Das immer noch grauenerregend miese Druckpapier US-amerikanischer Wissenschaftsverlage.














Life is about failing. (Shields p.54)














Die Art Geschichte, die man sich von ihm erwartet hat.




















I

Xenoglossie














Sorgen sind Salz.














Pipilotti Rist, Dawn Hours in the Nieghbour’s House (2005)














»Is the sound good enough?«














Untraded interdependencies (Stroper 1997)














Er redete sich um Kopf und Kragen; das Publikum schwieg, harrend und undurchdringlich. Allein seine nervösen Wiegeschritte auf dem Parkett der Bühne hallten elektrisch verstärkt durch den Saal.














Thomas Clifton, Music as heard (1983)














Let yourself be surprised by the world. Avoid prejudices. Think in beginnings. Perform perceptual variations. Perceive richness of experience.














Lawrence Ferrara, Phenomenology as a Tool for Music Analysis (1984)














Die allzuoft übergangene historisch-kulturelle und architektonisch-technologische Verankerung von Varèses Poème électronique














Let the phenomenon show itself – as it is in its Being!














SOLIDUM PETIT IN PROFUNDIS.














»You are the music while the music plays.«














Perception is a bodily action. The body of knowledge is following the movement of the music.














Antonio Damasio, Feeling of What Happens (1999)














The core self is a transient entity, ceaselessly recreated.














Stockhausen, Kode9 & Lyotard.














Peter Szendy.














Conforting confrontation.














Thibaud, Praxeology of Sound.














Feld, Acoustemology.




















II

L’Enonciation














Herbert Tellenbach.














“I’m not goin’ to comment on them in any way!“














Das Stottern von Alvin Lucier ist unterbewertet.














Èmile Benveniste, Théorie d l’enonciation.














I
YOU
HERE
NOW.














So war es – und so war es nicht.














To be alive is to travel ceaselessly between the real and the imaginary. (Shields #217, p. 72)














When are we exploting? When are we caressing? Are they the same? (Shields #236, p.80)














We are now, officially, lost. (Shields #246, p. 83)














A new moment in the republic – so far as I could tell. (Shields)














User-made content is the new folk art. (Ashields #278, p. 94)














All this talking in different voices
Making polyphonic sounds

Voice and epistemology
Then we are back on solid ground!




















III

The Ethic of Joy














The absence of soul.














I feel destroyed.














PATHOS OF ELECTRICITY:

EROTIC OF ELECTRICITY.














»Love to love you baby!«














Ich tanzte wie von einem anderen Planeten.














Bass Materialism.














Vincent Meelberg:
Sonic Stroke.














Helmut Lachenmann und Michael Jackson.














Brian Massumi, Parables for the Virtual. Moment, Affect, Sensation (2002)














Intensity is embodied in purely autonomic reactions most directly manifested in the skin – at the surface of the body, at the interface of things. (Massumi p. 25)














Ethics of joy.














Verletzlichkeit begründet Ethik. (Vgl. Barry Hoffmaster 2008)














Jean-Luc Nancy, L’Intrus (2000)














A serious misreading.














The Body|Machine Electric:
Kodwo Nancy as Jean-Luc Eshun.
An imaginary and intersensorial conference














Byetone, Plastic Star.




















IV

Der alte Mann














Im Kunstmuseum aß ich soeben 1 Profiterole. Und dachte an Dich. Ich hoffe, Dir geht es gut und Du bist glücklich?














Die schöne Nachtverstrahltheit des ersten Kennenlernens, nein: Gewahrwerdens! Der ersten stets so vollkommen überraschenden Öffnungen – für und mit einem anderen Menschen. Sinn meines Lebens. Einziger.














»Vielleicht morgen. In den nächsten Tagen. Im Herbst.«














Ich bin ein alter Mann. Meine Knochen schmerzen. Das Atmen fällt mir schwer. Jeder noch so kurze Weg ist eine Beschwernis. Jedes Aufstehen oder Niedersetzen ist eine Herkulestat.














Jedes Glück ist Täuschung.














There’s nothing here
That I could change

At all


















Neunter Gesang, drittes Stück – 26. September 2010


























Aliénation mentale (Drei Neoleninisten, Teil II)




Wir saßen an einem Bach. Ich konnte einen Reiher sehen, der nach Fischen suchte. Kallipolis lag hinter uns. Ein Sänger rief von Ferne: Tush! Tush! Tush! Den Film habe ich immer geliebt.



Sie breitete den shawl über ihr Haupt und versenkte sich. Dann fing sie an zu schimpfen: »Ihr seid alle ein Haufen verwichster Trottel! Ich sage Euch, was Ihr seid: Ihr werdet einfach gerne herumgeschubst! Ihr mögt das wohl, wenn man Eure Fressen in Scheisse drückt, was? Ihr seid alle ein Haufen armseliger Sklaven.« Zu lange waren wir wohl im Garten zu Ehren des Unternehmensgründers gewandelt. »Was tut Ihr denn dagegen? Ich rede ja gar nicht mal von der Revolution. Ich rede von Widerstand. Ich spreche davon, Spaß zu haben. Ich spreche vom Tanzen! Liebt Euren Nächsten doch einfach bis Blut kommt!« Je schriller ihre Stimme sprach, je schneller sie redete, umso mehr nahm es mir die Luft. »Packt Euren Kumpel und dann fickt! Fickt!! Fickt!!! Packt diesen Arsch und fickt ihn einfach! Los, macht schon! Ja, jetzt!« Sie zerrte an meinen Schläfen, meiner Stirn, meiner Schädeldecke.



Der Mond spiegelte sich im Wasser. Wir fuhren an Weißkohlfeldern vorbei. Sie hatte ja recht: alle Philosophie war nichts anderes als ein persönliches Bekenntnis – getarnt hinter logischem Denken. Ein kleiner, leuchtend gelber Wal hüpfte mir entgegen. Er trug einen gut sitzenden Frack und vor Vergnügen drehte seine rote Fliege sich im Kreis. Wie jeden Abend saßen wir in der Pythagoras Food Junction. »This drink is hot.« meinte sie und brachte mir mein mineralisiertes, destilliertes Eiswasser. Mein Gehirn hatte ich schon eingecheckt. Als Sozialphilosophin und Tochter eines Milliardärs hatte Nikah Ujita die letzten Wochen in Singapore verbracht. Ihre Stiefeletten waren etwas zu weit, bedeckten aber durchaus ihre Knöchel. Sie waren über und über mit blauschillernden Pailletten besetzt. Ist das Big Ben, was da läutet? Mozart, Rachmaninow, Fauré oder auch Schubert galten hier als ambient Music. Mänaden und Bakchen. Die Messerbänkchen. Ich liebte ihren Selbstgenuß.



Am nächsten Morgen hatte ich einen Geschmack nach Blut im Mund. Krächzend flüsterte Nikah mir in’s Ohr: »Zwölf Stunden lang war ich eine Andere. Meine Andersheit, sie kann ich jetzt erzählen.« Ich spürte wie ihre Rosette sich fester schloß. »Die aliénation mentale: ich habe sie in mir, aus mir selbst heraus erzeugt!« Ich versuchte sie zu beruhigen: »Alles ist gut. Auch ohne dass Du etwas verstehst.« In vier Stunden waren wir da. Eine Protestmenstruation. Das Ufer vor Kallipolis – im Garten des Gründers – war übersäht mit Kleidungsstücken. Keine Stelle, wo Du nicht auf etwas tratst: ein Haufen voller T-Shirts, Röcke, Hosen, Kleider, Sneaker, Slipper, Jeans und Leggins. Die handliche Plastikampulle mit mineralisiertem, destillierten Eiswasser steckte ich ein und nahm das kleine Videoobjektiv, mit dem ich alles sufzeichnete.



»Let’s take a bath with money!« rief sie. Ich folgte ihr; bedingungslos. Eine politische, eine künstlerische, eine wissenschaftliche Revolution. Augenblick – in dem diese Liebe beginnt. »Ich weiß nicht: Hab’ ich Dich jemals so sehr geliebt wie Du mich jetzt? – »Ich weiß nicht: Hab’ ich Dich jemals so sehr gebraucht wie Du mich damals gebraucht hättest?« – »Doch es ist…« – »Der Himmel!« – »Der Himmel!« – »Ja, der Himmel.« – »Der Himmel.« Sechzig Hartplastikfässer mit mineralisiertem, destillierten Eiswasser. Ihre Totalität war fragmentarisch. Viel zu spät begann ich in ihrem Hauptwerk L’Origine Du Monde (après Gustave Courbet) zu lesen, das vor 23 Jahren erschienen war (in der 2. Ausgabe dann unter dem Titel La Vie Deborde L’Intelligence). In unserem Haus war die Anzahl der Vögel: eins. Das Unheimliche ist double des Niedlichen. »Der Himmel!« – »Der Himmel!« – »Ja, der Himmel.« – »Der Himmel.« – »Himmel…« Es war unsere letzte Nacht in Kallipolis – geognostisch ein Nabel der Welt. Immanente Transzendenz. Wir begannen, gemeinsam zu beten:



Ein schönes Haus.
Ein gutes Leben. Die große Liebe:

Erfüllung meiner Berufung.




















I

Always Loved A Film














Wir saßen an einem Bach. Ich konnte einen Reiher sehen, der nach Fischen suchte.














Ich hatte mein Gehirn schon eingecheckt.














David Shield, Reality Hunger (2010)














This drink is hot.














»Tush! Tush! Tush!«














Die Welt wird zu Kallipolis.














Ihr seid alle ein Haufen beschissener Idioten. Lasst Euch sagen, was Ihr tun sollt. Lasst Euch herumstoßen! Ihr liebt es vielleicht, wenn man Eure Gesichter in Scheisse stößt… Ihr seid alle ein Haufen Sklaven. Was tut Ihr dagegen?… Hey, ich rede niucht von der Revolution. Ich rede von Demonstrationen. Ich rede davon, Spaß zu haben. Ich rede von Tanzen. Ich sage, dass Ihr Euern Nächsten lieben sollt, bis es schmerzt. Ich sage, dass Ihr Euern Freund packen sollt. Ich rede von Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, Liebe. Packt Euren Scheissfreund und liebt ihn. Macht schon! Ja!














Mänaden und Bakchen.














Je höher wir steigen, je schneller wir werden, umso mehr nahm es mir die Luft; es zerrte an meinen Schläfen, an meiner Stirn, meiner Schädeldecke.














Der Boden übersäht mit Kleidungsstücken, und es gab keine Stelle, wo man nicht auf etwas trat. Die Putzkolonne warf all diese Klamotten auf einen Haufen, der schließlich etwa anderthalb Meter hoch und fast drei Meter im Durchmesser war. Dort lagen BH’s, Slips, Röcke, Kleider, Blusen, Sweatshirts, Unterhosen, Schuhe, Hosen, Socken Mokassins und Turnschuhe.














Underworld, Barking (2010)














Das Contra zu Kallipolis ist eine Landschaft.














»Zwölf Stunden lang war ich ein Anderer und konnte meine Andersheit erzählen.

Ich habe die aliénation mentale. Ich habe sie an mir selbst hervorgerufen.«














Lob der Erregung – Gegen die Betäubung.














Stimulanzien und Sedativa.














Gegen die Verheimlichung,
gegen die Verklausulierung,
das Spitzfingerige.














Sie breitete ihren shawl über ihren Kopf und versenkte sich.














Alles ist gut, ohne dass Du etwas verstehst.














Mozart, Rachmaninow, Fauré oder auch Schubert galten hier als Ambient Music.














Die Totalität ist fragmentarisch.














Hea-
ven! Hea-ve-hen!
Hea-ven! Hea-ven! Hea-
ven! Hea-ve-hen!














In 4 Stunden sind wir da.














There is one bird in my house.




















II

Pythagoras Food Junction














Am Morgen hatte ich einen Geschmack von Blut im Mund.














All philosophy is nothing more but pesonal essays – in the camouflage of logic thinking.














Die Messerbänkchen.














Selbstbildnis als Neoleninist.














Big Ben läutet.














Das Unheimliche ist double des Niedlichen.














Die Weißkohlfelder.














»Let’s take a bath with money!«














I don’t know
if I loved you more

than the way
you loved me.



And I don’t know
if I need you more

than the way you
used to need me



But it’s:



Heaven! Heaven!
Heaven! Heaven!
Heaven! Heaven!














Zum Glück geht Englisch direkt ins Herz, während Deutsch sich den Weg in den Kopf sucht.














The rhythm of legs
moving in the sun.

The rhythm of an engine
deep and throating.

The rhythm of a summer
that you walked in.














eine wissenschaftliche, künstlerische, politische Revolution, der Augenblick, in dem eine Liebe beginnt.














DESERT PLACE.














Der Rosettenkrampf.














The rhythm of keys
swinging in your hand.

The rhythm of light
coming out of your fingers.














Die Protestmenstruation.














Die Stiefeletten waren ihr zu weit und bedeckten gerade ihre Knöchel. Sie waren über und über mit blauschillernden Pailetten besetzt.














Die handliche Plastikampulle mit mineralisiertem, destillierten Eiswasser wechselte sich in meiner rechten Hand ab mit dem kleinen Videoobjektiv, das ich zum Aufzeichnen benutzte.














Lange waren wir im Garten zu Ehren des Unternehmensgründers gewandelt.














Ein kleiner, leuchtend gelber Wal hüpfte mir entgegen. Er trug einen gut sitzenden Frack und vor Vergnügen drehte sich seine rote Fliege wie ein Propeller im Kreis.














Die Flagshipstores waren heilige Schreine.














Sechzig Fässer.














Selbstbildnis als Sozialphilosophin.














Ein schönes Haus.
Ein gutes Leben. Die große Liebe:

Erfüllung meiner Berufung.














The rhythm of wheels,
the rhythm of heels.




















III

Du gewinnst! Du gewinnst!














L’Origine du Monde
(après Gustave Courbet).














Geognostisch ein Nabel der Welt.














Lapidare Formulierung, eine Poetik der Anspielung.














Eine immanente Transzendenz.














Selbstgenuß und Verzückung.














Aus dem Kreis der Amnesie.














When Barnett Newman met Bruce Naumann.














Die Irredentisten.














Zeitverschiebung und Lebenszeit.



















Neunter Gesang, zweites Stück – 19. September 2010


























Postselektion und Teleportation




Erreichen wir
unsere Balance

durch Berühren von
Maximum und Minimum?



Nous aimons alors à rester
dans je ne sais quel calme:


Ich filetierte
den Wolfsbarsch.



Trondheim, Trient, Toronto.
Sa chevelure noire,

sa taille souple;

sie hatte



Sex mit Quallen.
Le pouvoir

est une conspiration
permanente.




Meinen Körper
legte sie auf

ein Monochord,
espèce de juste milieu



entre la rêverie
du penseur

et la satisfaction
des animaux ruminants




That´s why I hold you:
that´s why I hold you, dear!


YOU ARE A VICTIM
OF THE RULES



YOU LIVE BY.

Liegenschaften in Zucker.

»Le vent
est le génie



du monde.«
Und Glenn Gould

ist nude und
schiebt Radieschen.




That´s why I hold you:
that´s why I hold you, dear!


Qu’il faudrait appeler:
la mélancolie matérielle de la gastronomie.




MODUS OPERANDI:
HEADLINER DER HERZEN

(Life’s too short and painful
not to make fun of it).



Avec la candeur des écrivains
qui oublient de mettre

au titre de leurs livres:
traduit de l’allemand.






Neunter Gesang, erstes Stück – 11. September 2010